Neue Medien

1/2019 - Medien und frühe Bildung

Rezension: grungy nuts

von Andreas Unterweger

AutorIn: Johanna Lenhart

Johanna Lenhart rezensiert für die MEDIENIMPULSE Andreas Unterwegers (wahn)witzige Erzählungen aus dem Band "grungy nuts", die sich durchwegs um 17jährige drehen, und liefert so auch ein Kondensat von Unterwegers Gesamtwerk ...

Verlag: Droschl
Erscheinungsort: Graz
Erscheinungsjahr: 2018
ISBN 978-3-99059-021-8


Cover: grungy nuts von Andreas Unterweger
Quelle: Droschl

Die Erzählungen im neuesten Band des Grazer Autors und "manuskripte"-Mitherausgebers Andreas Unterweger drehen sich allesamt um 17-Jährige – allerdings um fürs Groteske und Absurde begabte 17-Jährige. Es geht um erste Beziehungen und die Entfremdung von der Familie, was aber um einiges weniger wichtig ist, als die erste WG und die dazugehörige Band oder der Kaffee, der in das junge Leben tritt und alles verändert. Nostalgisch wird es dabei selten und wenn, dann mit einem ironischen Augenzwinkern, etwa in der Titelerzählung "Grungy Nuts", die von der Gründung der gleichnamigen Band erzählt: "Nur so, denke ich, kann jemand wie Sie, wenn überhaupt, (zum Teil) begreifen: Was das denn für uns, Hans, Gomo, Long Dong und mich, damals, mit 17, bedeutete – eine Band zu gründen. Hans war der Frontman (Vocals, Flaschen), Gomo saß rechts von ihm (Bongs, Wasserpfeife), Long Dong dahinter (Chips, Dips, Burger), und ich: war der Roadie."

Handlungen – im herkömmlichen Sinne – sind in grungy nuts aber ohnehin kaum zu finden und werden von der/dem Lesenden auch bald nicht mehr gesucht, machen die wilden Sprünge und absurden Verknüpfungen doch ganz von selbst Vergnügen. Mehr als einmal funkt ein irrwitziger Deus ex Machina dazwischen oder es nehmen unterhaltsam verzwickt-exakte Satzkonstruktionen überhand – inklusive allerhand verschiedener Klammern als bevorzugte Satzzeichen, mit denen es sich buchstäblich in die Tiefe schreiben lässt: "Und dabei waren diese Schaumrollen, hieß es (nicht ohne Tränen) nicht, doch einzig und allein für den Sohn der Frau, die es (zumindest offiziell; zumindest nicht im Leben jenes Mannes [der offiziell {in Wirklichkeit} gar nicht bei ihr war]), gar nicht gab, bestimmt gewesen – ihren, wie  sie einmal mehr nicht bemerkte, »größten Trost und offenbar« (mit nassem Blick, der sich langsam vom Fensterbrett ab und dem [halb verhängten] Porträt des [verstorbenen] Gatten zuwandte), 'offenbar' ihren 'einzigen', 'verbliebenen' ... . Diesen ihren »So-ohn!«, wie sie das Wort nicht betonte, habe sie nun einzig und allein ihm – ihm, der 'nicht einmal da war, nicht einmal inoffiziell (capisci?)' [...]"

Die "Unterkellerungen", die inhaltlich in fast jeder Geschichte eine Rolle spielen, finden so auch eine typographische Entsprechung. Wohnungen sind oft zentral – sei es die Einzimmerwohnung von Mutter und Sohn, die in der charmant-schlüpfrigen Erzählung "Das Liebesleben der Meerjungfrauen" plötzlich von – naja – Meerjungfrauen bevölkert wird, das  Haus, in dessen "Untergrund" die Band probt und wohnt oder die WG, wo die Hinterlassenschaften ihrer Bewohner einen Bodensatz bilden und die Wohnung zur "Ausgrabungsstätte" mutieren lassen.

Gespickt mit Anspielungen auf alles Mögliche, die aber stets mit Humor und einer Begabung für absurde Kombinationen versehen sind, entsteht ein Karaoke-Chor aus verschiedensten Stimmen (Balzac, Celan, Coldplay, Nirvana – sehr viel Nirvana, wie es sich für 17-jährige des letzten Jahrtausends gehört –, um nur einige wenige zu nennen), die sich immer wieder verselbständigen und ausscheren, sodass auch hier oft witzig-absurde Verbindungen entstehen, wie etwa die Rilke/Wolfang Petry Collage am Ende von "Diving Deep": "Wer also, als Koffer schrie, hörte ihn denn: 'Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?'? ‚Hölle Hölle Hölle’, echote jene blonde, seltsam vertraute Frau."

Woher Teile der Inspiration für die (wahn)witzigen Sprachgebilde und assoziationsreichen Geschichten kommen, wird in einem weiteren Verweis im "Anhang", eine Art Nachwort, klar: "Erschöpft lehnen Sie Ihr Gesicht gegen die Wand -iii! Erst jetzt bemerken Sie, dass all die Rohre, die hier all die Wände bedecken (Kanäle? Stränge?!) von etwas Weichem, Glitschigem, ungeheuer Morschem überwachsen sind: Pilze! Schon die geringste Berührung, mit der Zunge etwa lässt sie zerfallen – und womöglich sind die Reihen der Steine (=Rohre [= Pilze]) ja deshalb in einer derart fixen, mathematisch erscheinenden Technik ('in strengen Sätzen', denken Sie) montiert. Erst jetzt wird Ihnen bewusst, dass die Pilze (=Rohre [= Steine]), sobald man an ihnen zupft, Klänge von sich geben.

Hofmannsthal lässt grüßen – aber auch ein Gestaltungsprinzip wird klarer: Hier wird versucht die fragile Sprache durch strenge, "mathematische", Konstruktion zu erhalten und gleichzeitig Platz zu machen für Klang, Rhythmus, Musik und so lässt sich etwa die Erzählung "Drain Sie (Hidden Track)" in einem ganz neuen Licht betrachten. Basierend auf dem mit Google Translate übersetzten Nirvana-Liedtext von Drain You schleichen sich in dieser Erzählung Klangstücke in den Text: "Ich dalachte an den Preis, den Müllmüllers Mamaschinen-Übersehetzuzuzung der (damamals!) noch unentschschlulüsselten Lalayrihics von Drain Yauou auf dem Schschulululhof erzuzielen wawürde… Und: Ich sah (bevor das Tor sich schschloss!) die Mamamüllmüllmülluerin – sah endlich klar: ihihr Angesihicht – und wie (kluncklunckluncklunckluncklunckluncklunckluncklunckluncklunckluncklunck!) der erste Pickehel auf dem Marmarmarmor ihrer Stirn sich abzuzeichnen begann."

Einfach zu lesen ist das nicht, ständig muss man Sätze und einzelne Wörter nochmal lesen und auf ihre Konstruktion hin untersuchen – ein Umstand, der auch im Anhang erwähnt wird: "Der Aufprall ist heftig. 'Leichte Unterhaltung' sieht anders aus, und niemand, nicht einmal ich, nähme es Ihnen übel, wenn Sie jetzt aufschrieen: 'Ich will abgeholt werden!'" Aber es lohnt sich, dran zu bleiben und sich überraschen zu lassen.

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literatur, erzählungen, unterweger