Editorial

1/2019 - Medien und frühe Bildung

Editorial 1/2019 Medien und frühe Bildung

AutorInnen: Alessandro Barberi / Christian Berger / Theo Hug / Martina Monsorno / Christian Swertz

Editorial 1/2019

Die kindliche Nutzung von Medien, vor allem digitaler Medien, wird in der Öffentlichkeit sehr breit und kontrovers diskutiert. In den medialen Alltagsdiskursen lassen sich dabei überwiegend Positionierungen ausmachen, die sehr einseitig nur bestimmte Aspekte hervorheben. Bildungspolitische Forderungen nach einer digitalen Grundbildung vom Kindergarten bis zur Hochschule betonen die Verankerung medienpädagogischer Prinzipien bereits von frühester Kindheit an. In pädagogisch-praktischen Handlungsfeldern wird dagegen eine "verfrühte" kindliche Beschäftigung mit Medien unter dem Verweis auf die körperliche und seelische Gesundheit der Heranwachsenden oft abgelehnt. Verunsicherungen der pädagogischen Fachkräfte sowie skeptische und ablehnende Haltungen werden nicht zuletzt durch pseudowissenschaftliche Medieninszenierungen befördert. Erziehungs- und bildungswissenschaftliche Beiträge zur frühen Medienbildung und Medienkompetenzentwicklung sowie medienpädagogische Praxisbeispiele  ermöglichen hingegen eine differenzierte Auseinandersetzung und begründete Einschätzungen von Möglichkeiten und Grenzen medienpädagogischer Handlungsspielräume.

Mit dieser Ausgabe der MEDIENIMPULSE wollen die Herausgeber*innen den Blick auf ein breiteres Spektrum der Thematik richten. Deshalb ging es bereits im Call zu dieser Ausgabe um Fragen wie die folgenden:

  • Wie können programmatische Forderungen nach einer digitalen Grundbildung bereits in den Einrichtungen früher Kindheit begründet und umgesetzt werden und welche Grenzen zeigen sich dabei?
  • Welche Erkenntnisinteressen und empirischen Forschungsergebnisse im Bereich der frühen Medienbildung und mit Blick auf die Mediennutzung der Drei- bis Sechsjährigen liegen aktuell vor?
  • Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus den aktuellen, vor allem mit Blick auf die Schule geführten Diskursen zu einer digitalen Grundbildung für die Bildungseinrichtungen der frühen Kindheit ableiten?
  • Wie können medienbildungstheoretische Entwürfe mit Theorien frühkindlicher Bildung verknüpft werden und wie verhalten sich solche bildungstheoretisch begründeten medienpädagogischen Konzepte zu einer von Medienkompetenzmodellen geprägten Praxis?
  • Wie wird in institutionalisierten Praxisfeldern der frühen Kindheit die programmatische Forderung nach Medienkompetenzentwicklung umgesetzt und welche Grenzen zeigen sich dabei?
  • Welche Handlungsmuster, Strategien, Kompetenzen zeigen junge Kinder in ihrer Mediennutzung und Medienaneignung?
  • Welche medienpädagogischen Kompetenzen brauchen Elementarpädagoginnen und -pädagogen für die Begleitung kindlicher Lern- und Bildungsprozesse in der Auseinandersetzung mit Medien und wie wird dieser Aspekt in der Professionalisierungsdebatte berücksichtigt?
  • Wie können Anliegen der frühen Medienbildung in gelingender Weise mit Anliegen der Elternbildung verbunden werden?
  • Welche Orientierungen sind in der Ratgeberliteratur und in Online-Beratungsangeboten vorherrschend?
  • Welche Akzentsetzungen zeichnen sich in der Fort- und Weiterbildung ab?

Den Reigen der Beantwortung dieser Fragen im Schwerpunktteil unserer Ausgabe eröffnet Stefan Aufenanger, der sich eingehend und gestützt auf umfangreiches sozialempirisches Material mit dem Einfluss der Computernutzung auf die kognitive und sprachliche Entwicklung von Kindergartenkindern auseinandersetzt. Er diskutiert in diesem Beitrag vor allem den Einsatz digitaler Medien in Kindertagesstätten, berichtet von den Ergebnissen einer sozialempirischen Messung der kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten und Fertigkeiten von Kindern mit dem standardisierten Test K-ABC und liefert damit auch einen wichtigen Beitrag zur Medienkompetenzforschung. Denn die Diskussionen um den Einsatz von Computer bzw. digitalen Medien in Kitas ruft oft kritische oder auch bewahrpädagogische Diskussionen über dessen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern hervor. Bisher gibt es jedoch relativ wenige empirische Studien, die sich dieser Frage angenommen haben. In der hier präsentierten Begleitstudie wurde deshalb mit dem Test K-ABC im Abstand von einem Jahr gemessen. In diesem Zeitrahmen hatten Kinder zeitlich begrenzten Zugang zu Computern und auf Kinder ausgerichtete Anwendungen. Die Ergebnisse zeigen über alle Einrichtungen hinweg positive Effekte der Computernutzung in den beschriebenen Fähigkeitsbereichen, die darauf hindeuten, dass der medienpädagogisch geleitete Einsatz von Computern eben keinen negativen Einfluss auf Kinder hat. Aufenanger macht deshalb abschließend deutlich, dass die Computernutzung im Zeitraum der Projektphase auf jeden Fall keine negativen Effekte hervorgerufen hat. Im Gegenteil; wie die Ergebnisse deutlich machen, konnten die meisten Kinder – bezogen auf die Durchschnittswerte der beteiligten Projektgruppen – sogar Fortschritte in ihrer kognitiven Entwicklung zeigen. Diese Ergebnisse können, so der Autor, für eine Versachlichung der Diskussion um den Sinn von Computern bzw. digitalen Medien in Kindertagesstätten führen, ohne dass zugleich übertriebene Erwartungen bezüglich der positiven Effekte damit verbunden wären.

Daniela Hilber behandelt dann im zweiten Schwerpunktbeitrag, welche Rolle die Medienpädagogik im Ausbildungskontext elementarpädagogischer Fachkräfte in Österreich heute einnimmt. Dabei betont Hilber, dass Medienbildung im Kontext der 'Frühen Bildung' vor allem auch in der diesbezüglichen Qualifizierung von pädagogischen Fachkräften in Kindergärten beginnt. Welche Inhalte und Akzentuierungen sind diesbezüglich in Österreich aus Sicht der Bildungsanstalt für Elementarpädagogik aktuell wahrnehmbar? Im ersten Teil ihres Artikels gibt Hilber Einblicke zur Implementierung von Medienpädagogik und Medienbildung in den aktuellen Lehrplänen der Bildungsanstalten für Elementarpädagogik. Dieser Blickwinkel zeigt auf, welche Aspekte der Medienbildung und in welchem Umfang Zielorientierungen entlang des Erwerbs medienpädagogischer Kompetenzen von Kindheitspädagoginnen und -pädagogen im Ausbildungskontext aktuell Berücksichtigung finden und wie diese umgesetzt werden (können). Im zweiten Teil des Beitrags werden dann Tendenzen und Wahrnehmungen zur Umsetzung curricularer Zielorientierungen wie auch Akzentuierungen und Beobachtungen im aktuellen elementarpädagogischen Feld im Zuge der Praktikumsbegleitung am Beispiel der Bundesbildungsanstalt für Elementarpädagogik Innsbruck skizziert. Die ebendort unterrichtende Autorin ergänzt beobachtbare Entwicklungen mit reflektierenden wie auch visionierenden Sichtweisen unter Bezugnahme ausgewählter Inhalte aus dem Fachdiskurs 'Medien und frühe Bildung'. In der Verbindung der deskriptiven Darlegung der zumeist wenig bekannten Lehr- und Lerninhalte der Bildungsanstalten für Elementarpädagogik unter dem Fokus Medienbildung – mit der Reflexion von medienpädagogischer Diskurswahrnehmungen in der Ausbildung von Kindheitspädagoginnen und -pädagogen – wie auch konkreter Praxisbeispiele aus der Handlungspraxis Kindergarten selbst, zeigt der Beitrag aktuelle Akzentuierungen und mögliche Entwicklungstendenzen rund um das Feld 'Frühe Medienbildung im Kindergarten' auf.

In ihrem englischsprachigen Beitrag erkunden Heidi Stensman Pugh, Peter Hornbæk Frostholm und Majbrit Dubgaard Sørensen die Nutzung digitaler Spiele als prägende Praxis in einem dänischen Kindergarten in der kleinen Stadt Bording. Das Autor*innenkollektiv hat sich dabei ganz medienpraktisch entschlossen, das iPad wie jedes andere Spielzeug zu behandeln, etwa so wie LEGO, Spielzeugautos, Puppen usw. Dabei wurde das iPad schlicht in ein Regal gestellt, wo es zur Verfügung stand, wenn die Kinder es nutzen wollten. Durch eingehende Analyse der medialen Praktiken der Kinder konnte so untersucht werden, welche technischen, gestalterischen und kulturellen Lernaspekte für Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren aus solchen Praktiken abgeleitet werden können. Dabei stehen nicht nur Aspekte der Lebensbildung im Vordergrund, sondern auch die klassische philosophische Idee der Bildung. Dabei wird auch berücksichtigt, wie Kinder in einer globalen und digitalisierten Welt "greifen", navigieren und handeln können. Auch macht diese Studie deutlich, dass es in der konkreten Unterrichtspraxis von Kindergärten bereits spürbare Veränderungen gibt, nachdem im Juli 2018 die dänische Reform des Lehrplans für Kindertageseinrichtungen abgeschlossen wurde. Eine Reform, durch die das gute Leben eines Kindes, seine Perspektiven, Lernumgebungen und Spiele in den Mittelpunkt gerückt wurden. Dabei steht immer auch das Verhältnis von Digitalisierung und Lebensgestaltung á la lettre auf dem Spiel. Abschließend werden Medienpädagoginnen und -pädagogen und andere Praktiker auf dem Gebiet der Kinderpädagogik ermutigt, aus den in diesem Artikel gegebenen Beispielen zu lernen und die Ergebnisse so schnell wie möglich in der Praxis umzusetzen. Die Autorinnen und der Autor nehmen dabei eine offene, aber gleichzeitig kritisch reflexive Haltung in Bezug darauf ein, wie die Medialität des kindlichen Spiels sich auf Ausbildung, Lernen und Sozialisation auswirkt.

Der zweite englischsprachige Beitrag von Gudrun Marci-Boehncke und Ricarda Trapp untersucht dann die digitale Alphabetisierung in der Grundschulbildung und präsentiert – auch epistemologisch abgesicherte – Ergebnisse der DoProfiL-Studie über theoretisches und praktisches Wissen von Schülerinnen und Schülern. Die Autorinnen halten dabei ein Plädoyer für die inklusive Medienerziehung, die nach wie vor in Deutschland ein Schattendasein fristet, obwohl mehrere Ländercurricula ihre Förderung festschreiben. Nach verschiedenen Umfragen sehen darüber hinaus Eltern den Umgang mit digitalen Medien auch in erster Linie als Familienverantwortung. Das scheint vor allem eine ideologische Position zu sein und nicht auf besseren eigenen kritischen Kompetenzen zu basieren. Gerade deshalb sind die Bildungseinrichtungen und vor allem die "Frühpädagoginnen und -pädagogen" für eine erste, auch digitale Medienbildung verantwortlich. Sie müssen, so arbeiten die Autorinnen eingehend heraus,  die Schülerinnen und Schüler auf eine kritische und konstruktive Medienbildung in Kindergarten und Grundschule vorbereiten, um Bildungsdiskriminierung(en) zu vermeiden. Der Artikel beschäftigt sich deshalb mit der Ausbildungssituation zur Frühen Bildung in der Lehrerausbildung zum Thema "Germanistik" an der Technischen Universität Dortmund. Im Mittelpunkt stehen Grundschulstudierende, die an Seminaren teilnehmen, die sowohl theoretische Aspekte der Medienkompetenz als auch die Praxis in der Primarstufe fördern. Inklusive Medienbildung in diesem Sinne bedeutet, so die Autorinnen abschließend, eine Erweiterung der Zielgruppen (einschließlich aller Personen, auch derjenigen mit Zugangsproblemen) sowie der multimodalen Texte und Technologien. Da die Erweiterung mehr als ein quantitatives Add-on ist, sollte sie zu einem qualitativ neuen Ansatz für das Lehren und Lernen von Medienkompetenz führen. Über die Praxis hinaus ist es aber auch ein erkenntnistheoretisches Verständnis von Lernprozessen, das für die zukünftigen Ausbildungskontexte gestärkt werden muss.

Martina Monsorno und Maria Moser runden dann den Schwerpunktteil mit einem Beitrag zum Kindergarten 4.0 ab, in dem sie ebenfalls die Rolle und Funktion digitaler Medien im Kindergarten besprechen. Denn beim Beobachten des kindlichen Spiels zeigt sich immer wieder, dass Digitalisierung sowie Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) längst Teil kindlichen Aufwachsens sind und die Gestaltung des Familienalltags prägen. Wie kann, soll und muss aber nun der Kindergarten als erste Stufe im Bildungssystem auf diesen eminenten Umstand reagieren? Es können etwa am Zeichentisch Laptops "simuliert" werden, in dem die Kinder ganz medienpraktisch ein Blatt Papier zusammenfalten und mit einem Bleistift die Tastatur aufzeichnen. So kann ein Bauklötzchen zum Smartphone werden, mit dem Kinder ihren medialen Habitus erweitern, indem sie "telefonieren" und – wie bei den Erwachsenen – Wichtiges erledigen. So nehmen sie ihr Umfeld besser wahr und lernen, es zu erfassen. In einer kleinen von der Kindergärtnerin initiierten Gesprächsrunde erzählten die Kinder beispielsweise, welche Apps auf dem Tablet sie besonders ansprechen. In ihren Erzählungen fließen so immer wieder Medienerfahrungen ein, die sie in der Familie und in ihrem Umfeld machen. Dabei reflektierten die Mädchen und Jungen auch gleichzeitig ihre eigenen Handlungen mit dem Tablet. Zum Ende hin betonen die Autorinnen, dass verschiedene Medienerfahrungen und Eindrücke aus all den genannten Gründen ihren Ausdruck vor allem in der Praxis des Rollenspiels finden.

Auch im Ressort Forschung konnte Ressortleiter Christian Swertz wieder hochkarätige Beiträgerinnen gewinnen und präsentiert den Artikel von Josefine Wähler und Maria-Annabel Hanke, die sich der Bildungsgeschichte der Deutschen Demokratischen Republik widmen. Sie liefern dabei einen Werkstattbericht über die wahrlich unikale Sammlung „Pädagogischer Lesungen“. Diese rund 9.000 Titel umfassende Sammlung aller zentral in der DDR prämierten Pädagogischen Lesungen der Jahre 1961 bis 1989, die in ihrer historischen Spezifität und heterogenen Zusammensetzung von großem bildungsgeschichtlichem Erkenntnisinteresse sind, ist eine herausragende Quelle zum zentralen Weiterbildungssystem für Lehrkräfte der DDR. Der in der bisherigen Forschung weitgehend unbeachtet gebliebene Quellenbestand ist Teil der Sondersammlungen der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Berlin. Aus bildungs- und zeithistorischer Perspektive ist die wissenschaftliche Bearbeitung des Bestandes außerordentlich gewinnbringend.

Henrike Friedrichs-Liesenkötter arbeitet dann heraus, weshalb Medienerziehung und Medienbildung nach wie vor eine marginale Rolle in der pädagogischen Praxis von Einrichtungen der frühkindlichen Bildung in Deutschland spielen. DAbei untersucht sie, welche Bedeutung Medienerziehung und -bildung auf der Ebene von Handlungsleitfäden und Curricula in den Bildungsplänen der Bundesländer zukommen. Mit Hilfe einer Dokumentenanalyse der Bildungspläne für den (früh)kindlichen Bereich, der Lehrpläne der ErzieherInnen-Ausbildung sowie von Modulplänen und Studienführern früh- und kindheitspädagogischer Studiengänge wird dieser Umstand qualitativ erforscht. Zentrale Ergebnisse der Analyse sind, so betont die Autorin abschließend, dass medienpädagogische Inhalte vielfach nur schlaglichtartig aufgegriffen werden und sich teilweise deutlich ablehnende medienbezogene e Haltungen widerspiegeln. Eine formale Verortung von Inhalten der Medienerziehung/-bildung als separater Bildungs- bzw. Modulbereich ist kein Garant für eine an aktuellen medienpädagogischen Diskursen und sowohl Chancen als Risiken von Mediennutzung ausgerichtete Darstellung.

Magdalena Tschautschner und Christian Swertz liefern dann in einem zweiten Forschungsschritt eine medienpädagogische Retrospektive auf den Media Literacy Award, präsentieren dabei interessante Ergebnisse einer diesbezüglichen Studie und bestimmen den Begriff Media Literacy in verständlicher Weise. Sie fassen dabei die Ergebnisse einer im Jahr 2009 durchgeführten Vollerhebung bei Lehrerinnen und Lehrern zusammen, die am Media Literacy Award teilgenommen haben. Mit den von Buckingham vorgeschlagenen Dimensionen von Media Literacy wurde die Einschätzung der eigenen Media Literacy, der Vermittlung von Media Literacy im Unterricht und des Media Literacy Award erhoben. Die Ergebnisse zeigen, dass bis auf den Bereich der Production sowohl die eigene Media Literacy als auch die Vermittlung im Unterricht hoch eingeschätzt werden. Der Media Literacy Award wird dabei durchgehend positiv beurteilt, wobei die Datenanalyse den Schluss zulässt, dass in der Teilnahme eine nachhaltige Entwicklung zum Ausdruck kommt.

Auch unser Praktiker Christian Berger hat diesmal das Ressort Praxis reich bestückt. So berichtet Elisabeth Neubacher von 10 Jahren Schulradio im Freien Radio B138 und fragt sich aus heutiger Perspektive, was von dieser Radiopraxis nun bleibt. Die Autorin hat acht Jahre lang als Medienpädagogin und Geschäftsführerin im Freien Radio B138 in Kirchdorf an der Krems einen Schwerpunkt auf Radioprojekte an den Schulen im Oberen Kremstal gelegt und geht nun neue berufliche Wege. Andre Igler erzählt dann in den MEDIENIMPULSEN die Geschichte des (fraktalen) Chaos Computer Clubs, der nicht zuletzt für die Wiener Szene mehr als bedeutsam ist, und beantwortet eine wichtige Frage: Warum nehmen sich Mitglieder des Chaos Computer Clubs eigens frei, um an einem Vormittag mit Schülerinnen und Schülern – ohne Bezahlung – über Vorteil, Faszination und Gefahr des Internet zu diskutieren? Der mehr als wertvolle medienpraktische Beitrag von Klaudia Zotzmann-Koch liefert dann ebenfalls ganz praktisch mehrere Software-Alternativen zu WhatsApp, Google, Facebook & Co. Denn wie schützen wir in unserer Kontrollgesellschaft unsere Daten und unsere Privatspäre? Die Autorin zeigt in ihrem Artikel auf, welche Alternativen im Internet genutzt werden können, um von "den großen Datensammlern" der globalen "Big Data" wegzukommen.

Elisabeth Eder-Janca geht dann unterrichtspraktisch auf die Bedeutung des Martinsumzugs in kindlichen Lebenswelten ein. Denn dieser Umzug ist für Kinder im Kindergarten ein erstes, aufregendes Highlight im Kindergartenjahr. Laterne basteln. Gedichte und Lieder auswendig lernen. Dabei fiebern die Kinder ihrem Auftritt entgegen, denn sie dürfen aus dem Kindergarten gemeinsam hinausmarschieren und haben in der Hand ihre selbstgebastelte erste Laterne. Das Ressort Praxis runden dann Martina Monsorno und Maria Moser ab, indem sie Medienbildung als eminent wichtigen pädagogischen Auftrag im Kindergarten begreifen. Mädchen und Jungen erproben in diesem didaktischen Rahmen, wie Medien funktionieren, wie sie bedient werden und was sie damit machen können. Wie in vielen anderen Bereichen unterstützen pädagogische Fachkräfte einen entdeckenden Zugang. Die Autorinnen betonen zusammenfassend, dass eine medienpädagogisch entsprechende Reflexion der eigenen Medienpraxis ein grundlegende Voraussetzung der Medienpädagogik ist.

Im Ressort Bildung – Politik ist es dann Angelika Hrubesch darum zu tun, das Verhältnis von Basisbildung und Differenz auszuloten. Denn zwischen 2008 und 2018 haben sich im Netzwerk MIKA sieben Organisationen mit Aus- und Weiterbildung sowie mit Qualitätsentwicklung im Bereich Basisbildung und Migration auseinandergesetzt. Ob der Nichtgenehmigung des Folgeantrags hat das Netzwerk seine Arbeit eingestellt. Hrubesch analysiert eingehend und berichtet von den medienpädagogischen Konsequenzen. Ein derzeit sehr wichtiges Politikum diskutiert dann Christian Swertz, der den Leserinnen und Lesern der MEDIENIMPULSE die Hintergründe und Kontexte von DigComp 2.2 AT zusammenfasst und erläutert. Mit diesem nunmehr upgedateten Modell wurde ein neues medienpädagogisches Curriculum veröffentlicht. Swertz vergleicht dabei das Konzept mit Hilfe des Medienkompetenzbegriffs mit dem Lehrplan >Digitale Grundbildung< und zeigt, dass das DigComp 2.2-Modell eher die Berufliche als die Allgemeine Bildung betont. Es wird empfohlen, die Balance zwischen beiden Aspekten zu verbessern.

Drehli Robnik und Renée Winter liefern dann im Ressort Kultur – Kunst eine antifaschistische Meisterleistung, wenn sie untersuchen, wie die Normalisierung von Nazis im ORF zu den 80. Jahrestagen des März 1938 eine klar wahrnehmbare Tatsache darstellt. Die Autoren gehen dabei auf Geschichtspolitiken im TV ein und zeigen wie nationalsozialistisches Gedankengut im ORF-Programm sichtbar wurde.

Die Ressortleiterin Rosa Danner hat dann auch mit einem wunderbaren Beitrag selbst schriftlich Hand angelegt: Sie berichtet von der besonders herausragenden Ausstellung "100 Jahre Frauenwahlrecht – Kämpfe, Wiedersprüche, Errungenschaften". Unter dem Titel "Sie meinen es politisch!" 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich läuft die Ausstellung seit 7. März im Volkskundemuseum Wien und lädt die Leserinnen und Leser im Sinne der Aufklärung ein, sich eingehend mit Feminismus auseinanderzusetzen. Rosa Danner hat deshalb Objekte, Lektüre und Vermittlungsprogramm für die MEDIENIMPULSE unter die Lupe genommen.

Auch das Ressort Neue Medien wurde von Thomas Ballhausen mit höchster Qualität ausgestattet. So rezensiert Bianca Burger den Band "Durch Manhattan" von Niklas Maak und Leanne Shapton und folgt dabei der Frage: Was passiert, wenn auf einer Karte von Manhattan eine Linie gezogen und entlang dieser die Stadt erkundet wird? Dieses Experiment wagten die Autorin und der Autor, die nicht nur das Erlebte, Gesehene und Gehörte aufschrieben, sondern auch illustrierten. Michael Burger bespricht dann "Tier und Film. Zur Modellierung anthropologischer Differenz" von Carlo Thielmann. Denn die Entwicklung des filmischen Mediums wäre wohl ohne Tiere nicht möglich gewesen und der Beginn der Kinematografie wird gemeinhin an den tierischen Bewegungsstudien von Eadweard Muybridge verortet. Thielmann hinterfragt die medial erzeugte Überlegenheit des Menschen gegenüber dem Tier und bringt so einen wichtigen Beitrag für die animal studies ein. Daniela Chana rezensiert dann "Aus Mangel an Beweisen" von Michael Braun und Hans Thill. Die Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin bespricht damit eine Anthologie, die einen von vielen Autorinnen und Autoren präsentierten Überblick über die neueste deutsche Lyrik ermöglicht. Johanna Lenhart macht sich dann daran "grungy nuts" von Andreas Unterweger vorzustellen. Sie rezensiert damit für die MEDIENIMPULSE (wahn)witzige Erzählungen, die sich durchwegs um 17jährige drehen, und liefert so auch ein Kondensat von Unterwegers Gesamtwerk. Sophie Emilia Seidler liest sich dann in "Vom Dadaismus zum Surrealismus" von Ré Soupault ein und stellt damit Erinnerungen, Interviews, O-Töne und Texte einer bewundernswerten Frau vor. So führen etwa ihre Radioessays an zwei internationale ästhetische Strömungen des 20. Jahrhunderts heran. Den medienpädagogischen Reigen dieser Ausgabe schließt dann Veronika Zoidl, wenn sie "Die Königin schweigt" von Laura Freudenthaler einbringt. Ein Buch, in dem seiten- und kapitelweise persönliche Erinnerungen, fantastische Welten und utopische Ideen lesbar werden. Manchmal bleiben Bücher aber auch leer. Dann schweigen sie …

Und wie bei jeder Ausgabe hat unsere perfekte Organisatorin Katharina Kaiser-Müller für die Leserinnen und Leser der MEDIENIMPULSE viele Calls und Ankündigungen gefunden, die sich am Ende unserer Ausgabe finden. Klicken Sie sich durch die Termine und vernetzen sie sich 2019 analog und digital mit uns … Es grüßen Sie im Namen der Redaktion die Herausgeberinnen und Herausgeber dieser Schwerpunktausgabe zu Medien und früher Bildung …

Alessandro Barberi, Christian Berger, Theo Hug, Martina Monsorno und Christian Swertz

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