Bildung - Politik

3/2016 - Mediales Lernen/Lehren im Fremdsprachenunterricht/beim Spracherwerb

Die Bildungsmediale 2016: Digitaler Wandel – Wege in die Zukunft

Gelingensbedingungen für Medienbildung

AutorInnen: Elisabeth Müller / Christian Stewen

Elisabeth Müller und Christian Stewen berichten von der Bildungsmediale 2016 am 15. September 2016 an der Katholischen Hochschule Mainz. ExpertInnen aus Bildung, Wirtschaft und Politik berieten über Gelingensbedingungen für schulische Medienbildung.

Abstract

Der diesjährige Nationale IT-Gipfel im November wird ganz im Zeichen der Bildung stehen und auch die Kultusministerkonferenz will bis Ende des Jahres eine umfassende Strategie für die Bildung in der digitalen Welt in Deutschland verabschieden – ein weiteres Zeichen dafür, dass Digitale Bildung längst ein zentrales schul- und bildungspolitisches Thema geworden ist.


Am 15. September kamen zahlreiche ExpertInnenen aus Politik, Wirtschaft und Bildung auf der Bildungsmediale 2016 (Ankündigung in medienimpulse) an der Katholischen Hochschule in Mainz zusammen. Die von der Clearingstelle Medienkompetenz ausgerichtete Veranstaltung widmete sich der Frage, wie Digitale Bildung in Schulen erfolgreich und nachhaltig etabliert werden kann. Träger der Veranstaltung waren die Initiative Keine Bildung ohne Medien (KBoM!), die Initiative D21 e.V. und das Bündnis für Bildung e. V. (BfB). Die Bildungsmediale (Ankündigung in medienimpulse) fand zum zweiten Mal nach 2013 statt und versteht sich als Plattform für Diskussion und Austausch über Schulen in der digitalisierten Gesellschaft. Dem weit gefassten und ehrgeizigen Ziel der Veranstaltung und der mit ihm verbundenen multi-perspektivischen Herangehensweise entsprachen auch die abwechslungsreichen Formate sowie die unterschiedlichen theoretisch-praktischen Inhalte der Tagungspunkte: Podiumsgespräche, Impulsvorträge und Workshops wechselten sich in angenehm kurzweiliger Weise unter der strukturierten und sympathischen Leitung der beiden SWR-Moderatorinnen Christine Poulet und Claudia Deeg ab. Im Unterschied zu den derzeit häufigen Veranstaltungen zur Thematik der Digitalen Bildung fiel auf, dass durch die Einbeziehung unterschiedlichster Akteure die Abhängigkeiten bzw. Bedingtheiten der zu diskutierenden Bildungsfragen besonders umfassend erörtert werden konnten. Bildungspolitische Fragen und Probleme der Lehreraus- und -fortbildung wurden so ebenso angesprochen wie organisatorisch-strukturelle Herausforderungen des schulischen Bildungsalltags, medientechnische Dimensionen eines Unterrichts mithilfe digitaler Medien, theoretische Aspekte informatischer und medienkultureller Digitalitätsbegriffe sowie Dimensionen erziehungswissenschaftlicher Bildungs- und Kompetenzbegriffe.


Abb. 1:  Eröffnung der Bildungsmediale mit einer Video-Botschaft der KMK-Präsidentin Dr. Bogedan

Den Begriff "Digitale Bildung" – eine Kurzform für "Bildung in einer digitalisierten und medialisierten Welt" – eruierten Saskia Esken (Mitglied des Deutschen Bundestags, SPD), Lena-Sophie Müller (Geschäftsführerin D21), Martin Hüppe (Geschäftsführer des Bündnisses für Bildung) und Justin Gentzer (Vorstand des Bildungswerks für Schülervertretung e.V.) im Auftaktgespräch. Dem Gelingen, so stellte man fest, stehen strukturelle Barrieren zwischen Ländern und Kommunen im Wege, welche die notwendige Zusammenarbeit noch erschweren – eine Herausforderung, die durch eine Umverteilung von Zuständigkeiten und Kooperationen angegangen werden müsse.

Auf die Frage, welche Standards für Lehrkräfte in der Medienbildung gelten sollten, stellte Lena-Sophie Müller drei Punkte heraus, die realisiert werden müssten: erstens sollte der Rahmen der Infrastruktur des Lehrumfelds stimmen, dies muss bei simplen Dingen wie einem funktionierenden Internetzugang beginnen. Zweitens sollte ein bestimmtes Maß an Medienbildung verpflichtender Bestandteil der Aus- und Weiterbildung für Lehrkräfte sein. Damit eine Umsetzung von Medienbildung auch möglich ist, müssten drittens dementsprechend die Lehrpläne und Prüfungsordnungen angepasst werden.

Wie das Programm der Bildung in einer digitalisierten und medialisierten Welt in den Schulen aussehen sollte, ist vielen Bundesländern bereits bewusst – notwendige sogenannte "21st-Century-Skills" benötigen zur Vermittlung allerdings eine veränderte Kultur des Lernens, welche aus zwei Säulen bestehen müsse: einer informatischen Grundbildung von SchülerInnen einerseits sowie medienpädagogischer und mediendidaktischer Ansätze andererseits. Dafür bedürfe es nicht eines neuen Faches, diese Ansätze sollten vielmehr in bereits bestehenden Fächern Berücksichtigung finden. Dennoch halte man Verbindlichkeit in allen Fächern für eine erst sukzessive umsetzbare Maßnahme.

Trotz vieler Pläne und jahrzehntelanger medienpädagogischer Arbeit zum Thema Medienbildung, „besteht ein Umsetzungsproblem, das gelöst werden muss“, so Martin Hüppe. "Es fehlen Menschen, die versuchen mit den Schulen neue Wege zu entwickeln; es hapert an handelnden Personen, die Konzepte aber sind da!" Damit diese Konzepte auch umgesetzt werden können, müssen Ländern und Kommunen mit Hilfe von Politik und Wirtschaft Freiräume zur eigenständigen Weiterentwicklung geschaffen werden. "Dies kann jedoch nicht unter Druck durch die Politik geschehen, da Schulentwicklung ein langsamer, aber steter Prozess ist, der partizipativ stattfinden muss", so Esken. Neben der schulischen muss jedoch auch die außerschulische digitale Bildung gefördert werden: Schülern sollte eine vernetzte Bildungslandschaft vor Ort zu Verfügung gestellt werden, in der auch außerschulische Medienbildung eine wichtige Rolle zukomme.


Abb. 2:  Vortrag Prof. Dr. Heidi Schelhowe (Uni Bremen)

Prof. Dr. Heidi Schelhowe, Professorin für Digitale Medien in der Bildung an der Universität Bremen, referierte im anschließenden Vortrag "Von der Leichtigkeit der Zeichen und von der Macht der Produktion. Medienbildung und Informatik." über die Herausforderungen der Digitalen Bildung, denen wir uns noch stellen müssen. Denn Digitale Medien sollen in der Schule nicht nur genutzt, sondern in ihrer Komplexität und Abstraktion auch verstanden werden – die Grundbedingung für einen nachhaltigen Lernerfolg. "Die Technik darf nicht mehr als bloßes Hilfsmittel verstanden, sondern als eigene Kultur mit eigener Bedeutung und Qualität gesehen werden, was das Erlernen von technologischen Komponenten bedingt", so Schelhowe, die damit eine stärkere Verankerung der Informatik in der Schule fordert, so dass ein Muster "of thinking und making!" verinnerlicht werde. Hierzu müssten Lernszenarien zum Handeln und Denken über und mit Medien auffordern. Eine Umsetzung dieser Forderungen ist nach Schelhowe nur möglich, indem Digitale Bildung einen zentralen Platz in der LehrerInnen- und sozialpädagogischen Aus-und Weiterbildung erhält. Zudem müsse Digitale Bildung interdisziplinär zwischen Medienpädagogik und Informatik unterrichtet werden.



Im anschließenden kurzen Impuls von Jun.-Prof. Dr. Jasmin Bastian von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz standen Fragen historischer Entwicklungen digitaler Techniken und ihren kulturellen Dimensionen, sowie medienpädagogische Konzepte zu ihrer Implementierung in unterschiedlichsten schulischen und außerschulischen Projekten im Vordergrund.


Abb. 3: Vortrag von Jun.Prof.in Jasmin Bastian (Uni Mainz)

Der Nachmittag bot dann vier parallele Workshops zur vertiefenden Verdeutlichung von Gelingensbedingungen: Schulentwicklung, Lehrerfortbildung, Curriculum und außerschulische Medienbildung. Lern- und Schulkultur, das hatte sich bereits am Vormittag gezeigt, bilden die Grundlage für eine gelingende Transformation von Bildung in der medialisierten Welt.

Anhand der Beispiele, welche Dr. Christian J. Buettner aus den Medienbildungsaktivitäten der Stadt Nürnberg, Prof. Dr. Rudolf Kammerl bezüglich Hamburger Schulversuche und Dr. Angela Thiele zur Grundschule am Koppenplatz Berlin im Workshop Schulentwicklung vortrugen, konnte dies deutlich gemacht werden.

Im Workshop "Curriculum" wurden von Renate Holubek (BMB) die bislang getrennten Aktivitäten von Medienpädagogik und informatorischer Bildung in Österreich und deren Bereitstellung von Materialien für Lehrkräfte (insbesondere über mediamanual.at) vorgestellt, die beide auf den österreichischen Grundsatzerlass Medien zurück gehen, welcher Medienbildung als Unterrichtsprinzip betrachtet. Demgegenüber stellte Prof. Dr. Ira Diethelm (Didaktik der Informatik an der Universität Oldenburg) ein im Entstehen begriffenes Modell eines "Hauses der Digitalen Bildung" vor, das anknüpfend an die Dagstuhl-Erklärung verschiedene Ebenen von Digitaler Bildung (von leitenden Unterrichtsfragen bis zum Einsatz von Lernmedien) berücksichtigt und als Hilfe für Lehrkräfte dienen könnte.

Als Gelingensbedingungen im Workshop "Lehrerfortbildung" (mit Dr. Richard Heinen [Präsentation] und Lisa Rosa [Präsentation]) wurden das Lehrerraumprinzip (gegenüber dem traditionellen Klassenraumprinzip), gemeinsam erarbeitete Medienbildungskonzepte als Teil des Schulprofils sowie verbindliche Aus- und Fortbildungsangebote und der Austausch im Kollegium genannt.

Im vertiefenden Workshop-Format wurden konkrete Initiativen und Projekte vorgestellt, welche als Beispiele einer guten Praxis gelten können, so etwa Dieter-Baacke-Preisträger-Projekte im Workshop zu außerschulischer Medienbildung, der media literacy award (mla) und die prototypischen Aufgaben zur Medienkompetenz des österreichischen Bildungsministeriums im Workshop Curriculum und das Lernkonzept der Schule am Koppenplatz sowie die Förderung von Medienbildung durch die Stadt Nürnberg im Workshop Schulentwicklung.

Bereits am Vorabend der Bildungsmediale hatte sich ein Kreis von ExpertInnen anlässlich der Dagstuhl-Erklärung getroffen, um zusammen mit VertreterInnen aus Politik und Wirtschaft das Dagstuhl-Dreieck als ein Modell von Bildung in der digital vernetzten Welt unter der technologischen, gesellschaftlich-kulturellen sowie anwendungsbezogenen Perspektive zu diskutieren. Fachexpertisen der medienbezogenen akademischen Disziplinen (Erziehungswissenschaft [hier insbesondere Didaktik und Bildungstheorie], Informatik, sozial- und kulturwissenschaftliche Medienwissenschaften) sollen hier allesamt einfließen, um ein umfassendes Gesamtbild zu ermöglichen. Anvisiert ist somit ein Modell, das die vielseitigen Aspekte von Medienbildung vereint und somit als Diskussionsgrundlage und Folie für bildungspolitische Medienbildungs-Strategien auf der konzeptionellen bis zur Umsetzungs-Ebene dienen kann.

Insgesamt gelang mit der Tagung – in der Zusammenführung von mit Medienbildung befassten Ebenen (von der Politik über Lehrmittelanbieter bis ins Klassenzimmer) – eine Erweiterung bisheriger Perspektiven auf Bildung in der digitalen Welt. Auch wenn die Diskussionen sich oftmals in altbekannten Parolen und Forderungen verfingen, thematische Verkürzungen zu beobachten waren (wie insbesondere der in Anschlag gebrachte Medienbegriff oder die Konzentration auf Kinder und Jugendliche, die bei Fragen der Medienbildung nicht selbstverständlich sein sollte) und wenig Gelegenheit blieb, einzelne theoretische, politische oder institutionelle Aspekte in gebührender Tiefe weiter zu eruieren, kann die Tagung doch als ein voller Erfolg betrachtet werden. Es wurde ein wichtiger Schritt gemacht, um Bedarfe und Zuständigkeiten zu formulieren, die Vernetzung und Stärkung von Initiativen zu bewirken sowie die immer dringlicher werdenden Fragen und Probleme ins Bewusstsein zu bringen: Wenn Wissen, Identität und Gesellschaft in digitalen Medienkulturen herausgefordert werden – welche Bedeutungen können und sollten dann schulische und außerschulische Bildungsprozesse entwickeln? Die Bildungsmediale 2016 hat dazu beigetragen, Gelingensbedingungen benennen zu können und Impulse für zukünftige Aufgaben der Politik, der Lehrerfortbildung, der akademischen Forschung sowie der Bildungspraxis zu geben. Während Zwang und Zeitdruck/-mangel als nicht zielführend ausgemacht werden konnten, so wurde anhand der positiven Beispiele deutlich, dass gelungene Umsetzungen regional und überregional eine positive Spirale in Bewegung setzen können, welche weitere Lehrkräfte und Schulträger anregt, sich der Vision von medienbildungsbezogener Schulentwicklung anzuschließen. Neben der Vorbildwirkung von Leuchtturmschulen ist die verbindliche Verankerung von Medienbildung in der Aus- und Weiterbildung von LehrerInnen sowie pädagogischen Fachkräften unabdingbar.

Tags

bildungsmediale, tagungsbericht, mainz, gelingensbedingungen, schule; wandel, digital, bildungspolitik, föderalismus, dagstuhl, lehrerinnenbildung