Editorial

4/2018 - Medienkompetenz und Medienperformanz

Editorial 4/2018: Medienkompetenz und Medienperformanz

AutorInnen: Alessandro Barberi / Alexander Schmoelz / Christine Trültzsch-Wijnen

Editorial 4/2018

Der Begriff der Medienkompetenz zählt zu den wichtigsten Grundbegriffen der Medienpädagogik. Seitdem Dieter Baacke ihn mit der Unterscheidung von Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung in den späten 1980er Jahren prägte, hat er nicht nur im akademischen Diskurs Konjunktur, sondern erreichte auch Politikerinnen, Politiker, Expertinnen und Experten den Alltag der Bürgerinnen und Bürger insgesamt. Dabei ist bemerkenswert, dass Baacke bereits in seiner Habilitationsschrift Kommunikation und Kompetenz (1973) deutlich darauf verwiesen hat, dass Kompetenz nur in der wirklich getätigten Praxis und Handlung der Performanz in Erscheinung tritt, so wie auch die Sprache empirisch nur im Sprechen wahrgenommen und untersucht werden kann.

Deshalb haben sich konsequenterweise in jüngerer Zeit im Rahmen der Medienpädagogik Diskussionen zur Medienperformanz ergeben, die davon handeln, dass etwa das kindliche Erlernen einer Sprache (und mit ihr des Kennenlernen der Regelmäßigkeiten einer gegebenen Gesellschaft oder Kultur und ihr gesamter symbolischer Gehalt) zutiefst damit verbunden ist, dass mit Kindern eben gesprochen werden muss, damit sie in der Folge die Sprache erlernen und verständliche Sprechakte vollziehen können.

Im Herzen all dieser Diskussionen findet sich mithin das linguistische und kommunikationstheoretische Problem der Erklärung von (Medien-)Kompetenz durch (Medien-)Performanz bzw. die Ableitung der Grammatik aus der gesprochenen Sprache. Dabei geht die fast schon klassische Diskussion dieses Gegensatzes – auch und gerade bei Dieter Baacke – u. a. auf die wichtigen sprachphilosophische Beiträge von Ferdinand de Saussure, Noam Chomsky, Pierre Bourdieu und Jürgen Habermas zurück, die – wenn auch in verschiedener Art und Weise – den Unterschied zwischen dem Regelsystem einer Sprache (Kompetenz) und seiner konkreten Aktualisierung (Performanz) diskutiert haben. Auch Debatten zu Diskursanalyse und zum Poststrukturalismus haben ganz in diesem Sinne mit der pragmatischen Ebene der Kompetenz zu tun, wenn wir etwa an Judith Butlers performativity denken. Aus heutiger Sicht ist es deshalb angesichts der Handlungsorientierten Medienpädagogik auch didaktisch (und politisch) von großem Interesse, ob man Lehrende und Lernende in ihren performances als gänzlich determinierte Oberflächeneffekte von institutionellen Strukturen oder Systemen begreift oder grundlegend davon ausgeht, dass Lehrerinnen, Lehrer, Schülerinnen und Schüler in ihren (Sprech-)Aktivitäten als Akteurinnen und Akteure schulische und berufsbildende Strukturen und Systeme (im sozialen Raum) intersubjektiv und (im medialen Raum) interaktiv reproduzieren und verändern können.

Dies hat gleichzeitig theoretische und praktische Konsequenzen, da es in didaktischen Settings buchstäblich entscheidend ist, ob – wie z. B. in der "programmierten Unterweisung" – das Machtgefälle in der Schulklasse und in der Berufsbildung mechanisch und behavioristisch erklärt oder das Verhältnis von Lehrerinnen, Lehrern, Schülerinnen und Schülern als (symbolische) Interaktion begriffen wird. Denn es macht einen großen Unterschied in der konkreten Unterrichtspraxis, ob man Menschen als Effekte von (unbewusst) vorgegebenen Regeln und Kompetenzen ansieht, oder sie in ihrer regelmäßigen Eigenaktivität und Performanz wahr- und damit ernstnimmt. Insofern handeln die aktuellen Diskussionen zu Medienkompetenz und Medienperformanz immer auch von den Spiel-, und Aktionsräumen der performativ Handelnden, die in ihrer Singularität, Spontaneität oder Kreativität in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken, indem die Individualität des Sprechens in den Fokus rückt.

Die Redaktion der MEDIENIMPULSE hat deshalb im Vorfeld dieser Ausgabe zu Medienkompetenz und Medienperformanz vorgeschlagen, Beiträge einzureichen, die sich an folgenden Fragen orientieren sollten:

  • Auf welche Art und Weise kann theoretisch und praktisch die Medienkompetenz als Medienperformanz begriffen werden?
  • Wie lässt sich der zu Konvention gewordene Begriff der Medienkompetenz um den der Medienperformanz medienpädagogisch so erweitern, dass sich daraus nützliche und anwendbare Modelle für die konkrete Unterrichtspraxis der allgemeinen und beruflichen Bildung ableiten lassen?
  • Welche linguistischen, sprachphilosophischen und kommunikationstheoretischen Bestände sollten aus der Sicht der Medienpädagogik und im Blick auf die Unterscheidung von Kompetenz und Performanz gesichtet werden, um Sprache und Sprechen in formellen und informellen Bildungskontexten angemessen begreifen zu können?
  • Welche methodischen Konsequenzen ergeben sich aus den aktuellen Diskussionen zu Performanz, performance und performativity in Theorie und Praxis der Klassen- und Arbeitsräume?
  • Was geschieht aus empirischer Sicht, wenn die Interaktionen zwischen Lehrerinnen, Lehrern, Schülerinnen und Schülern über die Performanz gedacht werden, die ihrerseits Voraussetzung für die didaktische Vermittlung verschiedener Fähigkeiten ist?
  • Wie lässt sich allgemeine und berufliche Bildung vom Kindergarten bis zur Hochschule so gestalten, dass die Sprechakte der Beteiligten, also ihre Performanzen, "auf gleicher Augenhöhe" stehen und welche – auch demokratiepolitisch relevanten – didaktischen Modelle liegen dafür vor oder können entworfen werden?
  • In welchen empirischen Kontexten wurde bisher Kompetenz über Performanz modelliert und "gemessen"? Welche Ergebnisse konnten dabei erzielt werden?

Ganz im Sinne dieser Fragen eröffnet Anke Redecker deshalb den Reigen im "Schatten der Performanz" um eingehend zu erläutern, welche Rolle das vielgestaltige Sinngewebe aus Können, Wollen, Zeigen und Verbergen in Lern- und Bildungsprozessen spielt. Ausgehend von Dieter Baackes Differenzierung zwischen sprachlicher Kompetenz und Performanz – die er im Sinne Chomskys kritisch und diskurspragmatisch gewendet hat – lässt sich so, an Bernhard Waldenfels anknüpfend, erläutern, dass die Performanz des Gesprochenen oder Geschriebenen eine nicht zur Sprache kommende Innenseite des Ausdrucks verbirgt, der eine Kompetenz anhaften kann, die es in pädagogischer Interaktion zu würdigen und zu fördern gilt. Redecker konstatiert dabei im Bezug auf die Theorie des Performativen von Judith Butler und im produktiven Rückgriff auf die Philosophie und Pädagogik Richard Hönigswalds, dass die Schattierungen der Performanz gerade dann an pädagogischer (und diskurspragmatischer) Bedeutsamkeit gewinnen, wenn davon ausgegangen wird, dass Lehrende und Erziehende auch nach klassischen Bildungsidealen Menschen anregen sollten, sich verstehend und urteilend zu anderen zu verhalten. Sie müssen sich zu ihnen auch im Sinne symbolischer Interaktion(en) in ein Verhältnis setzen und sich (selbst) auf diese Weise buchstäblich bilden. Die Autorin fordert in diesem Zusammenhang, dass Lernende nicht nur vor diskriminierender Sprachmacht geschützt werden sollten, sondern auch lernen müssen, sich durch Sprechakte und mithin durch die Sprache gegen Bemächtigungen und Unterdrückungen zur Wehr zu setzen. Sie plädiert damit insgesamt für eine medien- und speziell sprachkritische Herangehensweise, da diese nicht nur auf möglichen Machtmissbrauch aufmerksam machen, sondern ihn – zumindest in Grenzen – kritisieren, und ihm ganz im Sinne des Humanismus und der Aufklärung entgegenwirken oder ihn verhindern kann. Ein solches sprachkritisches Vorgehen im didaktischen Setting kann mithin auf einen verantwortlichen Umgang mit verschiedenen Schattierungen des Performativen medienpädagogisch aufmerksam machen.

Dieser Einsicht folgen auch Tobias Buchner und Alexander Schmoelz in ihrem luziden Beitrag zur Medienperformanz. Im Rahmen des partizipatorischen Forschungsprojekts "Inclusive Spaces 2.0 – Meine Schule, mein Block" wurde durch die Verwendung digitaler Tools sowie einem kreativen Design versucht, "critical spatial thinking" über das gemeinsame Forschen zu den Räumen von Schulen und Nachbarschaften zu befördern. Junge Menschen sollten durch kritisches Raumdenken dazu ermächtigt werden, in Räume eingelagerte soziale Ungleichheiten und Hierarchien zu analysieren, zu reflektieren und zu bearbeiten. Wie im Artikel gezeigt wird, verweisen die von Schülerinnen und Schülern produzierten Medienperformanzen auf ein spezifisches "critical spatial thinking" der jungen Personen. So werden im empirischen Teil des Beitrags verschiedene Medienperformanzen der involvierten Jugendlichen exemplarisch angeführt. Die Medienperformanzen legten die hierarchische Konstruktion von Räumen offen und erlaubten diese zu verhandeln. Insbesondere adultistische Raumordnungen, die den Jugendlichen bis zum Zeitpunkt des Projekts eher als selbstverständliche Strukturierung ihrer Umwelten erschienen waren, wurden mit Hilfe des Designs aus dem Dasein eines präreflexiven Raumverständnisses herausgehoben, thematisiert und hinterfragt. Das Bewusstsein darüber, starren adultistischen Raumregimen ausgesetzt zu sein, daran aber relativ wenig ändern zu können, kann allerdings, wie kritisch diskutiert wird, nur begrenzt als Empowerment erachtet werden. Am Ende des Artikels wird das Potenzial von "critical spatial thinking" aufgezeigt sowie die Inklusivität des im Projekt verfolgten medientechnologischen Designs diskutiert. Es zeigt sich, dass alle am Projekt beteiligten Forscherinnen und Forscher, unabhängig von schulischen Zuschreibungskategorien hinsichtlich ihrer Fähigkeiten, wie etwa angesichts des sonderpädagogischen Förderbedarfs, durch die digitalen Medien und didaktischen Settings an der forscherischen Auseinandersetzung zu den Räumen von Schulen und Nachbarschaften teilhaben konnten.

Wie bereits mehrfach betont, wird die aktuelle medienpädagogische Diskussion stark vom Konzept der Medienkompetenz dominiert, mit dem der Tendenz nach die Ebene der Performanz erläutert wird. Der Ansatz der Medienperformanz als Manifestation der kognitiven Dispositionen im konkreten auf Medien bezogenen Handeln ist demgegenüber aber unterbelichtet, für die Diskussionen zur handlungsorientierten Medienpädagogik aber mehr als relevant und von großer Bedeutung. Daher widmen sich Caroline Roth-Ebner und Nicole Duller in ihrem Beitrag eingehend der Medienperformanz, die sie ganz im Sinne dieser Schwerpunktausgabe als didaktisches Prinzip medienpädagogischer Handlungen an der Grenze von Theorie und Praxis begreifen. Die Autorinnen theoretisieren und diskutieren dabei, wie Performanz und Kompetenz in der medienpädagogischen Praxis und mithin in der konkreten Unterrichtssituation aufeinander bezogen werden können. Dabei wird die neuartig gewichtete Medienperformanz als didaktische Grundhaltung konzipiert, welche mit den habituellen Prinzipien einer handlungs- und d. i. immer auch alltagsorientierten Medienpädagogik korrespondiert. Am Beispiel des medienpädagogischen Projekts "Schaut her! Ich zeigs euch digital!" wird angesichts der Erfahrungen im Projekt gezeigt, dass die Schülerinnen und Schüler sehr gerne teilten, was sie in ihrer alltäglichen Mediennutzung beschäftigt, wobei sie auch ihre Sorgen und Ängste (performant) artikulierten. Medienperformanz bedeutet in diesem Sinne auf Seite der Pädagoginnen und Pädagogen, bzw. Erziehungsberechtigten, den Jugendlichen in ihrer Individualität und positiven Schaffenskraft ein Stück näher zu kommen, sich also empathisch und verständnisvoll zu geben. Aus dem dadurch entstehenden Vertrauensverhältnis kann dann auch in Problemlagen, die nicht unmittelbar mit Medien in Zusammenhang stehen, geschöpft werden. So wird in diesem Beitrag insgesamt das didaktische Potenzial des Medienperformanz-Ansatzes dargelegt, um den Transfer von Kompetenz zu Performanz zu erfassen und sowohl theoretisch als auch empirisch zu erforschen.

Angesichts der rezenten Diskussionen zu digitalem Wandel und Industrie 4.0. widmet sich ein kompetentes Expertinnen- und Expertenteam – bestehend aus Alexander Schmoelz, Ingolf Erler, Judith Proinger, Roland Löffler und Norbert Lachmayr (im Umfeld des österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung – öibf) dem Entwurf eines Kompetenzmodells für digitale Kompetenzen in der Berufsbildung, um das Problem der (Medien-)performanz auch von dieser Seite her anzugehen. Die Anforderungen an junge Erwachsene im dualen System werden dabei breit diskutiert, um zukünftige digitale Kompetenzen als zentrale Anforderungen an die diskursive und interaktive Vermittlung innerhalb der Lehre hochzuhalten. Der Beitrag systematisiert die dabei auftauchenden unterschiedlichen Anforderungen und entwickelt daraus zentrale Kompetenzbereiche für ein Modell digitaler Kompetenzen. Dazu werden bestehende Kompetenzmodelle auf deren Relevanz für die berufliche Bildung geprüft, die unterschiedlichen Anforderungen in Kompetenzbereichen ausformulierte und durch Interviews mit Fachexpertinnen und -experten validiert. Das Modell weist sechs Kompetenzbereiche auf: 1. Anwendungskompetenzen, 2. Informations- und datenbezogene Kompetenzen, 3. Digitale Kommunikationskompetenzen, 4. Entwicklungs- und Gestaltungskompetenzen, 5. Strategische Kompetenzen und Interdisziplinarität sowie 6. querliegende Schlüsselkompetenzen. Alle sechs Bereiche werden dann durch Beispiele für Wissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten erläutert. Dieses Kompetenzmodell stellt mithin ein valides Instrument dar, welches eine systematische Betrachtung bestehender Ausbildungen im Hinblick auf darin enthaltene digitale Kompetenzen ermöglicht und dadurch Weiterentwicklungspotenziale und -bedarfe offenkundig macht. Es kann somit einen wesentlichen Beitrag zur systematischen Weiterentwicklung von Ausbildungsordnungen und Lehrplänen leisten. Darüber hinaus ist auch ein Einsatz zum Design innerbetrieblicher und öffentlicher Aus- und Weiterbildungsprogramme im Bereich digitaler Kompetenzen denkbar.

In seinem provokanten, essayistisch verfassten Beitrag fordert Valentin Dander dann Grundannahmen heraus, die gängige medienpädagogische Modellierungen von Kompetenz – und damit korrespondierend Performanz – grundieren. Ausgehend von drei Texten erarbeitet er Argumente, die gegen eine individualisierte Interpretation von 'Können' ins Feld geführt wurden. In einem ersten Schritt referiert der Autor Auszüge aus der Raumtheorie von Henri Lefebvre, die im wesentlichen darin besteht, die soziale Produktion von Raum anhand von drei miteinander verschränkten Dimensionen analytisch zu fassen: Raumpraktiken, Raumrepräsentationen und Repräsentationsräume verweisen auf das Zusammenwirken von sozialen Strukturen auf materieller, praktischer wie auch auf symbolisch-konzeptioneller Ebene. Raumpraktiken beinhalten nach Lefebvre Kompetenzen und Performanzen der Subjekte in Relation zum sozialen Raum. Ähnlich liest Dander einen Artikel von Werner Sesink, der das Verhältnis von Kompetenz und Performanz anhand der individuellen Dispositionen – bezeichnet als 'Können (dispositiv)' – und faktischem Vollzug in Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ermöglichungsbedingungen – Können (performant) – fasst und in einen engen Zusammenhang stellt. Aus diesen Überlegungen schließt der Verfasser auf die Notwendigkeit für Medienpädagoginnen und -pädagogen, neben individueller (Medien-)Kompetenzförderung diese gesellschaftlichen Ermöglichungsbedingungen stärker in den Blick zu nehmen. Der dritte Theoriebaustein setzt bei den Arbeiten Pierre Bourdieus an, die Christian Grabau daraufhin befragt, wie im Bourdieu'schen Denken Kollektivierung, Politisierung, Habitus- und Feldtransformation denkbar sind. Der Begriff der 'kollektiven Konversion', der bei Bourdieu an wenigen Stellen fällt, dient als Angelpunkt für mögliche Antworten. Dander plädiert abschließend für einen Perspektivwechsel in der Medienpädagogik, der sich der skizzierten Momente – Räumlichkeit und Materalität sowie Kollektivität und Politizität – angemessen annimmt, und eine Reformulierung von Medienkompetenz nahelegt.

Auch das Ressort Forschung hat erneut hohe Qualität zu bieten. So analysiert Katrin Valentin mit ihrem Beitrag die relativ neue medienpädagogische Form der Video-Tutorials, die immer häufiger in Schulen, Hochschulen und Orten der beruflichen Bildung eingesetzt werden. In diesem Beitrag leistet die Autorin eine erziehungswissenschaftliche Herleitung des Phänomens und begreift Video-Tutorials als eine audiovisuell verdichtete Vermittlung prozeduralen Wissens. Auf diese Weise wird die zunehmend in den Fokus der Erziehungswissenschaft rückende ästhetische Dimension von Lehr-Lern-Prozessen und/als Bildungsprozessen im Sinne einer Mediensoziologie beschreibbar. Auf ganz unterrichtspraktischer Ebene liefert Valentins Artikel somit eine erste Grundlage für einen pädagogisch-didaktisch reflektierten theoretischen Umgang mit und den praktischen Einsatz von Video-Tutorials.

Corinna Massek, Kerstin Drossel und Birgit Eickelmann liefern den Leserinnen und Lesern der MEDIENIMPULSE dann eine geschlechtsspezifische Analyse zum schulischen Erwerb computerbezogener Kompetenzen in Tablet-Klassen. Aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen und der steigenden Relevanz eines kompetenten, selbstbestimmten und reflektierten Umgangs mit digitalen Medien ergeben sich auch für Schulen neue Herausforderungen, die mit der Frage zu tun haben, wie genau der Erwerb entsprechender Kompetenzen unterstützt werden kann. Der Beitrag fokussiert daher auf Grundlage eines Tablets-Projekts die Frage, ob die Einführung schülereigener Tablets den schulischen Kompetenzerwerb für Mädchen und Jungen tatsächlich unterstützt. Dabei betonen die Autorinnen, dass verstärkt Unterrichtsbeobachtungen oder Videostudien nötig sind, um hinsichtlich der genannten Potenziale des unterrichtlichen Einsatzes von Tablets insbesondere geschlechterspezifische Unterschiede im Erwerb von computerbezogener Kompetenzen genauer untersuchen und theoretisch fundiert erklären zu können.

Christian Kogler und Janne Länsitie berichten dann im Ressort Praxis über die Ergebnisse von Forschungsprojekten aus dem Umfeld der EDIT Educational Video Challenges, die von der Oulu University of Applied Sciences in Oulu, Finnland, und der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich in Linz, Österreich, vor fünf Jahren ins Leben gerufen wurden. Die internationale Online-Kooperation beschäftigt sich mit der Bedeutung von Video in der Lehrer/innenbildung und in der Schule. In limitierter Zeit haben dabei Lehramtsstudierende aus 11 Ländern Lehrvideos im sogenannten "Hackathon Style" produziert, die von einer internationalen Jury prämiert wurden. Der Artikel ist in englischer Sprache verfasst, da die beiden Autoren aus Finnland und Österreich kommen.

Eva Neureiter berichtet dann sehr praktisch von dem Medienprojekt "Wo ich wohne", das in einer Freinetklasse umgesetzt wurde. Ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem eigenen Wohnraum und den sehr diversen Wohnsituationen der Kinder wurden in diesem Rahmen Fotos und Plakate in der Volksschulklasse produziert. Eindrucksvoll beschreibt die Autorin die Entstehung und Umsetzung dieses Medienprojektes in einer Volksschule in Wien. Sie zeigt dabei auch auf, wie medienpädagogisches Arbeiten in einer Mehrstufenklasse gelingen kann.

Josefine Wähler und Maria-Annabel Hanke diskutieren dann in ihrem Praxisbeitrag die in der DDR prämierten pädagogischen Lesungen zwischen 1961 und 1989. Dabei erinnern sie unter anderem an eine Diktum von Margot Honecker aus dem Jahr 1970: "Für die Praxis forschen – aus der Praxis lernen" ... Gegenstand des Beitrags ist die Beschreibung einer rund 9.000 Titel umfassenden Sammlung aller zentral in der DDR prämierten Pädagogischen Lesungen der Jahre 1961 bis 1989. Neben der historischen Spezifität und heterogenen Zusammensetzung des unikalen Bestandes kommen die Funktion und der Gebrauch der Pädagogischen Lesungen im Rahmen des zentralen Weiterbildungssystems für Lehrkräfte der DDR zur Sprache. Der in der bisherigen Forschung weitgehend unbeachtet gebliebene Quellenbestand ist Teil der Sondersammlungen der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Berlin. Aus bildungs- und zeithistorischer Perspektive ist die wissenschaftliche Bearbeitung des Bestandes außerordentlich gewinnbringend.

Im Ressort Bildung und Politik berichten Nastasja Müller, Olga Engel und Thomas Knaus dann von der fra.Mediale 2018 und diskutieren Schnittstellen und Interfaces in der Medienbildung. Vor allem am Begriff des Interface sollte die Diskussion um Herausforderungen und Potenziale einer digital-vernetzten Welt für Bildungsprozesse neu entfacht werden. Die Autorinnen und der Autor rekapitulieren sowohl die Fachtagung als auch die Medienmesse, zu der das Frankfurter Technologiezentrum [:Medien]– erneut in Kooperation mit der GMK und der Initiative Keine Bildung ohne Medien – KBoM! lud, wobei erstmals auch die PH Ludwigsburg und die LPR Hessen dabei gewesen sind.

Auch das Ressort Kunst und Kultur ist mit André Schüttes Beitrag zur Konsumpädagogik wieder reich bestückt. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass das Konsumieren heute eine wichtige zu erlernende Kulturtechnik darstellt, rekonstruiert der Autor in seinem Beitrag die Geschichte konsumpädagogischen Denkens und deren grundlegende Begriffe und Konzepte. Mit Blick auf aktuelle konsumtheoretische Publikationen sowie auf zeitgenössische erziehungsphilosophische Ansätze werden diese konsumpädagogischen Begriffe und Konzepte einer Revision unterzogen und Erziehung zum mündigen Konsumieren neu gedacht.

"Nehmen Sie sich Zeit für Geschichte!" Rosa Danner, Eva Meran und Stefan Benedik widmen sich dann einem Geschichts-Laboratorium: Denn kürzlich hat das Haus der Geschichte Österreich seine Türen geöffnet und versteht sich als Ort der Interaktion und des Diskurses um Vergangenheit und Zukunft. Mehr denn je braucht es solche Lernorte, dich sich der kritischen Geschichtsvermittlung widmen. Die MEDIENIMPULSE haben sich zwei zentrale Bereiche genauer angesehen: die Vermittlungsarbeit mit Schulklassen und das Museum im virtuellen Raum. Lesen sie mit diesem Beitrag ein ausführliches Interview dazu mit Eva Meran (Kulturvermittlung) und Stefan Benedik (Web-Kurator).

Und auch für unsere Leseratten finden sich im Ressort Neue Medien wieder mehrere Rezensionen, die unser sorgsamer Ressortleiter Thomas Ballhausen für Sie zusammengestellt hat.

So bespricht Benedikt Schätz "Das sprachbegabte Tier" von Charles Taylor und diskutiert damit passend zu unserem Schwerpunktthema auch die Grundzüge des menschlichen Sprachvermögens. Denn Taylors großangelegte Studie zur Sprachphilosophie, die Sprache als fundamentales Element des Menschseins charakterisiert, nimmt in seinem beeindruckenden Gesamtwerk eine herausragende Stellung ein. Simon Nagy rezensiert dann "Arrival. Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes" von Ted Chiangy, dem preisgekrönten Science-Fiction-Autor, der regelmäßig mit dem argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges verglichen wird. Nagy hinterfragt dabei diese proklamierte Verwandtschaft und wirft einen genauen Blick auf die Konstruktionen von Zeitlichkeit im Werk der beiden Autoren Bianca Burger stellt dann "Floß der Medusa" von Klaus Heinrich, Religionswissenschaflter und Mitbegründer der freien Universität Berlin, vor und zeichnet so das Portrait einer faszinierenden Persönlichkeit nach, deren Leben zwischen Religion, Philosophie, Geschichte und Kunstgeschichte oszillierte. Last but not least hat Kathrin Heinrich das "Lexikon des Lebens" von Heinrich Hegewald gelesen und stellt dabei in diesem Zusammenhang interessante Verbindungen zu literaturgeschichtlichen Entwicklungen her. Dabei lässt sich dieses Lexikon nicht wie ein Roman lesen, sondern legt kreuz und quer Verbindungen und Linien frei, die einem Hypertext entsprechen.

Und bitte zücken Sie ihren medienpädagogischen Kalender! Wie immer und in bewährter Weise hat sich das gute und beste Herz der MEDIENIMPULSE, unser aller Chefin Katharina Kaiser-Müller, um die Orte und Zeiten gekümmert, an denen Medienpädagoginnen und -pädagogen sich treffen können, um u. a. zu diskutieren und so kompetente Gesprächsparterinnen und- partner kennenzulernen. So sind es gezählte neun Ankündigungen von medienpädagogischen Veranstaltungen, die uns nach dem Silvester ins Jahr 2019 begleiten werden. Ganz in diesem Sinne wünschen wir Ihnen geruhsame Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Mit herzlichen und kollegialen Grüßen,

Alessandro Barberi, Alexander Schmölz und Christine Trültzsch-Wijnen

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