Neue Medien

2/2018 - Medien, Demokratie und politische Bildung

Rezension: Das letzte Jahr.

von Ilse Tielsch

AutorIn: Veronika Zoidl

1938: Die neunjährige Elfi Zimmermann erlebt das letzte Jahr vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs in einem südmährischen Städtchen. Veronika Zoidl rezensiert für die MEDIEIMPULSE das Buch von Ilse Tielsch, dass ein Mädchen in dieser schwierigen Zeit zeigt ...

Verlag: edition atelier
Erscheinungsort:
Erscheinungsjahr: 2006 (2017 Neuauflage)
ISBN: ISBN 978-3-903005-33-4


Cover: Das letzte Jahr
von Ilse Tielsch
Quelle: Edition Atelier

"Das letzte Jahr", so der Titel von Ilse Tielschs 2006 erschienenen Roman, bricht für die Hauptfigur Elfi in vielerlei Hinsicht an: Es ist das letzte Jahr in der familiären Kleinstadt in Mähren, das letzte Jahr der kindlichen Idylle, die durch die Agitation zwischen tschechischer, deutscher und jüdischer Bevölkerung, durch Adolf Hitler und sein sudetendeutsches Pendant Konrad Henlein ein jähes Ende findet.

Am Anfang dieses letzten Jahres steht eine Kleinstadt, in der jeder jeden kennt und schätzt, in der getratscht wird, in der nicht alle Züge am Weg nach Brünn halten; eine Kleinstadt, in der ein unheilverkündendes Nordlicht alle Bewohner in helle Aufregung versetzt; eine Kleinstadt, in der Elfi mit ihrem neuen Fahrrad radeln darf, wohin sie will, denn die Eltern sorgen sich um ihre Tochter in dieser Kleinstadt kein bisschen; eine Kleinstadt, in der Tschechen, Juden und Deutsche nebeneinander und miteinander leben, und in der sich niemand darum kümmert, welche Sprachen der Nachbar zuhause spricht. Mähren, in jüngerer Vergangenheit noch wichtigste Kaderschmiede für die Kunst, Kultur und Philosophie Wiens zum Fin de Siècle, zerstört sich bei Tielsch innerhalb von 200 Seiten selbst.

Elfi interessiert sich für diese Veränderungen und für die Unterschiede zwischen Deutschen, Tschechen und Juden weit weniger als für Indianer. Eifrig schmiedet sie Pläne, irgendwann nach Amerika auszuwandern und als eine von ihnen zu leben. In Elfis Welt ist Identität genauso offen und freiwählbar wie die Ware in Herrn Rosenzweigs Gemischtwarenhandlung. Aber zwischen kindliche Fantasiewelt und Wirklichkeit tritt eine immer größer werdende Kluft, über die sich Elfi nicht mehr hinwegträumen kann.

Der naive Erzählton lässt Elfis Erfahrungen in unmittelbare und unangenehme Nähe rücken. Die kindliche Perspektive auf die Geschehnisse, das verwendete Präsens, das vermittelte Bild einer sich selbst zerstörenden Idylle, der von Anfang an klare Ausgang der Handlung, auf den die Protagonistin mit ihrem neuen Fahrrad zusteuert – das alles macht die Lektüre des Buches nicht gerade angenehm.

Elfi fehlen oft die Worte, viele Worte kennt sie als Volksschülerin noch gar nicht. Was bedeutet "charakterstark", wie man Onkel Kurt bezeichnet, der die Tante Liesl wegen ihrer jüdischen Großmutter nun doch nicht mehr heiraten will; und was bedeutet "Erbgut", das bei Juden verdorben ist? Die Übersetzerin in ihre Sprache ist die Hausangestellte Marschenka. Sie ist Wörterbuch, Freundin, Lehrerin, Vertraute, Vermittlerin der Außenwelt – aber schließlich zerbricht die innige Beziehung an den Nationalitäten.

Der Romantitel erinnert nicht zufällig an Marlen Haushofers "Das fünfte Jahr". In ihrem fünften Lebensjahr steht die Hauptfigur Marili: Der Krieg ist vorbei, die Eltern, vermutlich Kriegsopfer, sind abwesend. In kindlich-naiver Perspektive erlebt auch Marili Idylle & Ängste am Hof ihrer Großeltern. Was bei Haushofer leicht und natürlich wirkt, wiegt bei Tielsch schwer: An ihren kindlich-naiven Erzählton muss sich eine erwachsene Leserin erst gewöhnen, vor allem weil diese Perspektive – anders als bei Haushofer – bei Tielsch immer wieder merkwürdig gebrochen wird. Von Prolepsen etwa, die den dunklen Ausgang des Jahres 1938 vorausdeuten, aber auch von Sätzen, deren keine Neunjährige mächtig wäre: über bestrafende "Klapse" heißt es etwa, "der Schmerz ist eher seelischer Art", und manche Sätze klingen für sie wie eine Felsenklippe, "die am Rand einer grünen Landschaft aufragt, auf der viele verschiedene Pflanzen wachsen und Blumen in verschiedenen Farben blühen." Dann wird deutlich, dass sich hinter der Perspektive der neunjährigen Elfi eine viel ältere Elfi verbirgt, die auf dieses letzte Jahr zurücksieht und es in ihre Gegenwart holt. Ein sehr reizvoller Kunstgriff; so kann auch über sechs Jahrzehnte nach dem Erlebten noch ein naiver Blick auf das Vielerzählte geworfen werden.

Diese viel ältere Elfi teilt wohl einiges mit der Autorin Ilse Tielsch. Auch diese wuchs als Sudetendeutsche in Mähren auf und erlebte das Fremdwerden in ihrem Heimatort, das steigende Agitationsniveau zwischen deutscher und tschechischer Bevölkerung, die verschwindende jüdische Population. Dass 68 Jahre zwischen Erleben und Veröffentlichung liegen, ändert nichts an der Unmittelbarkeit, mit der die Ereignisse aus den Seiten treten.

Die kleine Elfi stellt jene Fragen, auf welche die viel ältere Elfi vermutlich immer noch keine Antworten hat. Warum haben so viele aus dem Ort auf einmal ein Problem mit Juden? Warum spielt es plötzlich eine Rolle, ob jemand Deutsch oder Tschechisch spricht? Elfi ist das jedenfalls egal. Ihre beste Freundin Lilli ist Jüdin, die sie trotzdem bei der Ostereiersuche begleitet, wichtige Bezugspersonen, wie Marschenka und Josefka, sind Tschechinnen und unterstützen sie dabei, die Sprache zu lernen. Elfis Eltern setzen sich den Entwicklungen im Ort entgegen, geraten auch deswegen zunehmend in Isolation und hüllen sich vor ihrer Tochter in immer größeres Schweigen. Die erzwungenen Abtretung Mährens an das Deutsche Reich stellt den Schlusspunkt des Romans dar. Dort, wo andere Bücher anfangen, hört Ilse Tielschs Roman abrupt auf.

Ilse Aichingers "Die größere Hoffnung" ist etwa eines dieser Bücher. Die zeitliche Lücke zwischen Elfi und Marili füllt Aichingers Protagonistin Ellen. Aichingers Erzählung hat bereits 1948 die schmerzlich erlebte Ausgrenzung eines Mädchens auf äußerst eindrucksvolle Art beschrieben. Ellen hat zwei "falsche" und zwei "richtige" Großeltern. Sie teilt darin Aichingers Schicksal und – wie auch Elfi und Ilse Tielsch – einiges mehr. Die Perspektive ist, anders als bei Tielsch, kindlich, aber nicht naiv, poetisch, aber realistisch, wissend, aber nicht verstehend.

Tielsch, Aichinger, Haushofer. In dieser Reihenfolge lässt sich eine Geschichte von Mädchen vor, im und nach dem Krieg verstehen. Dass Ilse Tielsch uns so viele Jahre nach den größten Verbrechen der Menschheit zeigt, wie es dazu kam, muss als deutliche Warnung gelesen werden. "Diktaturen rechnen mit und in Leichenbergen, sie rechnen aber nicht damit, daß die Sprache sich auf die Seite der Opfer schlägt und in den Zeugenstand tritt", urteilte Richard Reichensperger über "Die größere Hoffnung". Auch Tielschs Roman widersetzt sich der Sprache der Nazis und speichert ein Stück Geschichte, das sich ohne Konservierung immer weiter von unserer Gegenwart entfernt. Die Ablehnung von Menschen wegen Erstsprache, Kultur und Religion erscheint uns bei Tielsch als absurd und unbegreiflich. Dass 68 Jahre später auf Basis dieser ganze Wahlkämpfe geschlagen werden, daran haben wir uns fast gewöhnt.

Tags

mähren, 2. weltkrieg, hitler, sudetengebiet, zimmermann