Kultur - Kunst

1/2019 - Medien und frühe Bildung

Fernsehen zum Fernhalten von Faschismus

Zur Normalisierung von Nazis im ORF-Programm zu den 80. Jahrestagen des März 1938

AutorInnen: Drehli Robnik / Renée Winter

Drehli Robnik und Renée Winter analysieren in ihrem Essay über Geschichtspolitiken im TV die stark zunehmende Normalisierung von Nazis und nationalsozialistischem Gedankengut im ORF-Programm, die vor allem anlässlich der 80. Jahrestage des März 1938 sichtbar wurden ...

Abstract

Gestaltet als essayistische Zeitdiagnose und medienkritische Materialanalyse, widmet sich dieser Text Sendungen des öffentlich-rechtliche Fernsehen ORF von 2018, zum 80. Jahrestag des 'Anschlusses' Österreichs an Deutschland (von Schluss mit Schuld und 38 täglichen Spots bis zu Informationsformaten). Unsere Kritik der Geschichtspolitiken von Inszenierungen und Diskurslogiken steht im Kontext von Fragen zur Fernseh-Vermittlung österreichischer (Post-)Nationalsozialismus-Geschichte in Zeiten der Rückkehr nationalautoritären Regierens (mit Fokus u.a. aufs Verhältnis der FPÖ zum Holocaust). Spezifischer wird dargelegt, wie Faschismus als etwas von Gegenwartsbezügen gänzlich Getrenntes vermittelt wird (als Regime der Steifheit bzw. Mysterium); wie Antifaschismus vom Nachkriegs-Grundkonsens zu einer Geschichtsposition neben anderen (z.B. revisionistischen) gerät; und wie das Medienphänomen des "Versprechers" als "Programm-Ansage" autotherapeutische Offenbarungsmomente zeitigt.

Operating as an essayist diagnostics of the present as well as a critical analysis of media materials, this text investigates 2018´s programs of Austrian public television ORF on the 80th anniversary of Austria´s 'Anschluss', i.e., willingly joining Nazi-Germany in 1938 (documentaries, 38 daily spots, news formats). A critique of politics of history in mise-en-scène and logics of discourse, articulated in two contexts: mediatization of Austria´s (post-)national-socialist history; return of national-authoritarian government (with emphasis on Freedom Party FPÖ´s stance on the Holocaust). Specifically, we aim to show how fascism is portrayed as something detached from present experience (a regime of "stiffness"; a mystery); how anti-fascism is shifted from post-war consensus to one historiographical view among others (eg, revisionisms); and how medium-specific Versprecher – condensing programmatic promise and Freudian slip – create revealing moments with autotherapeutic effects.

 


1. Einleitung

Im Rahmen von 30 Jahre Wien heute blickten die Wien-Nachrichten des ORF-Fernsehens am 4. April 2018 auf Kontroversen um das Monument vor der Albertina zurück: Zu Archivmaterial aus dem 50-Jahre-'Anschluß'-Gedenkjahr 1988 schilderte ein 2018 eingesprochener Off-Kommentar die Aufregung, als das "Mahnmal gegen Krieg und Antifaschismus nach heftigen politischen Diskussionen enthüllt" wurde. Dass der ORF das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus zum Mahnmal gegen Krieg und Antifaschismus umbenannte, ist erstens passend; verquickt das Monument doch Opfer des Holocaust mit Opfern alliierter Luftangriffe (die zu einer gelinden Verkürzung des Holocaust mit beitrugen) und mit dem Pathos einer Auferstehung Österreichs: Ob es da um Kunstklischees von 'Juden' oder vom 'Hades' geht, um Patriotismus oder Antiamerikanismus, um Gegenpositionen zum Faschismus oder zum Antifaschismus, ist schon in dem Mahnmal selbst bemerkenswert unklar. Erst recht passt dies zweitens zur Geschichtspolitik heutiger Public History im ORF-Fernsehen: Die eigentümliche Gleichsetzung der Ablehnung von Faschismus mit der Ablehnung von Antifaschismus ist Teil einer Normalisierung von historischem wie gegenwärtigem Rechtsnationalismus; wir gehen darauf im Folgenden ein.

2. Zur Gerontologie von Faschismus und/im Fernsehen

Wir tun dies mit Blick auf ORF-Sendungen zum Gedenkjahr 2018 (aus den ersten fünf Monaten), zumal zum 80. Jahrestag des 'Anschlusses'. Wir fragen nach deren Perspektivierungen von Nationalsozialismus. Zwei Kontexte kommen da initial in Betracht: erstens die institutionenpolitische Rahmung von Geschichtspolitik durch die seit Ende 2017 amtierende Koalitionsregierung aus neoliberaler, kulturkonservativer, migrationsfeindlicher ÖVP und rechtspopulistisch-nationalautoritärer, Rechtsextremismus-affiner FPÖ. Zweitens Politik, Format und Medium von Public History: Summarisch genannt seien hier geschichtspolitische Projekte der Revision nationalsozialistischer Massenverbrechen im bundesdeutschen 'Historikerstreit' der 1980er Jahre bzw. der 'Waldheim-Kontroverse' in Österreich 1986-1988 bis zur "Dresden war unser Auschwitz"-Rhetorik und -Ästhetik im deutschen Primetime-Geschichts-Staatsfernsehen der Jahrtausendwende. Das betreffende Hitler-Histotainment kulminierte mit Erfolgsdokumentationen mit Hitler im Titel, viele aus der von Guido Knopp geleiteten ZDF-Zeitgeschichteredaktion. Heutige Televisualisierung von 'Nazi-History' hingegen erfolgt vor dem Hintergrund der Überholtheit und schwindenden Sinnbindungskraft nicht nur des Formats Geschichtsfernsehen, sondern des Mediums insgesamt. In Anknüpfung an die im Medientheoriediskurs gängigen Ontologien des Fernsehens – Wesensbestimmungen, die erst auf liveness aufbauen, später auf TV als Staatspädagogikanstalt, zuletzt auf postmodernistischer 'Plurivozität' und proto-immersivem Styling – wäre heute von einer Gerontologie des Fernsehens zu sprechen.

Das heißt: Fernsehen ist wesentlich alt; es erscheint auch so,[1] zumal in historischen und Gedenk-Sendungen des Staatsfernsehens. Und: Es ist für die Alten; sie bilden Kernzielgruppen des Geschichts-Staatsfernsehens, insbesondere der Sender ORF2 und ORF3, auf denen die meisten unserer Referenzprogramme liefen/laufen. Television for the old, of the old, by the old: Im Kontrast zum bubenhaften Image, das Guido Knopp mit zu einer Marke machte, lässt der ORF stolz die lebende Journalisten/Geschichtserzähler-Legende Hugo Portisch, Jahrgang 1927, auch im Jahr 2018 Sendungen über den ‚Anschluß‘ und andere ‚alte Zeiten‘ moderieren. Das trägt mit dazu bei, dass ORF-Geschichtsfernsehen eigentümlich selbstbezogen wird: Zu veröffentlichende Geschichte fällt oft mit dem ‚historischen Status‘ der Medienformate und -figuren zusammen: Geschichtsfernsehen im Doppelsinn.[2] Dies gehört ebenso zur Gerontologie dieses Formats wie der Akzent, der auf Sprechakten, mithin auf dem Versprechen liegt; auch letzteres kommt hier im Doppelsinn von 'zukunftsbezogene Ansage' und (Freud'scher) 'Versprecher' in Betracht.

Das Versprechen im Sinn der programmatischen Ansage passt gut zu einem Medium, das einst mit AnsagerInnen antrat und (im Unterschied zu Online-Angeboten) weiter mit Programm operiert. Insofern ist der Eindruck, unser Fokus in Sachen ORF-Nazi-Geschichtsfernsehen läge auf Worten, Namen und Reden, völlig zutreffend. Zusammen mit Aufmerksamkeit auf eigenlogische Namen der Geschichte (Rancière 1994) gilt dieser Fokus hartnäckigen medialen Prägungen durch talking heads, Off-Kommentare und Sprecherinnen und Sprecher, gilt illustrated radio (Michel Chion) und 'Bügelfernsehen', das tägliche Routinen der Leute begleitet. Mit Blick auf solche Praktiken und Formbildungen hält sich unsere kritische Analyse eng ans Material, nimmt dieses mitunter 'beim Wort'.

Es harmoniert durchaus mit der Gerontologie des Mediums und seiner Geschichtsfernsehformate, dass der ORF Faschismus als etwas Altes, Antiquiertes, Überholtes vermittelt. Wenn wir 'Faschismus' sagen, soll das nicht den Antisemitismus herunterspielen, der den Nationalsozialismus im engeren Sinn prägt (und in historischen wie heutigen Faschismen präsent ist), sondern vergangene antidemokratische rechte Politik und Gewalt in Verbindung setzen mit gegenwärtigen vergleichbaren – nicht identischen – Artikulationen solcher Politik und Gewalt. (Vergangenheiten mit Gegenwarten in Verbindung zu setzen ist ja einer der Inbegriffe von Geschichte.) Gerade heute allerdings, da Faschismus in europäischen Staaten inklusive Österreich wieder zur politischen Option wird – mit nationalautoritärem oder populistischem Einschlag oder einer Verbindung von beidem –, wird historischer Faschismus in seiner nationalsozialistischen Ausprägung samt seiner Vorgeschichten im ORF gänzlich als 'ein Stück Vergangenheit' präsentiert.

Ein Beispiel aus der Vorgeschichte des ORF-'Anschluß' Fernsehens 2018: In Folge 2 des 2015 erstgesendeten ORF-Dreiteilers Die Ringstraße: Trilogie eines Boulevards, wieder ausgestrahlt auf ORF3 am 3. Februar 2018, spricht Soziologe Roland Girtler, ganz im Kauz-Habitus, der ihn zu einem Society-Promi machte, über Auswirkungen der Nazi-Herrschaft auf die Universität Wien. Dem Anblick des legeren Soziologen folgen Schwarzweißbilder geschniegelter Studierender in einer Bibliothek circa 1965, dazu Walzer-Klavier und der Off-Kommentar: "Als Roland Girtler sich in den späten 50er Jahren an der Wiener Uni eingeschrieben hat, war der autoritäre Geist der Nazizeit da und dort noch spürbar. An der Alma Mater Rudolphina herrschten andere Sitten als heute." Und Girtler erläutert: "Jajaja, die Studenten waren noch per Sie und haben Krawatten getragen." So wird der "Geist der Nazizeit" zu verstehen gegeben als eine Sache von steifen Umgangsformen und Krawattenzwang. Da ist es beruhigend, dass der gegenwärtige österreichische Bundes- und Vizekanzler meist informell und ohne Krawatte auftreten: Sie sind somit wandelnde Antithesen zum "Geist der Nazizeit".

Bekräftigt wurde diese Erzählung vom altmodischen Nazismus in einem Beitrag des ORF-Kulturmontag am 8. Jänner 2018 zu "Achter-Jahren" in der österreichischen Zeitgeschichte: 1918 – 1938 – 1968. Zu einer Montage von George Grosz-Zeichnungen erklärt ein Off-Kommentar, die Warnungen von Künstlern, die das Grauen des Ersten Weltkrieges beschworen, blieben wirkungslos, denn die 8, horizontal gedreht – im Bild eine Hand mit Kreide an einer Tafel –, sei das Symbol der Unendlichkeit und zwanzig Jahre nach Ende des Weltkrieges die "Kriegsgeilheit" wieder an die Macht gekommen: Zu Aufnahmen von 1938 "Sieg Heil!" rufenden Wienerinnen und Wiener heißt es, diese seien "Untertanen", und "Dienen wollten sie: wenn nicht dem Kaiser, dann wenigstens dem Führer." Es folgen Hitlers Heldenplatz-Rede und die Erklärung des Neonazi-Codes '88' für HH, 'Heil Hitler' – bis die Hymne "Power to the People" zu Archivbildern französischer '68er-Demos erklingt, samt der Erläuterung: "Gegen solche Ewiggestrigkeiten richteten sich unter anderem die Proteste von Studenten vom Mai 1968, die für frischen Wind in vielen Metropolen" sorgten.

Wir haben da eine geschichtsphilosophische Konstruktion vor uns: das "Ewiggestrige" von 1938 als Neuauflage dessen, was 1918 kulminierte, samt Gleichsetzung der Habsburger mit Hitler. Es geht uns nicht darum, dass Faschismus und Nationalsozialismus hier 'ungenau' oder 'unseriös' dargestellt wären. Es geht um Kategorien von Geschichtspolitik im Fernsehen – hier als ein Fernhalten von Faschismus. Die Archaisierung von Faschismus und Nationalsozialismus vermittelt ein Bild autoritärer Steifheit, Rückständigkeit und Kriegslust. Historische rechte Machtpolitik samt ihrer Massenbeteiligung wird so von heutigen Erfahrungen wegprojiziert, als etwas gänzlich Fremdes, das die 'Modernisierung' beseitigt hat. Was damit undarstellbar wird, ist die Modernität des Faschismus, insbesondere Nationalsozialismus: Alles, was an diesem 'freisetzend' war – Massen-Energien freisetzend in einer Biopolitik völkischen Wohlergehens, die anderen Bevölkerungen den Tod bringt (Foucault 2001: 301ff) – verschwindet aus dem ORF-Geschichtsbild.

Einen anderen Akzent hatte die 'Gerontologisierung' des (Nazi-)Faschismus in der ORF2-Primetime des 8. März 2018: Als Auftakt der Dokumentationen zum 'Anschluß'-Gedenken vollzog auch Trauma, Träume und Tragödien: ein Friedensvertrag und seine Folgen den Anschluss der unmittelbaren Vorgeschichte von 1938 an eine KuK-Kriegserfahrung. Wie hier die Niederlage 1918 als narzisstische Kränkung soldatischer Selbstverständnisse österreichischer Männer gedeutet wurde, mutet ambivalent an: Zum einen manifestieren sich darin Geländegewinne für eine Historiografie und Sozialanalyse, die patriarchale Selbstbilder kritisch sieht – hier in Form von (feministischer) Psychoanalytik verhärteter Männlichkeiten (in der Doku vertreten durch Elisabeth Brainin). Der Preis für diesen Rekurs auf solche in den 1980er Jahren geprägte Kritik 'gepanzerter' Männerseelen scheint allerdings eine Trennung zwischen Geschichtsanalyse und gegenwärtiger Erfahrung zu sein, angesichts derer von anderen – mit den 1920ern und 1930ern anders verwandten – Formen maskulinistischer Politik zu sprechen wäre. Werden doch institutionelle Demokratien und postdisziplinarische Öffentlichkeiten heute von Akteuren destruktiv bespielt, deren Männlichkeitskonzepte den Imagines des 'erfolgreichen Schwiegersohns' oder 'rücksichtslosen älteren Bruders' näher sind als den einst diszipliniert aufmarschierenden Vaterfiguren (und das jugendromantisch 'wilde' Moment am Bewegungsnazismus fehlt in der Dokumentation).[3]

3. Grund zum Jubel, Wille zum Feiern: Vergeben und Versprechen

Räumlich eher denn zeitlich gesehen, verweist das Ger- der Faschismus-Gerontologie auf etwas Germanisches; denn der ORF vermittelt Faschismus und Nazismus als etwas nicht nur dem Heute ganz Fernes, sondern auch 'Un-Österreichisches', nämlich Deutsches. Verdichtet ist dies im Bild des ‚Anschlusses‘ als deutsche Invasion, notorisch als "Einmarsch" bezeichnet. Wessen Einmarsch? In Fortführung des hartnäckigen Österreich-als-Opfer-Mythos ist die Rede vom März 1938 als Moment des "Einmarschs der Nazis", derer es offenbar davor in Österreich keine gab.[4] Dies findet sich in Wien heute vom 27. März 2008 (im 70 Jahre-Gedenken) wie auch noch in Online-Kapiteltiteln der ORF TVThek zu Menschen & Mächte Spezial vom 12. März 2018: "Einmarsch der Nazis in die Bundesländer", "Einzug der Nazis in Oberösterreich".

Einmarsch ist ein Wort – und ein Sound. Um kurz auszuholen: Bundeskanzler Kurz bezog sich in seiner Regierungserklärung vom 20. Dezember 2017 auf anstehende Gedenk-Ereignisse, indem er erklärte, dass 2018 "das bedeutsame Jahr sein wird, in dem wir viele Jubiläen gemeinsam feiern werden und wo wir auf viele Jubiläen gemeinsam auch in Trauer zurückblicken werden". Das gibt zu denken: Kurz subsumierte ja auch den 80. Jahrestag des 'Anschlusses' und des Novemberpogroms unter "Jubiläen", auf die "wir" (wer?) "in Trauer zurückblicken". Nun ist ja ein Ereignis, auf das zurückgeblickt wird, kein Jubiläum, wohl aber der Gedenkakt des Zurückblickens; dies in vielen Fällen, nicht aber im Fall der Nazi-Gewalt-Ereignisse von 1938: Diese sind mit Jubiläen, also Jubel, nur für Nazis verbunden. Wollte Kurz also manchen, denen seine Kanzlerschaft Macht verschafft hat, Jubelanlässe versprechen? Sei's wie's sei, sein Versprecher (erfolgt wohl aus Ahnungslosigkeit, gespeist aus Desinteresse an Geschichte, an der Gewordenheit menschlicher Verhältnisse) versprach jedenfalls Jubel – der dann nicht zu hören war. Nicht hörbarer Jubel ist Teil des am häufigsten gesendeten ORF-Formats zum ‚Anschluß‘-Gedenken: Der Spot, der als Trailer und Intro aller anderen einschlägigen Sendungen diente, verband Zählwerk-Visuals zu 1938 mit einer Tonmontage aus trauriger Geigenmusik und aggressivem 'preußisch' konnotiertem Stechschritt-Klang, am Ende mit Echo und stechenden Höhen. Der März-Marsch als Sound-Signation: Nationalsozialismus marschierte aus einem deutschen Außen ein; vom Jubel pogromfreudiger Österreicherinnen und Österreicher ist nichts zu hören.

Was nun das betrifft, was den Nationalsozialismus von anderen Faschismen unterscheidet, eben den Holocaust – da würde mensch erwarten, dass im rechtsnational regierten postnazistischen Österreich die Erinnerung an das Leid des jüdischen Volkes unterdrückt würde. Doch es geschah beinah das Gegenteil: Ein Diskurs des 'Wir wollen den Holocaust für uns!' knüpfte an die schamlose Identifikation der Mehrheitsposition mit jüdischer Opfererfahrung an, wie sie von Selbstviktimisierungs-Rhetoriken im deutschen Geschichtsfernsehen der Jahrtausendwende geläufig ist.[5] Das sieht etwa so aus und klingt so: Die am 18. Jänner 2018 zur Primetime auf ORF3 erstgesendete Folge der Reihe Hugo Portisch: Die Welt und wir enthält eine Sequenz über Elend in Wien nach Kriegsende 1945. WienerInnen stehen um Lebensmittel an; einige klauben etwas vom Boden auf. Dies wird bizarr ausdetailliert: "Sogar im Straßenstaub verstreute Suppensternchen aus einem umgestürzten LKW werden einzeln aufgehoben." Zusammen mit dem Kommentar erklingt das klagende Violinthema von Schindler's List (US 1993). Fragen des Klaubens: Wir müssen nichts vermuten angesichts der Motiv-Verbindung von Überresten aus Staub, 1945 geblieben von jenen, die mit Sternchen markiert und dann per Bahn oder LKW Richtung Osten zerstreut wurden; wir können einfach der insinuierten Metapher folgen, die an die Stelle der mit Klezmer-Elegien zu betrauernden wesentlichen Opfer der Jahre bis 1945, der Jüdinnen und Juden also, Mehrheits-ÖsterreicherInnen setzt.

Das forsche Einfordern eines Anteils an jüdischer Trauer ist paradigmatisch für Diskussionen zur Weigerung jüdischer Organisationen, VertreterInnen der FPÖ an Jahrestagsfeiern zur Befreiung der Lager Auschwitz (27. Jänner) und Mauthausen (5. Mai) teilnehmen zu lassen, sowie dafür, wie der ORF dieses Thema anging: In der Zeit im Bild 2 vom 25. Jänner 2018 wurde Ariel Muzicant, Vizepräsident u.a. des World Jewish Congress, von Lou Lorenz-Dittlbacher befragt, warum er der FPÖ abspreche, mit der jüdischen Gemeinde über Auschwitz zu trauern; als Muzicant erklärte, er wolle nicht mit Mitgliedern einer so oft an NS-Gedankengut anstreifenden Partei seiner von den Nazis ermordeten Familienmitglieder gedenken, forderte die Moderatorin bessere Gründe – "abgesehen von persönlichen Befindlichkeiten", so ihre barsche Formulierung.[6]

Manche weigern sich also, rechtsnationalen Politikerinnen und Politikern – die FPÖ-Chef Strache schon 2012 als so verfolgt wie 1938 die Jüdinnen und Juden hingestellt hatte[7] – ein 'Kosher-Zertifikat' auszustellen. Die 'Anschluß' Gedenksendungen des ORF boten aber auch Alternativbeispiele – im Direktvergleich: Die Zeit im Bild 2 Spezial am 15. März 2018 – zum (im kurzschen Sinn) ‚Jubiläum‘ von Hitlers Heldenplatz-Rede – endete mit zwei jüdischen Wissenschaftlern, die als Buben aus Wien flüchten mussten: Der eine, Robert Shaw, sagte, er tue sich im Verhältnis zu Österreich "noch immer sehr schwer". Der Off-Kommentar wertete dies und leitete über: "Während Robert Shaw heute eine bittere Bilanz zieht, denkt Isaac Witz anders." Ihm gehörte das Schlusswort: Österreich sei "meine zweite Heimat", deren Jugend er die Botschaft mitgab: "Sei ein Mensch. Be a human being." Dem folgte eine Überblendung seines Gesichts auf einen Kronleuchter in der Nationalbibliothek, wo Moderator Armin Wolf meinte, dem sei nichts hinzuzufügen. So unterschied der ORF auf der Ebene der Sprechakte bittere Juden, die nicht verzeihen wollen, von jenen, deren Worte leuchtende Beispiele bieten – versprechen sie doch nicht zuletzt einer Bevölkerung (und Regierung) eine Art Schluss mit Schuld. So hieß denn auch die am 21. März 2018 auf ORF1 (in der jüngere Publika anpeilenden Primetime-Reihe dok.eins) gesendete Reportage, in der Moderatorin Lisa Gadenstätter Handyvideo-Testimonials von Schulkindern auf Mauthausen-Besuch sammelt und mit jüdischen Überlebenden wie etwa Esther Béjarano spricht. Schluss mit Schuld legt eine unironische Lesart des Haupttitels nahe: Es scheint hier wirklich um Schluss mit Schuld zu gehen, und Was der Holocaust mit mir zu tun hat (so der Titelzusatz), beruht auf einem Versprechen von "persönlichen Befindlichkeiten", dieses Mal solchen der nichtjüdischen Mehrheit: "Ich bin beeindruckt" und "Das beeindruckt mich" sind häufige Off-Kommentare Gadenstätters, deren noddies (lächelnd nickende Close-ups) in die Überlebenden-Erzählungen geschnitten sind. Dass die Überlebenden das Mehrheitsösterreich mit Geschichten von Mut und Lebenslust beeindrucken, diese selbstunternehmerischen Leistungsparameter scheinen sie zum Erzählen vom Holocaust zu legitimieren: Heraus kommt ein beeindrucktes – nicht durch Schuldgefühle verdrossenes – Publikum. Und die ORF-Komiker Stermann und Grissemann erläutern dazu, ihre Witze über den Jargon historischer Nazis ironisierten die "Steifheit" und das "unglaublich unleidenschaftliche und unsinnliche Gehabe dieser Leute". Einmal mehr bezieht der ORF konsequent Position gegen die in der Geschichte beispiellose Unsinnlichkeit des Nationalsozialismus.

Ist es dann der FPÖ zu verübeln, wenn auch sie ihren Anteil einfordert vom symbolischen Kapital, das mit dem Sinnlich-Beeindruckenden des Holocaust-Gedenkens verbunden ist? Verstoßen von den Mauthausener Gedenkfeiern, sprach Vizekanzler Strache in der Zeit im Bild vom 6. Mai 2018 im Kreis der Regierungsspitze vor dem Wiener Mahnmal gegen Krieg und Faschismus: "Ich verneige mich vor all jenen, die in dieser Zeit ein furchtbares Schicksal tragen mussten, und schon die Erinnerungen an diese Zeit schlagen unvergesslich tiefe Wunden." Klarer lassen sich Schicksale und Zeiten, Wunden und Gedenken nicht nationalautoritär normalisieren: Der Vizekanzler nannte nicht Holocaust-Opfer, sondern alle, die ein "furchtbares Schicksal tragen mussten" – was Wehrmachtssoldaten mit meinen konnte und jedenfalls ein Schicksal ohne Urheberschaft beschwor, zu tragen wie wir alle unser Kreuz tragen müssen. Oder (um im Jargon zu bleiben) unsere Vorzeige-Wunden, die "die Erinnerungen an diese Zeit schlagen" (nicht etwa die Zeit selbst oder rassistische Gewalt); dem Sinn von Straches Satz nach tun sie das bei denen, die sich erinnern: die – als schlagender Burschenschaftler oder anders hochrangig – zähneknirschend an Erinnerungsfeiern teilnehmen, zumal nur an zweitrangigen; diese Verletzung ist "unvergesslich". Dass ihre nobel zur Versöhnung – Schluss mit Schuld! – ausgestreckte deutsche Grußhand von jüdischen Communities zurückgewiesen wurde, wird die FPÖ nicht vergessen.

 

4. Faszinierend und geheimnisvoll

Im ORF 2018 setzte sich auch ein schon erprobtes Paradigma der Darstellung von Nationalsozialismus im Fernsehen fort: dessen Repräsentation als faszinierend und geheimnisvoll. In der Darstellung des historischen und aktuellen Faschismus können Erzähllogiken des Geheimnisses dazu beitragen, rechtsextreme Diskurse zu normalisieren, wie wir im Folgenden zeigen wollen.

Walter Benjamins Text "Das Kunstwerk im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit" (1936/39) beginnt mit dem Anliegen, neue Begriffe in die Kunsttheorie einzuführen, die "für die Zwecke des Faschismus vollkommen unbrauchbar sind" (Benjamin 2002 [1936/39]: 352). Damit sollen "eine Anzahl überkommener Begriffe – wie Schöpfertum und Genialität, Ewigkeitswert und Geheimnis – […] deren unkontrollierte (und augenblicklich schwer kontrollierbare) Anwendung zur Verarbeitung des Tatsachenmaterials in faschistischem Sinn führt" beiseitegesetzt werden (Benjamin 2002 [1936/39]: 352).

Mitunter auch einer Logik des Fernsehens geschuldet, ständig Neues präsentieren zu müssen, erscheint Geschichte darin als etwas, das im Verborgenen liegt und das – vom Geschichtsfernsehen – entschlüsselt und entdeckt werden muss. Dieser nach wie vor wirkungsmächtige Zugang brachte Sendungen wie Geheimnisse des Zweiten Weltkrieges (ZDF 2012) hervor und drückt sich in Sendungstiteln aus, in denen jemand "auf den Spuren" von etwas ist oder ein "Rätsel um" etwas behandelt wird.

"Unheimlich sei alles, was ein Geheimnis, im Verborgenen bleiben sollte und hervorgetreten ist" (Freud 1963 [1919]: 51) bemerkte Sigmund Freud. Das "Unheimliche sei "wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozeß der Verdrängung entfremdet worden ist." (Freud 1963 [1919]: 70) Wenn Geschichte hier also als Unheimliches wiederkehrt, es das eigentlich Bekannte, das Vertraute, jedoch Verdrängte ist, ist auch das Geheimnis eigentlich schon immer bekannt. (Es gab und gibt das Wissen um Konzentrations- und Vernichtungslager, um das umfassende System der NS-Zwangsarbeit, um Nazi-Täterinnen und Täter.) Die Offenbarung des Geheimnisses, erlaubt die Lust am Grusel, an den eigenen verdrängten Erfahrungen und Erinnerungen.

Silke Wenk vergleicht die "Verfahren zur Herstellung maximaler Sichtbarkeit" in Visualisierungen des Nationalsozialismus mit visuellen Strategien des Pornofilms "wie maximale Ausleuchtung und Nahaufnahme." (Wenk 2002: 275f) Die "Pornographisierung des Blicks" dient den ZuschauerInnen in der Konfrontation mit den Nazi-Verbrechen "zur Versicherung des eigenen Status als handlungsmächtiges Subjekt" (Wenk 2002: 281), also Versicherung da, wo durchaus Verstörung und Verunsicherung angemessen wäre.

"Und auch die Feuilletons müssen akzeptieren, dass wir die Möglichkeiten, die wir haben, nutzen müssen, um die Menschen zu faszinieren", schrieb ZDF-Geschichtsfernseh-Chef im März 2018 in der Tageszeitung Der Standard (Knopp/Weinek 2018). Im Sinn von Susan Sontags schon vor mehreren Jahrzehnten geäußerter Kritik an der "Faszination" als verbreiteter Zugang zu Nazi-Geschichte und -Ästhetik (Sontag 1980) gesagt: Viel eher wäre so etwas wie Entfaszination, also Entmythisierung, angebracht.

Wenn Nazi-Geschichte als Geschichte von Geheimnissen repräsentiert wird, sind die Nazis Geheimnisträger. Sie kennen sich aus, sie wissen etwas, und das Fernsehen möchte etwas von ihnen wissen. Im Jänner 2018 veröffentlichte die österreichische Wochenzeitschrift Falter ein Liederbuch der Burschenschaft Germania mit antisemitischen und den Holocaust bejubelnden Texten. Der ORF inszenierte Burschenschaften als geheimnisumwobene Verbände, die Burschenschaft Germania visuell gekennzeichnet von den für die Kamera undurchdringlichen Mauern. Dementsprechend waren in der TV-Debatte zum Thema (Im Zentrum, 4.2.2018, ORF 2) von fünf Diskussionsteilnehmerinnen und Teilnehmern zwei Burschenschafter und FPÖ-Politiker (Herbert Haupt und Ewald Stadler) geladen, um zumindest einen Teil dieses faszinierenden Mysteriums aufzuklären.[8]

"Sind Burschenschaften Teil eines rechten Verbundes?" fragte der ORF naiv in der Online-Ankündigung der Diskussion (ORF 2018a). Nach der Anmoderation von Claudia Reiterer – "Die Welt der Burschenschafter ist für viele Österreicher voller dunkler Geheimnisse" – vermittelte ein einleitender Clip grundlegende Fakten über Burschenschaften: "Man unterscheidet zwischen Schüler- und studentischen Verbindungen", "Zu den studentischen schlagenden Verbindungen gehören etwa die Burschenschaften Olympia, Libertas und Teutonia", "Wer aufgenommen werden will, kommt regelmäßig ins Vereinshaus, auf die so genannte Bude." "Der Neuzugang, man nennt ihn Fuchs, hat üblicherweise eine Mensur zu schlagen, dann ist man Bursch und ein Leben lang Mitglied. Mit abgeschlossener Ausbildung wird man zum Alten Herrn."

In diesem Beitrag, der den Diskussionsrahmen setzt, wird das Wissen von Burschenschaftern zum Ausgangspunkt genommen, nicht das Wissen über Burschenschaften, über ihre antisemitische und deutschnationale Geschichte. Der Clip könnte ohne Probleme auf einer Anwerbeveranstaltung der Burschenschaften laufen. "Hier lernt man über Geschichte und Werte", lernen wir vom Off-Kommentar.


5. Der Ort des Antifaschismus

Einladungs- und Repräsentationspolitiken der hier genannten Fernsehdiskussion werfen Fragen nach der Position des Antifaschismus innerhalb des ORF auf. Dazu kommen wir auf das ZiB2-Interview mit Ariel Muzicant vom 25. Jänner 2018 zurück. Gegen Ende des Interviews wurde Muzicant gefragt, was er über die so genannte FPÖ-"Historikerkommission" denkt.[9] Muzicant antwortete, dass grundlegende Fakten über Burschenschaften hinreichend bekannt sind: "Wir wissen, was in diesen Burschenschaften mehr oder weniger jahrzehntelang passiert ist. Dort wurden Nazi-Kriegsverbrecher als Helden gefeiert. Vertreter dieser Organisationen sind zum Friedhof gegangen und haben am Grab von einem Kriegsverbrecher [Walter] Nowotny Kränze niedergelegt." Jetzt, unter der ÖVP-FPÖ-Regierung erlangten Dutzende Burschenschafter Jobs in Ministerien und Betrieben, obwohl ihre politische Einstellung hinreichend bekannt sei, so Muzicant. Die Interviewerin Lorenz-Dittlbacher unterbrach Muzicant wiederholt und suggerierte mit ihren Bemerkungen, dass er die Kommission vorverurteilen und ihr keine Chance geben würde. Das existierende Wissen (von Historikerinnen und Historiker, Politikwissenschafterinnen und -wissenschafter, antifaschistischen Aktivistinnen und Aktivisten) über Burschenschaften und FPÖ, auf das Muzicant verweist, wird nicht nur von der FPÖ diffamiert und abgewehrt, sondern wurde auch vom ORF nicht als Ausgangspunkt der televisuellen Behandlung des Themas genommen. Was die Aufgabe des Journalismus und insbesondere des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sein sollte, nämlich demokratischen Diskurs zu ermöglichen und zu unterstützen – ein Auftrag, der es in sich trägt, faschistischen Tendenzen entgegenzutreten –, wurde hier zur Aufgabe des Interviewten, der sich gegen die Interviewerin wehren muss.

Auf Protestmails einiger ZuseherInnen antwortete der ORF-Kundendienst per Mail mit der standardisierten Formulierung, "dass für die gesamte ORF-Berichterstattung als oberste Maxime Unabhängigkeit und Objektivität gelten. Im Sinne unseres öffentlich-rechtlichen Auftrages ist es Aufgabe der Journalistinnen und Journalisten, Interviews auf einer sachlichen Ebene zu führen und stellvertretend für das Publikum Fragen zu stellen, die für die Allgemeinheit von Interesse sind." Die Argumentation des ORF legt nahe, es wäre "unsachlich", einen dezidiert antifaschistischen Standpunkt einzunehmen; "objektiv" und im Sinne eines vorgestellten Publikums wäre es hingegen, dem Vizepräsidenten des European Jewish Congress und World Jewish Congress "persönliche Befindlichkeiten" zu unterstellen.

"Objektivität ist ein anderer (höflicherer oder zweckmäßigerer) Name für Konsens." (Hall 2000 [1982]: 137), bemerkte Stuart Hall 1982 zum britischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Konsens sei dabei als 'gemeinsamer Boden' als 'zugrunde liegende Werte und Prämissen' zu verstehen, auf dem sich die verschiedenen im Fernsehen vertretenen Positionen bewegen. Ausgewogenheit wird innerhalb dieses Konsenses hergestellt. Wie sich herausstellt, ist Antifaschismus nicht (mehr) Teil des Konsenses im ORF, es ist vielmehr eine Position im Diskurs, der – um Ausgewogenheit herzustellen – der Faschismus gegenübergestellt werden muss.

Einer ähnlichen Logik des Konsenses folgt die Einforderung eines gemeinsamen Geschichtsbildes, wie in der vom ORF produzierten Dokumentation Heldenplatz-Heldenbilder (ORF 2, 15.3.2018, 21:05). Am Ende der 50-minütigen Sendung erwähnt der Off-Kommentar das "Fest der Freude", das seit 2013 jährlich am 8. Mai vom Mauthausen-Komitee am Heldenplatz organisiert wird. Der Vorsitzende des Komitees, Willi Mernyi kommt ins Bild und spricht: "Und wie macht man das in Wien, wenn man sich freut? Dann feiert man. Dann schaut man, dass man möglichst viele nette und sympathische Menschen um sich hat und feiert. Ich will mit tausenden Menschen am Heldenplatz feiern. Und gedenken." Zu sehen sind Menschen, die vor einer riesigen Bühne am Heldenplatz sitzen. Eine andere männliche Stimme aus dem Off übernimmt die Narration: "Ich glaube, dass wir 80 Jahre nach den Ereignissen von 1938 ein gemeinsames österreichisches Geschichtsbild, Linke wie Rechte, Konservative wie Sozialdemokraten haben könnten. [Pause] Wir betrauern die Opfer, die unschuldigen Opfer dieses Kriegs. Gemeinsam. Alle. Und wir freuen uns auch gemeinsam [an dieser Stelle wird der Sprecher sichtbar] über die Erringung der Freiheit, über das Verschwinden der totalitären Diktatur und über das Ende des Krieges."

Die Stimme aus dem Off, die sich da zu Wort meldet, entpuppt sich als die von Andreas Mölzer, Burschenschafter, Deutschnationaler mit einer langen Geschichte rassistischer und rechtsextremer Äußerungen, vom ORF lapidar untertitelt mit "Freiheitlicher Publizist". Aus dem Off über die Aufnahmen der TeilnehmerInnen des Fests der Freude gesprochen, erscheint Mölzers Forderung nach dem gemeinsamen Geschichtsbild zunächst als neutrale Stimme. Seine Forderung des Gemeinsamen bleibt auch in den letzten Minuten der Sendung unwidersprochen und entfaltet mit den ausklingenden Bildern von Schülerinnen und Schüler vor dem Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz eine harmonisierende Wirkung.

Funktionärinnen und Funktionäre der FPÖ, die viele Jahre die burschenschaftlichen "Totengedenken" des Wiener Korporationsrings am 8. Mai unterstützt haben, können nun Teil des Fests der Freude werden, vorausgesetzt, der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg und der Holocaust erscheinen als Ereignisse ohne Schuldige, ohne TäterInnen: Es gibt nur Opfer. Der gar nicht so neue Geschichtskonsens, den Mölzer fordert, erfordert es, Nazis nicht Nazis zu nennen. Das Verbergen der Sprechpositionen der extremen Rechten ist gleichzeitig ein Ausdruck dieser extremen Rechten und befördert deren Normalisierung.

Eigens zum Gedenkjahr sendete der ORF 2018 38 (!) Tage lang jeweils einen Spot basierend auf historischen Quellen zum 12. Februar 1938 bis 21. März 1938. Die von SchülerInnen des Max Reinhardt Seminars gelesenen Zitate sollten, so der ORF, "einen 360-Grad-Blick für das Publikum bieten und die täglichen Entwicklungen vor 80 Jahren in ‚Real Time‘ erzählen." (ORF 2018b) Der 360 Grad-Blick, ein in der Coaching- und Managementsprache verwendeter Begriff, um zu benennen, was Ulrich Bröckling (2003) als "demokratisiertes Panopticon" bezeichnet hat, bedeutete hier Äußerungen zum März 1938 aus unterschiedlichen Perspektiven wiederzugeben: Zeitungen, Tagebücher und Aufzeichnungen von Personen mit sehr unterschiedlichen politischen Einstellungen und biografischen Hintergründen. Die Zitate wurden nur minimal kontextualisiert und nicht kommentiert, was auch dazu führte, dass im flow des Fernsehens Statements von Nazis verlesen wurden, ohne dass diese als solche identifiziert worden wären. So erfahren wir vom uns als "Postsparkassenbeamter" vorgestellten Richard Ruffingshofer, dass er "den Adolf im Augustinerkeller hochleben" ließ (23. Februar). Der "Pensionist" Viktor Walter war enttäuscht, dass er "leider vom Führer nur sehr wenig" sah, es war jedoch ein "Prachtwetter" (14. März), und der Komponist Wilhelm Kienzl beschrieb die Stimmung als "kolossal", er begann sodann "‚Mein Kampf‘ mit außerordentlichem Interesse zu lesen – er ist ein imposanter Kerl." (16. März). Vor dem Hintergrund dessen, dass – wie oben gezeigt – Antifaschismus nicht Konsens ist, sondern eine mögliche Position im 360-Grad Spektrum der legitimen politischen Positionen, können die Äußerungen der historischen Nazis in diesen Spots ohne Kontextualisierung affirmativ gelesen werden.

Die Unterschiedslosigkeit der Perspektive setzte sich auch in zwei kurzen Sondersendungen am 10. und 11. März (jeweils 20h, ORF 3) fort. Gedanken zum März, so der Titel der Sendung, wurden von mehreren Seiten geäußert, Überlebende wie Lucia Heilman und Rudolf Gelbard sprachen neben Regierungsmitgliedern wie Gernot Blümel (ÖVP) und Heinz Christian Strache (FPÖ) und ehemaligen und aktuellen Bundespräsidenten. Auch ORF-Haushistoriker Hugo Portisch – der in seinen Geschichtsproduktionen Österreich I und Österreich II weitgehend einer großkoalitionären Konsensgeschichtsschreibung folgte, basierend auf einer Externalisierung/Fernhaltung des Nationalsozialismus und Viktimisierung der österreichischen Bevölkerung – durfte da nicht fehlen. In einer Sequenz wurden Portischs und Straches Wortmeldungen hintereinander montiert, beide äußerten Zweifel an der historischen Repräsentativität der Aufnahmen der jubelnden Menschen am Wiener Heldenplatz im März 1938. Portisch und Strache platzieren somit ihre Medienkritik – die sie an anderen Orten schmerzlich vermissen lassen – an genau dem Punkt, an dem die Zustimmung der österreichischen Bevölkerung zur nationalsozialistischen Politik zur Diskussion steht.

Was sich in Gedanken zum März zeigte, ist, dass die Integration der verschiedenen Geschichtsperspektiven gar nicht so schwierig ist. Im 360-Grad-Blick widersprechen sich die Positionen nicht, sie ergänzen sich. In dieser Montage der verschiedenen Perspektiven wird, wie von Andreas Mölzer in der oben erwähnten Sendung gefordert, ein gemeinsames Geschichtsbild hergestellt.

Während das Mauthausen-Komitee 2018 erstmals öffentlich verteidigen muss, dass FPÖ-PolitikerInnen bei der Befreiungsfeier in Mauthausen nicht eingeladen sind,[10] integriert der ORF im Gedenkjahr 2018 selbstverständlich deren Positionen in die 360-Grad-Geschichtsperspektiven des televisuellen Erinnerns. Rechtsextreme Positionen werden Teil des hegemonialen Konsenses im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und durchlaufen eine Normalisierung. Ihre Vertreterinnen und Vertreter erscheinen als legitime SprecherInnen im politischen Diskurs, während sie zugleich nicht als solches, nämlich als rechtsextrem, rassistisch und antisemitisch benennbar sind. Antifaschistische Positionen gelten dagegen zunehmend als voreingenommen und "parteiisch".


6. Faschismus Live

Die vom ORF gewählte Schwerpunktsetzung zum Gedenkjahr und zur Perspektive auf 1938 fokussiert darauf "erstmals die historischen Ereignisse möglichst in 'real time'" abzubilden, es gäbe das "umfassendste Programm […] seit Bestehen des Bewegtbilds", "erstmals in Echtzeit-Programmierung", dabei sollten "nicht nur die bekannten Bilder und Schicksale, sondern auch neu Entdecktes und Stimmen aus dem Volk" ausgestrahlt werden. (APA-OTS 2018)

Diese Betonung der "Echtzeit" machte sich in den oben genannten 38 Spots bemerkbar und drückte sich in verschiedenen Sondersendungen mit Live-Schaltungen nach Paris, Moskau, Berlin, auf den Heldenplatz oder nach Linz aus. So steht Armin Wolf in der ZiB2 History am 15. März 1938 "auf der Terrasse der neuen Hofburg in Wien, über dem Heldenplatz, an genau jener Stelle also, von der Adolf Hitler heute vor 80 Jahren die 'größte Vollzugsmeldung' seines Lebens auf diesen Platz hinuntergebrüllt hat" (15.3.2018, 22:30).[11]

Das Fernsehen 2018 erinnert damit an seine ursprüngliche Form, an das für das frühe Fernsehen so wichtige Versprechen der Liveness und des Dabeiseins und versucht so, noch einmal seine mediale Logik geltend zu machen: Nicht später im Internet, in der TV-Thek, sollen wir die Geschichtssendungen betrachten, sondern genau auf die Sekunde jetzt müssen wir einschalten und dranbleiben. Der Fokus auf Liveness stellt auch neue und nicht intendierte Bedeutungen her. Auch der autoritäre Umbau Österreichs unter der Regierung von ÖVP und FPÖ vollzieht sich in Realtime, und das Publikum ist live dabei. 2018: Unter permanenten rassistischen Vorstößen auf struktureller und symbolischer Ebene stürmt im Februar eine FPÖ-geleitete Polizeiabteilung das Bundesamt für Verfassungsschutz, am 20. April wird ein "Sicherheitspaket" mit weitreichenden Ausweitungen von Überwachungsmöglichkeiten beschlossen, im Frühling und Sommer werden Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerrechte und soziale Errungenschaften sukzessive eingeschränkt und abgeschafft, im Herbst wird kritischer Journalismus attackiert und desavouiert. Die Verschränkung der Liveness des Historischen und des Gegenwärtigen im Fernsehen birgt zumindest auch die Rezeptionsmöglichkeit, auf aktuelle rechtsextreme Tendenzen und faschistische Aktivitäten aufmerksam zu werden.

Und letztendlich bestimmt im flow des Fernsehens auch der Zufall die möglichen Bedeutungen mit. So konnte am 4. März 2018 den Ankündigungen der Sendung Trauma, Träume und Tragödien und einer Dokumentation über Kurt Schuschnigg die Werbung für ein Reizdarmmedikament folgen. Menschen und Mächte – Durchfall und Blähungen. Die Entfaszinierung wird zuletzt doch noch geleistet, in medienlogischer Sicht quasi autotherapeutisch – von einem Durchfallmittel. "Einmarsch der Deutschen", "Einzug der Nazis", "Einlauf der Braunen".

März 2019. Im Gegensatz zu 2018 frühlingshaftes Wetter. Die Regierung und Teile der Sozialdemokratie erörtern die Verhängung von Notstandsgesetzen, zunächst die Einführung einer "Sicherungshaft". Im ORF findet sich rund um den 12. März nicht eine einzige Sendung zum 81. Jahrestag – wovon? Schluss mit 'Anschluß' (bis 2038).


Anmerkungen

[1] Die Erscheinung ist hier wesentlich; wie könnte es beim Fernsehen anders sein?

[2] Wobei die beschworene Kontinuität von Portischs diskursiver Public History-Autorität eher zyklisch denn linear ist; dies aufgrund des markenbewussten Selbst-Recycling von Material aus Portischs ORF-Erfolgsserien der 1980er Jahre, insbesondere Österreich II. Dies zeitigte kuriose Resultate: Die Neuauflage von Österreich II von 2013 präsentierte dieselben Zeitzeuginnen und Zeitzeugen-Interviews, die von den 1940er Jahren handelten, die nun aber mit ihren markanten Koteletten, Hemdkrägen und Weglassungen des Holocaust (zugunsten militärtechnischer Detailerläuterungen) eher Zeugnis von Konventionen der Zeit um 1980 ablegten.

[3] Ähnlich die am 15. März erstgesendete ORF-Doku Heldenplatz Heldenbilder: Faschismus-Historiografie mit Fokus auf soldatischen Heroismus, verletzten Stolz, gestählte Nation.

[4] Dies in Verbund mit dem Wort von 1938 als "Untergang der Republik". Österreich war Anfang 1938 jedoch keine Republik, sondern seit 1934 ein Bundesstaat mit autoritärer Verfassung auf ständisch-christlicher Grundlage. Die Unkenntlichmachung von Austrofaschismus betrieb der ORF 2018 etwa indem er Ständestaats-Kanzler Schuschnigg in der ORF2-Doku Der längste Tag vom 11. März ein Zeitzeugen-Erzähler-Monopol zu 'Anschluß'-Ereignissen einräumte.

[5] Andere von den Nazis verfolgte Minderheiten – Sinti und Roma etwa – bleiben von der Marginalisierung in der österreichischen Public History weiterhin betroffen.

[6] So sehr Lorenz-Dittelbacher, Star-Moderatorin im achten Dienstjahr bei der ZiB 2, ihre von Zuseherinnen und Zusehern kritisierte Wortwahl auf ihre Aufgeregtheit (um nicht zu sagen: persönliche Befindlichkeit) zurückführte – ihr Wording scheint auf Linie zu sein, was das ORF-Framing jüdischer "persönlicher Befindlichkeiten" bezüglich ermordeter Vorfahren betrifft: Fünf Tage später, am 1. Februar 2018, präsentierte das ORF1-Magazin Sondersendung zum österreichischen Film kurz Wien vor der Nacht (F/D/A 2017), einen trauernden Dokumentarfilm zu Holocaust-Familienerinnerungen, und sagte dieser Produktion einen Preis der Akademie des österreichischen Films im Folgejahr voraus, denn, so die Voice-over, "emotionalen und persönlichen Geschichten haben traditionell gute Chancen" bei der Akademie. (Dieses Versprechen erfüllte sich nicht.)

[7] Strache bekräftigte etwa in der ZiB 2 vom 31. Jänner 2012, aufgrund der Erzählungen von Gästen eines Wiener Balls der extremen Rechten, die von linken DemonstrantInnen beschimpft worden waren, könne er nun die Leideserfahrung der jüdischen Bevölkerung Wiens 1938 nachempfinden.

[8] Ihnen gegenüber saßen als DiskussionsteilnehmerInnen der Historiker Dieter Binder, die Schauspielerin und Präsidentin der Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich Elisabeth Orth und der Gewerkschafter und Vorsitzende des Mauthausen-Komitees Willy Mernyi.

[9] Zur primär legitimatorischen Funktion dieser von Wilhelm Brauneder geleiteten "Kommission" siehe Winter 2018.

[10] So zum Beispiel in der ORF-Diskussion Im Zentrum vom 6. Mai 2018, in der im Übrigen wieder Andreas Mölzer, vorgestellt als "Publizist, Herausgeber Zur Zeit" zur Diskussion eingeladen war.

[11] 1938 zwar "ein prachtvoller Frühlingstag", war der 15. März 2018 "bitterkalt" und Armin Wolf musste für den Rest der Sendung seinen Standort in die Innenräume der Hofburg verlegen.


Literatur

Benjamin, Walter (2002): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1936/1939), in: ders.: Medienästhetische Schriften, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 351–383.

Bröckling, Ulrich (2003): Das demokratisierte Panopticon. Subjektivierung und Kontrolle im 360°-Feedback, in: Honneth, Axel/Saar, Martin (Hg.): Michel Foucault. Zwischenbilanz einer Rezeption – Frankfurter Foucault-Konferenz 2001, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 77–93.

Foucault, Michel (2001): In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France 1975-76, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Freud, Sigmund (1963): Das Unheimliche (1919), in: ders: Das Unheimliche. Aufsätze zur Literatur, Frankfurt am Main: Fischer, 45–84.

Hall, Stuart (2000): Die strukturierte Vermittlung von Ereignissen (1982), in: ders.: Ideologie Kultur Rassismus (= Ausgewählte Schriften 1, hg. v. Nora Räthzel), Hamburg/Berlin: Argument, 126–149.

Knopp, Guido/Weinek, Andreas (2018): "Anschluss" II: Haben wir aus der Geschichte gelernt? in: Der Standard, 10./11. März 2018, online unter: https://derstandard.at/2000075791891/Anschluss-II-Haben-wir-aus-der-Geschichte-gelernt (letzter Zugriff: 14.03.2019)

APA-OTS (2018): "1938 – Der "Anschluss": ORF präsentierte umfangreichen TV-Zeitgeschichteschwerpunkt", 27.2. 2018, online unter: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20180227_OTS0098/1938-der-anschluss-orf-praesentierte-umfangreichen-tv-zeitgeschichteschwerpunkt (letzter Zugriff: 14.03.2019)

ORF (2018a): 'Im Zentrum': Hieb- und stichfest. Wie mächtig sind die Burschenschaften? Online unter: https://tv.orf.at/highlights/orf2/180204_im_zentrum100.html (letzter Zugriff: 14.03.2019)

ORF (2018b): 1938 – Der "Anschluss", online unter: http://tv.orf.at/highlights/programmschwerpunkt/1938_der_anschluss100.html (letzter Zugriff: 14.03.2019).

Rancière, Jacques (1994): Die Namen der Geschichte. Versuch einer Poetik des Wissens, Frankfurt am Main: S. Fischer.

Sontag, Susan (1980): Fascinating Fascism, in: dies: Under the Sign of Saturn, NY: Farrar, Straus & Giroux, 71–105.

Wenk, Silke (2002): Rhetoriken der Pornografisierung. Rahmungen des Blicks auf die NS-Verbrechen, in: Eschebach, Insa/Jacobeit, Sigrid/Wenk, Silke (Hg.): Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids, Frankfurt am Main: Campus, 269–294.

Winter, Renée (2018): "Dieser Vorwurf muss sich aufhören". Ein Kommentar zur FPÖ-Historikerkommission, in: MALMOE 82, März 2018, 3, online unter: http://www.malmoe.org/artikel/alltag/3381 (letzter Zugriff: 14.3.2019)

Tags

orf, fernsehen, faschismus, geschichte