Neue Medien

3/2018 - Literaturvermittlung/Digitale Literarizität, Literalität und Literaturproduktion

Rezension: Sexualität und Widerstand – Internationale Filmkulturen

von Aylin Basaran, Julia B. Köhne, Klaudija Sabo und Christina Wieder (Hg.)

AutorIn: Raffaela Rogy

Das Gesamtwerk von Frank Stern ist für viele Filminteressierte aus dem eigenen Handapparat nicht wegzudenken. Zu seinem 75. Geburtstag haben sich deshalb hochkarätige FilmanalytikerInnen versammelt, um ihn zu würdigen. Raffaela Rogy rezensiert den eben erschienenen Sammelband …

Abstract

Der Sammelband „Sexualität und Widerstand. Internationale Filmkulturen“ legt sein Augenmerk auf die Repräsentations- und Inszenierungsweisen verfilmter Sexualitäten und verbindet dabei die Topoi Sexualität(en), Körperpolitik(en) und Widerstand miteinander. Die Besonderheit der Beiträge besteht nicht nur in dem Konglomerat aus Film-, Medien-, Kultur- und Literaturwissenschaft, Geschlechterforschung, Zeitgeschichte sowie sexualwissenschaftlichen und medizinhistorischen Ansätzen, sie sind vor allem zu Ehren von Frank Stern und dessen Forschungsarbeit in den Bereichen deutsch-jüdischer und österreichisch-jüdischer Literatur- und Filmgeschichte verfasst worden.


Verlag: Mandelbaum
Erscheinungsort: Wien/Berlin
Erscheinungsjahr: 2018
ISBN: 978-3-85476-826-5


Cover: Sexualität und Widerstand
von Aylin Basaran, Julia B. Köhne, Klaudija Sabo und Christina Wieder (Hg.)
Quelle: Mandelbaum

"Er betreibt wissenschaftliche Erinnerungspolitik über das Medium des Films, den er spezifisch als Energieträger öffentlicher Erinnerung liest", schreibt Andreas Huyssen über Frank Stern, dessen akademischem Wirken im Vorfeld seines 75. Geburtstags der Band "Sexualität und Widerstand. Internationale Filmkulturen" gewidmet ist. In einem interdisziplinären Wechselspiel, das sich von der Film-, Medien- und Literaturwissenschaft sowie Kultur- und Zeitgeschichte bis hin zur Religions- und Sexualwissenschaft, Psychologie und Geschlechterforschung erstreckt, untersucht die vorliegende Anthologie (politisch) widerständige Formen von Sexualität, Geschlecht und Körper seit den Anfängen des Films. In ihren einleitenden Worten erstellen die Herausgeberinnen Aylin Basaran, Julia B. Köhne, Klaudija Sabo und Christina Wieder einen ersten chronologischen Abriss widerständiger Sexualitäten im Filmischen und spannen einen Bogen von den Saturn-Filmen der frühen Wiener Filmkultur (1906–1911) bis hin zur postkolonialen afrikanischen Filmkunst seit den 1960er Jahren.

Den Anfang macht Katrin Pilz, die sich den in Wien entstandenen medizinischen Aufklärungsfilmen der 1920er Jahre und den folgenden Debatten über die sexuelle Aufklärung durch visuelle Inszenierungen zuwendet. Der Beitrag von Karin Moser verortet sich in den 1920er und frühen 1930er Jahren und verhandelt die Neupositionierung und Selbstbestimmung der Frau im Film – eine Rebellion, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Die aus Filmstills der 1910er bis 1930er Jahre bestehende Bildcollage "Experiment: Projektionenserie" von Barbara Eichinger verbindet die Mehrdeutigkeit von Bild und Schrift sowie das Spannungsverhältnis zwischen den Geschlechtern. Isabel Capeloa Gil arbeitet die Filmtheorie der 1930er Jahre auf und führt dabei Busby Berkeleys und Siegfried Kracauers Sichtweisen zur visuellen Konstruktion des Sozialen ins Treffen. Auf dieser Zeitachse der Filmhistorie darf auch Sergej Eisenstein nicht fehlen, dessen Werk sich zwischen Erotischem und Politischem ansiedelt und dem sich Peter Grabher in seinem Aufsatz verschrieben hat.

Dass bedrückende Themen wissenschaftspolitisch gesehen zugleich wichtig sind und besonderer Aufarbeitung bedürfen, beweist zum einen der gemeinschaftlich verfasste Beitrag "Sex als Tauschmittel – Beispiele aus Mauthausen" von Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr, die von sexuellen Hierarchisierungen und Ausbeutungen im NS-Konzentrationslager Mauthausen berichten sowie Julia Barbara Köhnes eingehender Beitrag "Absentes vergegenwärtigen", der sich mit der visuellen Sichtbarmachung des Fötus und der Thematik des Schwangerschaftsabbruchs im Film seit den 1960er Jahren auseinandersetzt. Am Filmbeispiel von "Johnny Guitar" (1954), in dem bestehende Geschlechterrollen durchbrochen werden, analysiert Klaus S. Davidowicz das Westerngenre im zeithistorischen Kontext. Nach Japan verschlägt es Gerda Klingenböck, die Hiroshi Teshigaharas "Die Frau in den Dünen" (1964) im Hinblick auf eine mögliche Beziehung zwischen Mann und Frau auf engstem Raum untersucht. Die Auseinandersetzung mit dem jugoslawischen Kino haben sich Anna Schober mit ihrem Beitrag zur Novi film-Bewegung seit den 1960er Jahren, Klaudija Sabo mit ihren Ausführungen zum politisch motivierten Film "Rani Radovi" (1969) und Andreas Filipovic mit seinem Artikel zu dem weniger bekannten Film "Lepota Poroka" (1986) von Živko Nikolić zur Aufgabe gemacht. Wie ein Film Widerstand durch den Tanz zum Ausdruck bringen kann, erkundet Christina Wieders Analyse zu Fernando Solanas’ Film "Tangos. El Exilio de Gardel" (1985).

Angekommen in den 2000er Jahren ist man bei Kobi Kabaleks Aufsatz, der filmischen Zombie-Erzählungen sowie der Frage nach sexueller Anziehung durch die Humanisierung von Untoten nachgeht. Den "filmästhetischen Widerstand gegen die symbolische Ordnung" deutet Monika Bernold in ihrer Analyse zu Maren Ades Film "Toni Erdmann" aus dem Jahr 2016. Zwei Studien, die sich thematisch überschneiden, sind Marietta Kestings Untersuchung zu Beyoncés Musikvideo "Lemonade" (2016), das sich unter anderem reflexiv auf die Kategorie race bezieht, und die Arbeit von Aylin Basaran und Justin Leggs zu dem Superheldenfilm "Black Panther" (2018), der in Bezug auf Gender- und Machtdispositive im Blockbusterkino neue Weichen gestellt hat. Weitere künstlerische Beiträge kommen von Sonja Gassner, die am Beispiel ihrer eigenen Öl-Malerei mit dem Titel "Come on Baby, Light my Fire" Sexualität und Widerstand als Grundmotive der Malerei ausmacht, und von Thomas Ballhausen, der in seinem poetischen Text "Wie man Körper wahrnimmt. Eine Einübung nach Lukrez" schreibt: "Alles was versprochen ist, ist ein Buch, ganz lebendiger Körper der Literatur".

Wie inszeniert das Medium Film das Zusammenspiel von Sexualitäten, Widerständigkeit und Körperpolitiken? Dieser Frage geht der internationale und interdisziplinäre Sammelband auf umfassende Weise nach, indem Formen von Sexualität, neue Räume für sexuelle Orientierungen und die damit verbundenen Ausführungen des Widerstands von den AutorInnen auf zahlreichen Plätzen der Filmgeschichte aufgespürt werden. "Sexualität und Widerstand. Internationale Filmkulturen" versteht sich als Anthologie zu Ehren von Frank Stern und zeichnet sich nicht zuletzt durch die gut strukturierten Beiträge der AutorInnen aus, die teils in deutscher, teils in englischer Sprache verfasst sind. Sie behandeln sowohl schockierende als auch hoffnungsfrohe Zeiten der (Film-)Geschichte, erkennen den unbekannten wie publiken Filmen gleichermaßen Bedeutung zu und bringen den LeserInnen speziell durch die künstlerischen Arbeiten innovative Perspektiven der Interpretation sowie diverse Sprachformen des Widerstands näher.

Tags

frank stern, filmgeschichte, filmanalyse