Schwerpunkt

2/2018 - Medien, Demokratie und politische Bildung

Teflon Politics

AutorIn: Frank Jödicke

Frank Jödicke analysiert in seinem luziden Beitrag die Oberflächen und Masken des Politischen im Medienzeitalter des 21. Jahrhunderts und versucht u. a. im Rekurs auf die Kritische Theorie den medialen Schein der Gegenwart zu durchbrechen …

I. Einleitung


Präsentation einer Teflonpfanne © Wikimedia Commons

Aktuell ist eine Generation von PolitikerInnen erfolgreich, die eine zuvor unbekannte Aufmerksamkeit auf ihre mediale Vermittlung legt. Für politische Entscheidungen sind die Sachzwänge und auch die strategischen Überlegungen weitgehend medialer Natur. Es gilt das Wirken dieser neuartigen Sachzwänge zu verstehen, ihre Folgen einzuschätzen und nach Möglichkeiten zu suchen, wie es sich verhindern lässt, dass der politische Diskurs zu einem reinen Oberflächenphänomen wird. Der Weg unter die Oberfläche ist psychologisch und philosophisch gesehen kein einfacher.

II. Gespenstische LächlerInnen[1]


Teflonpolitiker © Wikimedia Commons

Möglicherweise ist die Physiognomie unserer Zeit ein lächelndes Gesicht, hinter dem keinerlei Freude lebt. Ganz gleich ob junge ProfifußballerInnen oder NachwuchspolitikerInnen, alle treten der Öffentlichkeit nur mehr gegenüber, wenn sie zuvor eine eingehende Medienschulung erhalten haben. Dies hat gewisse psychologische Konsequenzen, die die Möglichkeiten zu einer gemeinsamen intersubjektiven Beschreibung der Realität einschränken. Ein Gesicht kann "Fenster zur Seele" einzig dann sein, wenn sich auf seiner Oberfläche das Drama der eigenen, inneren Bewegtheit abspielen darf. Erst diese signalisiert ein nicht nur vorgebliches Einverständnis. Wird dieses Signal aber geübt und gezielt eingesetzt, dann entsteht eine Spaltung zwischen den Kommunizierenden und auch eine innerhalb der Individuen. Im Grunde ist allen BetrachterInnen völlig klar, dass das stets zuversichtlich lächelnde Gesicht eines Spitzenpolitikers in keinem Zusammenhang zu seiner aktuellen Gefühlslage stehen kann. Die überall vollzogene Einschulung in gewisse mediale Masken ist längst so umfassend, dass in Momenten, in denen doch noch einmal "natürliche" Reaktionen auftauchen, diese eigenartig irritieren. Die mediale Vermittlung auf den Bildschirmen lässt nur mehr ein gewisses Spektrum an Gesichtsausdrücken oder Körperhaltungen zu, die in einer zuvor bereits etablierten Weise mit den Aussagen korrespondieren müssen.

Eine möglichst ausgefeilte mediale Schulung wird belohnt. Unverkennbar wandelt sich der Blick auf die Personen des öffentlichen Lebens. Was vor wenigen Jahren noch irritiert hätte, weil es übersteigert erschienen wäre wird heute akzeptiert. Der lächerlich überbordende Aufputz eines Showstars wird plötzlich chic und so wandeln sich auch die Gesichtermoden. Das Antlitz eines Politikers, das vor kurzem noch wie ein ausgeblasenes Ei erschienen wäre, auf das ein Abziehbildchen geklebt wurde, wird vom Publikum heute als "sympathisch" und "vertrauenserweckend" bezeichnet. Die beharrlich vorgetragene "Abnorm wird zur neuen Norm" (Robert Musil). Dennoch ist mit der lackierten Oberfläche die innere Spaltung nicht überwunden und das spüren die RezipientInnen sehr wohl. Folglich bedarf es der immer aufwendigeren und immer umfassenderen Inszenierung. Längst haben beispielsweise Emmanuel Macron und Sebastian Kurz ihren Kabinetten verboten, sich spontan öffentlich zu äußern. Jeder Auftritt der MinisterInnen muss vorab sorgfältig gescriptet werden. Durch diese ausgearbeiteten medialen Inszenierungen wächst der Spalt zwischen einstudierter Emotionssimulation und verborgener innerer Regung. Als direkte Folge daraus bekommen die Auftritte von SpitzenpolitikerInnen zunehmend eine gewisse gespenstische Note. Je nach Vorliebe und Stimmung kann dieser Wandel der Gesichter mit Orwell interpretiert werden, als die sich versteinernden Fratzen der GefängnisswärterInnen oder mit Huxley, als die immer bekloppteren Mummen einer burlesken Freakshow.

Die Masken werden selbstverständlich dem Anlass entsprechend präzise angepasst. Ein Schistar hat gewonnen: Begeisterung. Besuch einer Beerdigung: Betroffenheit. Ein schlimmes Verbrechen wurde aufgedeckt: Energischer Ernst, der Entschiedenheit ausdrückt. Wohlgemerkt haben PolitikerInnen immer versucht das Publikum für sich einzunehmen, nur mussten sie es nicht mit vollem Körpereinsatz tun. Dies wurde erst durch die pausenlose mediale Begleitung nötig. Die vom Medium und für das Medium zurechtmanipulierten Leiber spiegeln nun dem Publikum die jeweils angemessene und von ihnen erwartete Reaktion, bleiben dabei aber innerlich abgespalten. Eine sichtbare Emotion könnte grundsätzlich auf die innere Anteilnahme verweisen und damit eine persönliche Bindung erlauben. Aber genau die soll unbedingt verhindert werden.

Aus zwei Gründen ist dies für die heutige PolitikerInnengeneration wohl nötig. Zunächst ist eine persönliche Bindung das Letzte, was SpitzenpolitikerInnen brauchen können, weil daraus eine Verantwortung erwächst, die enorm hinderlich wäre. Minütlich kann sich eine politische Konstellation ändern, neue Allianzen erfordern und frühere Versprechen müssen gebrochen werden. Wenn Zusagen ohne innere Anteilnahme erfolgt sind, dann ist dies sicherlich praktisch. Darüber hinaus leben PolitikerInnen ständig in Sorge vor den medialen Schnipseln früherer Auftritte, die ihnen unter die Nasen gerieben werden könnten. Wenn dabei eine echte Festlegung mit der Kamera eingefangen wird, also quasi eine Zusage "mit Leib und Seele", dann wirkt diese später – selbst wenn sie eingehalten wurde – irgendwie seltsam und leicht lächerlich, einfach weil sie medial aus dem Zusammenhang gelöst wurde und auch weil man das genau aus diesem Grunde heute nicht mehr so macht. Ein Kommunikationsmodell hat sich dadurch eingebürgert, in dem PolitikerInnen nie sagen, was sie meinen, und nicht meinen, was sie sagen. Jede "Sozialversicherung" muss bereits an dieser Stelle zerbrechen, denn wie soll es Sicherheit ohne soziale Beziehung geben?

In einem Nebenaspekt muss konstatiert werden, dass die gespensterhafte Erscheinung von medial geschulten PolitikerInnen fatal mit den Erwartungen eines autoritären Charakters korrespondiert. Dieser wünscht nämlich den Schauder vor der "Autorität". Zwar wird lauthals gefordert, PolitikerInnen sollen gefälligst tun, was von ihnen verlangt wird, dabei wird aber die Zurückweisung durch Nichterfüllung insgeheim erwartet. Die "unten" sind, wünschen sich von "oben" keine echte Reaktion, denn die wäre beunruhigend. Hätte das Klagen spürbare Konsequenzen, dann wäre die bestehende Ordnung aufgehoben. Das geht einem autoritären Charakter[2] gegen den Strich, denn wer sich lange einer Hierarchie unterworfen hat, wünscht deren Beibehaltung. Somit bedient die rein äußerliche Spiegelung der geforderten Emotion, bei gleichzeitiger innerer Teilnahmslosigkeit, das Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten passgenau.

Bei dem Blick auf diese Spaltung könnte an dieser Stelle vorschnell ein Bezug hergestellt werden zur Wahrheit. Etwa die Forderung artikuliert werden, PolitikerInnen müssten "authentischer" und "wahrhaftiger" auftreten und damit wäre die Misere überwunden. Diese nicht ganz von der Hand zu weisende Forderung verkennt allerdings gewisse strukturelle mediale Voraussetzungen. Das Verhältnis zur Wahrheit selbst musste allein aufgrund ihrer ungewissen Vermittlung problematisch werden, womit allerdings keine einzige der zahlreichen Lügen, die in böser Absicht verbreitet wurde, relativiert werden soll. Die schwierigere Vermittlung entsteht schlicht aus einer Welt, die so komplex und arbeitsteilig geworden ist, dass einzelne nur jeweils Teilbereiche erfassen können.[3] Dies macht uns zu "großen Abkürzern" ("great abbreviators") wie dies Neil Postman in Anlehnung an Aldous Huxley nennt. Niemand von uns hat den Verstand um die ganze Wahrheit zu kennen und selbst wenn jemand meinte, er würde sie kennen, dann würde er kaum die Zeit finden und ein genügend aufnahmefähiges Publikum um sie vollständig zu erzählen.[4]

Formeln, Schlagworte und catch phrases zu entwickeln, scheint nahezu unumgänglich, um sich Gehör zu verschaffen. Die mediale Zerschnipselung scheint somit notwendig. Allerdings wäre die Portionierung legitimer Weise der letzte Schritt einer sachbezogenen Erörterung. Die scheint aber mit den aktuellen medialen Gegebenheiten nicht mehr mithalten zu können. Um diese besonderen und aktuell sich immer mehr verstärkenden Zwänge einmal zu illustrieren, soll ein kurzer Blick auf den Wandel des Medienkonsums durch Social Media und die damit korrespondierende Veränderung der Erzählstruktur von Fernsehserien.

III. Paradoxe Schnipselketten


David Lynch (1992) Twin Peaks: Fire Walk with Me
© New Line Cinema

Ein Gedankenexperiment: Stellen sie sich vor, sie gehen in eine Bar und der Barkeeper würde ihnen ständig Fragen stellen, von denen er weiß, dass sie durch diese provoziert werden – er kennt sie ja schließlich durch ihre früheren Besuche. Er macht dies auf zwei Weisen. Einerseits ködert er sie, indem er sie dazu verführt ihre Meinungen erneut darzulegen, weil sie annehmen im Barkeeper einen verständnisvollen Zuhörer zu haben, andererseits widerspricht er ihnen gezielt, damit sie in eine Debatte mit ihm verwickelt werden. Schlimmer noch, er sorgt dafür, dass Menschen die Bar besuchen, die ganz ähnliche Meinungen wie sie vertreten, ihnen somit angenehm beipflichten und sie in ihren Haltungen bestätigen und gleichzeitig lädt er Personen ein, die diametrale Meinungen vertreten und mit denen sie und ihre Gleichgesinnten in langwierige Diskussionen und hitzige Wortgefechte verwickelt werden. Scheinbar haben alle in der Bar unbegrenzt Zeit für die Pflege ihrer Meinungen und die Kämpfe mit ihren KontrahentInnen. Nach einer Weile bemerken sie, dass es nahezu unmöglich wird die Bar zu verlassen. Schließlich wollen sie nicht den nächsten Angriff der Gegenseite verpassen und sie fürchten um den Verlust der Zuneigung durch die befreundete Fraktion. Genau das ist es, was Facebook und andere Social-Media-Kanäle machen, abgesehen davon dass sie weder Bier noch Whiskey servieren.

Etwas an dieser Kommunikationssituation in den sozialen Medien sollte herausgestrichen werden: Sie ist gezielt unendlich. In einem bestimmten Sinn sind keine abschließenden Ergebnisse zu erwarten. Das Ziel der BetreiberInnen dieser Seiten (um im Bild zu bleiben also des Barkeepers) liegt einzig und allein darin, möglichst alle Beteiligten möglichst lange online zu halten. Deswegen müssen gewisse Kommunikationselemente gekappt werden, insbesondere jene, die zu einem Abschluss führen könnten. Jedes Ende soll als ein unnötiger und unbefriedigender Abbruch empfunden werde, als ein cliffhanger. Das Wichtigste und Entscheidende scheint immer hinter der nächsten Ecke zu warten. Bemerkenswerterweise gelingt dies insbesondere deswegen, weil sorgsam darauf geachtet wird, dass die zuvor erörterte Spaltung sich nicht schließen kann. Genau in diesem Schließen, das eine Verbindung zwischen der inneren Gestimmtheit und der äußeren Wahrnehmung schafft, war ehedem das ästhetische und wenn man so will moralische Ziel des Erzählens gelegen. Wer innerhalb einer kulturindustriellen Medienmaschine noch nach der geschlossenen Form des Erzählens sucht, wird notwendig bitterlich enttäuscht werden. Es scheint, als könne es sie nicht mehr geben.

Sowohl Drama als Erzählung hatten im Laufe ihrer geschichtlichen Entwicklung immer klar ihr Ende im Blick. Es gab zwar sehr wohl retardierende Elemente, aber die waren in festem Bezug zum Ende der Story und verzögerten nur, was sich bereits abzeichnete. Bekanntermaßen waren dem Publikum auch in vielen Fällen die Pointen bekannt. Ob Pyramus und Thisbe oder Romeo und Julia, es war klar, die Sache geht nicht gut aus. Große Meister des Erzählens wie etwa Jeremias Gotthelf gaben gern zu Beginn das Ende der Geschichte an, damit keine unsinnigen Ablenkungen entstehen konnten. Gemeinsam mit der Industrialisierung wandelte sich dies. Plötzlich entstand mehr und mehr Geheimniskrämerei, um das Publikum zu binden. Der Kriminalroman, die Schauergeschichte oder das Beziehungsdrama quälten die RezipientInnen mit ungewissem Ausgang. Eine Art literarischer Fesselungstrick, die meist schlecht für die Behandlung des Stoffs war. Das Verhältnis zwischen ErzählerInnen und LeserInnen ähnelte bald dem zwischen ZauberkünstlerInnen und JahrmarktbesucherInnen und wurde ohne Frage technischer. Allerdings am Ende stand immer der Lohn der Auflösung. Inspektor Columbo hatte den Fall gelöst, die Mörder erledigt, Recht und Ordnung wiederhergestellt und die Geschichte war aus.[5]

So wird heute nicht mehr gearbeitet. Befragt nach seiner Vorgehensweise bei der Serie Twin Peaks spricht David Lynch gerne von der Gans die goldene Eier legt: It was like we had a little goose that kept laying golden eggs and then we were asked to take that little goose and snip its head off.[6] Das Publikum und die Kritiker verwickeln sich selbst und ihre ureigene produktive Einbildungskraft in das Feld der Hinweise, das die beiden Autoren Mark Frost und David Lynch ausgebreitet haben. Die Hypothese lautet: Es muss eine Erklärung geben. Aber sehen das die Macher auch so? Wissen sie nicht allzu genau, dass ihnen ihr Produkt abhandenkommt, sobald sie die gruselige Kriminalgeschichte auflösen würden? Lieber lässt man den Erzählstrom springen. Dies geschieht in immer virtuoseren Formen, indem während des Erzählens erst langsam die Vorgeschichte enthüllt wird, bei dem zuweilen ganze Prequel-Serien entstehen und es wird zugleich eine Vorschau erlaubt, die zum Zeitpunkt der aktuellen Erzählstränge noch keinen Sinn ergeben kann, aber Lust macht die zukünftigen Zusammenhänge zu erfahren.[7] All dies sind Haken im Fleisch der ZuschauerInnen, die sich immer weniger aus den soapigen Erzählströmen befreien können. Dass es keines Genies bedarf, um den Nutzen dieser Art des Erzählens zu erkennen und für politische Zwecke zu nutzen, beweist Donald Trump tagtäglich. Der Taschenspielertrick versucht eine Art Aufmerksamkeitskontrolle zu erreichen und permanent den Blick zu lenken. Es darf nie langweilig werden, also muss Sensation an Sensatiönchen gehängt werden.

Beizukommen ist dieser Lenkung nur sehr schwer, denn sie funktioniert gerade deswegen so gut, weil sie konsequent oberflächlich ist. Im politischen Geschehen ist die interessierte Öffentlichkeit zum Rätselraten verdonnert. Sie muss sich fragen, welche Gründe hinter den aktuellen Inszenierungen liegen. Klar ist nur, den teflonbeschichteten PolitikerInnen wird dies nicht zu entlocken sein. Deswegen muss spekuliert werden und hierfür eignen sich die sozialen Medien wiederum fatal gut. Die vor einigen Jahren als "Schwarmintelligenz" gepriesenen Prozesse erlauben es einer unüberschaubaren Anzahl von TeilnehmerInnen ihre Verdachtsmomente in den Strom der Spekulation mithinein zu werfen. Intelligent ist dies bedauerlicherweise meist nicht, denn die hobbyistischen Politik-SpekulantInnen stehen vor dem gleichen Problem wie die Polit-Profis. Auch sie müssen die Sachverhalte framen indem sie ihr wording und story-telling an den Erwartungen des Publikums eichen und das ist wesentlich geprägt durch die medialen Vorgaben. Also auch gilt hier der Primat des Spektakulären, das kurz die geballte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das Aufzeigen weitverzweigter Zusammenhänge ermüdet die LeserInnenschaft von Blocks und Postings und scheitert nicht selten allein an den Zeichenvorgaben. Eine betrübliche Situation in der die Öffentlichkeit weder herausfinden wird, wer Laura Palmer ermordet hat (wurde sie überhaupt ermordet?), noch verstehen wird, warum sich europäische PolitikerInnen (rechte und linke gleichermaßen) so sklavisch dem Austeritätsdiktat unterwerfen.

Die Suchtwirkung unendlicher Sequenzen kennt jeder, der je ein Medium eingeschaltet hat. Paradoxerweise funktioniert die Verkettung umso besser, je kleiner die Schnipsel und Häppchen der Information sind. Die zuvor bereits charakterisierte Spaltung, die sich im Gebaren der PolitikerInnen zeigt, ist auch eine, die sich in den Individuen der WählerInnenschaft findet. Sie mögen ihre VolksvertreterInnen verfluchen für die lächerlichen und substanzlosen Possen und folgen ihnen dennoch in die induzierten Aufregungswellen hinein. Themen die vor Wochenfrist noch als brennend und lebensentscheidend galten, sind zugunsten der nächsten Welle vergessen. Wer es versteht die Wellen zu machen, hat das Publikum im Griff. Letztlich ist dies nur möglich weil die meisten den Kontakt zu tieferen Schichten ihrer Persönlichkeit verloren haben und sie deswegen dem Gleiten auf Teflon folgen müssen. Der reine Oberflächenbezug wird zwar mit Unbehagen wahrgenommen, die Gefolgschaft aber nicht aufgekündigt.[8] Dazu müsste eine tieferer Bezug zu Welt und Ich wiederhergestellt werden und der ist sehr schwierig.

IV. Das Gute und das unendliche Gespräch


Robert Musil © Wikimedia Commons

Der Versuch die Teflon Politics und ihre medialen Zwänge zu charakterisieren ist nun an einem Punkt angelangt, der die Beantwortung einer simplen Frage verlangt: "Was wäre denn nicht oberflächlich?" Und was wäre somit all diesen Mechanismen der Aufmerksamkeitslenkung entgegenzusetzen? Dass dies zu beantworten hilfreich wäre, ist kaum zu bezweifeln, denn dieses unendliche Gespräch, das den TeilnehmerInnen des medial vermittelten Diskurses aufgezwungen wird, hält sie von vielen ihrer vitalen Interessen ab. Ein wenig banal und oft genug kommentiert wäre hier die Beobachtung der Passivierung durch Medienkonsum, der die etwaigen eigenen Lebensentscheidungen auf unbestimmte Zeit vertagen lässt. Entscheidender ist ein anderer Zusammenhang. Menschen bedürfen der Diskontinuität. Sie müssen diese erfahren dürfen und sie auch symbolisch einüben, schlicht weil diese das wahre Prinzip ihres Daseins bildet. Kontinuität, ewige zumal, ist Illusion.

Günther Anders[9] berichtet bereits von dem neuartigen Schrecken, der darin liegt, dass ein Mensch neben einem dudelnden Radio stirbt. Alles was im Apparat zu vernehmen ist, sind letztlich Ankündigungen der upcoming attractions, zu denen Sterbende keinen Bezug mehr haben können. Das Gequassel im Radio garantiert seinen ZuhörerInnen das angebliche ewige Weiterfließen eines letztlich bedeutungslosen Stromes. Dem kann ein Sterbender sich nicht mehr hingeben. Was ihm oder ihr gerade bevorsteht ist nämlich bedeutend. Während die Mitmenschen kein Ende sehen wollen und können, stirbt "chauque homme dans sa nuit" für sich allein. Die mediale Maschine vereinzelt erbarmungslos und verhindert beharrlich die Erkenntnis dieser schlimmen Lage.[10] Die Unterhaltungsmedien machen in gewisser Weise aus diesem Sachverhalt keinen Hehl. Gerade in der Filmindustrie lässt sich dies beobachten. Bereits in den 1960er Jahren wandte sich Roberto Rossellini erbost von ihr ab, mit einer Analyse die bis heute zutreffend ist. Das Filmgeschäft produziere nur mehr "Infantilität und Grausamkeit". Blockbuster belegen dies insbesondere in ihrem Verhältnis zum Tod. In den kindischen Erzählungen wird pausenlos rumgeballert und die Bösen (zuweilen auch die Guten) sterben wie die Fliegen. Allerdings sind dies alles Morde, bei denen offensichtlich niemand stirbt, sondern es zerfallen einfach bunte Pixelhaufen zu Staub. Alles keine Tragödie. Der geistig und körperlich ungeheure Vorgang des Ablebens eines Menschen wird nicht im Geringsten erahnbar. Gerade darin hatte namentlich dramatische Kunst oder Erzählkunst ihre Aufgabe gesehen.

Inwieweit dieses Abstraktwerden des Menschen und seines Schicksals von TeflonpolitikerInnen genutzt wird, um Personengruppen zu entmenschlichen, wäre ein Thema das hier zu weit und in die falsche Richtung führt, denn dies wäre ja wiederum ein Oberflächenphänomen. Und es soll in dieser Argumentation jetzt nicht mehr um die oberflächlichen Bezüge gehen. Wer nach "Tiefe" sucht hat sie in der Kunst gerade in der Gestaltung des Endes gefunden. Dies hatte nicht nur eine inhaltliche, sondern auch eine große formale Bedeutung. Im Ende liegt Loslösung und Erlösung. Die Türen des Theaters schließen sich und das Publikum wird auf seine eigenen Gedanken zurückgeworfen. Erst jetzt haben die RezipientInnen die Möglichkeit, die Spaltung zu überwinden und zu erkennen, was "wahr" ist. Wahr selbstverständlich nur in der Relation zum Individuellen. Verbürgt werden kann nur die individuelle Realität und die kann nur entstehen, indem äußere Weltinterpretation mit innerem Erleben umspannt wird. Ob dies dann aus der Sicht eines Beobachters lediglich der geringere Betrug ist, soll hier offen bleiben, es ist zumindest mehr als der reine Oberflächenbezug, den Unterhaltungsindustrie, Soziale Medien und die Teflon Politics bereitstellen.

In Robert Musils epochalem Roman Der Mann ohne Eigenschaften ist die Grundproblematik der Teflon Politics bereits voll entfaltet dargelegt. Der Protagonist des Romans, Ulrich, ist eine Art Eventmanager wider Willen, der mithelfen soll eine Feier für das Thronjubiläum des österreichischen Kaisers auszurichten, das unbedingt jenes im gleichen Jahr stattfindende des deutschen Kaisers in den Schatten stellen soll. Ein kurios dümmliches Ziel, das auch eine heutige Inszenierungslust der Politik (beispielsweise Ratspräsidentschaften) gut karikieren kann. Mittels der Vorbereitungen zu diesem Event, das niemals hätte stattfinden können, da es in das Jahr der Niederlage beider Kaiserreiche im ersten Weltkrieg 1918 gefallen wäre, kann Musil die gesamte "kakanische" Upperclass porträtieren und ihre besondere Orientierungslosigkeit. Der springende Punkt, der den Roman aus der launigen Groteske erhebt, liegt darin, dass die beteiligten Personen ambitiös sind und sie die sich ihnen stellenden Probleme einer modernen Welt klar erkennen und überwinden wollen. Sie sehnen sich nach "Tiefe", die mehr ist als Inszenierung, Event und die aus fadenscheinigen Gründen gesetzten Ziele. Der Protagonist Ulrich entlarvt dieses Metastreben selbst wiederum als Attitüde, gerät aber zugleich mit seinem eigenen Leben in einen Strudel der Selbstreflexion, der ihn an "Etwas" anschlagen lässt. Robert Musil lässt seine Konzeption der "taghellen Mystik" in die Gespräche Ulrichs mit seiner Schwester Agathe einfließen, die diese führen nachdem sie sich aufgrund des Todes ihres Vaters nach langer Zeit wiederbegegnen[11]. Im Gespräch der Geschwister durchschlägt Agathe das Gespinst unsinniger Erwägungen über ein möglichst würdiges Kaiserjubiläum und die ganzen damit verwachsenen Bezüge zwischen Politik und persönlicher Zielsetzung im Leben mit einer einzigen Frage: "Ist nicht gut gut?"

Warum dies ein Anschlagpunkt an "Etwas" ist, ist nicht ganz leicht begreiflich zu machen ohne an dieser Stelle den gesamten Roman Musils zu rekapitulieren. Da dieses "Etwas" aber so ziemlich die einzige Hintertür zu sein scheint, die die Teflon Politics lassen, soll dies dennoch hier skizzenhaft versucht werden. Jeder Mensch trägt Etwas in sich und man tut gut daran, dies nicht genauer zu beschreiben, weil diese Substanz keine Definition verträgt. Robert Musil drückte es so aus, dass das eigentümliche an diesem Etwas ist, dass es verschwindet, sobald es in ein Gefäß gefüllt wird. Sagen wir einmal flapsig, es sei gut und schön und eben so nah an "wahr" wie ein Mensch daran gelangen kann. Meist entsteht eine Erinnerung an dieses Etwas momenthaft. Ein Geruch, ein Geräusch, häufig verbunden mit einer Kindheitserinnerung. Die Tropfen, die durch das dichte Blätterdach des Gartens fallen und überall Düfte aus Pflanzen und Boden hervorstoben lassen. Oder jenes alte Haus durch das man als Kind aufmerksam gewandelt ist und das sich in ein inneres Haus verwandelt hat. Das Haus an sich, der Duft an sich, genauso wie die Geborgenheit an sich, die Wärme, die Zuneigung, aber auch die Kälte, das Ausgestoßensein und die Einsamkeit bilden dieses innere Etwas. Kein Mensch versteht äußere Reize ohne diese gewissen tiefliegenden Erfahrungen. Die "ursprüngliche Erwerbung" Kants ist ein allgemeines Geschenk und völlig abstrakt, aber was ein jedes Individuum daraus macht, unmittelbar nachdem es sein apriorisches Paketlein bekam, bleibt entscheidend für sein Weltgefühl. Ein wenig mag die zuweilen unmittelbar auftauchende Erinnerung daran erscheinen wie eine Epiphanie, aber bei so etwas wird schnell übertrieben. Dieses Etwas ist somit eine Art individuelle Wurzel aller Realität. Was von außen auf das Individuum einströmt muss in Beziehung zu dieser gebracht werden, sonst ergibt dies schlicht keinen echten Sinn. Man mag dieses Etwas, diese innere Gestimmtheit, auch als eine moralische Kompassnadel begreifen, die allerdings mit einer gewissen Zuverlässigkeit falsch ausschlägt. Nur fallen später diese Irrtümer auf und darin liegt seine heuristische Kraft.

V. Conclusio


Jacques-Louis David (1787) Der Tod des Sokrates
© Wikimedia Commons

Was gut, wahr und schön ist, kann nicht mehr Anspruch haben platonische Idee zu sein. Es ist aber jene dünne und ungewisse Brücke die zur Vermittlung von Welt und Mensch nötig ist, will letzterer sich nicht in bloßem Schein verlieren. Sie zu beschwören wäre übergeschnappt, genauso der Versuch aus ihr normative Regeln abzuleiten. Ihre Präsenz kann in Kunstwerken erfahren werden und sollte umsichtigen PolitikerInnen als Mahnung dienen. Zumindest das. Dieser Abgleich mit dem Selbst ist offensichtlich nicht notwendig im Tagesgeschäft des Lebens, dort reicht es Bild an Bild zu hängen. Nur, es ist dementgegen sehr wichtig, dass all das Gehörte, Gesehene und Gefühlte innerlich überprüft wird. Denn das ist der Moment in dem Menschen widerständig werden, weil ihnen plötzlich auffällt, wie an ihnen vorbei- und über sie hinweggeredet wurde. Diesen Widerstand in einer immer stärker medial vermittelten Welt aufrechtzuerhalten ist sehr schwer, aber nicht unmöglich.

Es geht hierbei vielleicht um eine Art Fluchtlinie, die aus den bloßen Oberflächenphänomenen hinausführt und die kann natürlich nur beschritten werden, wenn eine gewisse tiefschürfende Anstrengung unternommen wird.

Intellektuelle, Lehrende und KünstlerInnen könnten versuchen, dass eine simple Mäeutik nicht gänzlich aus der Mode kommt, bei der sie zunächst sich selbst fragen, ob irgendetwas von dem, was ihnen da vorgegaukelt wird, je Teil ihres eigenen, inneren Erlebens war. Und dann sollte diese Frage der teflonbeschichteten Meinungsmaschinerie entgegen gehalten werden, wenn diese die nächste Erregungswelle macht. Das ist bedauerlicherweise ungeheuer schwer und die Chance im Strom unterzugehen erschreckend hoch.

Mag.art. Frank Jödicke


Anmerkungen

[1] Dieses Kapitel enthält Motive, die in einem Artikel gleichen Namens in der Zeitschrift MALMOE bereits veröffentlicht wurden. Vgl. online unter: http://www.malmoe.org/artikel/top/3365 (letzter Zugriff: 16.06.2018).

[2] Horkheimer und Co haben in den Studien über Autorität und Familie (Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung, Dietrich zu Klampen Verlag, Paris 1936) sehr überzeugend die Dialektik der Autorität geschildert: "Wenn sich der Stolz, keine Autorität gelten zu lassen, es sei denn, dass sie sich vor der Vernunft zu rechtfertigen vermag, in einer immanenten Analyse der Kategorien dieses Bewusstseins als brüchig erweist, so lässt sich diese Scheinhaftigkeit aus der zugrunde liegenden gesellschaftlichen Realität […] entwickeln." Eine Art von Autorität wirkt immer und die Unterwerfung unter diese wird nie gänzlich aufgehoben. Natürlich unterlagen die Autoren dieser Dialektik auch selbst. Adorno tat sich schwer im Beisein Horkheimers eigene Texte zu verlesen, weil er voller Sorge ständig dessen Reaktionen überprüfte.

[3] Der historische Wandel ist hier kaum zu leugnen. Die Bergpredigt war ein circa zehnminütiges Impulsreferat, das alleine ausreichte um die Welt des Mittelalters in wesentlichen Teilen zu ordnen.

[4] Postman, Neil (1985): Amusing Ourselves to Death – Public Discourse in the Age of Show Business, London: Penguin Books, 6. Übersetzung durch den Autor

[5] Übrigens stellt die US-Fernsehserie Columbo mit Peter Falk den Sonderfall klassischen Erzählens dar, da die ZuseherInnen meist den Mörder von Beginn an kannten und nicht zum Mitraten gezwungen wurden.

[6] Guardian-Interview von Jeremy Kays mit David Lynch (2014): I've always loved Laura Palmer, online unter: https://www.theguardian.com/film/2014/jul/24/-sp-david-lynch-laura-palmer-twin-peaks-unseen-fire-walk-with-me (letzter Zugriff: 16.06.2018)

[7] Mit der üblichen Übertreibung des Business spricht man vom Erzeugen von "Universen", innerhalb derer einmal etablierte Charaktere und Erzählstränge in den verschiedenen Produkten des franchise auftauchen. Völlig übertrieben ist der Universen erzeugende Anspruch nicht. Zum Weihnachtsfest gehört längst eine Star-Wars-Episode und die christlichen PfarrerInnen werden sich – insofern sie noch Kontakt zu jungen Leuten haben – darüber wundern, wie viel besser der Olymp dieses Mythenuniversums allgemein bekannt ist, als jener dessen "frohe Botschaft" sie zu verbreiten versuchen.

[8] Auffällig ist, dass selbst den erfolgreichsten und "beliebtesten" PolitkerInnen nie Liebe und Zuneigung erwiesen wird, sondern eine Anerkennung die überall den aufgestauten Frust der follower durchscheinen lässt.

[9] Anders, Günther (1956): Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München: Beck. Anders hat sein Hauptwerk aus Tagebuchnotizen entwickelt, die er insbesondere während seiner Zeit in Los Angeles aufgeschrieben hat. Sorgfältig beobachtet er die Wirkung von Radio und Fernsehen (ohne selbst einen Apparat zu besitzen) auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Vor den Unterhaltungsmaschinen verwandeln sich die Menschen zu "vereinzelten Masseneremiten". Dieser Effekt ist durch die Simulation der Teilhabe in den sozialen Medien nochmals verstärkt worden.

[10] Bifo Berardi hat sich an dieser Thematik ein wenig abgearbeitet. Vgl. Berardi, Franco "Bifo" (2015): AND – Phenomenology of the end, South Pasadena: Semiotext(e). Ich erlaube mir meine Rezension zu empfehlen: http://hinter-den-schlagzeilen.de/psychologie-finanzindustrie-und-weltuntergang (letzter Zugriff: 16.06.2018).

[11] Insbesondere im zweiten Band von Der Mann ohne Eigenschaften und im 11.Kapitel "Heilige Gespräche", vgl. Musil, Robert (1957): Der Mann ohne Eigenschaften, Berlin: Rowohlt, 762 ff.

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