Neue Medien

3/2018 - Literaturvermittlung/Digitale Literarizität, Literalität und Literaturproduktion

Rezension: Der Wille zum Schönen

von Michael Musalek

AutorIn: Simon Nagy

Den Willen zum Schönen stellt Michael Musalek in seinem gleichnamigen Text als eine dem Menschen innewohnende Ur-Kraft vor, deren Kultivierung unsere unschöne Gegenwart zu einer schönen zu gestalten vermag. Simon Nagy rezensiert das zweibändige Werk für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE …

Verlag: Parodos
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-938880-71-5 und 978-3-938880-88-3


Cover: Der Wille zum Schönen
von Michael Musalek
Quelle: Parodos

Als ästhetische Theorie, die ein Gegenprogramm zur Ideologie der Verdinglichung darstellen möchte, kündigt sich Michael Musaleks zweibändiger Wille zum Schönen in den einleitenden Worten an. Der Autor diagnostiziert unserer Gegenwart einen dogmatischen Hyperkapitalismus, in dem nicht mehr Genuss, Freude und Liebe, sondern Erfolg, Spaß und Exzess die Maximen unseres Handelns darstellen. Das Ästhetische, das für Musalek mit dem Schönen gleichbedeutend ist, wird im Neoliberalismus zum Ornament degradiert. Es dient in konsumierbarer Form zur erholsamen Abrundung des Arbeitstages, jeder autonome Wert wird ihm dabei aberkannt.

In dieser Diagnose klingt Walter Benjamins Konzept der Ästhetisierung des Politischen an: Mit ihm beschreibt Benjamin die Tendenz des Faschismus, Ästhetik als Werkzeug zur ideologischen Propaganda zu instrumentalisieren. Benjamin setzt sich als Reaktion für eine Politisierung des Ästhetischen ein, der zufolge die Auseinandersetzung mit Kunst und Theorie aktiver Teil des Kampfes gegen Unterdrückung zu sein hat. Musalek fordert ein ästhetisches Denken, das die Welt unter dem Blickwinkel des Schönen wahrnimmt und sie letzten Endes selbst schön zu machen anstrebt. Dieses lässt sich mit Benjamins Idee im Hinterkopf als potenziell politisches Projekt lesen: Der Begriff des Schönen könnte sich demzufolge von einem Denken des l’art pour l’art lösen und zu einer Bewegung führen, die Schönheit mit Menschenwürde, Gerechtigkeit und der Möglichkeit zu authentischer Erfahrung verknüpft. In Hinblick auf dieses Ziel schlägt Musalek nicht das Erlernen neuer Handlungsmuster vor, sondern im Gegenteil die Zuwendung zu einem den Menschen seit jeher innewohnenden Prinzip.

Als dieses Prinzip beschreibt er den titelgebenden Willen zum Schönen. Bereits durch die Wahl des Begriffes siedelt sich der Text in der Tradition von Arthur Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung sowie vor allem Friedrich Nietzsches Wille zur Macht an. Diese Verknüpfungen stellt Musalek auch aktiv her, indem er den Willen zum Schönen als schopenhauersche Ur-Kraft begreift: als eine den Körper wie Geist umfassende Energie, die unser innerstes Begehren lenkt. Wie der Wille zur Macht ist auch er sowohl die Kraft, die die Menschen treibt, als auch das Ziel, auf das diese Kraft zustrebt: Der Wille zum Schönen bedeutet zum einen ein Hindrängen zu dem, was als Schönes bereits existiert, zum anderen steht er für den Drang zur eigenständigen Gestaltung des Schönen, also zum Schönen im Sinne des substantivierten Verbs. Diese Trennung schlägt sich auch in der Aufteilung des Textes in zwei Bände nieder: Teil I verhandelt den Willen zum Schönen "als alles bestimmende Naturkraft". Hier zeigt Musalek ideengeschichtlich wie medizinisch die Omnipräsenz des Drangs des Individuums zum Schönen auf. Teil II, der dem Untertitel "Als Kulturgeschehen auf dem Weg zur Kosmopoesie" trägt, widmet sich hingegen Möglichkeiten der kulturellen Erzeugung sowie des Genusses des Schönen.

Die Methode, mit der sich die beiden Bände ihrem Thema nähern, weckt starke Anklänge an jene Martin Heideggers, dessen Gedanken in Zitatform regelmäßig auch aktiv Einzug in das Werk halten: Die Erkundung des Schönen wird betrieben, indem die umliegenden Begriffsfelder abgegangen und intensiv beäugt werden – etwa Lust, Freude oder Selbstliebe. Jeder diese Begriffe wird durch ausführliche philosophiegeschichtliche Überblicke kontextualisiert, um etymologische Analysen erweitert und mit Beispielen aus der altgriechischen Mythologie angereichert. So nähert sich Der Wille zum Schönen seinem zentralen Phänomen durch die extensive Perspektivierung seiner Verwandtschaften.

Durch die Wahl der zitierten philosophischen Schulen bahnt sich im Laufe der Überlegungen eine Programmatik an, die im letzten Kapitel schließlich beim Namen genannt wird: die Forderung nach einem neo-romantischen Denken, durch welches das hyperkapitalistische abgelöst werden soll. Im Sinne Novalis’ soll alles als mit allem verbunden gedacht werden, Ziel ist eine alle Bereiche des Lebens umfassende Wahrnehmung, die sich am übergeordneten Konzept des Schönen(s) orientiert. Diese Forderung, auf welche die oft erschöpfenden Erläuterungen zu den einzelnen Facetten des Schönen hinauslaufen, gestaltet sich auf zwei Ebenen problematisch.

Zum einen resultiert die Sehnsucht nach einem neo-romantischen Denken klar aus der Auseinandersetzung mit Philosophie, die im Feld der Romantik anzusiedeln ist. Der knapp fünfzigseitige Überblick über die Philosophiegeschichte des Schönen, der Band II einleitet, verweilt ausführlich bei Denkern der Neuzeit und des 19. Jahrhunderts, während er ästhetische Theorien des vergangenen Jahrhunderts auf drei Seiten abhandelt. Modernen und zeitgenössischen Überlegungen, die romantische Schönheitskonzepte kritisch weiterdenken, wird daher nicht inhaltlich widersprochen, sie werden vielmehr ausgeblendet.

Zum anderen, und das ist eng mit dem vorangehenden Punkt verwandt, fordert Musalek zwar rhetorisch eine gesellschaftsumfassende neo-romantische Kosmopoesie, schreibt aber doch fast ausschließlich über den Einzelnen und die individuelle Möglichkeit der Erfahrung des Schönen(s). Während ausführlich behandelt wird, wie man eine Perspektive des ästhetischen Denkens und Genießens einnehmen kann, schließt der Text wie selbstverständlich darauf, dass sich ebenjene Überlegungen vom Einzelnen auf die Allgemeinheit übertragen lassen. Der Unterschied eines Schönheit erfahrenden Individuums und einer das Schöne ins Zentrum rückenden Gesellschaft wird begrifflich nicht näher erläutert. Die Ausblendung dieser Unterscheidung erklärt sich aus der zitierten romantischen Perspektive, in der sich im Detail stets das Gesamte spiegelt und umgekehrt. Angesichts der philosophischen Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts ist eine Setzung dieser Perspektive in unserer Gegenwart allerdings alles andere als selbstverständlich.

Der Wille zum Schönen kündigt sich als potenziell vielversprechendes Programm an, Kritik an der Ideologie des Bestehenden durch eine ästhetische Perspektive – und konkret durch die Perspektive des im vergangenen Jahrhunderts so oft verdammten Schönen – zu üben und ihr ein wirksames Gegenmodell vorzuhalten. Allerdings entwickelt sich der Text zu einer die Gegenwart zunehmend ausblendenden Reflexion über das Verhältnis von Individuum und Schönheit. Konkret wird dies deutlich, wenn es gegen Ende des zweiten Bandes hin heißt: "Ob unsere Welt eine schöne, sinnvolle und gesunde Welt ist oder aber eine unschöne, sinnlose und ungesunde, das liegt in der Hand von uns Menschen. Dafür trägt jeder Einzelne die volle Verantwortung." Die politische Strahlkraft, die das Werk initial vermuten lässt, stellt sich schließlich als eine vorrangig rhetorische heraus. Der Wille zum Schönen lässt sich damit als ein an Verweisen reiches Kompendium zum Begriff des Schönen und der ihm verwandten Konzepte lesen, nicht aber als kritische Reflexion seiner zeitgenössischen Implikationen.

Tags

ästhetik, romantik, wille zum schönen