Bildung - Politik

3/2016 - Mediales Lernen/Lehren im Fremdsprachenunterricht/beim Spracherwerb

Die Kultusministerkonferenz und die Medienbildung – Stellungnahmen zum KMK-Strategie-Entwurf "Bildung in der digitalen Welt"

AutorIn: Petra Missomelius

Die deutsche Kultusministerkonferenz hat im April eine neue Strategie zur Bildung im digitalen Zeitalter präsentiert und Fachverbände zur Diskussion eingeladen. Die Argumentationslinien des Entwurfs und die vielfältigen Stellungnahmen stellt Petra Missomelius in ihrem Beitrag zusammen.

Abstract

In April, the German Conference of Ministers of Education and Cultural Affairs presented a new strategy for education in the digital age and invited professional associations to discuss it. The paper by Petra Missomelius presents the lines of argumentation in the draft version and summarizes the controversial issues that result from various opinions on it.


1. Auf die Empfehlung folgt nun die Strategie

Vier Jahre ist es her, dass die KMK eine Empfehlung zur "Medienbildung in der Schule" (https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_03_08_Medienbildung.pdf) abgab. Darin wird der Stellenwert von Medienbildung in der Schule unterstrichen und ihre Relevanz etwa in der Förderung von Lernprozessen, der Persönlichkeitsbildung oder des Urteilsvermögens. Ein Kritikpunkt an der Empfehlung lag in ihrem wenig verbindlichen Charakter. Das darin formulierte Anliegen soll nun in einer ausgearbeiteten Strategie zur Umsetzung kommen. Hierfür wurde von der KMK unter nicht erkennbarer Beteiligung (in der entsprechenden Meldung der KMK heißt es "in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern") ein Strategiepapier mit dem Titel "Bildung in der digitalen Welt"(https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2016/Entwurf_KMK-Strategie_Bildung_in_der_digitalen_Welt.pdf) erstellt und unter der Versionsnummer 1.0 vom 14.04.2016 Fachverbänden zur Diskussion gestellt. Das Papier umfasst vom Umfang her insgesamt 43 Seiten (31 Seiten Grundtext und zwei Anlagen). Es werden die Bildungsbereiche Schule, berufliche Bildung und Hochschule aufgegriffen und punktuell mit Maßnahmen belegt.

Nicht nur aus dem Titel ist die Medienbildung verschwunden. Man sucht sie im gesamten Strategiepapier vergebens. Stattdessen wird nun die Digitalisierung als Ausgangspunkt für notwendige Veränderungen in der gesamten Bildungskette zugrunde gelegt. Analoge Medien bzw. Formate, die nicht zwangsläufig an digitalen Code gebunden sind – man denke etwa an (Bewegt-)Bildkompetenz – geraten dabei an die Peripherie. Leider verhält es sich mit dem Verständnis von Bildung ebenso. Durch das Papier zieht sich eine Vorstellung welche Bildung als Synonym für "Bildungswesen" begreift, dessen Aufgabe die bestmögliche Vorbereitung auf die Arbeitswelt ist.

Der Entwurf bezieht klar Stellung dazu, dass schulische Bildung in der digitalen Welt als integrale Aufgabe aller Fachdidaktiken sowie der Bildungswissenschaften zu betrachten sei. In diesem Zusammenhang ist die einzige Erwähnung von Medienpädagogik als Adjektiv: "mediale und medienpädagogische Kompetenzen" (KMK 2016: 15).

Einen Schwerpunkt der Ausführungen der Strategie bildet der Einsatz von digitalen Tools in Lehre und Lernen der beruflichen und akademischen Bildung sowie der "Lehrerausbildung" (sic). Der Text beinhaltet hier viele unsystematische Hinweise und kommt interessanterweise dabei ganz ohne die Erwähnung des Begriffs Mediendidaktik aus. Beim Überhang an Gedanken zum Lernen mit Medien (zuungunsten des Lernens über Medien) bleibt die absehbare zukunftsoffene Weiterentwicklung der Technologien unberücksichtigt. Das mediengestützte Lehren und Lernen wird ausschließlich auf dem augenblicklichen digitalen Stand diskutiert.

2. Feedback durch Fachverbände

Der Aufforderung zur schriftlichen Stellungnahme bis Mitte Juli 2016 sind, so kann man zumindest anhand der von AutorInnen online publizierten Statements erkennen, zahlreiche Organisationen und Initiativen gefolgt:

Der Vorstand der Sektion Medienpädagogik der Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) (http://www.dgfe.de/fileadmin/OrdnerRedakteure/Sektionen/Sek12_MedPaed/Sektion_Medienp%C3%A4dagogik_der_DGfE_zur_KMK-Strategie_2016.pdf),

Das Deutsche Studentenwerk (DSW) (zugleich Träger der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) (http://www.studentenwerke.de/de/content/stellungnahme-zum-entwurf-der-strategie),

Die AG Medienkultur und Bildung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) (http://media.wix.com/ugd/3961dd_70454349ca384bb5adcf80d784d3b5ed.pdf),

Die Fachgruppe Schule der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) (http://www.gmk-net.de/fileadmin/pdf/GMK-Stellungnahme_zum_KMK-Strategie-Entwurf.pdf),

Die Gesellschaft für Informatik (GI) (https://fb-iad.gi.de/fileadmin/stellungnahmen/gi-fbiad-stellungnahme-kmk-strategie-digitale-bildung.pdf),

Die Initiative "Keine Bildung ohne Medien!" (KBoM) (http://www.keine-bildung-ohne-medien.de/publications/stellungnahme-zum-kmk-strategiepapier-bildung-in-der-digitalen-welt/),

Die Stiftung Digitale Spielekultur gGmbH (http://stiftung-digitale-spielekultur.de/artikel/stellungnahme-kmk-bildungsstrategie),

Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) (http://www.vzbv.de/meldung/kultusministerkonferenz-entwickelt-strategie-zur-digitalen-bildung) sowie

Die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e.V. (ZUM) (https://www.zum.de/portal/blog/ZUMTeam/Stellungnahme-der-ZUM-zum-KMK-Entwurf-einer-Strategie-Bildung-der-digitalen-Welt).

Darüber hinaus kommentierten das Frankfurter Technologiezentrum (FTzM) sowie die Clearingstelle Medienkompetenz der deutschen Bischofskonferenz an der Katholischen Hochschule Mainz den Entwurf.

Lisa Rosa wirft auf ihrem Blog Shift (https://shiftingschool.wordpress.com/2016/06/17/kommt-jetzt-endlich-die-richtige-bildungspolitik-in-deutschland/) einige brisante Fragen zum Text auf und geht dezidiert auf die Ausrichtung der Strategie ein, welche sie als nicht zeitgemäß beurteilt, da z. B. das Bildungssystem in verordnender Funktion und nicht als lernendes System gedacht wird.

Auf der Website von Jöran und Konsorten (http://www.joeran.de/kmk-veroeffentlicht-zwischenstand-zur-strategie-bildung-der-digitalen-welt/) wurde das KMK-Papier als google-doc (https://docs.google.com/document/d/1kcTriZUVF-CtEF0zfx4TGuajqw2S-Jf2seSTLpOgOJg/edit) verlinkt und zur Kommentierung aufgefordert. Besonders die Sichtweise der Informatik lässt sich an diesen Kommentaren zum Entwurf gut ablesen.

(letzte Zugriffe bei allen Links: 18.09.2016)

Grundsätzlich wird eine Strategieentwicklung befürwortet und unterstützt. Interessant sind jedoch besonders die Punkte, in denen es Widerspruch und Diskussionsbedarf gibt.

Einhellig werden in vielen der Stellungnahmen folgende Punkte kritisiert:

  • Begriffliche Unschärfen (z. B. Bildungs- und Medienverständnis, Zielsetzungen von Bildung betreffend) werden als eklatantes Problem des Papiers und damit einer Strategie betrachtet.
  • Viele Allgemeinplätze, lange notwendige praktische Schritte für die Bildung, die unumstritten sind, deren Umsetzung sich als problematisch erweist – wofür der Entwurf jedoch keine Strategie entwickelt: ist unter diesen Umständen viel zu erwarten?
  • Obwohl es explizit heißt "der Einsatz digitaler Werkzeuge im Unterricht ist kein Selbstläufer" (KMK 2016: 4), widerspricht der Strategieentwurf im weiteren Verlauf dieser Aussage unverzagt.
  • Die Anmerkungen zur Technik-Ausstattung erscheinen oberflächlich. Sie wirken in der Ausrichtung auf kommerzielle Anbieter unreflektiert und bedenklich angesichts der Unabhängigkeit und Neutralität von Schule.
  • Es wurde in den letzten zehn Jahren bereits viel im Bereich digitaler Lernmaterialien entwickelt. Warum will man wieder Neues aufbauen, statt Vorhandenes zu bündeln und zugänglich zu machen?
  • Der OER-Ansatz sollte noch weitergedacht werden.
  • Der gesellschaftswissenschaftliche Bereich ebenso wie die Kompetenz "Analysieren und Reflektieren" werden oberflächlich abgehandelt und weisen weite Lücken auf (es handelt sich um Grundlagen, nicht um add-ons, wie die Reihung im Entwurf Glauben machen könnte), denn gesellschaftliche Transformationen, welche durch die Digitalisierung ausgelöst wurden, lassen sich nicht allein aus technischer Perspektive verstehen.
  • Einig ist man sich auch hinsichtlich der Kritik am vorgestellten Kompetenzmodell – es bleibt hinter den bereits existierenden Kompetenzmodellen zurück. Die Aussage "Das Kompetenzmodell geht über die bisher entwickelten Konzepte zur Medienbildung hinaus." (KMK 2016: 7) findet keine Zustimmung.

Eine Frage, die in manchen Erwiderungen deutlich, in anderen zaghafter und zurückhaltend formuliert wird, ist die Frage nach fundamentalen Entwürfen für ein Bildungswesen des 21. Jahrhunderts, das von der Homogenisierung von Informationshierarchien und der Nivellierung des Zugangs zu Informationen geprägt ist. Diese Ausgangslage entzieht einer auf Wissensvorsprung basierenden Pädagogik die Grundlage und auf diese Situation muss Bildung in der digitalen Welt reagieren. Im Entwurf heisst es "Mit zunehmender Digitalisierung entwickelt sich auch die Lehrerrolle (sic) weiter." (KMK 2016: 5) Entsprechende Gedanken zu strukturellen Veränderungen werden im Entwurf jedoch nicht angestellt. Finden diese nicht statt, so wird lediglich die alte Lehrendenrolle mit einigen digitalen Extras (Lehrenden-Computerführerschein) fortgeführt. Im Entwurf wird einem nicht näher spezifizierten "Primat des Pädagogischen" Priorität eingeräumt. Doch was macht dieses aus? Die Diskussionen der Medienbildung der letzten Jahre um die Frage des Bildungsverständnisses angesichts des digitalen Medienwandels sind hier schlicht nicht registriert worden.

Je nach Ausrichtung der Fachgesellschaft sind verschiedene Akzente stärker ausgeprägt, was eine Berücksichtigung der vielfältigen, teilweise auch widerstreitenden Stellungnahmen nicht erleichtern dürfte, in ihrer Breite aber auch den qualitativen Zugewinn ausmacht, die verschiedenen Stakeholder in diesem Prozess zur inhaltlichen Mitarbeit zu animieren. So wird etwa die Aufmerksamkeit auf unverzichtbare barrierefreie Zugänglichkeit und uneingeschränkte Nutzbarkeit von digitalen Angeboten gelenkt und werden Qualitätsstandards für digitale Lehr-/Lernmaterialien eingefordert. Ebenso wird eine weitere Öffnung für (sozial-)pädagogische Studien- und Ausbildungsgänge für Lehrkräfte sowie die Berücksichtigung von Weiterbildung und lebensbegleitendem Lernen angemahnt.

3. Ausblick

Die Anregungen aus den Fachgesellschaften wurden nun in eine Entwurfsfassung 2.0 eingearbeitet. Die KMK plant, die finalisierte Fassung zum Nationalen IT-Gipfel des Bundeswirtschaftsministeriums Mitte November in Saarbrücken vorlegen zu können. Die Vorab-Veröffentlichung des Entwurfs sowie die Einholung von Stellungnahmen der Fachgesellschaften stellen einen Schritt der KMK in Richtung Transparenz dar. Dank des Engagements der Beteiligten in Sachen Medienbildung ist es nun gelungen, einen reichhaltigen Fundus an fachspezifischen Ansatzpunkten für eine Ausdifferenzierung und Präzisierung des Entwurfs zu erhalten. Dieser Fundus sollte auch zur Klärung von Fragen grundsätzlicher Art hinsichtlich einer Strategie des deutschen Bildungssystems genutzt werden. Es bleibt spannend, wie der Prozess nun fortgeführt werden wird, wie die endgültige Strategieentwicklung ausfallen wird und, selbstverständlich, welche Impulse ihre Umsetzung zu setzen vermag. Wird es im Bildungssystem eine neue Phase der Verbrennung finanzieller Ressourcen durch Plattformlizenzen und WLAN-Ausstattung geben oder wird es zu einem "digitalen Wandel" des Bildungswesens kommen?

Tags

kultusministerkonferenz, strategiepapier, medienbildung, digital, bildung, fachverbände, stellungnahmen