Neue Medien

1/2019 - Medien und frühe Bildung

Rezension: Aus Mangel an Beweisen

von Michael Braun / Hans Thill (Hg.)

AutorIn: Daniela Chana

Die Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin Daniela Chana rezensiert mit "Aus Mangel an Beweisen" eine Anthologie, die einen von vielen Autorinnen und Autoren präsentierten Überblick über die neueste deutsche Lyrik ermöglicht ...

Verlag: Wunderhorn
Erscheinungsort: Heidelberg
Erscheinungsjahr: 2018
ISBN: 978-3-88423-601-7

Cover: Aus Mangel an Beweisen von Michael Braun / Hans Thill (Hg.)
Quelle: Wunderhorn

Anthologien erfüllen in der Lyrik eine besonders wichtige Funktion. Schließlich nehmen längst nicht alle Verlage Lyrik überhaupt in ihr Programm, und wenn sie es doch tun, dann meist nur mit sehr wenigen Titeln pro Jahr. Aus diesem Grund veröffentlichen Dichterinnen und Dichter oft jahre- oder jahrzehntelang in Anthologien und Zeitschriften, ehe ihr "Debüt", also der erste eigene Gedichtband, erscheint. Auch nach der ersten selbständigen Publikation bieten Sammelbände eine wertvolle Möglichkeit, für das lyrische Schaffen Aufmerksamkeit zu erzielen. Der Band "Aus Mangel an Beweisen", herausgegeben von Michael Braun und Hans Thill im Wunderhorn Verlag, ist ein besonders ambitioniertes Projekt. 180 Lyrikerinnen und Lyriker geben sich auf über 300 Seiten die Klinke in die Hand, nebst einem theoretischen Teil mit poetologischen Essays. Gleich zehn Jahre sollen hier laut Untertitel abgebildet werden, nämlich "2008-2018".

Ambitioniert ist der Band aber nicht nur wegen der Zahl an Autorinnen, Autoren und Texten, sondern weil sich die Herausgeber außerdem die Mühe machten, Verbindungen zwischen den einzelnen Gedichten herzustellen. Der Band ist in Abschnitte gegliedert, deren Titel jeweils bestimmte Motive oder Bilder herausgreifen, die in den Texten unterschiedlicher Autorinnen und Autoren auftauchen. So entsteht das Gefühl eines Dialogs, das noch dadurch verstärkt wird, dass häufig zwei oder mehr Dichterinnen und Dichter sich eine Buchseite teilen. Die Gegenwartslyrik wird somit als eine Einheit, ein großes Ganzes wahrgenommen, von dem die Stimmen der einzelnen Lyrikerinnen und Lyriker jeweils Puzzleteile sind. Wie in einem Chatgespräch leuchten die Namen der Dichterinnen und dichter nacheinander auf, gefolgt von deren jeweiligen lyrischen Wortmeldungen. Viele melden sich mehrmals zu Wort, manche auch gleich zweimal hintereinander. Diese Methode ist charmant und reizvoll, weil sie einen guten Eindruck von der Gleichzeitigkeit der verschiedenen Stimmen in der gegenwärtigen Lyrikszene vermittelt. Beim Lesen entsteht dadurch eine verführerische Sogwirkung, wie man sie sonst (fast) nur von Romanen kennt. Der einzige Nachteil mag darin bestehen, dass mitunter auch ein kurzes Gedicht nicht sofort als Ganzes erscheint, weil es erst am Ende einer Buchseite beginnt und auf der nächsten Seite fortgesetzt wird. Ob Gedichte es vertragen, visuell geteilt zu werden, mag eine Geschmacksfrage sein. Eventuell wäre es doch ratsam gewesen, jedem Gedicht den Platz einer einzelnen Buchseite (oder mehr) für sich zu gönnen. Der Effekt eines Gesprächs oder kreativen Stimmengewirrs wäre dank der Reihenfolge der Texte dennoch erhalten geblieben.

Wer die Auswahl an Autorinnen, Autoren und Texten betrachtet, sollte nicht vergessen, dass Anthologien keine Lexika sind. Kein Sammelband der Welt wird jemals Vollständigkeit für sich beanspruchen können. Wer die gegenwärtige Lyrik kennt, wird naturgemäß auch in "Aus Mangel an Beweisen" einige Namen vermissen. Positiv hervorzuheben sind die sehr respektable Frauenquote und der hohe Anteil junger Autorinnen und Autoren. Die Aufnahme einiger (weniger) österreichischer und Schweizer Autorinnen und Autoren in die Anthologie legt die Frage nahe, ob es im Untertitel nicht vielleicht "deutschsprachige Lyrik" heißen hätte sollen anstelle von "deutsche Lyrik". In diesem Fall jedoch hätte der Anteil österreichischer und Schweizer Dichterinnen und Dichter um einiges höher sein müssen.

Die erfahrenen und gewissenhaften Herausgeber waren sich der Schwierigkeit ihrer Aufgabe durchaus bewusst. So schreibt Michael Braun im theoretischen Teil des Buches, dass es darum gegangen sei, "eine ebenso vorläufige wie irrtumsanfällige Bestandsaufnahme der lyrischen Schreibweisen im noch jungen 21. Jahrhundert zu erstellen." Gemeinsam mit dem Verleger Hans Thill hat der Literaturkritiker schon mehrere Lyrik-Anthologien herausgegeben und weiß daher sehr gut, welcher Anspruch an dieses Format realistisch ist.

Sehr verdienstvoll ist die Aufnahme poetologischer Essays in den Band. Eine bunte Auswahl an Lyrikerinnen und Lyrikern kommt hier erneut zu Wort und gibt erhellende Gedanken über Sprache, Schreiben, Dichten, Etymologie, Mehrsprachigkeit und Übersetzen preis. Dieser Einblick in aktuelle theoretische Diskurse rundet das Bild ab, das beim Lesen der Gedichte entsteht und liefert eine Fülle an Inspiration und Anregungen. Besonders hervorzuheben ist, dass jene Essays extra für die Anthologie geschrieben wurden, es sich also nicht um bloße Reproduktionen von bereits Bekanntem handelt. Das Gelingen einer Anthologie hängt nicht zuletzt davon ab, ob sie einen Raum schaffen kann, in dem Stimmen einander begegnen, sodass ein Lesevergnügen entsteht. Dies ist im vorliegenden Band auf jeden Fall bestens geglückt.

Tags

literaturgeschichte, deutsche lyrik, literatur