Neue Medien

1/2019 - Medien und frühe Bildung

Rezension: Durch Manhattan

von Niklas Maak und Leanne Shapton

AutorIn: Bianca Burger

Was passiert, wenn auf einer Karte von Manhattan eine Linie gezogen und entlang dieser die Stadt erkundet wird? Dieses Experiment wagten Niklas Maak und Leanne Shapton, die nicht nur das Erlebte, Gesehene und Gehörte aufschrieben, sondern sie auch illustrierten ...

Verlag: Hanser Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-446-25666-8


Cover: Durch Manhattan von Niklas Maak und Leanne Shapton
Quelle: Hanser

 

"One can't paint New York as it is, but rather as it is felt."
(Georgia O'Keeffe,  1925)

Wenn Menschen von New York sprechen, meinen sie oftmals eigentlich nur "Manhattan" – einen der fünf Stadtteile des "Big Apple". Es gibt unzählige Reiseführer zu dieser Stadt und diesem Stadtteil, der eine längliche Insel ist, die von zwei Flüssen begrenzt wird und immer wieder Mittelpunkt diverser Filme, Serien und Romane war. Was also soll über etwas geschrieben werden, über das es schon so viel gibt? Der deutsche Autor Niklas Maak, Journalist und Architekturkritiker, und die Illustratorin Leanne Shapton, die selbst unter anderem in New York City lebt, haben ihren ganz eigenen Weg gefunden: Sie haben sich einen Stadtplan gekauft und eine gerade Linie gezogen, derer sie zu folgen beschließen. Besagter Stadtplan findet sich auch am Ende des Buches zum Herausnehmen und Aufklappen, so kann der Weg noch besser nachvollzogen werden.

Es ging dem Autor und der Autorin darum, eben nicht nur an den berühmten Ecken vorbei zu kommen, sondern auch unbekannte und scheinbar unspektakuläre Gegenden zu entdecken und somit einen anderen Blick auf einen sonst sehr bekannten Stadtteil zu bekommen. Ihre Route führt sie von der Südspitze, dem Staten Island Ferry Terminal bis zur 22th Street, wo der Harlem River Manhattan von der Bronx trennt. Der Weg ist aber nicht, wie es scheint, zufällig, sondern er folgt der Siedlungsbewegung Manhattans von Süden, wo sie 1524 ihren Anfang nahm, nach Norden. Während andere Städte eine Siedlungsgeschichte haben, die einem geometrischen Muster folgen, war es bei Manhattan entlang der Linie von Süden nach Norden. Der Autor und die Illustratorin sehen Manhattan zudem als Abbild dessen, was in der Welt passiert. So heterogen die Vorkommnisse sind, so heterogen ist dieser Stadtteil und dem wird dieses Buch vollends gerecht.

Das Buch lässt sich keinem Genre zuordnen. Es ist sowohl Reisetagebuch, als auch Reiseführer, gleichzeitig hat es Roman- und Essaycharakter. Beschreibungen von Straßenzügen mischen sich hier mit aktuellen Überlegungen wie z. B. ob das Mobiltelefon das Ende der phonetischen Kommunikation fördert. Nicht immer gibt es zu den einzelnen Orten Texte, manchmal ist es auch nur ein Bild, ein Gedicht oder im Falle eines Teils des Central Parks die Auflistung der Bänke mit Namen und Inschriften. Für andere Abschnitte reichen die Beiträge auch über mehrere Seiten, immer wieder unterbrochen durch die überwiegend abstrakten Illustrationen im Aquarellstil, die grau, weiß, schwarz und orange gehalten sind.  Oft haben die Beiträge in dem knapp 200 Seiten starken Buch, die nur mit den Straßennamen bzw. Park- und Platznamen überschrieben sind, auch Reportagecharakter, wenn von Begegnungen mit Personen und deren Geschichten erzählt wird. Je nachdem, in welchem Teil sich der Autor befindet, ändern sich auch die Menschen, auf die er trifft. Hier gibt es gewisse Ähnlichkeiten zum Projekt "Humans of New York". Hierbei wird deutlich, um was für einen Schmelztiegel es sich bei Manhattan handelt – verschiedenste Kulturen und Traditionen treffen aufeinander und spiegeln in den einzelnen Abschnitten den Stadtteil wider. Dabei sind die Schilderungen nicht immer unkritisch und Straßenlaternen werden schon mal Überwachungskameras gegenübergestellt. Und eine Erzählung über Haarglättung wird zu einer kritischen Erzählung über erzwungene Anpassung. Wer sich nur für bestimmte Abschnitte oder Bereiche der Stadt interessiert, findet am Ende ein Inhaltsverzeichnis.

Es gelingt diesem buch historische Details mit der Aktualität perfekt zu verknüpfen. Es kommt zu keinem Zeitpunkt Langeweile auf, sondern jede Geschichte weckt die Neugierde auf die nächste. Besonders hervorzuheben sind die einfühlsamen und detailreichen Schilderungen einzelner Begegnungen, Erlebnisse und Umgebungen. Sie vermitteln einem das Gefühl, selbst an diesem Ort zu sein. Das Buch "Durch Manhattan" ist sowohl etwas für die Liebhaberinnen und Liebhaber dieser Stadt, aber auch für Menschen, die sich bisher nicht dafür interessiert haben. Es ist ein Buch, das das Leben und eine Stadt in all seinen Facetten widerspiegelt. Den Beiträgen gelingt es die jeweiligen Stimmungen einzufangen und zu transportieren. Das Werk verdeutlicht die Vielseitigkeit: von Einwanderergeschichten über Restaurants bis hin zu Werbung für Cool Sculpting und historischen Details ist hier alles vorhanden und zu Papier gebracht.

Das eingangs erwähnte Zitat der Künstlerin Georgia O'Keeffe über ihr Bild "New York Street with Moon" (1925) beschreibt am besten, was Niklas Maak und Leanne Shapton hier vorgelegt haben: sie haben es durch Text und die abstrakten Illustrationen geschafft, die vielfältigen Stimmungen einer Stadt einzufangen und zu transportieren.

Tags

manhattan, new york city, literatur