Neue Medien

3/2016 - Mediales Lernen/Lehren im Fremdsprachenunterricht/beim Spracherwerb

Rezension: Gespenster meines Lebens. Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft

von Mark Fisher

AutorIn: Johanna Lenhart

Johanna Lenhart rezensiert für die MEDIENIMPULSE die sehr persönliche Essaysammlung des Kulturwissenschaftlers und Journalisten Mark Fisher, der nach Geistern in der ohne "Zukunftsschock" auskommenden (Pop-)Kultur des 21. Jahrhunderts sucht ...


Cover: Gespenster meines Lebens
von Mark Ficher
Quelle: Amazon

Verlag: Klaus Bittermann
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN 978-3-89320-195-2

Die Zukunft gibt es nicht mehr – zumindest nicht in der (Pop-)Kultur des 21. Jahrhunderts. Der mehr oder weniger vage Retrolook und -sound von Film, Fernsehen, Musik und anderen populärkulturellen Medien der Gegenwart, hat die Entwürfe des radikal Neuen und Anderen der Kunst des 20. Jahrhunderts abgelöst. Was hingegen heute als neu und innovativ, als ‚Zukunft‘ gilt, referiert auf bereits Vergangenes, der "Zukunftsschock" bleibt aus. Diese Neuorientierung lässt nun gespensterhaftes Wiedererkennen entstehen, durch KünstlerInnen, deren Blicke nicht mehr auf eine (utopische) Zukunft gerichtet sind, sondern auf die Vergangenheit, auf eine Vergangenheit jedoch, die ihrerseits von Zukunftsvisionen lebte, die aber – und hier ist das Gespenst versteckt – nicht eingetreten sind: so der Ausgangspunkt von Mark Fishers Essaysammlung zum Gespenstischen in der Gegenwartskultur.

Lose an Derridas "Marx‘ Gespenster" – und besonders an Ken McMullens Film "Ghost Dance" (1983) über Derridas Gespenster – orientiert und an Frederic Jameson in der Verbindung von Kapitalismus- und Kulturkritik sowie an Freuds "Das Unheimliche" anknüpfend, analysiert Fisher den "Retromodus" des 21. Jahrhunderts, der bereits zentraler Punkt seines vorhergehenden Buchs "Capitalist Realism: Is there no alternative?" (2009) war, wo Fisher die These aufstellt, dass in einem neoliberalen System kein Platz für die Entwicklung von neuen, radikal anderen Zukunftsvisionen bleibt, was wiederum zu politischem und kulturellem Konservativismus führe.

Unter diesen Vorzeichen und Einflüssen sind die in "Gespenster meines Lebens" versammelten Analysen, von denen viele aus den seit Anfang der 2000er auf Fishers Blog "k-punk.org" veröffentlichten Einträgen hervorgingen, entstanden. Mit Hilfe des von Derrida geprägten Leitbegriffs der Hauntology nimmt Fisher "das alte Motto ‚Das Persönliche ist politisch‘ als Aufforderung, nach den kulturellen, strukturellen und politischen Bedingungen der Subjektivität zu fragen". Persönliche Hör- und Seherfahrungen, Momente des Staunens, der Begeisterung und des Erkennens, dienen als Stoff für verbindungsreiche Erkundungsstreifzüge, die auch unter dem Eindruck einer Depression – "der böse Spuk, der mein Leben lang an meinen Fersen klebt" – entstanden.

Fisher, der sich als Dozent am Londoner Goldsmith College und Journalist, u. a. für "The Wire", "Frieze" oder "Sight & Sound", verdient gemacht hat, versammelt in "Geister meines Lebens" etwa Beiträge zu den üblichen Verdächtigen der zeitgenössischen (Pop-)Musik, wie Burial, The Caretaker oder die Künstler des Labels Ghost Box, aber auch Essays zum Fanzine "Savage Messiah" von Laura Oldfield Ford, die die heute verwaisten Rave-Treffpunkte Londons der 90er Jahre erforscht,  oder Grant Ges Film "Patience (After Sebald)" über W. G. Sebald und die Landschaft Suffolks.

Alle Filme, Platten und sonstige kulturelle Erzeugnisse in Fishers Auswahl verbindet einen "die Zeit suspendierenden Stillstand und eine Unbeweglichkeit", ein Gefühl "den Goldrausch verpasst zu haben". Auf der Kunst und Kultur des 21. Jahrhundert lastet "der Alp der Endlichkeit und Erschöpfung", der nicht in der Lage ist "unsere Gegenwart zu fassen und zu artikulieren" – eine Qualität, die viele von den von Fisher besprochenen KünstlerInnen – oft mithilfe des Arsenals technischer Möglichkeiten, die heute zur Verfügung stehen – in einer "gutartige[n] Variante von Hauntology" produktiv für sich nutzbar machen. Sie machen – im Gegensatz zum unreflektierten und oft nicht einmal als solches intendiertes ‚Retro‘ etwa einer Adele – die hauntologische Dimension heutiger Kunstproduktion sichtbar und stellen so die Verhältnisse einer neoliberalen, kapitalistischen Gesellschaft, die die Vorstellung einer anderen Zukunft verunmöglicht, in Frage. KünstlerInnen wie Little Axe oder John Foxx verbindet der "Sinn für unsere gebrochene Zeit, für den Verlust von Zukunft und Historizität."

Daraus leitet sich auch das Interesse vieler KünstlerInnen für Phänomene des Gedächtnisses, des Gedächtnisverlustes und der Frage wie und was erinnert wird ab. Die anterograde Amnesie, also der Verlust der Fähigkeit sich ab einem traumatischen Punkt X neue Dinge zu merken, wie sie etwa in Christopher Nolans "Memento" (2000) dargestellt wird, gerät geradezu zur Chiffre der zeitgenössischen Kultur: "War das Thema bislang die Sehnsucht nach der Vergangenheit, so ist nun die Unmöglichkeit der Gegenwart". Hier liegt auch das unheimliche Potenzial der zeitgenössischen hauntologischen Kunst und Kultur begraben. Nicht mehr das nostalgisch, gegenwartsverdrängende Zurückerinnern steht im Mittelpunkt, sondern die Unmöglichkeit der Vergangenheit, die die Gegenwart heimsucht, zu entkommen.

Neben diesen Analysen von popkulturellen Produkten der Gegenwart, wirft Fisher auch ein Schlaglicht auf ältere Erzeugnisse, v. a. der 70er Jahre, die "eine der wichtigsten Ressourcen der britischen Kultur jüngerer Zeit" darstelle. Anhand von Joy Division, John Le Carrés "Tinker Tailor Soldier Spy", der BBC-Serie "Life on Mars" oder der Fernsehgestalt Jimmy Savile und dessen systematischem Missbrauch von Kindern, zeigt Fisher aus welcher Ästhetik und welchen Mechanismen sich die heutige Kultur speist.

In einem abschließenden Themenblock versammelt Fisher noch Beiträge zur Hauntology des Ortes, wo er angesichts astronomischer Mietpreise und uniformer Gentrifizierung (v. a. Londons) noch einmal den kapitalismuskritischen Aspekt seiner Beobachtungen herauskehrt. Der neoliberale Kapitalismus, der das 21. Jahrhundert dominiert, habe "die Zerstörung von Solidarität und Sicherheit" vorangetrieben und so die "Sehnsucht nach Gängigem und Vertrautem gefördert". Das erwähnte Fanzine "Savage Messiah" beispielsweise sucht im geglätteten, reaktionären Neoliberalismus nach dem verlorenen London des Antikapitalismus und seiner Subkulturen – "Punks, Squatter, Raver, Fußballhools und politische Militante" – mit ihren Zukunftsvisionen und entdeckt so London als eine Stadt, in der "nicht nur Vergangenes, sondern auch verlorene Zukunft herumspukt".

Die Essays in "Gespenster meines Lebens" sind – besonders wenn es sich um Musik dreht – oft sehr speziell und detailverliebt, während sie an anderen Stellen etwas an der Oberfläche stecken bleiben. Was Fishers Analysen allerdings im Überfluss bieten, ist die Möglichkeit zu einer Vielzahl an (Neu-)Entdeckungen, sind sie doch geradezu eine Fundgrube für (britische) Popkultur von den 70er Jahren bis in die Gegenwart und zeigt in ihren besten Momenten spannende alternative Ansätze nicht nur zur Gegenwartskultur, sondern besonders auch zu Klassikern wie "The Shining", "deren geisterhafte Spuren einer Vergangenheit" uns verfolgt und "lebendiger erscheint als die Gegenwart".

Tags

hantologie, gespenster, derrida, kunst