Neue Medien

1/2019 - Medien und frühe Bildung

Rezension: Die Königin schweigt

von Laura Freudenthaler

AutorIn: Veronika Zoidl

Bücher – in ihnen stecken seiten- und kapitelweise persönliche Erinnerungen, fantastische Welten, utopische Ideen. Manchmal bleiben Bücher aber auch leer. Dann schweigen sie ...  Veronika Zoidl hat den Roman "Die Königin schweigt" von Laura Freudenthaler für die MEDIENIMPULSE rezensiert ...

Verlag: Droschl
Erscheinungsort: Graz
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3990590010


Cover: Die Königin schweigt von Laura Freudenthaler
Quelle: Droschl

Wenn ein Buchtitel das Wort "Schweigen" enthält, irritiert das. Knapp über 200 Seiten sind in Laura Freudenthalers "Die Königin schweigt" mit einem solchen Schweigen gefüllt, und tatsächlich spricht die Protagonistin Fanny in der Ebene der Gegenwart nur wenig. Sie schweigt, aus Diskretion, aus Selbstkontrolle, aus Mangel an einem Gegenüber, aus Demut vor dem Geschehenen und vor dem Schicksal, dem Fanny stets mit Haltung begegnet ist. Fanny nennt nur selten Namen. Nur vage betitelte Schauplätze sind das Dorf, die Kleinstadt und die Hauptstadt. Namenlose Akteure sind das Enkelkind, der Oberförster, der Lehrer, der Pfarrer – und sie selbst ist die Schulmeisterin, ein Leben lang. Ausgerechnet ihr Sohn Toni, dem der Name von Fannys im Krieg verunglückten Bruder vererbt wurde, wird stets mit seinem Namen im Roman aufgerufen – das tragische Schicksal haftet in Tonis Fall am Namen, genau wie der Status an allen anderen Bezeichnungen.

Status, Haltung und Stolz sind die prägenden Kategorien in Fannys Leben. Nur als Kind liebt sie, in der Zwischenkriegszeit geboren, es, unter der Küchenbank des elterlichen Bauernhofs zu liegen und dort die Gerüche, die ihre Familie umgeben, einzuatmen. Ihr omnipräsenter, dominanter Vater bringt ihr schnell bei, dass der Mensch nicht wie das Tier am Boden liegt – und dass es im Leben immer auf die richtige Haltung ankommt. Der Vater hat viele Gebote für Fannys Leben: Fanny soll keine Ehe mit einem Wirtshausstammgast eingehen, Fanny soll von niemandem abhängig sein und selbst eine Ausbildung genießen, Fanny soll nicht tratschen und sich niemals für etwas Besseres halten. Diese Gebote verfolgen Fanny weit über ihre Kindheit hinaus, die abrupt mit dem Tod ihres geliebten Bruders Toni endet. Fanny heiratet den Dorflehrer und zieht mit ihm ins Schulhaus, wo sie für das Schulhaus und den eigenen Haushalt hart arbeitet. Abends geht der Lehrer mit ihr in entfernten Ortschaften tanzen, wo man Fanny nicht als die Schulmeisterin erkennt. Nur deshalb wagt sie es dort, ihre selbstgeschneiderten, edlen Kleider auszuführen – und sich dann doch ein Stück weit wie eine Königin zu fühlen. War nicht überhaupt die Heirat mit dem Dorflehrer ihre Krönung zu einer solchen? Und ist es nicht Fannys gutes Recht, sich zumindest im Fasching als eine Königin zu verkleiden? Ist nicht der gemeinsame Sohn ganz eindeutig ein Königskind? Neben diesem nimmt das Königspaar auch eine Pflegetochter, der Fanny das Leben gerettet hat, bei sich auf. Der Lehrer führt Fanny aber immer seltener zum Tanzen aus und verbringt seine Abende stattdessen – der Vater hatte sie doch davor gewarnt – im Wirtshaus. Der Vater und seine immer würdige, stolze Haltung bleiben auch nach seinem Tod in Fannys Leben präsent. Und seine Gebote und Urteile verfolgen Fanny sogar bis zu ihrem eigenen Tod.

Fanny legt wert darauf, Schulmeisterin zu sein, und die damit verbundene Haltung auch nach dem Unfalltod ihres Mannes zu bewahren. Mit ihrem Sohn zieht sie, weil sie zu viele Augenpaare auf sich gerichtet spürt, in die Kleinstadt. Dort führt sie auch den Haushalt eines Oberförsters, fährt auf Reisen mit einem Herrn Weiß und nimmt an der örtlichen Frauenrunde teil, ohne sich jemals in der Kleinstadt ganz einzuleben. Fanny und ihr Sohn Toni entfremden sich zunehmend. Nach abgeschlossener Lehre zieht er in die Hauptstadt und bekommt ein Kind mit "der Freundin". Die Geburt der Enkeltochter macht Fanny zu einer alten Frau, die zuhause sitzt und darauf wartet, von dieser besucht zu werden. Das Unglück, das Fanny in Form des Gevatters Tod immer wieder im Garten herumstreichen sieht, sucht Fanny aber auch im hohen Alter immer wieder heim und holt alle Menschen, die Fanny etwas bedeuten, zu sich. Die Enkeltochter, die den Suizid ihres Vaters nicht verstehen kann, versucht, Fannys Schweigen zu beenden, und schenkt ihr ein Buch für die vielen Erinnerungen, die Fanny nun im Alter heimsuchen – paradoxerweise bleibt dieses Buch den ganzen Roman lang leer.

Ihren Erinnerungen ist Fanny von nun an ausgeliefert: Es ist ein zufälliges "Heraufspülen" von Gedächtnisfetzen, wie Fanny es nennt, das wir im Roman miterleben. Die meisten Erinnerungen zeigen sie als eine vom Leben Verletzte, die aber stets die Selbstkontrolle bewahrt. Nur manchmal kommen in der Leserin Zweifel auf: Sind diese Erinnerungsfetzen nicht auch von Fanny korrumpiert? Es fehlen wichtige, zentrale Bruchstücke von Fannys Biografie. Von den vielen Todesfällen erfahren wir immer nur aus einer anderen Situation zurückblickend. Selbst in diesem Ausgeliefertsein bewahrt Fanny die Kontrolle über viele ihrer Erinnerungen. Worte, um Fannys Gefühle in den vielen Krisen zu beschreiben, fehlen fast vollkommen. Und auf merkwürdige Art und Weise geschieht innerhalb der Erinnerungsfetzen immer wieder ein Bruch in der Erzählperspektive. Dann sehen wir Fanny nicht durch ihre eigene Linse, sondern durch die anderer Figuren. Und in der Gegenwart begegnet Fanny etwa der Jugendliebe ihres Bruders und muss feststellen, dass sie ihr Aussehen in der Erinnerung falsch eingeprägt hatte.

Genau diese Skepsis an der Authentizität der Erinnerungen macht den Roman von Freudenthaler so lesenswert. Es sind Auslassungen, die mitgelesen werden müssen, wenn ein dominanter Zensor den Prozess des Erinnerns hemmt. Es ist ein Zensor, den man im Roman mit dem Vater identifizieren kann. Fanny soll sich nicht in das melancholische Unbewusste unter der Küchenbank zurückziehen, sie soll aufrecht, stolz und stark im Leben stehen. Schon Freud hielt fest, dass Verzerren und Vergessen von Erinnerungen weder beim Erleben noch beim Speichern einer Erinnerung auftreten – sondern erst beim Erinnern selbst. In "Die Königin schweigt" wird die Leserin auf faszinierende Art und Weise Zeugin eines solchen Prozesses. Nicht nur die rekonstruierte Erinnerung ist Inhalt des Romans, auch das Rekonstruieren selbst und die physischen und psychischen Schmerzen, die dabei auftreten, beschreibt Freudenthaler sehr eindrucksvoll. Dabei entsteht ein sehr lesenswertes Porträt einer Frau, deren Leben – so tragisch es ist – sicherlich sehr beispielhaft für eine ganze Generation ist. Eine Generation, in der Gefühle kontrolliert und Erinnerungen verdrängt werden mussten; eine Generation, in der Bücher leer bleiben, und in der, wer Königin sein will, schweigen muss.

Tags

literatur, roman, freundenthaler