Neue Medien

3/2018 - Literaturvermittlung/Digitale Literarizität, Literalität und Literaturproduktion

Rezension: Grundriss der Literaturwissenschaft

von Stefan Neuhaus

AutorIn: Roland Pagani

Roland Pagani rezensiert für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE eine nützliche Publikation zu den Grundlagen der Literaturwissenschaft und zeigt, dass der Autor Stefan Neuhaus auch für MedienpädagogInnen ganz Praktisches zu bieten hat ...

Verlag: utb
Erscheinungsort: Stuttgart
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3825247980


Cover: Grundriss der Literaturwissenschaft
von Stefan Neuhaus
Quelle: utb

Kein Germanistikstudium kommt ohne Literaturwissenschaft aus. Mit dem Grundriss der Literaturwissenschaft lässt uns Stefan Neuhaus an seiner langjährigen literaturvermittelnden Erfahrung partizipieren und liefert uns eine umfangreiche und ausgewogene Basis für unsere weitere Auseinandersetzung mit diesem Thema. Im ersten Kapitel schafft es Neuhaus, mit äußerst humorigen Beispielen einen Zugang zu Versmaß, Strophen und lyrischen Kategorien zu schaffen, der Spaß und Lust auf mehr macht. Dieser Umstand vermag beinahe darüber hinwegzutrösten, dass es hier eine Vielzahl an Fachtermini zu lernen gibt, die leider nicht so eingängig sind wie die erwähnten Beispiele.

Auch im zweiten und dritten Kapitel zeigt Neuhaus sein Fingerspitzengefühl, was die Auswahl an Textbeispielen samt dazugehörigen Erläuterungen betrifft. Die unterschiedlichen Erzählformen werden in diesen Kapiteln ebenso behandelt wie die Dichtergattungen und deren Untergattungen. Diese Kapitel sind ein sehr guter Einstieg in die Bewertung von Texten und lehren uns einen tieferen Blick in die Materie.

Neuhaus erweist sich dabei als Meister der Beispieltexte und so ist die Lektüre dieses Bandes für Lernende und Lehrende mit Sicherheit eine gute Entscheidung, um die literaturwissenschaftlichen Grundlagen des Germanistik-Studiums durchzuarbeiten oder zu unterrichten. So geht Neuhaus in diesem vierten Kapitel auf die Entwicklung und Diversität des Dramas ein, wobei sich zu Beginn ausgehend von einem engen Regelkorsett bald die unterschiedlichsten Formen dieser maßgeblichen literarischen Gattung ergeben. Die Kategorisierung dieser Formen bildet daher auch den Kern dieses Kapitels.

Die Vielzahl an Erscheinungsformen von Literatur jenseits des klassischen Buches stellt den Inhalt des nächsten und fünften Kapitels dar, das gerade aus medienpädagogischer Sicht von besonderem (Erkenntnis-)Interesse ist: denn neben der klassischen Form des Textes berücksichtigt der Autor eingehend Film, Fernsehen, Hörspiel und Songtexte, erläutert diese ausführlich und geht auf das gegenwärtig viel diskutierte Problemfeld der Digitalisierung von Archiven und Texten ein. Insgesamt lässt auch dieses Kapitel, das natürlich auch auf die inneren Dynamiken des Internet eingeht, dieses Buch sehr modern und aufgeschlossen wirken.

Die Produktion von anspruchsvollen Texten besteht dabei nicht einfach nur aus linearem Schreiben, vielmehr erfordert die Herstellung von Literatur einen äußerst komplexen und oft auch langwierigen (medialen) Gestaltungsprozess, der verschiedene Phasen durchläuft. Zahlreiche Bezüge und Querverweise werden hergestellt, rhetorische Stilmittel verwandt und Motive verwoben. Die Techniken, die hierzu nötig sind, aber auch die unterschiedlichen Figuren und Tropen, werden im sechsten Kapitel anschaulich erläutert, wodurch auch die klassischen Formen der Rhetorik nur darauf warten, theoretisch und praktisch in der konkreten Unterrichtssituation umgesetzt zu werden.

Das siebte Kapitel widmet sich eingehend der Literaturgeschichte, einzelne Epochen wie beispielsweise "Sturm und Drang", "Klassik" und "Biedermeier" werden beleuchtet, jedoch wird auch immer wieder erwähnt, dass man mittlerweile von einer starren Einteilung absieht und die Grenzen der Zuordnung immer mehr verschwimmen. Neuhaus beschreibt dabei luzide die sozial- und gesellschaftspolitischen Hintergründe der einzelnen Epochen und stellt natürlich auch einige beispielhafte Autoren und deren Werke vor.

Auf die Frage, was denn kanonisch sei, oder ob es denn überhaupt eines Kanons bedarf, geht das achte Kapitel ein. Kriterien für literarische Schönheit werden aufgezeigt und hinterfragt, zuletzt werden auch wieder einige Beispieltexte analysiert, um so den aktuellen Diskussionen zur Ästhetik eine nützliche Grundlage zu schaffen. Wo Triviales endet und hohe Literatur beginnt wird, so Neuhaus durchaus berechtigt, immer strittig bleiben.

Das neunte und vorletzte Kapitel bietet einen umfangreichen, aber dennoch relativ kompakten Überblick auf die gesamte Literatur-, Kultur- und Medientheorie. Auf politisch motivierte Literatur wird hier genauso eingegangen wie auf die Methoden der Literaturkritik, den sozialen Einfluss auf die Gesellschaft oder die Luhmannsche Systemtheorie, um nur einige Beispiele herauszugreifen. Dabei werden unzählige Fachbtermini und für die Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaften relevante Begrifflichkeiten meist ausreichend erklärt, wobei sich eine intensive Lektüre lohnt, um intellektuell in den Genuss eines ungestörten Leseflusses zu kommen.

So kann gerade aus der Perspektive der Literaturvermittlung abschließend festgehalten werden, dass die Überlegungen und Zusammenfassungen von Neuhaus größten Nutzen für Studium, Forschung und Lehre entfalten können, worauf der Autor im letzten Kapitel seiner Grundrisse breit zu sprechen kommt. Neben zahlreichen Praxistipps und Literaturempfehlungen geht Neuhaus auf mögliche Stolpersteine ein und gibt auch und vor allem Studierenden wertvolle Hinweise, wie man selbige zu überwinden in der Lage sein kann.

Insgesamt haben wir es mit einem Werk zu tun, das sein Versprechen, eine Basis für das Literaturstudium zu sein, mehr als erfüllt und zudem durch die wohlgewählten und witzigen Beispieltexte auch immer wieder ein Lächeln in die Gesichter der LeserInnen zu zaubern vermag. So kann der Band – über Fachkreise hinaus – all jenen LeserInnen nur nachdrücklich empfohlen werden, die sich für Literatur und Literaturwissenschaft begeistern können und das Wissen über Selbige vertiefen wollen. Stefan Neuhaus hat mit seinem Grundriss der Literaturwissenschaft eine solide Basis für Lernende und Lehrende geschaffen, um in die Diskussionen zu Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft(en) einsteigen zu können.

Tags

literaturvermittlung, literaturwissenschaft, kultur, medien