Neue Medien

4/2018 - Medienkompetenz und Medienperformanz

Rezension: Lexikon des Lebens

von Wolfgang Hegewald

AutorIn: Kathrin Heinrich

Kathrin Heinrich hat Wolfgang Hegewalds bemerkenswertes "Lexikon des Lebens" für die Leserinnen und Leser der MEDIENIMPULSE rezensiert und stellt in diesem Zusammenhang interessante Verbindungen zu literaturgeschichtlichen Entwicklungen her ...

Verlag: Matthes & Seitz
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-95757-449-7


Cover: Lexikon des Lebens von Wolfgang Hegewald
Quelle: Matthes & Seitz

Wie erzählt man eine Lebensgeschichte? Welche Stationen, welche Ereignisse, welche flüchtigen Momente sind dabei wichtig genug, um aufgeschrieben zu werden – oder gar entscheidend für ihren weiteren Verlauf? Was schon für Biographen eine Herausforderung darstellt, potenziert sich in der Betrachtung der eigenen Lebensgeschichte. Dass der Blick des Schriftstellers auf die eigene Vergangenheit dabei unmöglich unverstellt, dokumentarisch oder objektiv sein kann, zeigt die Literatur nicht erst seit der Moderne. Unter Genrebegriffen wie "Life-Writing" und "Autofiktion" diskutiert die Literaturwissenschaft seit dem 20. Jahrhundert jenes Phänomen, die Realität des (eigenen) Lebens zur Fiktion zu machen, beide gleichsam miteinander zu verweben. Hier lassen sich insbesondere seit der Postmoderne stilistische Alternativformen zur chronologischen Herangehensweise der ‚klassischen‘ Autobiographie finden: Kindheit, Jugend, Erwachsenenleben.

Eine derartige Aneinanderreihung von Stationen – die in ihrer vermeintlich kausalen Abfolge der Lebensgeschichte narrativen Sinn einhauchen sollen – sucht man auch in Wolfgang Hegewalds jüngstem Buch vergeblich. Das 2017 bei Matthes & Seitz Berlin erschienene Lexikon des Lebens des deutschen Schriftstellers unternimmt den Versuch, ein Leben zu vermessen – von A bis Z, in Form einer Enzyklopädie. Dadurch ist ein Werk entstanden, das sich einer präzisen Charakterisierung widersetzt: Es als Autobiographie zu bezeichnen, wäre gleichzeitig übertrieben und zu kurz gegriffen; über einen schlichten Kurzgeschichtenband oder eine Anekdotensammlung geht es jedoch bei Weitem hinaus. Formal gibt es vor, lexikalisches Nachschlagewerk zu sein, im Kern ist das Lexikon des Lebens jedoch vielmehr eine Stilübung zur Natur des Erzählens – im Allgemeinen und vom Leben des Autors im Besonderen. Denn auch wenn Hegewald nicht in der ersten Person erzählt, sondern seine Protagonisten je nach Buchstaben des Lexikoneintrags Achim, Bertram oder Zacharias nennt, so durchleben diese doch jene Stationen, die der Leser im rückwärtigen Klappentext als offizielle Biographie Hegewalds studieren kann: 1952 in Dresden geboren, studierte er Informatik und Theologie bevor er 1983 endlich die DDR verlassen und nach Hamburg übersiedeln konnte. 1984 wurde er beim Bachmann-Preis ausgezeichnet, 1987 war er als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom und leitete schließlich ab 1993 das Studio für Literatur und Theater an der Universität Tübingen. Seit 1996 ist er Professor für Rhetorik und Poetik an der HAW Hamburg.

Eine karge Aneinanderreihung von Verdiensten, die eine Lebensgeschichte auf wenige Zeilen verdichtet. Dass das wirklich Wichtige eigentlich zwischen diesen Zeilen geschrieben steht, davon erzählen Hegewalds Lexikoneinträge. Sie erheben die flüchtigen Momente auf die gleiche Stufe der in Stein gemeißelten Errungenschaften und spiegeln so die Natur des Lebens wider, ohne Werturteile zu fällen. Denn, so weiß der Klappentext, "das Lexikon ist ein gerechter Beobachter. Es kennt die Tücken der Liebe ebenso wie die einer Zylinderkopfdichtung." Wie ein vorangestelltes Motto zitiert der erste Eintrag "Ach" das alte Lied Michael Francks: "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig / ist der Menschen Leben! Wie ein Nebel bald entstehet / und auch wieder bald vergehet, / so ist unser Leben, sehet!"

So stellen die Lexikoneinträge vermeintlich Nebensächliches von verschiedenster Couleur und Umfang nebeneinander. Unter A wie Adressbuchpuzzle kann man in etwa einseitigen Miniaturen die Geschichten diverser Wohnorte mit ihren ulkigen Straßennamen, schrulligen Vermieterinnen oder schrägen Raufasertapeten erlesen, während unter E nur knapp notiert wird: "ETW M. WUGULA: Eierteigwaren mit Wurstgulasch. Abendländische Eingeborenenspezialität. Freital um 1960."

Unter jedem Eintrag finden sich Querverweise zu anderen Schlagwörtern, hier wird der Leser weitergelotst zu P: Parole, einem absurden Kurzbeitrag, der sich über die Losungsworte amüsiert, die man "in Bremen, Georgia [und] Freital, Sachsen" benötigte um zum Versammlungssaal der Kameraden Zutritt zu erhalten. "Sie wurden in der Zentrale ersonnen – wo jeder einen Pflichtkurs Deutsche Komposita absolviert hatte – und durch Kuriere zugestellt. >>Sauerkrautendlösungskuchenblechschweinedarm<<! Willkommen, Kamerad!" Die Komposita, diese so spöttelnd hervorgehobene Eigenart der deutschen Sprache, sind dabei auch eines von Hegewalds liebsten literarischen Werkzeugen. Er ist ein emsiger Wörtererfinder, oder präziser: Wörterzusammenschrauber. Nicht nur durch sie gelingt es ihm, die feinen Bilder und Metaphern zu kreieren, die seine literarische Sprache auszeichnen.

Das Selbstverständnis als Schriftsteller wird dabei immer wieder thematisiert, ob in der "autopoetologischen Skizze Ferner Hegewald" oder im Eintrag Sieger: "Wie der letzte verblendete und verblödete Idiot der alphabetisierten Welt hielt Samuel an seiner platonischen Idee vom Schriftsteller fest, bis sein innerer Illusionsozean sauer wurde und umkippte. Einer, der die Wörtlichkeit als Teil seiner Triebstruktur erfährt. Ein hingerissener Stammgast im zwielichten Variété der Grammatik. Ein geduldiger Satzbauarbeiter am Weinberg des Herrn der Literaturgeschichte. So etwa dachte Samuel vom Schriftsteller." Illustriert wird das Lexikon des Lebens durch 27 Kohlezeichnungen von Anke Feuchtenberger. Die durchgehend in schwarz-weiß gehaltenen Abbildungen nehmen jeweils eine ganze Seite ein, stehen in keinem offensichtlichen Zusammenhang zu den umliegenden Lexikoneinträgen und sind jeweils mit einem Satz untertitelt. So liest man unter der im Buchstaben P eingeschobenen Zeichnung eines leeren Betts, deren zerwühlte Kissen und beiseite geschobene Decke durch die groben Striche und starken weißen Glanzlichter düster wirken, Folgendes: "Die Geheimniskrämerin legte eine Visitenkarte auf den Spieltisch und ging." Ein Satz, der sich jedoch an anderer, knapp hundert Seiten entfernten Stelle im Eintrag Geheimniskrämerin wiederfindet. Hegewald versteht Feuchtenbergers Zeichnungen als eigenständige Einträge des Lexikons, als eine Ergänzung hin zur methodologischen Pluralität, als Aufforderung zur Schaulust: "Schau hin, bis es sich zeigt. Bis es erscheint. Was? Es bedeutet, was es bedeutet," notiert er auf seinem Blog.

Bereits in Vorgängerwerken beschäftigte sich Hegewald gattungskritisch mit dem Genre (Auto-)Biographie. In Fegefeuernachmittag. Mein Leben. Von ihm selbst erzählt. (2009) lässt er den Erzähler (hier als Nathan Niedlich hinter dem „Pseudonym W.H.“ posierend) metaisierend postulieren: "Ich verspreche hoch und heilig, daß in diesem autobiographischen Stückwerk zwar oft vom Schreiben, von Zusammenhängen aber selten oder nie die Rede ist." Diese Selbstreflexivität potenziert das Lexikon bereits durch seine Form, ebenso wie durch die intertextuellen Querverweise, die sich – mal als solche ausgewiesen, mal implizit – wie ein Netzwerk über die Lebensgeschichte(n) legen. Es macht also Sinn, hier mit dem gleichlautenden Aufsatz des Literaturwissenschaftler Ansgar Nünning von Metaautobiographien zu sprechen, eine Gattung von Werken, die "insofern paradigmatische Vertreter einer gesteigerten Selbstreflexivität sind, als sie traditionell Gattungsgrenzen verwischen und den Fokus vom Erzählen einer Lebensgeschichte auf die epistemologischen und methodologischen Probleme richten, die beim Verfassen einer Autobiographie entstehen."

Die gewählte alphabetische Form des Lexikons bringt dabei widersprüchliche Implikationen mit sich, wie die Literaturwissenschaftlerin Monika Schmitz-Emans in Wörter-Bücher. Überlegungen zur Poetik alphabetisch strukturierter Texte festhält: Einerseits steht es für die Fragmentierung von Wissen, das bruchstückhaft dargeboten wird, wodurch es "indirekt auf die Bruchstückhaftigkeit allen Wissens, sowie auf die Partikularität, Zersplitterung, Fragmentierung der Welt selbst als Gegenstand des Wissens" verweist. Andererseits steht das Alphabet als in sich geschlossene Ordnung auch für die Idee der Vollständigkeit – das von A bis Z alles zu erfahren sei.

Wenn Nünning metaautobiographische Literatur als Gattungskritik sowie Gattungsgedächtnis bezeichnet, "da diese nicht nur die Produktions- sondern auch Rezeptionserwartungen der Autobiographie ins Bewusstsein führen", so ist hervorzuheben, dass Hegewald mit dem Lexikon in doppelter Weise Gattungskritik übt: an der Gattung der Autobiographie gleichwohl wie an jener der Enzyklopädie. Vielmehr als um die bloße autofiktive Darstellung des eigenen Lebens geht es Hegewald um die Darstellung der Unmöglichkeit ein Leben zur Gänze zu kartographieren, zu sortieren und lexikalisch abzulegen – ob nun das eigene oder ein fremdes –, indem er das Format des Lexikons ad absurdum führt. Er zeigt, dass jedes Leben ein zerrissenes ist – in den Einträgen spiegelt sich auch die Zerrissenheit des geteilten Deutschlands und die daraus resultierende Erfahrung einer fragmentierten Heimat wider.

"In der Ära des trostlos schlauen Internets ist ein Lexikon auf Papier ein kapriziöser Anachronismus und kann nur ein einziges Argument für sein Dasein geltend machen: seine Schönheit, die Ausdruck eines Weltwissens jenseits bloßer Informiertheit ist," bemerkt Hegewald selbst zu seiner Wahl der enzyklopädischen Form. Diese Schönheit ist es, die das Lexikon zu einem Vergnügen macht, auch – oder ganz besonders – da sie auch in der haptischen Gestaltung des Buchs zum Ausdruck kommt. Das Lexikon des Lebens ist ein Buch für Liebhaber literarischer Kunststückchen, in das man gerne hineinblättert, sich treiben lässt; beim Versuch, es wie einen Roman in einem Fluss zu lesen, hätte man jedoch Mühe. Einem solchen Unterfangen verweigert sich das Lexikon konsequent, indem es einen mit Querverweisen kreuz und quer, und manchmal auch in die Sackgasse führt.

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lexikon, biographie, hegewald