Neue Medien

1/2019 - Medien und frühe Bildung

Rezension: Anerkennung. Eine europäische Ideengeschichte

AutorIn: Anneliese Rieger

Axel Honneth legt mit seiner Monografie einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Thema der "Anerkennung" im Sinne einer europäischen Ideengeschichte vor. Anneliese Rieger hat den Band für die MEDIENIMPULSE rezensiert ...

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2018
ISBN 978-3-518-58713-3


Cover: Anerkennung. Eine europäische Ideengeschichte
Quelle: Suhrkamp

Der Hegelianer Axel Honneth begibt sich auf eine ideengeschichtliche Reise durch Europa, in der er den philosophischen Begriff der Anerkennung in seiner jeweiligen kulturellen Verankerung erhellt. In den methodischen Vorüberlegungen spricht Honneth von seinem Versuch, den Begriff der Anerkennung in seiner historischen Genese, mangels eines einzigen, feststehenden Terminus, nicht begriffsgeschichtlich darzulegen, sondern ihn vielmehr in seiner soziokulturellen Einbettung seines Enstehungsortes zu erklären. Mit der Begründung, dass in unserem (westlichen) ideengeschichtlichen Bewusstsein die drei Länder Frankreich, Großbritannien und Deutschland eine Vorrangstellung einnehmen, gliedert sich der Band in drei länderbezogene Abschnitte mit einem vergleichenden Abschluss im Sinne eines systematischen Resümees.

Anerkennung als das Bestreben, dem anderen mehr oder besser gelten zu wollen, beschreibt Honneth als einen negativen Moment, der bis heute den Diskurs über Anerkennung in Frankreich "wie ein böser Schatten begleitet." Gemeint ist damit das Streben des Menschen, gleichsam ein Grundtrieb (La Rochefoucauld), in seiner Kultur eine besondere Stellung und damit Achtung vor anderen zu erwerben. Die eigenen Fähigkeiten sollen anerkannt und entsprechend wertgeschätzt werden. Es handelt sich dabei um einen epistemischen (also erkennenden) und moralischen (kulturell bewertenden) Vollzug, der, mit Bezug auf Augustinus' Gegensatzpaar gottgewollter Selbstliebe und Eitelkeit, von Rousseau als problematisches soziales Phänomen gefasst wird. Proleptisch ist dieses Anerkennungsstreben deshalb, weil das eigene Handeln vom Urteil anderer abhängig gemacht wird und damit Prestigegehabe fördert. Damit macht Honneth die Aktualität der französischen, negativen Anerkennunskonzeption deutlich. Was Ansehen verschafft, ist abhängig von den jeweiligen sozialen, historischen, politischen, religiösen, ganz allgemein kulturellen Kontexten, in denen der einzelne Mensch agiert und die damit verbundenen Werte internalisiert, also zum Teil des moralischen Bewertungskataloges des inneren Richters macht. Was im 18. Jahrhundert als anerkennungswürdig galt, kann im 21. Jahrhundert ganz anders bewertet werden.

Eine positive Wendung verortet der Autor in dem von Rousseau ausgearbeiteten contrat social, in der die Anerkennungsbeziehung sich durch Respekt unter Gleichen auszeichnet. Dies wird ermöglicht, wenn in einer gesellschaftlichen Ordnung die elementaren Bedürfnisse nach sozialer Teilhabe und Einbeziehung für alle Menschen gegeben sind. Da diese gesellschaftlichen Bedingungen und Normvorstellungen von gutem – also schätzbarem und nicht zu schätzendem – Verhalten variieren, stellt sich die Frage nach der Authentizität des eigenen Handelns und Richtens. Honneth reflektiert Sartre im Vergleich mit Rousseau und stellt fest, dass diese intersubjektive Begegnung zweihundert Jahre später ein auf ein ontologisches Geschehen reduziertes, primär kognitives Moment ist, mit der Gemeinsamkeit, dass durch den Fokus auf den Anderen ein Selbstverlust stattfindet. Dass es sich hierbei um eine stark verkürzte Darstellung handelt, vor allem in Hinblick auf die von Frankreich ausgehende Phänomenologie, sei dahingestellt und ist von seiten des Autors zugunsten eines möglichst konzisen Überblicks wohl in Kauf genommen worden. In Unterscheidung zu Rousseau und Sartre ist, wie Honneth beschreibt, die Wertschätzung ein Mechanismus zuschreibender Adressierungen, durch die Subjektivität überhaupt erst konstituiert wird. Damit verliert die Anerkennung ihre moralische Komponente und wird zu einem rein gesellschaftssichernden Geschehen.

Das Kapitel "Von Rousseau zu Sarte: Anerkennung und Selbstverlust" bietet eine übersichtliche Darstellung und genaue Analyse der einflussreichsten Anerkennungskonzepte. Trotz der erklärten Absicht, keine Begriffsgeschichte zu verfassen, hätte die Untersuchung an einigen Punkten von präzisierenden Darlegungen einiger Schlüsseltermini profitiert, etwa eine Gegenüberstellung der oft synonym gebrauchten Begriffe, wie der der Anerkennung, der Wertschätzung, der Geltung und des intersubjektiven Geschehens, ohne dabei das Unterfangen eine ideengeschichtliche Abhandlung zu verfassen zu unterminieren. Zu vermissen bleiben auch Überlegungen zu Paul Ricœurs Abhandlung "Wege der Anerkennung" (Suhrkamp 2006).

Der französischen amour propre stellt Honneth die englische sympathy gegenüber, die nicht auf Ansehen und damit Selbsterhöhung gerichtet ist, sondern als eine Art moralischer Sinn für ein dem Gemeinwohl zuträgliches Verhalten gefasst wird. Shaftesbury (Anthony Ashley Cooper, 3. Earl of Shaftesbury) wird als Wegbereiter dieser optimistischeren Anthropologie genannt, ebenso der Ire Francis Hutcheson, beide Antagonisten zu Hobbes' pessimistischem Menschenbild und Lockes tabula rasa, die keinen Raum für einen vormals emotional, denn intellektuell evozierten, angeborenen Sinn für das Gemeinwohl zulässt. Der philosophiegeschichtlich einflussreichere David Hume wird ausführlicher besprochen. Ob es sich bei der zwischenmenschlichen Affektaffizierung, die wie zwei Seiten eines Instruments durch Schwingungen Impulse übertragen, bereits um eine Vorstellung einer Anerkennungsbeziehung handelt, muss verneint werden, denn die Zuschreibung von Autorität gegenüber dem, Anderen fehlt, um aus einem Reiz-Reaktionsschema ein wechselseitiges Anerkennungsgeschehen zu machen. Diese Form der Autorität wird von Hume durch einen unparteilichen Betrachter erweitert, den das Individuum als Richtschnur seiner Handlungen vor Augen hat. Hier treffen sich Hume und Rousseau, allein die Konsequenzen daraus sind andere. Während der innere Richter bei dem französschen Philosophen eine Verinnerlichung jener Werte darstellt, die mit sozialem Ansehen verbunden sind und damit die Authentizität, die Wahrhaftigkeit der eigenen Handelsmotive des Einzelnen schmälert, es also zu einem Selbstverlust kommt, geht Hume davon aus, dass das Lob Anderer uns nur dann beglücken kann, wenn es mit dem, was wir selbst für gut und richtig halten, übereinstimmt. Der Rattenschwanz der erkenntnistheoretischen Diskussion, die sich hier notwendig aufdrängt, inwieweit Erziehung und Sozialisierung die eigenen Werthaltungen prägen, gegenüber angeborener oder gar apriorisch festgelegter Größen, bleibt in dem Band aus verständlichen Gründen ausgespart bzw. ausgelagert.

Honneth verweist in der Folge auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Hintergründe, die die Philosophen in Frankreich und Großbritannien zu ihren politisch-philosophischen Thesen antrieben. Adam Smith sieht den Wunsch nach Reziprozität der Reaktionen auf Widerfahrenes, also Mitgefühl, als wesentlichen Aspekt für propriety. Diese Angemessenheit verlangt nach einer nicht (rein) empirischen Instanz, nach der Vernunft, womit ein Brückenschlag zu Kant unternommen wird. Für Adam Smith und John Stuart Mill sind mit der Überlegung, dass Konflikte sich dadurch vermeiden lassen, indem die Interessen der Mitmenschen unterschiedlicher sozialer Stellung in Blick genommen werden, vor allem wirtschaftspolitische Implikationen verbunden. Der Markt soll möglichst so geregelt werden, dass sich die Interessen aller frei entfalten können (ob der freie Markt dafür tatsächlich die probate Form ist, bleibt dahingestellt) und die Verwirklichung aller bei geringstmöglichem Schaden (Utilitarismus) gewährleistet ist. Die präszise Gegenüberstellung gegen Ende des Kapitels macht die bereits im Titel vorangestellte Differenz der Genese eines Anerkennungskonzeptes in Frankreich und England, bei allen scheinbaren Parallelen deutlich: Anerkennung und Selbstverlust, und damit die Blickrichtung auf eine epistemisch-ontologische Fragestellung, versus Anerkennung und Selbstkontrolle, der den Fokus legt auf die praktische Seite der Philosophie, der sozialen Gesellschaftsordnung und Wirtschaft.

In der deutschen Philosophie ist die Blickrichtung der Anerkennungskonzeption die der Selbstbestimmung. Wie der Titel des Kapitels bereits vermuten lässt, kommt es in der Deutschen Philosophie zu einer fruchtbaren Vereinigung beider Stoßrichtungen. Bei G.W.F. Hegel trifft das Moment der Vernunft, dessen Vorzug den Deutschen Idealismus prägt, den damit verbundenen ontologischen Fragestellungen nach der Konzeption des Ich, des sich selbst Erkennens, auf sozialpolitische Komponenten und deren praktisch-weltliche Implikationen. War es in Frankreich die amour propre, in England die sympathie, so nimmt in Deutschland die Achtung die Schlüsselrolle ein, die der Idee der Anerkennungsphilosophie auf die Beine half. Die Achtung stellt bei Kant eine Art Bindeglied zwischen unserer physischen Natur und der geistigen Vernunft dar, das Gefühl ist und doch ratio. Wir erkennen, dass wir uns mit unserer Bedürftigkeit in einer Gemeinschaft mit anderen befinden und schränken uns zugunsten des Gemeinwohls ein. Achtung besagt, dass jedem Menschen ein Wert innewohnt. Dieser Gedanke wird sich später in den Menschenrechten als unabdingbare Menschenwürde wiederfinden. Und tatsächlich scheinen die beiden Begriffe hier synonym verwendet zu werden, wobei es sich bei der Achtung um den aktiven Vollzug, das geforderte Muss seitens jedes menschlichen Individuums handelt, bei der Würde um den metaphysischen Zustand, der mit dem Menschsein zusammenfällt, die Achtung einfordert. Die Schwierigkeit, die der moralische Anspruch hier leisten soll, ist eine Synthese eines zwiegespaltenen Menschen, der das Dasein als empirisches Wesen und Vernunftanspruch miteinander verbinden soll. Die Philosophiegeschichte hat sich damit abgemüht und tut es heute noch, gleiches gilt für die Anerkennungsphilosophie. Für Fichte handelt es sich bei der Anerkennung nicht um ein Gefühl, sondern um eine geistige Anstrengung zugunsten eines Miteinanders, das die Person als vernünftiges, wertvolles Wesen in den Blick nimmt. Sie ist überhaupt Voraussetzung für das Verstehen einer kommunikativen Äußerung. Wie wichtig sprachliche Fähigkeiten und die wechselseitige Zuschreibung derselben für das Anerkennungsgeschehen ist, wird hier deutlich, aber nicht weiter von Honneth thematisiert.

Am stärksten tritt für Hegel das Moment der wechselseitigen Anerkennung in der partnerschaftlichen Liebe hervor. Weil wir den anderen lieben, wollen wir ihn befördern, wenn es auch heißt, sich selbst dadurch zu beschränken, also Verzicht zu leisten. Dem anderen durch Selbstbeschränkung Freiheit einzuräumen und gewahr zu sein, dass der Andere das Gleiche für einen selbst tut, ist nicht nur normativer Anspruch aufrichtiger Liebe, sondern begründet die wechselseitige Anerkennungsbeziehung vom Familienkern bis über die politische Sphäre der Staatsgeschäfte. Die Aufgabe eines Staates ist es somit, jene Bedingungen zu schaffen, in denen sich der Einzelne im privaten wie öffentlichen Bereich entfalten kann. Die problematischen Aspekte bei Hegels Dialektik, allen voran die eindeutig deklarierten patriarchalen Machtverhätnisse, diskutiert Honneth und nimmt sie zum Anstoß einer Kritik an Hegels Anerkennungsphilosophie, angereichert durch  Überlegungen zur amour propre und sympathie, im letzten Teil des Bandes.

Der Autor argumentiert, dass die elaborierteste und wohl auch treffendste Anerkennungskonzeption im deutschen Sprachraum und hier vor allem bei Hegel zu finden sei. Dem lässt sich schwer widersprechen. Nirgends sonst verbinden sich metaphysische Ansprüche mit sozialpolitischen Überlegungen, die das gesellschaftliche Leben auf gelungene und damit langfristig befriedete Weise regeln sollen und zugleich den Menschen in seiner Individualität – sowohl als intelligibles wie empirisches Wesen – gerecht werden. Sogar die misogynen (und auch rassistischen) Schlagseiten der Hegelschen Philsophie werden im Lichte des Philosophen Überzeugung, dass sich die Geschichte dialektisch hin zu einer immer besseren Ausformung der Gesellschaft entwirft, als historisch geschuldetes, zu einem temporären Übel, das in unserer Zeit heute notwendig nicht mehr so wie von Hegel verstanden aufgefasst werden kann und darf. Honneth plädiert für ein fruchtbares Ergänzungsverhältnis der drei Modelle. Mit Adam Smith ließen sich die Motive der Subjekte für die Übernahme und Verinnerlichung sozialer Normen noch differenzierter darstellen, die darin gründen, sich als Teil einer Gemeinschaft zu sehen und damit ein friedliches Miteinander zu gewähren. Ermöglicht wird dies durch einen inneren Beobachter. Naheliegend sind hier Parallelen zu Freuds psychologischem Modell des Ich. Freuds Konzeption, die, wie Honneth schreibt, an Deutungskraft wohl sogar überlegen ist, wäre eine ausdifferenziertere Analyse wert. Negative Implikationen bzw. Gefahren der amour propre, finden sich auch in Überlegungen Hegels wieder, der Entgleisungen der wechselseitigen Anerkennung, die in Geltungssucht und Affektiertheit resultieren, und ist damit einen spannender Anknüpfungspunkt für eine Überarbeitung und Weiterführung der Hegel'schen Anerkennungsphilosophie im Lichte benachbarter europäischer Diskurse.

Axel Honneths philosophische Untersuchung von den großen europäischen Anerkennungskonzepten und deren Vergleichung ist eine gelungene, scharfsinnige Analyse, die die Genese ideengeschichtlicher Konzepte vor allem in Hinblick auf ihre politische, soziale und kulturelle Einbettung in den Blick nimmt. Das Werk besticht nicht zuletzt durch seine gute Lesbarkeit und Kompaktheit, die Anerkennungsphilosophie für ein breiteres Publikum zugänglich macht. Im Hinblick auf den vom Autor genannten Anspruch, die großen ideengeschichtlichen Entwicklungslinien europäischer Anerkennungsphilosophie nachzuzeichnen, sind etwaige inhaltliche Auslassungen (etwa Paul Ricœur, aber auch Jean Piaget und Lawrence Kohlberg) und Kürzen (einige begriffliche Differenzierungen, eine nähere Analyse Freuds, die Rolle der Sprache beim Anerkennungsgeschehen) nicht nur verzeihlich, sondern lassen sich auch als Anregung und Entwurf auf neue, weitere philosophische Untersuchungen verstehen: Dem Geschichtsphilosophen Hegel verpflichtet, entwickelt sich der dialektische Gedankenweg des Autors auf ein, entsprechend seiner einzelnen Entwicklungsschritte folgerichtig erweitertes, verbessertes System der Anerkennungsphilosophie hin ... mit offenem Ende.

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honneth, frankfurter schule, anerkennung, ideengeschichte