Schwerpunkt

2/2018 - Medien, Demokratie und politische Bildung

Kritikfähigkeit ist erlernbar

Eine Safer-Internet-Trainerin packt aus

AutorIn: Elisabeth Eder-Janca

In ihrer Tätigkeit als Saferinternet-Trainerin darf Elisabeth Eder-Janca fast täglich in Schulen Workshops und Elternabende abhalten. Auch wenn wir als Erwachsene das Gefühl haben, dass Kinder und Jugendliche uns technisch überlegen sind … in der Kritikfähigkeit haben wir alle großen Lernbedarf ...

Speziell die Themen "Beeinflussung", "freie Meinungsbildung?!" und "Selbstverantwortung bzw. -entscheidung" liegen mir am Herzen.

I. Beispiele aus meiner Praxis

HTL – 1. Klasse (also Jugendliche ab 16Jahren). Sie sind im Umgang mit dem Internet schon sehr versiert. Was aber auffällig ist, dass es an der Medienkritik scheitert/fehlt. Das heißt, es wurden ihnen noch keine Tools oder Möglichkeiten an die Hand gegeben, wie sie den Wahrheitsgehalt einer Nachricht prüfen können (auch wenn das selbst für uns oft schwer ist).

2017 wurde von Saferinternet.at eine Studie präsentiert, in der abgefragt wurde, wie Jugendliche im Alter von 14-18 Jahren mit Informationen umgehen und sie bewerten. (https://jugendkultur.at/jugendliche-verunsichert-durch-fake-news/) Als sehr glaubwürdig wurden die traditionellen Medien wie Radio und TV eingeschätzt. 10% verlassen sich auf die Social Media-Kanäle. Erfahrungsgemäß (und auch laut Statistik) sind für 59% genau diese Kanäle die wichtigsten Informationslieferanten. Das heißt im Klartext: auch wenn sie den Medien (Youtube etc.) nicht wirklich vertrauen, sind sie die Hauptinformationsquelle. Damit verbunden ist natürlich die unbewusste Beeinflussung der jugendlichen Konsumenten. Ein typischer Spruch in Workshops: aber das hab ich auf Youtube gesehen … also muss es wahr sein. Laut Statistik sind sich 86% der Jugendlichen unsicher in der Bewertung der Informationen.

Wir sind also gefordert sie darin zu unterstützen. Die Forderung ist zwar schnell aufgestellt, aber in den Elternabenden kommt genau dasselbe Thema vor. Auch Eltern sind sich nicht sicher, wie sie selbst Informationen einschätzen können und wie sie ihre Kinder unterstützen können.

II. Was ist "echt" - was ist "fake"?

Durch viele Skandale rund um Copy-and-Paste-Doktorarbeiten hat sich scheinbar in den Köpfen der Menschen die Tatsache, dass Texte manipuliert werden festgesetzt. Das bedeutet auch bei Jugendlichen, dass Texten wesentlich weniger vertraut wird. Bilder sind "etwas ganz anderes". Bilder lügen nicht. 71% der Jugendlichen sind überzeugt, dass sie sofort erkennen, wenn Bilder gefälscht sind. Was sie komplett ausblenden – was, wenn das Bild zwar echt, aber aus dem Kontext gerissen ist? Das können sie nicht erkennen. Für die Prüfung der Echtheit spielt vor allem die Ästhetik eine große Rolle. Handyvideos, schnell „mal aus der Hüfte" geschossen, werden als weniger glaubwürdig eingestuft als professionelle Videos. Genau das wissen aber auch die Influencer.

Was weder Eltern noch Jugendlichen bewusst ist, dass das Internet mit seinen Apps und Plattformen eine große Maschinerie ist, die sich über einen Algorithmus quasi selbst steuert. Die jeweiligen Algorithmen speisen sich aus den Likes und der Menge der Posts und Kommentare. Das bedeutet wiederum, dass Themen an die Oberfläche und in den Blickwinkel der User kommen, die viel "Wirbel" erzeugen. Ich höre speziell von Eltern immer wieder, dass momentan "viel Grausliches, Populistisches, Hetzerisches" im Netz zu sehen ist. Dieser Eindruck ist sicher richtig. Algorithmen unterstützen diesen Trend. Denn je mehr Zuspruch (und das ist auch die ständige Weitergabe als Warnung oder der Shitstorm) ein Post findet, desto höher steigt er im Ranking.

Eine nette Anekdote: 2015 wurde Smombie (Smartphone-Zombie) zum Jugendwort gekürt. Kein Mensch kannte es. Es war durch recherchieren auch nicht wirklich zu finden. Die Aufregung, was das für ein Wort sei und die ständig Nutzung des #smombie hat es tatsächlich präsent gemacht. Jetzt recherchiert, kann der Eindruck entstehen, dass die Kür des Wortes korrekt war. Schon dieses Beispiel hat bei Eltern als auch bei Jugendlichen die Frage nach der Manipulation ausgelöst. Es ist also die Frage, wie weit gibt es Informationen, die sich quasi selbst gebären und dann zur Realität werden.

In vielen spirituellen Ansätzen wird genau das gesagt: wir erschaffen uns unsere Realität selbst – mit Internet geht es noch schneller. Das bringt die Menschen, mit denen ich arbeiten darf, ins Grübeln. Das Grübeln wird dann noch größer, wenn Bots ins Spiel kommen. Jene kleinen Helferlein, die zur Verbreitung von Informationen dienen. Mittlerweile sind aus den automatisierten Informationsschleudern ja lernfähige "Wesen" geworden. Ursprünglich gab es keine Interaktion. Durch das erweiterte Wissen imitieren sie Menschen und es ist bei oberflächlicher Betrachtung nicht mehr ganz so einfach zum Beispiel hinter ein Twitter-Profil zu schauen.

Wenn wir wieder unseren Algorithmus dazunehmen, muss uns bewusst werden, dass 10.000 Menschen auf Twitter ein Trending-Topic auf den Weg schicken. Keine Frage – 10.000 Menschen sind viel, aber bei einer Einwohnerzahl Österreichs von 8.772.865 im Grunde doch ein verschwindender Teil. Und trotzdem können sie die Topics bestimmen, können Themen pushen oder verschwinden lassen. Bewusst und unbewusst. Das heißt, es wird zunehmend wichtiger, sich gut und gründlich zu informieren. …und vorbereitet zu sein. In unterschiedlichen Studien wird leider auch noch deutlich, dass es zum Teil auch vom Bildungsgrad abhängt. Je weniger, desto weniger gibt es Misstrauen gegenüber Billigblättern und digitalen Medien.

III. Wo wird Hilfestellung geboten?

Wie nun ein Sensibilisieren erreichen? Wie Hilfestellung leisten? Vor allem, wie können Lehrende, Eltern und Jugendliche erste Schritte in das kritische Hinterfragen von Informationen machen?

Ein erster hilfreicher Schritt ist bereits die Seite der KollegInnen von www.mimikama.at. Dort finden sich viele Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Natürlich muss ich mich auf die Kompetenz und Korrektheit der KollegInnen verlassen. Das nur angemerkt, weil mit dem ersten Gewahr werden, dann sofort allem misstraut wird.

Was immer wieder spannend ist, ist die Seite der TU-Berlin. http://hoax-info.tubit.tu-berlin.de/hoax/hoaxlist.shtml Hier finden sich eine ganze Reihe an Hoaxes (also Fake-meldungen bzw. Gerüchten). Sie mit Eltern und auch Jugendlichen durchzuschauen, bringt sehr viele Aha-Momente. Mir ist in der Situation der neutrale Umgang mit den TeilnehmerInnen wichtig. Es braucht niemandem peinlich sein, auf einen Hoax reagiert zu haben – nur ab diesem Zeitpunkt ist klar, wie man sich schlau machen kann und Meldungen, die per WhatsApp kommen nicht ungeprüft weiterschickt.

http://hoaxmap.org/ mit dem dazugehörenden Twitteraccount zeigt die Seite Hoaxes aus dem Themenbereich "Flüchtlinge". Viele der Informationen sind bekannt, wurden auf Seiten bestimmter Parteien gepostet (und wieder entfernt) und wurden geteilt. Die Frage bzw. die Aufgabe dazu: woher habe ich denn mein Wissen über bestimmte Themen? An diesem Punkt beginnt es sprichwörtlich in den Köpfen zu rattern.

IV. Welche Fragen können "an den Text" gestellt werden?

Im nächsten Schritt ist es gut, sich verschiedene Informationsseiten genau an zu sehen.

  • Welche Art von Quelle ist denn das?
  • Wo ist sie beheimatet?

Es werden oft deutsche Seiten als relevant für Österreich angesehen. Es gibt beispielsweise eine andere Rechtslage. Ist aktuell zum Beispiel mit der DSGVO zu beobachten, über die unterschiedlichste "Horrorgeschichten" aus Deutschland zu uns herüber schwappen.

  • Wann ist denn das ganze entstanden?

Zum Teil wird auf Post reagiert, die Jahre alt sind bzw. gar keine präzise Zeitangabe beinhalten. (Vorigen Mittwoch, letzte Woche …)

  • Welche Zielgruppe wird denn tatsächlich angesprochen?
  • Welchen historischen Zusammenhang gibt es?
  • Wie ist die sprachliche Ausfertigung?

Immer wieder hilfreich der Hinweis: eine sensationsgierige Verschlagwortung sollte schon hellhörig machen. Wenn dann in dieser Nachricht auch noch Prominente als "Garnierung" dienen, die Zeitangaben schwammig sind und die Quelle in keinster Weise nachzuvollziehen ist – dann müssen alle Alarmglocken läuten. Es ist auch ein Trainingsprozess und immer wieder zu üben.

V. Der Bildercheck

Ich hatte oben erwähnt, dass Bilder als DIE Wahrheit angenommen werden. Spannend wird es, wenn wir beginnen, solche "seriösen" Quellen zu hinterfragen. Mit http://www.exifdata.com/ blicken wir hinter die Kulissen und betrachten die Metadaten. Diese Metadaten verraten meist schon einiges den Ursprung des Bildes. Man merkt oftmals, wo die Bilder "ausgeborgt" wurden, weil sich die wenigsten die Mühe machen, die Metadaten heraus zu löschen.

Möchte ich bestimmte Bilder im Netz suchen, verwende ich die Reverse-Suche. https://www.tineye.com/ oder https://www.imageraider.com/ zeigen mir an, auf welchen Websites das Bild auftaucht. Wenn man sich dann die Webseiten genauer ansieht, kommt man relativ schnell drauf, welcher Art diese Medien sind.

VI. Wie Fake News erkennen?

Ist eine App, die anregt, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Manches ist nicht unbedingt hilfreich – wie die Frage "Ist die Quelle vertrauenswürdig?" – aber es regt an.

Die App "Fake news creator" erzeugt eine Headline in einer Zeitung und die Breaking News in einer Fernsehsendung. Beides gibt es unter folgenden Links auch auf dem PC:

Beides dient entweder zum Einstieg in das Thema oder als Übung wie "typische" fake-News aussehen.

http://www.fakewhats.com/generator lässt WhatsApp-Chats nachbauen. Ist zum Beispiel für den Einstieg in eine Diskussion gut zu gebrauchen. Themen: Einschätzung ob es sich um eine wahre oder eine falsche Information handelt. Lässt sich auch bei andern Themen rund um WhatsApp gut einsetzen.

Für Jugendliche http://www.fakeittomakeitgame.com/ ein Spiel in dem es darum geht. Fakenews in die Welt zu setzen und Gewinn zu machen. Man merkt sehr schnell welche Mechanismen hier hilfreich sind. Im Grunde darf man hier einmal faken und spamen – in einem geschätzten Raum. Meine Erfahrung und auch das Feedback zeigen mir, dass sich Jugendliche wie Eltern nach solchen Schulungen wesentlich leichter im Umgang mit Information tun. Es nimmt zum Teil auch Druck heraus. Der Druck, der bereits in der Volksschule ab der zweiten Schulstufe entsteht.

VII. Gemeinsam hinter die Kulissen schauen

Der Großteil der Kinder egal welchen Alters ist auf Youtube am Video schauen. Je jünger desto gutgläubiger sind die Kinder. Meist sind sie sich alleine überlassen. Vor allem die „Tatsachenberichte" haben es ihnen angetan. Da gibt es die 3-Uhrnachts-Challenge, Charlie-Charlie und noch ganz viele andere "Dokumentationen". Diese Videos machen ihnen zum Teil wirklich Angst. Das Schlimme aus meiner Sicht ist, dass sie alleingelassen diese Challenges ausprobieren. Natürlich passiert nichts, wenn ich um 3 Uhr nachts Schleim erzeuge oder Charlie rufe. Sie nehmen das Gesehene aber für bare Münze und kommen unter Druck. Wieso funktioniert das bei … und bei mir nicht? Daraus ergeben sich Erzählungen, die weitergegeben werden und die Botschaft inhaltlich voll bestätigen. "Ich hab das auch probiert. Das war voll gruselig, aber es ist hat sich der Stift echt bewegt!" Oft ist die Erleichterung der Kinder spürbar, wenn man ihnen erklärt, dass da gar nicht passieren kann. Dass es sich um einen Hoax handelt, es eine Fakemeldung ist.

Ich denke auch an hartnäckige Gerüchte wie den Pädophilen im Auge von Angela/Tom. Ein Mann, der über die App "Talking Angela/Tom" die Kinder angeblich beobachtet. Auch hier sind wir wieder im ersten Schritt am recherchieren und www.mimikama.at schauen. "Dann is das nicht echt? Ich hab`s doch gewusst!" …und man hört 1000 Steine plumpsen. Die Aussage "Ich hab´s gewusst" muss man relativieren. Aber aus meiner Erfahrung haben Kinder ein ganz gutes Gespür, was echt ist und was nicht. Sie brauchen "nur" Bestätigung und Stärkung.

Für mich bedeutet es, immer wieder gemeinsam mit SchülerInnen und Eltern hinter die Kulissen der Medien zu schauen. Ihnen Mechanismen zu offenbaren und ihnen Methoden an die Hand zu geben, für sich selbst zu erkennen, wer was wann und warum von mir möchte. Dann habe ich die Chance mir eine eigene, freie Meinung zu bilden.

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medienkritik, fake news, hoaxes, filter bubbles