Neue Medien

4/2018 - Medienkompetenz und Medienperformanz

Rezension: Das sprachbegabte Tier – Grundzüge des menschlichen Sprachvermögens

von Charles Taylor

AutorIn: Benedikt Schätz

Benedikt Schätz rezensiert Charles Taylors großangelegte Studie zur Sprachphilosophie, die Sprache als fundamentales Element des Menschseins charakterisiert und dabei eine zentrale Verortung im Werk des kanadischen Philosophen einnimmt ...

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-518-58702-7


Das sprachbegabte Tier – Grundzüge des menschlichen Sprachvermögens von Charles Taylor
Quelle: Surkamp

"Ein Bild hielt uns gefangen." – in dieser Formulierung Ludwig Wittgensteins findet Charles Taylor einen seiner Leitsätze. Viele von Taylors Studien sind vom Gedanken des Bildes getragen, das uns dermaßen im Bann hält, dass wir kaum in der Lage sind, es zu verstehen, es zu überschreiten oder es auf seine Grundlagen und Konsequenzen hin zu befragen. Ein Bild, das uns durch Tradition und Erfahrung gegeben ist und stetig die Leitlinien unserer Erfahrungs- und Lebenswelt bereitstellt, ist dermaßen selbstverständlich, dass eine Hinterfragung zu einem schwierigen Unterfangen wird. Was kann uns helfen, wenn das Bild, das uns gegeben ist, unsere Lebenswelt bestimmt und es uns unmöglich macht einen Schritt zurücktreten, um ein umfassenderes Bild von uns selbst zu erlangen?

Taylor wagt diesen Schritt zurück über weit- und tiefgreifende Lektüren, die es ihm erlauben, die Frage nach dem Menschen in der Lebenswelt der Moderne zu stellen – ein Thema, das er in sämtlichen Schriften, beginnend von seinen frühen Studien zu Hegel bis zu seinen jüngsten Publikationen, immer wieder neu erörtert. Selbst der politisch-praktisch wie auch sozialphilosophisch motivierte Aufsatz "Die Politik der Anerkennung" aus dem Jahr 1992 – der eine Debatte mit namhaften Sozialtheoretikern nach sich zog, weil Taylor die Unvereinbarkeiten von individuellen Freiheiten mit Ansprüchen des Universalismus in Bezug auf Minderheiten aufzeigt – argumentiert ideengeschichtlich zurückgreifend bis ins 18. Jahrhundert. Bei Taylor ist diese historisch weitumgreifende Arbeitsweise kein bloßes Rekapitulieren verschiedener Thesen aus dem Theorienset der Moderne, vielmehr leben seine Analysen von der Motivation die "sozialen Vorstellungsschemata" der Gegenwart zu ergründen und einer Kritik zu unterziehen, die auch konstruktives Agieren mit Gegenbildern einschließt.

Vor allem in seinem (bisherigen) Hauptwerk Ein säkulares Zeitalter zeigt Taylor in einer weitverzweigten Argumentation ein umfassendes Bild dieser Vorstellungsschemata, indem er das Bild, das eine moderne westliche Gesellschaft von sich selbst hat mit dem Bild das die Gesellschaft der beginnenden Neuzeit von sich hatte, kontrastiert und schrittweise in Beziehung setzt. Dabei zeigt Taylor auf, wie eine Gesellschaft, deren Glauben an einen christlichen Gott als eine Option neben anderen Möglichkeiten der menschlichen Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten gesehen wird, grundverschieden und doch fallweise in einem merkwürdigen Nahverhältnis zu einer Gesellschaft steht, in der Gott einen festen Platz im naturwissenschaftlichen Kosmos, im gesellschaftlichen Gefüge und im Alltag der Menschen hatte. Merkwürdig einprägsam sind etwa die Passagen, in denen Taylor zeigt, dass viele unserer heutigen, institutionalisierten Verhaltensweisen ein äquivalent in den religiös geprägten Riten der frühen Neuzeit haben, wir uns jedoch dessen im täglichen Umgang keineswegs bewusst sind. Häufig überlagert das Bild, das wir von uns selbst, der Religion oder anderen sozial relevanten Elementen haben, den eigentlichen Charakter bzw. den Ursprung dieser Phänomene. Im Rückgriff auf verschiedene philosophische, historische und vielfältige andere Quellen schafft Taylor einen weiten Diskursraum, der das Unmittelbare in neue Bezüge setzt. So ist es nicht überraschend, dass Taylor seine Studie zur Sprache auf analoge Weise anlegt, indem er das Individuum als in Sprache verwoben darstellt. Taylor findet in unserer gegenwärtigen Gesellschaft zwei Bilder bzw. Theorielinien der Sprachauffassung, die er von den Gründerlinien Hobbes, Locke und Condillac (HLC) bzw. von Hamann, Herder und Humboldt (HHH) kommend nachzeichnet.

Mit dem Kürzel HLC kennzeichnet Taylor diejenigen Konzepte von Sprache, die ihr vor allem einen deskriptiven Charakter zusprechen: Der Sprache wird hier die erstaunliche und mächtige Fähigkeit eingeräumt, Informationen kodieren und weitergeben zu können, also als Instrument der Kommunikation zu fungieren – ihr wird aber im selben Zug die weitreichenderen Fähigkeiten der Sinn-, Bedeutungs- und Subjektkonstitution bzw. -beeinflussung abgesprochen. Das HLC-Modell nimmt somit in "Das sprachbegabte Tier" die Rolle eines Standpunktes ein, der durch breiten Konsens in der gegenwärtigen Gesellschaft legitimiert ist, aber durch Einseitigkeit und unvollständige Reichweite innerhalb enger Schranken bleibt. Taylor verortet das Erbe dieser Theorielinie weitverbreitet in common sense und Selbstbild der Moderne, aber auch in weiten Teilen der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts. Somit gibt Taylor der Herkunftslinie HHH – in der er sich auch selbst sieht – den Vorzug: Im Erbe dieser Theorielinie wird Sprache als fundamentales Element des Menschseins gesehen, das Erfahrung formt, Bedeutung schafft und somit integraler Bestandteil des individuellen Selbst ist. Das Subjekt ist vorgängig in ein allumfassend sprachliches System eingebunden, das es erst in die Lage versetzt, sich zur Welt zu verhalten. Taylors Anspruch ist nicht eine besonders auffällige, anregende Facette dieser sprachlichen Situierung herauszuheben, sondern den "komplette Bereich der expressiv-konstitutiven Formen" in eine allgemeine Theorie zu integrieren, die sich zwar systematisch an Details abarbeitet, aber ein umfassendes Bild des Menschen in der Epoche der Moderne zeichnet. Nicht allein der Frage nach dem "Wie?" – im Sinne, wie "expressiv-konstitutiven Formen" das Menschsein bestimmen – geht Taylor nach, sondern vor allem auch das "Was?" – im Sinne, welche weitgefassten Folgen diese Formen haben bzw. welche gesellschafts-philosophischen Fragen sich rückgreifend auf diese klären lassen – verfolgt Taylor. Dementsprechend breit ist die thematische Streuung der Studie: Naturgemäß greift Taylor – abgesehen von weiten Passagen, in denen er unabhängig von Literatur eigenen Analysen wagt – auf die genannten sprachphilosophischen Strömungen zurück; aber auch Sprachwissenschaft, Entwicklungspsychologie oder Literaturwissenschaft – um einige herauszugreifen – werden breiträumig diskutiert. Erhellend sind Taylors Analysen vor allem dort, wo er sich keiner monothematischen Einschränkung beugt, sondern Motive miteinbezieht, die in sprachphilosophischen Studien allgemeinhin ausgespart werden. Die Zusammenführung expressiv-konstitutiver Sujets erlaubt eine konsistente Diskussion an sich heterogener Sujets: So kann eine Hermeneutik des Körpers (die Frage wie eine introspektive Inspiration – Gefühl, Affekt etc. – begrifflich gefasst werden kann oder der Körper selbst spricht – Körpersprache) neben der subjektiven bzw. kollektiven Sinn- und Bedeutungskonstitution (durch verschiedene Quellen wie Erfahrung, Kommunikation, Riten, Rezeption von Literatur etc.) und im weiteren neben sozial- bzw. gesellschaftsphilosophisch relevanten Themen (etwa Folgen der vorherige Fragen auf Ethos, Moral, Politik) bestehen. Diese umfassende Theorie löst nicht jedes Problem, das es anspricht, vielmehr zeigt sie, dass das Sprachvermögen vielfältig ist und als ein Ganzes zu sehen ist, dessen Elemente sich gegenseitig beeinflussen. Ein Grundzug des Taylor’schen Denken ist, zu zeigen, dass dualistische Konzeptionen zugunsten einer holistischen Argumentation entkräftet werden können: einzelne Elemente speisen sich aus anderen; es besteht keine scharfe Begrenzung zwischen einem thematischen Innen und Außen.

Auch die Frage nach Zustandekommen, Übertragung und Transformation individueller wie kultureller Bedeutung – worauf Taylors Studie letztendlich abzielt, spricht er doch von "der Entwicklung des Knäuels der Bedeutung" durch kulturelle Wechselspiele – wird hier durch vielfältige Quellen und Einflüsse – also einem holistischen Ganzen (das möglich nichts ausschließt) – beantwortet. Hier liegt eine werkarchitektonisch-thematische Anbindung zu den umliegenden Teilen des Gesamtwerks vor: Indem Taylor anderenorts oftmals die Wandlung des gesellschaftlichen Selbst- wie Gesamtbilds, unter Einbezug der Leerstellenbildung und Ersetzungsprozesse thematisiert, findet er hier den Motor dieser Entwicklungen. Sinn- und Bedeutungswandel transformieren das Bild von uns selbst, wie auch dasjenige der Gesellschaft; sie stellen nicht allein Mittel, sondern auch Zwecke der menschlichen Lebens- und Gestaltungsformen bereit, lassen diese verschwinden oder in veränderter Form weiterbestehen. Eine Reihe von Taylors Werken – allen voran Ein säkulares Zeitalter, aber auch Quellen des Selbst und weitere – haben diese Wandlungen des westlichen Selbstbildes eindrucksvoll nachgezeichnet und erhalten durch 'Das sprachbegabte Tier' eine ergänzende Ebene: " … [D]ie Entstehung der Sprache scheint ein sehr viel höheres Maß an Flexibilität ins Spiel gebracht zu haben, eine gewisse Fähigkeit zur Selbstveränderung, ja zur völligen Selbsttransformation, der bei anderen Tieren gar nichts entspricht." Diese Selbsttransformation steht in Relation mit Elementen, die Wirkung auf der gesellschaftlichen Makroebene entfalten: Ethik, moralische Grundregeln, Gruppenloyalität etc. Somit verortet sich "Das sprachbegabte Tier" in Taylors Gesamtwerk an einer zentralen Stelle; es finden sich viele thematisch ergänzende Passagen, die die vorhergehenden Studien erhellen. Nicht nur in werkarchitektonischer bzw. thematischer Hinsicht, sondern auch in Taylors Schaffensbiografie nimmt "Das sprachbegabte Tier" eine zentrale – sowohl zurückreichende wie auch vorausgreifende – Stellung ein.

Wie Taylor im Vorwort bekennt, liegt der Beginn der Arbeit oder ein jedenfalls ausgereifter Plan zu einem sprachphilosophischen Werk bereits seit den späten 1980er Jahren vor, wurde aber wiederholt zugunsten anderer Arbeiten unterbrochen bzw. aufgeschoben. Die bislang vier vorliegenden Aufsatzbände Taylors bestätigen, dass die Beschäftigung mit diesem Thema bis zu Beginn des genannten Jahrzehnts zurückreicht. Insbesondere der Band Human Agency and Language beinhaltet schon mehrere explizit sprachphilosophische Beiträge, von denen einer schon mit der Differenz zwischen HLC und HHH operiert und der letzteren den Vorzug gibt. Eine vorausgreifende Rolle nimmt die vorliegende Studie ein, weil sie sich als erster Teil eines größeren Projekts versteht und einen Folgeband ankündigt. Viele Stellen der vorliegenden Arbeit geben andeutungsweise Ausblick darauf, was noch folgen soll. Da Taylor nicht dazu neigt, seine Publikationen überstürzt zu veröffentlichen, ist ihm – und vor allem seiner Leserschaft – zu wünschen, dass er diese Pendant-Studie noch fertigstellen kann.

Ein Punkt des Anstoßes, der sich außerhalb der philosophischen Fachdiskussion fand, lautet, dass Taylor viele Themen aufgreift und ein Ganzes auf Kosten von Detailschlüssen bzw. -ergebnissen abhandelt. Dieser Vorwurf lässt sich mit Blick auf Taylors Absicht entkräften: Naturgemäß zeichnet eine Arbeitsweise, die dem Programm folgt, den kompletten Bereich der expressiv-konstitutiven Formen in eine allgemeine Theorie zu integrieren, eine breite Palette thematischer Bezüge nach. Genau hier liegt jedoch die Stärke der vorliegenden Studie: Zum einen ist das Bild, das uns Taylor von der Sprache vermittelt, umfassender und reicher als eines, dass wir uns (zumeist) ohne dessen Lektüre bilden könnten; andererseits liegt mit "Das sprachbegabte Tier" ein Werk vor, das durch seine thematischen Bezüge sowohl eine zentrale Stellung in Taylors Gesamtwerk wie auch im Diskurs der Sprachphilosophie einnimmt. Zudem hat die Rezeption seiner Arbeiten gezeigt, dass der weite Fokus entscheidende Impulse zu Detailfragen – etwa zu Hegel oder William James – nicht ausschließt. "Das sprachbegabte Tier" ist somit sowohl als Einstiegs- wie auch als weiterführende Lektüre zu empfehlen.

Das sprachbegabte Tier – Grundzüge des menschlichen Sprachvermögens

Von Charles Taylor

Tags

taylor, sprache, sprachphilosophie, mensch, tier