Neue Medien

3/2016 - Mediales Lernen/Lehren im Fremdsprachenunterricht/beim Spracherwerb

Rezension: artefrakte. Holocaust und Zweiter Weltkrieg in experimentellen Darstellungsformen in Literatur und Kunst.

von Esther Kilchmann (Hg.)

AutorIn: Simon Nagy

Simon Nagy rezensiert für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE einen bemerkenswerten Band, der die mehrfach gebrochenen Repräsentationen der Shoah in Literatur und Kunst der Gegenwart thematisiert. Esther Kilchmann hat ihn herausgegeben …

Abstract

Bereits der Neologismus des Titels "artefrakte" verweist auf die Intention des Sammelbandes: In sechzehn Beiträgen werden Kunstwerke untersucht, die mit tradierten Darstellungsmustern brechen, um in gebrochener Form über die künstlerischen Möglichkeiten der Repräsentation der Shoah zu reflektieren.



Cover: Artefrakte
von Esther Kilchmann (Hg.)
Quelle: Amazon

Verlag: Böhlau
Erscheinungsort: Köln
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN 978-3-412-50345-1

Adornos Diktum, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch, provoziert nach wie vor Diskussionen darüber, ob die Repräsentation der Shoah ein Anliegen von Kunst sein kann oder darf. Nun muss diese Aussage – insbesondere angesichts Adornos eigener Revision im Jahr 1966 – allerdings nicht als Verdikt aufgefasst werden; vielmehr kann sie auch einen deskriptiveren Zugang ermöglichen, der sich mit der Frage danach beschäftigt, wie der Holocaust in verschiedenen Kunstwerken dargestellt wurde und wird – vor der Gewissheit, dass diese Darstellung nicht anhand tradierter künstlerischer Techniken und Formen geschehen kann. Auf diesem Zugang fußt der von Esther Kilchmann herausgegebene Sammelband "artefrakte", der experimentelle künstlerische und literarische Werke der letzten siebzig Jahre auf ihre individuellen Umgangsformen mit dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs hin untersucht. Die Bandbreite des behandelten Materials reicht von Briefen aus südfranzösischen Flüchtlingslagern über zeitgenössische Inszenierungen (post-)dramatischer Theatertexte bis zu YouTube-Videos, die in den Neuen Medien eine neue, popkulturelle Form des Erinnerns zu etablieren versuchen.

Der Fokus auf experimentellen Darstellungsverfahren gründet zum einen in der Auffassung, dass die  vor dem Zweiten Weltkrieg vorherrschenden künstlerischen Ausdrucksweisen nach 1945 nicht ohne radikale Selbstreflexion wieder aufgenommen werden können – schon gar nicht, um die historischen Ereignisse zu thematisieren, die den Grund ihrer Gebrochenheit ausmachen. Zum anderen gehen die AutorInnen des Sammelbandes davon aus, dass eine authentische Darstellung der Gräuel des Nationalsozialismus unmöglich ist, wodurch sie die Frage nach der Authentizität künstlerischer Werke durch den Begriff der Vergegenwärtigung ersetzen. Dieser fragt danach, wie extreme historische und individuelle Erfahrungen in die Gegenwart vermittelt werden können, ohne dabei etablierten, festgefahrenen und dadurch bereits neutralisierten Repräsentationsmustern zu verfallen und damit individuelle Kraft und Bedeutung einzubüßen.

Als ein Beispiel solcher Vergegenwärtigung nennt Tatjana Petzer in ihrem Beitrag moderne israelische Tanzformen, die von der Auschwitz-Überlebenden Yehudit Arnon geprägt wurden: Über das Erlebnis des kollektiven Körpers wird hier eine höchst individuelle Form der Erinnerung praktiziert, die persönliches Empfinden in den Mittelpunkt stellt und sich dadurch von staatlich ritualisierten Gedenkpraxen entfernt. Anna Langenbruch nähert sich dem Vergegenwärtigungs-Begriff über den Weg der Musik, die sie als "ideales Abstraktum" bezeichnet, über das klassisch-mimetisch nicht Darstellbares ausgedrückt werden kann. Dafür untersucht sie Luigi Nonos avantgardistische Tonbandkomposition "Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz" und befragt sie danach, wie sich darin individuelle Geschichtserfahrung der Shoah niederschlägt und auf abstrakt-emotionaler Ebene an HörerInnen vermittelt wird. Ausgehend von George Taboris Gedanken, dass "wahre Erinnerung nur durch sinnliches Erinnern möglich ist", stellt sich also rund die Hälfte der Beiträge von "artefrakte" die Frage nach den verschiedenen Möglichkeiten sinnlicher Erinnerung, die experimentelle Kunstformen bereithalten.

Die andere Hälfte des Bandes konzentriert sich weniger auf das Thema der Vergegenwärtigung der historischen und individuellen Erfahrungen als auf deren bisherige Narrativierung. Susanne Rohr bezeichnet die Geschichte des Holocaust im öffentlichen Bewusstsein als ein Produkt der Popkultur – und meint damit, dass die Shoah durch zahllose Romane, Kinofilme und TV-Serien in den vergangenen Jahrzehnten in popkulturelle Repräsentationsmuster eingespeist wurde, von denen sie nicht mehr isoliert betrachtet werden kann. Künstlerische Auseinandersetzungen sollen nun nicht danach befragt  oder gar gemessen werden, wie sie diese Muster zu umgehen versuchen, sondern wie sie diese thematisieren und in ihrer eigenen Sprache auf deren Rhetorik reagieren. So untersucht Caspar Battegay etwa kontrafaktische Erzählungen des Holocaust (und entscheidet sich dabei für eine Dürrenmatt-Erzählung, für Romane von Stephen Fry, Michael Chabon und Martin Amis sowie für Quentin Tarantinos Film "Inglorious Basterds"), um sie auf ihre jeweiligen Umgänge mit dem Diskurs der Singularität der Shoah miteinander zu vergleichen. Wieder andere Beiträge, wie Sebastian Schirrmeisters Betrachtung von Anna Maria Jokls Erzählungen "Essenzen" oder Esther Kilchmanns Analyse der Verwendung des Deutschen bei Primo Levi, David Rousset und Jorge Semprún, stellen die Gebrochenheit der Sprache oder der verwendeten literarischen Form in den Mittelpunkt: Die hier untersuchten Werke versuchen noch weniger als die anderen im Band thematisierten, sich der Shoah inhaltlich zu nähern; stattdessen führen sie den Diskurs der Erinnerung vorrangig über ihre Form, deren versehrter und fragmentarischer Charakter auf die Unmöglichkeit einer sinnvollen Erzählung des vergangenen – und in die Gegenwart ragenden – Grauens verweist.

Besonders hervorgehoben werden soll Albrecht Buschmanns Beitrag über Max Aubs Text-Kartenspiel "Juego de cartas". Während sich viele andere AutorInnen des Sammelbandes mit einer kurzen inhaltlichen Zusammenfassung des von ihnen besprochenen Werkes begnügen, bevor sie zur Interpretation weiterschreiten, stellt Buschmann seinen interpretatorischen Überlegungen ein close reading von Aubs Text voran. Nicht nur wird dadurch "Juego de cartas" in seinem Facettenreichtum allen LeserInnen vergegenwärtigt und damit eine solide Grundlage für die Nachvollziehbarkeit der weiterführenden Gedanken geschaffen; auch wird der experimentelle Charakter des Kunstwerks am Objekt begründet und nicht durch die Kontextualisierung oder den Untertitel des Bandes schlicht vorausgesetzt.

Sämtliche Beiträge des Sammelbands durchzieht die Forschungshaltung, Kunst nicht bloß als passiven Untersuchungsgegenstand zu betrachten, sondern vielmehr als aktiv Wissen generierendes Erkundungsmittel, das auf gleicher Ebene mit wissenschaftlicher Forschung anzusiedeln ist. So kommt zu den hervorragenden einzelnen Beiträgen und ihren inhaltlichen Gemeinsamkeiten auch eine gemeinsame methodische Perspektive hinzu, die "artefrakte" zusätzlich auszeichnet.

Tags

kunst, literatur, vergangenheit, shoah, repräsentation(en)