Praxis

1/2019 - Medien und frühe Bildung

Chaos macht Schule

Was ist das, wer macht das und warum machen die das?

AutorIn: André Igler

Andre Igler erzählt in den MEDIENIMPULSEN: Warum nehmen sich Mitglieder des Chaos Computer Club eigens frei, um an einem Vormittag mit Schülerinnen und Schülern – ohne Bezahlung – über Vorteil, Faszination und Gefahr des Internet zu diskutieren? ...

Ich kann mich noch daran erinnern, als ob es gestern war: Vor über vierzig Jahren, als ich noch frischer und junger Student der Kommunikationswissenschaften (auch bekannt als "Publizistik") in Wien war, wandte sich das damalige Unterrichtsministerium an unsere Studentenvertretung mit der Bitte um Mitarbeit beim so genannten "Medienkoffer".

Der Medienkoffer – vielleicht erinnert sich ja eins aus der geschätzten Leserschaft, der so wie ich schon etwas länger dabei ist – der Medienkoffer jedenfalls war ein Projekt des damaligen Unterrichtsministeriums, um Grundlagen für einen Unterrichtsbehelf für die letzten zwei Klassen der Oberstufen zu erarbeiten, dass den Schülerinnen und Schülern Medienkompetenz vermitteln sollte.

Wir Studenten waren Feuer und Flamme.

Knapp zehn Jahre zuvor waren wir noch als "Zeitungswissenschaften" bekannt gewesen, wir waren sozusagen der erste Jahrgang, der sich mit dem Kommunikationsmodell von Habermas beschäftigte und nicht mehr mit den Flugblättern des Vormärz und von 1848. Für uns war Medienkompetenz der Schlüssel zur Entwicklung und Vertiefung einer demokratischen Gesellschaft, wer aus der Kakophonie des eben erst begonnenen Informationszeitalters besser schlau werden konnte, würde sich auch zum besseren, weil besser und objektiver informierten Staatsbürger entwickeln.

Soweit die Theorie.

Die Praxis war deutlich zäher, vielleicht auch, weil man seitens des Ministeriums unserem Eifer für demokratiekritische Berichterstattung mit einer gehörigen Portion Skepsis begegnete. Auch bin ich überzeugt, dass der zuständige Ministerialrat zumindest anfangs Habermas für eine steirische Schuhmarke hielt und für unseren theoretischen Kommunikationansatz, komplett mit Kapitalismuskritik und jugendlichem Eifer gewürzt, wenig übrig hatte.

Ungefähr zur selben Zeit wurde – im damals sehr fernen Hamburg – der Chaos Compuer Club gegründet.

Ursprünglich waren es ein paar Nerds, die sich zu einer Art Schutzgemeinschaft zusammengeschlossen hatten. In den 70er Jahren herrschte noch Wickie, Slime und Paiper, wie das Nostalgiebuch gleichen Namens heute beschwört: Wickie war eine Zeichentrickserie, die im Fernsehen lief: Wickie und die starken Männer; Slime war eine Art Kunststoffgatsch, der unverständlicherweise in aller Munde respektive in aller Kinder Hände war, und Paiper war ein Eis, das sehr populär war. Was es nicht gab, waren Smartphones, Personal Computer und Social Media. Informationstechnologie war etwas für Banken und Versicherungen und geschah in dunklen Hinterzimmern mit riesengroßen Rechnern, die bedrohlich brummten, den Strombedarf einer mittleren Kleinstadt hatten und nur von einer selektiven Schar Spezialisten bedient werden konnten. Und darunter waren auch schon ein paar Technologiebegeisterte, die in ihrer Freizeit an technischen Geräten bastelten.

Wer es genau wissen will, kann die Details auf Wikipedia nachlesen. Fakt ist, dass sich der Chaos Computer Club von Anfang an der Informationsfreiheit verschrieb und – wie man in der Präambel zu seiner Satzung nachlesen kann – "ein neues Menschenrecht auf weltweite, ungehinderte Kommunikation" fordert, sich "grenzüberschreitend für Informationsfreiheit einsetzt und mit den Auswirkungen von Technologien auf die Gesellschaft sowie das einzelne Lebewesen beschäftigt".

Schon bald erkannte einer der Gründer, Wau Holland, wie wichtig es in diesem Zusammenhang ist, Kinder und Jugendliche zu informieren, was zu der Idee führte, spezielle Veranstaltungen für Jugendliche im Schulalter zu machen, um die eigenen Ideen zu propagieren. Wau Holland prägte auch den Namen dafür: Chaos macht Schule.

Übrigens, nur so als Nebenbemerkung: Das Chaos, das hier angesprochen wird, ist keineswegs das Durcheinander, als Gegensatz zur bürgerlichen Ordnung, obwohl es naheliegend wäre. Es ist vielmehr eine Hommage an den französisch-amerikanischen Mathematiker Benoît Mandelbrot und die von ihm gefundene Formel für die Mandelbrot-Menge, mit der das scheinbare Chaos eines Fraktals in eine genaue mathematische Definition gebracht werden kann. Mandelbrot hatte kurz vor der gemeinsamen Gründung des Clubs seine Untersuchungen publiziert.

Wenn das nicht augenblicklich verständlich ist, seien Sie nicht gekränkt, ich verstehe es auch nicht wirklich, aber ich bin ja auch kein Mathematiker. Fakt ist, dass das – scheinbare – Chaos eines Fraktals einer genauen mathematischen Definition unterliegt, eine wichtige Erkenntnis, die vor allem in den Aufbau großer Datenbanken und schlussendlich auch bei der Erforschung von künstlicher Intelligenz oder AI (artificial intelligence) eine wichtige Rolle spielte.

Seit mehreren Jahren gibt es einen Ableger von Chaos macht Schule auch in Österreich, beim Chaos Computer Club Wien, um genauer zu sein. Dabei geht es um – erraten – Medienkompetenz.

Ach ja: Hatte ich übrigens schon erwähnt, dass die Sache mit dem Medienkoffer vor vierzig Jahren relativ unspektakulär im Sand verlief und dass es ihn am Ende nie gab? Soviel zur Medienkompetenz an österreichischen Mittelschulen. Und zur Notwendigkeit, hier etwas zu tun.

Dabei ist es heute noch wesentlich wichtiger, im Dickicht der verschiedenen Meinungen im Internet genügend Kompetenz zu haben, um erkennen zu können, was Sache ist. Denn in klassischen Medien, wie wir sie seinerzeit noch studierten, gibt es wenigstens eine Chefredaktion, eine Redaktionskonferenz und eine gewisse Filterfunktion. Sprich: Wer die Presse aufschlägt, oder die taz, oder die Kronenzeitung, weiß ungefähr, was ihn erwartet, schließlich sind die ideologischen Positionen der jeweiligen Medien kein Geheimnis, im Gegenteil, man kann sie regelmäßig in Komentaren und Leitartikeln nachlesen. Im Internet fehlt das: Wer den blog, das Nachrichtenportal oder die Webseite betreibt, mit welchen Intentionen, wer dahinter steht und wer finanziert, ist selbst für erfahrene Profis nicht immer auf den ersten Blick erkenntlich. Und manchmal auch nicht auf den zweiten oder auch dritten, man denke nur an russische bots, die die US-Wahl beeinflusst haben sollen, an die Mietblogger aus Moldawien, an chinesische Hacker oder nigerianische Prinzen. OK, der Prinz aus Nigeria ist noch relativ leicht zu durchschauen, aber selbst auf den fallen noch genügend Menschen rein, wie man dann in der guten alten Zeitung nachlesen kann.

"Es geht um kritisches Hinterfragen der persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen", so ein Teilnehmer aus dem Umfeld des Wiener Clubs. "Ich will Sensibilität für Privacy und Sicherheit stärken und Medienkompetenz vermitteln" ist eine weitere Meinung, warum denn einzelne Mitglieder sich immer wieder den kritischen Fragen von Schülerinnen und Schülern stellen.

Eine andere Kollegin formuliert es so: "Was mich motiviert? Weil ich's wichtig finde, Themen wie 'Social Media', 'Fake News' oder 'Darknet' zu entzaubern: Sobald man näher hinschaut, haben die nichts 'geheimnisvolles' oder 'unnachvollziehbares' mehr, sondern sind zwar immer noch oft ungut, aber vollständig erklär- und nachvollziehbar. Und nicht zuletzt auch, weils einfach Spaß macht, mit Jugendlichen zu diskutieren."

Und ein dritter Kollege meint: "Weil ich es für ausgeprochen wichtig halte, dass Technik nicht mit Magie gleichgesetzt, sondern zumindest in Grundzügen verstanden wird, damit eine bewusste und halbwegs informierte Entscheidung über die Verwendung neuer Technologie möglich ist."

https://projekte.c3w.at/chaos_macht_schule

Bei Fragen bitte ein Mail an: schule@c3w.at

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medienfreiheit, mediendemokratie, c3w, medienkoffer, medienkompetenz, medienbildung