Kultur - Kunst

3/2018 - Literaturvermittlung/Digitale Literarizität, Literalität und Literaturproduktion

Leseförderung und Literaturvermittlung in öffentlichen Bibliotheken

AutorIn: Katharina Portugal

Katharina Portugal fasst ganz praktisch den kulturell mehr als wichtigen Bereich der Leseförderung und Literaturvermittlung in öffentlichen Bibliotheken zusammen und liefert den LeserInnen der MEDIENIMPULSE dabei auch eine beeindruckende Linkliste ...

Abstract

Katharina Portugal ist Mitarbeiterin des Büchereiverbandes Österreichs und stellvertretende Chefredakteurin der Büchereiperspektiven. Sie gibt im Folgenden einen kleinen Einblick, mit welch unterschiedlichen und teils sehr unkonventionellen Zugängen öffentliche Bibliotheken die Lust am Lesen und an Literatur bereits bei Kindern und Jugendlichen wecken ...


I. Einleitung

Lesekultur zu etablieren, Möglichkeiten und Anlässe zum Lesen zu bieten, Lesevergnügen zu wecken oder den Zugang zu Literatur zu ermöglichen – das alles liegt im Handlungsbereich von kulturellen Institutionen außerhalb des Schulsystems.

Vieles davon leisten öffentliche Bibliotheken: Sie bieten Bilderbuchkinos, Lesenächte, Leseprogramme und vieles mehr. Ihre große Stärke liegt unter anderem darin, dezentral Zugang zu Lesemöglichkeiten zu bieten, auch für jene, die sich nicht in Städten mit einer großen Auswahl an kulturellen Institutionen befinden.

Stellvertretend für die Bandbreite an Projekten werden hier einzelne Beispiele herangezogen, um Konzepte mit verschiedenen Ansätzen zur Leseförderung und Literaturvermittlung vorzustellen.

II. Lesesozialisation

Frühe Leseerfahrungen können prägend sein, sie festigen die Einstellung zum Buch oder stufen durch (fehlende) Lesevorbilder die Wichtigkeit des Lesens ein. Sie beeinflussen somit, ob die Aktivität Lesen auch mit Spaß verbunden ist, und schaffen dabei die Grundlage für Lesegewohnheiten. Umso wichtiger ist die frühe Leseförderung.

Im Zuge des Projekts "Buchstart: mit Büchern wachsen"[1] des Österreichischen Bibliothekswerks[2] erhalten im Burgenland seit 2014 Babys im ersten Lebensjahr eine Buchstart-Tasche in der nächstgelegenen Bücherei. Die Erfahrungen mit diesen Maßnahmen in einigen Bibliotheken waren so positiv, dass sich der Landesverband Bibliotheken Burgendland entschloss, ein flächendeckendes Buchstart-Projekt in enger Kooperation mit dem Österreichischen Bibliothekswerk umzusetzen. Ziel der Aktion ist es, unter anderem das Vorlesen vermehrt und von Beginn an in den Alltag von Familien zu integrieren – dies wird durch das Buchgeschenk ganz aktiv gefördert.

Dabei wurde festgestellt, dass das Angebot regelmäßiger Eltern-Kind-Treffen besonders genutzt wird. Zu diesen Treffen, bei denen immer ein Bilderbuch im Zentrum steht, erscheinen nicht nur die Eltern mit den Babys, sondern auch Onkel und Tanten, Omas und Opas. Familien aus Eltern-Kind-Gruppen borgen vermehrt Bücher und andere Medien aus. Sie erzählen ihre Erfahrungen weiter und bringen Geschwisterkinder, die ganze Familie und Freunde – auch aus anderen Gemeinden – in die Bibliotheken und somit zum Buch. "Bücher, Vorlesen und Bibliotheken werden somit von allen Beteiligten mit positiven Gefühlen verbunden. Ältere Kinder lesen ihren kleinen Geschwistern vor, Großeltern kommen zu den Büchermäusen und entdecken spannende Impulse zum Vorlesen, Singen und Spielen mit der Sprache sowie aktuelle Bilderbücher," so Ursula Tichy, Projektleiterin von "Buchstart Burgenland: mit Büchern wachsen".[3]


"Buchstart" fördert das Vorlesen im Alltag von Familien von Beginn an
Foto (c) BVÖ/Andrea Klem

III. Lesemotivation

Es ist wichtig, dass sich unabhängige, außerschulische Institutionen dafür einsetzen, dass ein niederschwelliger Zugang – unabhängig von familiären, strukturellen oder politischen Settings – zu Büchern geboten wird. Das Lesen selbst und gute Lesekompetenzen zu erlangen ist vor allem eines: Übung. Je lieber man etwas tut, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man es auch wiederholt. Nur durch innovative und einfallsreiche Aktionen und Initiativen kann bei zögerlichen LeserInnen, die ob der eigenen Fähigkeiten unsicher sind, Lesemotivation geweckt werden.

Die Öffentliche Bücherei Neustift initiierte ein "Literaturcafé für Jugendliche",[4] um literaturinteressierten jungen Menschen einen Treffpunkt im Dorf zu ermöglichen. Ingrid Hofer, Lehrerin der NMS und Leiterin der Bücherei, sprach ehemalige SchülerInnen an und konnte sie für das Projekt motivieren. Ein Kernteam, bestehend aus zwei Mädchen und drei Burschen, wurde gebildet. Dabei wurden die Jugendlichen wirklich in alle Phasen der Planung eingebunden. Die Jugendlichen wählten selbst Bücher aus, gestalteten eine Leseecke in der Bibliothek und überlegten ein Programm für das Literaturcafé. Sie sahen gemeinsam Literaturverfilmungen an, nahmen an einem "Speeddating mit Büchern" teil und führten eine Schreibkonferenz durch. Die den Jugendlichen zugestandene Eigenverantwortung funktioniert als großer Anreiz, weckt Begeisterung in der Auseinandersetzung mit Büchern und schafft gemeinschaftliche Leseerfahrungen.

Auf unkonventionelle Art und Weise führt die Bücherei Wimpassing zum Buch – in Begleitung von Lamas. 2003 fand die erste Bilderbuch-Lamawanderung mit 10 TeilnehmerInnen statt, bei einer Wanderung im Vorjahr waren es bereits 100 Kinder und Erwachsene. Bei der 15. Wanderung im Sommer 2018 verwandelte das kreative Team der Bücherei den Wanderweg in eine Tagträumerei mit verspielten Stationen rund um das Bilderbuch "Es gibt so Tage…" vom burgenländischen Autor Heinz Janisch (mit Bildern von Helga Bansch). Auf dem Weg konnte mit selbst gebastelten Fernguckern der "Dschungel" erkundet, Kunststücke vorgeführt und den Schatten Farben gegeben werden.[5]

IV. Spielerische Literaturvermittlung

Im Rahmen der BVÖ-Veranstaltung Herbstlese(n) 2017 stellte Rachel van Kooij Konzepte vor, wie Jugendliche für Bücher begeistert werden können, darunter ein "Escape the Room"-Spiel.[6] Dabei geht es darum, innerhalb einer vorgegebenen Zeit Rätsel zu lösen, um aus einem Raum zu "entkommen". Neben der Leseanimation bietet es auch eine optimale Option ausgewählte Literatur zu vermitteln. Zu Beginn erhält die Gruppe Hinweise, mit deren Hilfe sieben Bücher gefunden werden müssen. In jedem Buch befindet sich ein Zettel, auf dem eine Frage und eine Buchseite notiert sind. Die Seite muss gelesen werden, um die Frage zu beantworten. Auf diese Weise müssen die Jugendlichen alle Lösungen finden. Jeder Antwort ist eine Ziffer zugeordnet, sodass am Ende ein Zahlencode entsteht, der benötigt wird, um freizukommen. Wenn die Gruppe mit dem ersten Hinweis nicht weiterkommt, gibt es zwei weitere Hinweise, die in Anspruch genommen werden können – das kostet aber wertvolle Zeit, die abgezogen wird. Bei den verwendeten Büchern handelt es sich um ausgewählte Werke der Jugendliteratur, die nicht nur zum Rätsellösen einladen, sondern auch auf die Lektüre neugierig machen.

V. Vielfältige Angebote des Büchereiverbandes Österreichs

Bibliotheken haben die Möglichkeit, eine Kultur des Lesens zu etablieren, Lesekompetenzen zu stärken, Literatur zu vermitteln und Lesegewohnheiten zu festigen.

Der Büchereiverband Österreichs unterstützt Büchereien bei dieser Arbeit der Leseförderung und Literaturvermittlung. Eine Auswahl an Angeboten des Büchereiverbandes Österreichs zur Leseförderung und Literaturvermittlung:

  • "Wir lesen!", das Leseportal des Büchereiverbandes Österreichs, bündelt Lesekampagnen, didaktische Materialien und viele weitere Angebote, die die Freude am Lesen auf kreative und innovative Weise fördern, in einem Webportal: www.wirlesen.org

  • "LESERstimmen – Der Preis der jungen LeserInnen" ist ein vom Büchereiverband Österreichs organisiertes Kinder- und Jugendliteraturfestival. Ein Beirat nominiert zwölf Werke der Kinder- und Jugendliteratur, deren AutorInnen und IllustratorInnen in Österreichs öffentlichen Bibliotheken lesen werden: www.bvoe.at/serviceangebote/literaturvermittlung/leserstimmen

  • Weiters bietet der Büchereiverband Österreichs Fortbildungsreihen mit Terminen in allen Bundesländern, die sich mit Literaturvermittlung und Leseförderung auseinandersetzen. Informationen dazu sowie die Skripten zu den Fortbildungen finden sie online unter: www.bvoe.at/aus-_und_fortbildung/fortbildung/leseakademie bzw. www.bvoe.at/aus-_und_fortbildung/fortbildung/herbstlesen.

  • Infos zu Medienboxen finden Sie im Bestellservice des BVÖ: www.bvoe.at/bestellservice

Für alle, die neugierig geworden sind, hier eine Liste mit den vorgestellten Beispielen sowie eine Auswahl weiterer Projekte zur Leseförderung und Literaturvermittlung österreichischer Büchereien:


[1] Projekt "Buchstart: mit Büchern wachsen" www.buchstart.at/

[2] Österreichisches Bibliothekswerk www.biblio.at/

[3] Das Projekt "Buchstart Burgenland: mit Büchern wachsen" wird vom Landesverband organisiert und mit finanzieller Unterstützung des Familienreferats umgesetzt.

[4] Literaturcafe für Jugendliche in der Bibliothek Neustift www.bvoe.at/news/oeffentliche_buecherei_neustift_literaturcafe_fuer_jugendliche

[5] Bilderbuch-Lamawanderung in Wimpassing www.wimpassing.bvoe.at/album/15-bilderbuch-lamawanderung

[6] HERBSTLESE(N) 2017: Jugendliche in die Bibliothek! Von Büchermuffeln zu Leseratten. Die Möglichkeiten der Büchereien, Gedanken und Anregungen von Rachel van Kooij www.bvoe.at/sites/default/files/attachments/skriptum_rachel_van_kooij.pdf

(letzter Zugriff bei allen Links am 13.09.2018)

Tags

bibliotheken, literaturvermittlung, links