Neue Medien

1/2019 - Medien und frühe Bildung

Rezension: Tier und Film. Zur Modellierung anthropologischer Differenz

von Carlo Thielmann

AutorIn: Michael Burger

Die Entwicklung des filmischen Mediums wäre wohl ohne Tiere nicht möglich gewesen. Der Beginn der Kinematografie wird gemeinhin an den tierischen Bewegungsstudien von Eadweard Muybridge verortet. Carlo Thielmann hinterfragt die medial erzeugte Überlegenheit des Menschen gegenüber dem Tier ...

Verlag: Schüren Verlag
Erscheinungsort: Marburg
Erscheinungsjahr: 2018-11-11
ISBN: 978-3-89472-844-1


Cover: Tier und Film
Quelle: Schüren

Im Fokus der Arbeit steht der sogenannte "Tierfilm", ein von Thielmann selbst vorgeschlagener und sehr allgemein gehaltener terminus technicus, bei dem Tiere im Zentrum der sinnlichen, narrativen und textuellen Diskurse von Filmen stehen. Seine Überlegungen bauen wesentlich auf Giorgio Agambens Begriff der "anthropologischen Maschine" auf, mit dem die prinzipielle Prozessualität dessen, was der Mensch ist, gemeint ist und im Kontext von Thielmanns kultur- und medienwissenschaftlicher Studie zur Anwendung kommen soll.

Die im Titel benannte anthropologische Differenz zeigt somit an, dass die Kategorien "Mensch" und "Tier" fluide sind und filmisch-medial hergestellt werden (können). Folglich interessiert sich Thielmann anhand eines acht Filme umfassenden Korpus für ebenjene mediale Konstruktion von Mensch und Tier. Die Studie zielt in ihrem Kern auf einerseits die Destabilisierung des Filmes als ausschließlich dem Menschen vorbehaltenes Medium ab, andererseits soll über die leibphänomenologische Überlegung der Empfindsamkeit in der Filmrezeption die Diskrepanz zwischen Mensch und Tier verringert werden, wenn nicht gar verschwinden.

Die Arbeit besticht mit einem breiten theoretischen Fundament, auf dem unterschiedliche Theoreme aus den Bereichen Philosophie (vorwiegend Poststrukturalismus und Phänomenologie), Psychoanalyse, Kulturwissenschaft und Medientheorie synthetisiert werden. In umfangreichen Abschnitten werden die Theoreme eingehend erläutert, diskutiert und für das weitere argumentative Vorgehen der Arbeit hinterfragt. Die insgesamt fünf Thesensammlungen dienen nicht nur als pointierte Zusammenfassungen, sondern erleichtern auch die Orientierung innerhalb des bisweilen schwer zu durchblickenden Theoriekonglomerats.

Zunächst argumentiert Thielmann gegen eine Anthropozentrik des Filmes, obwohl die Superiorität des Menschen medial-kulturell hervorgebracht und auf diese Weise das Tier unterworfen wird. Zugleich befindet sich diese Übermacht auch immer in einem prekären Verhältnis, da "Mensch", "Tier" und "Natur" keine festgeschriebenen Kategorien sind. Genau in dieser Verunsicherung situiert Thielmann seine Arbeit und die prinzipielle Wirksamkeit der anthropologischen Differenz.

"Tier und Film" beweist die Plausibilität vor allem dann, wenn die Theorie mit den Filmanalysen enggeführt wird. Bezeichnend steht hierfür der Abschnitt über Empfindsamkeit im Kontext der Leibphänomenologie. Die dem Film inhärenten medialen Möglichkeiten sind prädestiniert, einen somatischen Lebenseindruck herbeizuführen und die Einfühlung in diese Kreatürlichkeit zu evozieren. In diesem sinnlich-affektiven Zustand werden letztlich die Grenzen zwischen den Spezies Mensch und Tier transzendiert, wie Thielmann anhand des Filmes "Gorillas im Nebel" ausführt.

Dass die Frage der Beziehung von Mensch und Tier immer auch Fragen der Macht, Gesellschaft und Politik sind, veranschaulicht Thielmann im Kapitel über die "Blutmythologie", in dem er der biopolitischen Konstruktion des Blutes nachgeht. Thielmann analogisiert den Topos des Blutes aus Vampirfilmen mit nationalsozialistischer Propaganda. Blut wird hier dem Menschen als Lebensgrundlage zugesprochen, während die Absenz bzw. Verunreinigung etwas Nicht-Menschliches bzw. Un-Menschliches hervorbringt. In "Nosferatu" ist dies der Vampir, in der nationalsozialistischen Ideologie das Judentum. Vor allem die kurzen Exkurse zur Schädlings-Metaphorik oder die Ausführungen zum NS-Tierschutz fügen sich sehr gut in die Argumentation ein und geben der Arbeit auch eine notwendig historische Perspektive. Ein wenig vermisst man – und das zieht sich als roter Faden durch die Arbeit – Reflexionen zur Diskrepanz der Darstellung des Filmtiers in dokumentarischen und narrativ-fiktionalen Filmen.

Die herausgearbeiteten Thesen werden im vierten Abschnitt zusammengeführt und zu einer "Philosophie medialer Anthropologie" gebündelt. Über den Begriff des Offenen, den Thielmann von Agamben entlehnt, wird für einen Wahrnehmungsmodus plädiert, der die Humanisierung des Tieres und die Animalisierung des Menschen beschreibt. Sobald die Differenz zwischen Film und Lebenswirklichkeit latent wird, entsteht Film als Raum, in dem alle Optionen offen sind; "Mensch" und "Tier" müssen deswegen stets filmisch-medial mit Bedeutung versehen werden.

Der ansonsten recht angenehme Lesefluss wird immer wieder durch Ausführungen zum weiteren Vorgehen und der Zielsetzung einzelner Abschnitte durchbrochen. Zudem werden einige Teilabschnitte mit einem Zitat beendet, ohne dass dieses eine weitere Bearbeitung erfährt oder in einen Zusammenhang mit dem Ausgeführten gestellt wird. Ebenso werden teilweise polyvalente Begriffe, wie beispielsweise Biopolitik, eingeführt, ohne diese zu reflektieren oder ihren Bedeutungsrahmen innerhalb der Studie näher zu erklären.

Carlo Thielmann liefert mit "Tier und Film" eine bemerkenswerte Studie ab, die sich in der Schnittmenge von Medien- bzw. Filmwissenschaft und Philosophie bewegt. Der Autor liefert keine Filmgeschichtsschreibung anhand der Mensch-Tier-Beziehung, sondern rekurriert in einzelnen Passagen auf historische Umstände der Filmproduktion und -rezeption. Vielmehr werden theoretische Felder formuliert und anhand eines Filmes exemplifiziert, wodurch die abstrakten Gedankengänge in eine konkrete Form gebracht werden. Dennoch nimmt die Theorie gegenüber den Filmanalysen erheblich mehr Raum in Anspruch. Etwas mehr Auflockerung der Theorieblöcke durch andere Diskurse, wie beispielsweise im Kapitel zur "Blutmythologie", hätte dem Werk keinen Abbruch getan. Als Dissertation richtet sich das Werk vornehmlich an ein Fachpublikum und ist deshalb einem interessierten Laienpublikum nur mit Vorbehalt zu empfehlen. Dennoch präsentiert sich Thielmanns Studie als lesenswerter, wenngleich anspruchsvoller Beitrag zu den Human-Animal-Studies mit interessanten Ansätzen für weitere Forschungsgebiete.

Tags

animal studies, tier, mensch, anthropologie