Neue Medien

3/2016 - Mediales Lernen/Lehren im Fremdsprachenunterricht/beim Spracherwerb

Rezension: Comic: El Eternauta

von Hector German Oesterheld & Francisco Solano López

AutorIn: Benjamin Schanz

Benjamin Schanz rezensiert den nun in deutscher Sprache vorliegenden Comic "El Eternauta" der bereits zu einem Klassiker des Genres avancierte und berichtet für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE eingehend von dieser zeitlosen Erzählung ...

Abstract

Der nun auch in deutscher Sprache vorliegende Comic "El Eternauta" ist nicht nur ein Klassiker der Neunten Kunst, sondern vor allem auch ein politisch lesbares Werk. Benjamin Schanz hat die vorliegende Übersetzung für die Medienimpulse rezensiert und findet in diesem historischen Fundstück eine Vielzahl aktueller Bezüge.



Cover: Eternauta
von Hector German Oesterheld & Francisco Solano López
Quelle: Amazon

Verlag: Avant Verlag
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-945034-35-4

Eine kühle Nacht in einem Vorort von Buenos Aires der 1950er Jahre: Im Haus eines Comic-Autors – von auffallender Ähnlichkeit mit Hector Oesterheld – manifestiert sich unvermittelt Juan Salvo, genannt "Eternauta", der ewige Wanderer durch die Zeit. Er stellt sich ihm als einer der letzten Widerstandskämpfer in einer von einer Alieninvasion zerstörten Welt vor. In nur vier Jahren soll eine Alienrasse die Menschheit nahezu völlig auslöschen. Die Katastrophe begann mit einem unvermittelten Schneefall mitten im August. Doch dieser Schnee hatte eine verheerende Wirkung und jedes Lebewesen, das mit ihm in Berührung gelangt, stirbt sofort. Den Überlebenden bleibt nichts anderes übrig, als der schier ausweglose Kampf mit den Invasoren, um der Versklavung zu entgehen. Juan selbst scheint dazu verdammt, durch zahlreichen Multiversen zu reisen, mit dem Ziel, endlich seine Familie wieder zu finden. Warum er auf seinen Reisen ausgerechnet an diesem Ort und in dieser Zeit gelandet ist, weiß er selbst nicht. Doch der Eternauta ist überzeugt, dass der namenlose Autor ihm helfen muss, seine Geschichte zu erzählen.

Diese Geschichte gelangt nun, dank des Avant Verlags, knapp 60 Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung in Argentinien, auch in den deutschsprachigen Raum. Bemerkenswert ist dabei, wie sich die Geschichte trotz des großen zeitlichen und geographischen Abstandes in die zeitgenössische Popkultur einfügt: Postapokalyptische Geschichten, wie von bspw. Robert Kirkmans Zombieapokalypse "The Walking Dead", in Umsetzungen als Comic, TV-Serie oder Romanen, verzeichnen heute große Erfolge. Endzeitszenarien, wie diejenigen der äußerst populären Videospielreihe "Fallout", aber auch die (im technischen Bereich) oscarprämierte Neuauflage der "Mad Max"-Filme unterstreichen den Eindruck. Der Zeitpunkt für eine Übersetzung scheint daher kaum besser liegen zu können. Trotzdem ist es gleichzeitig bedauerlich, dass diese Ehrung erst so spät erfolgt. Schließlich handelt es sich um eine der wichtigsten literarischen Veröffentlichungen Argentiniens. Zu Berühmtheit gelangte der Comic, neben seiner inhaltlichen Qualität, vor allem durch die Vorwegnahme der Gräueltaten der südamerikanischen Diktaturen zwanzig Jahre später. Betrachtet man die Biografie von Oesterheld, so wird klar, dass sein Leben maßgeblich von politischem Widerstand geprägt war. Dabei rief er nicht nur durch seine Werke zum Aktivismus auf, sondern schloss sich gemeinsam mit seinen Töchtern der Widerstandsbewegung gegen die Militärjunta um Jorge Videla an.

Ab 1976 begann das Militär jedoch mit der systematischen Ausschaltung von Gegnern und Oesterheld war gezwungen, in den Untergrund zu gehen. Auch der Zeichner des "Eternautas", Francisco Solano López, ging, zumindest vorübergehend, ins Exil nach Europa. Oesterheld gelang es jedoch nicht, sich vor dem Regime in Sicherheit zu bringen und er fiel, wie auch seine Töchter, der gezielten Verfolgung zum Opfer. Bis heute ist sein Leichnam, wie derjenige von hunderttausenden Desaparecidos – den Verschwundenen Südamerikas –  nicht gefunden worden. Wenngleich Oesterheld sein Schicksal in den 1950ern nicht vorhersehen konnte, so ist "El Eternauta", in Hinblick auf die Biographie seines Autors, in jedem Fall als Aufruf zum Widerstand gegenüber jeglicher Unterdrückung zu lesen: Am Ende blickt der Autor die Leser direkt an und stellt die Frage "Was tun? Was tun, um all diese Gräuel zu verhindern?" Die für die Gräuel im Comic verantwortlichen Invasoren treten im Comic nie direkt auf. Vielmehr wird von ihnen stets nur als "Sie" gesprochen. Durch diese Anonymisierung werden "Sie" zum universellen Sinnbild für organisierte Gewalt. Auch die unnatürlichen Schneeflocken, die die Vernichtung der Menschheit einleiten, besitzen eine hohe metaphorische Aussagekraft: Jede Berührung mit dem fluoreszierenden Schnee führt zum Tod, ein freies Leben ist außerhalb des eigenen Heims nicht mehr möglich. Mit der Schneedecke liegt auch eine bedrohliche Stille auf der Stadt. Nur mit Hilfe von selbst angefertigten Schutzanzügen können Juan und seine Gefährten das Haus verlassen, um sich auf die Suche nach Nahrung und sonstiger Versorgung zu begeben. Das Bild des Eternautas, der durch den tödlichen Schnee schreitet, besitzt in Südamerika einen ähnlich ikonischen Status, wie die berühmte Aufnahme Che Guevaras von Alberto Korda oder die Maske der Comicfigur V, aus Alan Moores "V for Vendetta".

Eine weitere Leistung des Comics besteht darin, keine eindeutigen Gut/Böse-Zuschreibungen vorzugeben. Zwar sind "Sie" als böse Macht erkennbar, deren ausschließliches Ziel in der Kolonialisierung anderer Planeten besteht. Sie agieren jedoch stets indirekt. Wie im realen Krieg sind hier die eigentlichen Verantwortlichen nicht diejenigen auf dem Schlachtfeld. Als Soldaten hingegen die Lebewesen bereits unterworfener Planeten auf, koordiniert von den sogenannten "Händen". Als es Juans Gruppe gelingt, mit einem der Geschöpfe von den "Händen" in Kontakt zu treten, erfahren sie von deren Schicksal: Wie auch die Erde, ist ihr Planet von "Ihnen" erobert worden und die Überlebenden wurden in ihren Dienst gezwungen. Dabei kann man anmerken, dass die Frage nach der Verantwortung im Krieg hier vielleicht etwas zu leicht gelöst wird. Dessen ungeachtet stehen derlei Episoden des Comics aber als ein Plädoyer für Vergebung und Respekt.

Dass der Comic die Beziehung von Gut/Böse, von richtigem und falschem Handeln ausloten kann, liegt auch an der Besonderheit seines Szenarios. Insbesondere zu Beginn der Geschichte fühlt man sich an das Setting von "The Walking Dead" erinnert, das auf einer ähnlichen Extremsituation beruht. Von einem geistigen Vorgänger zu sprechen ist hier durchaus angebracht. Juan und seine Freunde sind nach der Invasion zunächst völlig auf sich allein gestellt. Die unmittelbaren Feinde sind zu Beginn keine gegnerische Aliens. Nahrungsmittel sind knapp und dementsprechend hart die Kämpfe darum. Dabei nutzen so manche Überlebende den Zustand der Gesetzlosigkeit zu ihrem eigenen Vorteil aus und bewegen sich außerhalb jeglicher sozialen Moral. Juan und seine Begleiter hingegen erkennen die Bedeutung der Solidarisierung und so trägt jeder seinen Teil zum gemeinsam Überleben bei. Doch lässt auch das Verhalten von Juan Raum, um Fragen zu stellen: Zwar sind die Robotermenschen seine Feinde, doch sind sie gleichzeitig Menschen, die Juan teilweise sogar persönlich kannte. Trotzdem scheint ihm dieser Umstand im Zweifel genug Rechtfertigung zu geben, seine Gegner – wenn auch widerwillig – zu töten. Die Entscheidung, inwieweit das Töten durch das eigene Überleben anderer gerechtfertigt wird, bleibt, erneut wie bei "The Walking Dead", den Lesern überlassen.

Im Laufe der Handlung tun sich stets neue Situationen nahe der Hoffnungslosigkeit auf, selbst als es Ihnen gelingt, sich mit weiteren Überlebenden zu verbinden und sich einer Armee anzuschließen. Auf diese Weise gelingt es Oesterheld mit weitaus weniger Brutalität eine ähnlich emotional berührende Erzählung zu schaffen, wie Kirkmans Zombieapokalypse. Nie wird aufgegeben, stets nach der letzten noch so kleinen Möglichkeit der Rettung gegriffen und gerade darin liegt die Botschaft von "El Eternauta", die, insbesondere in Hinblick auf den politischen Gehalt des Comics, auch noch heute ihre Gültigkeit behält. Der große zeitliche Abstand der Veröffentlichung stellt daher keinerlei Nachteil dar. An dieser Stelle muss auch auf den ausgezeichneten Beitrag von López hingewiesen werden: Man merkt der Optik des Comics ihren Ursprung aus den 1950ern deutlich an, doch weiß sie noch immer zu gefallen. Der klare Strich, der Reichtum an Details und die Arbeit mit Schattierungen verleihen den Bildern eine düstere Noire-Optik, die die Atmosphäre der Handlung perfekt einfängt.

Keines der Bilder wirkt überflüssig, sondern fügt sich hervorragend mit Oesterhelds Text zusammen. Es ist dabei aber zu sagen, dass "El Eternauta" äußerst textlastig ausgefallen ist. Zwar gibt es auch einige actionreiche Passagen, die zeichnerisch eindrucksvoll umgesetzt wurden. Einen Großteil der Bilder machen allerdings Close-Ups von Charakteren aus: Über weite Strecken wird die Handlung von Dialogen getragen, wobei die Leser den Figuren direkt in die Gesichter blicken. Durch die feine zeichnerische Ausarbeitung wird Emotionen hervorragend Ausdruck verliehen. Trotzdem wird nur selten ausschließlich über die Bilder erzählt. Abschließend sei noch festzuhalten, wie überaus gelungen die Ausgabe des Avant Verlages ausgefallen ist. Neben der hochwertigen Bindung und der Qualität des Drucks, weiß sie auch durch das beigefügte Material zu überzeugen. Enthalten sind ausführliche Beiträge zum Comic, Rezeption und Interviews. Natürlich wird auch die Geschichte Oesterhelds und der Desaparecidos ausführlich beleuchtet. Hervorzuheben sei besonders der Beitrag von Anna Kemper "Auf der Suche nach der verlorenen Familie". Dieser 2015 im Zeitmagazin veröffentlichte Artikel über das Schicksal von Oesterheld und "El Eternauta" war ein maßgeblicher Anstoß dafür, dass der Comic nun auch auf Deutsch erhältlich ist und man sich selbst von dieser zeitlosen Erzählung überzeugen kann.

Tags

comic, el eternauta, kultur, kunst