Kultur - Kunst

3/2016 - Mediales Lernen/Lehren im Fremdsprachenunterricht/beim Spracherwerb

"Wenn ich schreibe, bin ich immer daheim"

AutorInnen: Sophie Reyer / Hanna Biller

Hanna Biller interviewt für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE die Wiener Künstlerin Sophie Reyer und stellt damit ein Multitalent vor, das in mehreren Künsten präsent ist und sich mit Judith Butler zwischen Feminismus und Post-Feminismus bewegt ...

Abstract

Das Wiener Multitalent Sophie Reyer schreibt nicht nur fürs Theater und Kinderbücher, sondern arbeitet auch als Komponistin und Künstlerin. Mitunter verfasst sie auch Prosatexte, wie den kurzen Text "Schläferin" der im Verlag Edition Atelier erschienen ist. Im Gespräch mit Hanna Biller spricht sie über ihren Feminismus-Begriff, Schuld und die gesellschaftliche Relevanz von Kunst.



Cover: Schläferin. Erzählung
von Sophie Reyer
Quelle: Amazon

Hanna Biller: Die "Schläferin" ist ja in der Textlicht-Reihe erschienen, ein Format, das es sich unter anderem auch zum Ziel macht, kurzen literarischen Texten einen Weg zur Veröffentlichung zu bieten. War dir von vornherein klar, dass es sich bei dem Stoff für die "Schläferin" um einen kurzen Text handeln wird, oder wäre es für dich auch denkbar gewesen, daraus einen längeren Text, beispielsweise einen Roman, zu machen?

Sophie Reyer: Tatsächlich war die Schläferin zunächst ein längeres Manuskript, das über Jahre bei mir lag. Das Thema "Rabenmutter" hatte mich schon in "Marias Saiten" beschäftigt; ich wollte es jedoch auch einmal aus einer radikalen Innenschau erzählen. Am Ende war die Wahl dieser Form die Beste für mich, weil so viel Raum für Assoziationen im Kopf bleibt.

Biller: Das Buch spielt an einem etwas geheimnisvollen Ort – an einer alten Raketenstation, an der verschiedene Experimente durchgeführt werden. Du hast ja selbst ein solches Areal besucht. Hast du da die Idee zu deinem Buch schon im Kopf gehabt oder ist die erst durch den Besuch entstanden?

Reyer: Ja, die Idee war durchaus schon da. Alle ersten Skizzen entstanden bereits vor Ort; die Traum-Ebene kam erst Jahre später und durch immense Spracharbeit hinzu; die Schilderungen des Areals waren recht schnell im Kasten.

Biller: Es handelt sich bei der "Schläferin" ja, wie ich finde, durchaus um ein politisches Buch. Wie stehst du zu dieser Lesart? Ist für dich das Politische ein wichtiger Aspekt am Schreiben?

Reyer: Also, für mich muss Kunst in gewisser Weise gesellschaftlich relevant sein, und sei es in der Verweigerung gesellschaftlicher Relevanz. Gleichzeitig darf sie meiner Meinung nach nicht in den Bereich des Ideologischen kippen; aber ist das nicht auch schon eine Ideologie? Am Ende gilt: Kunst ist eine Tochter der Freiheit. Aber: ja, ich persönlich möchte schon gesellschaftliche Missstände aufzeigen.

Biller: In deinem Buch wird eine Protagonistin gezeigt, die auch Fragen zum Frausein beschäftigen. Würdest du dich selbst als Feministin und dein Buch als feministisches Buch verstehen?

Reyer: Ich sage manchmal, ich bin Feministin, dann sage ich, ich bin Post-Feministin, erschaffe mir also frei nach Judith Butler mein eigenes Geschlecht jenseits der Dichotomien. Die "Schläferin" ist ein Text für Menschen.


Sophie Reyer, Schildkrötenliebe

Biller: Was heißt Feminismus für dich?

Reyer: Für mich bedeutet Feminismus nicht, dass ich Texte für Frauen oder Randgruppen mache. Ich mache Texte für Menschen, und mir wäre es am liebsten, die Geschlechter-Thematik auszuklammern. Leider aber leben wir nach wie vor in einer Gesellschaft, in der – nicht nur global gesehen – Frauen nicht die gleichen Rechte haben wie Männer. Man denke nur an das in Europa historisch erst jüngst verankerte Frauenwahlrecht. Und da ich eine Frau bin, ist es mir ein Anliegen, diese Missstände in meine Arbeit zu integrieren.

Biller: Es geht auch viel um Schuld und Selbstaufgabe in dem Buch. Was findest du an diesem Thema spannend?

Reyer: Nun, ich denke Schuld ist so ein großes archaisches Thema der Weltliteratur. Mir ging es bei der "Schläferin" auch um den Medea-Topos. Der spannende Aspekt der Schuld ist immer, dass wir den anderen mit befreien, wenn wir uns selbst davon befreien. Darum arbeitet sich die "Schläferin" auch an einer Beziehungsgeschichte ab.

Biller: Ohne zu viel über das Ende sagen zu wollen: War das für dich der einzige "Ausweg" aus deinem Buch, oder hattest du dazu auch andere Möglichkeiten im Kopf?

Reyer: Der Ausweg ist mein Ende des Buches. Weißt du einen anderen?

Biller: Touché … Es geht nicht nur um Schlaf, sondern – du hast es oben schon erwähnt – eine wichtige Rolle spielt auch die Traumebene. Träumst du viel? Hast du selbst Erfahrung mit luziden Träumen?

Reyer: Ja, ich träume viel und würde behaupten, luzide. Allerdings ist das etwas, über das man sich lieber in Traumsprache unterhält als in einem Interview …

Biller: Du bist ja arbeitsmäßig ein sehr umtriebiger Mensch und in vielen Bereichen aktiv. Suchst du noch nach deiner literarischen oder künstlerischen Heimat oder genießt du es, in vielen verschiedenen Gattungen, Genres und Kunstrichtungen unterwegs zu sein?

Reyer: Natürlich ist Kunstschaffen immer wieder eine Suchbewegung. Wer die nicht wagt, erstarrt in einer selbstauferlegten Form, ohne sich weiter zu entwickeln, und dann wird das Leben langweilig. Wenn ich schreibe, bin ich aber immer daheim. Ich bin quasi in dieser Suchbewegung daheim. Ich glaube, das ist das Geheimnis, in dem meine einzige wirkliche literarische Kraft liegt.

Biller: Musst du dich eher zum Arbeiten oder zum Nichtstun anhalten?

Reyer: Zum Nichtstun! In diesem Sinne …

Nähere Infos unter: http://sophiereyer.com/ (letzter Zugriff: 20.09.2016).

Tags

kunst, feminismus, postfeminismus, romane, literatur