Bildung - Politik

3/2016 - Mediales Lernen/Lehren im Fremdsprachenunterricht/beim Spracherwerb

Die Digitale Revolution frisst unsere Kinder?

Medienbildung in der Schule

AutorIn: Hans-J. Ulbrich

Der Regisseur und Autor Hans-Joachim Ulbrich schildert Idee und Umsetzung seines aktuellen Filmprojekts zu Medienbildung in der Schule. Er erläutert die Beweggründe für diesen Dokumentarfilm und berichtet über Erfahrungen während der Dreharbeiten.

Abstract

Director and author Hans-Joachim Ulbrich describes the idea and implementation of his current film project on media education in schools. He explains the reasons behind the documentary and reports on his experiences while shooting it.


1. Worum es geht

Dieser Film erhebt Anspruch auf Subjektivität. Er ist ein persönliches Fazit ohne endgültige Wahrheiten. Er fragt nach dem Sinn von Medienbildung in der Schule. Eigentlich aber fragt der Film nach dem Sinn von Schule.

Ich rede darüber mit einer Reihe von Menschen, die ich aus meiner Arbeit als Medienpädagoge kenne. Das sind vor allem die Erfahrungen, die ich bei zwei jeweils dreijährigen Schulversuchen zwischen 2008 und 2014 mit insgesamt 25 Schulen aller Schulformen in Mecklenburg-Vorpommern sammeln konnte. Den ersten davon habe ich von der Konzeptionsphase an inhaltlich und organisatorisch begleitet, für den zweiten war ich der verantwortliche Leiter. In dieser Zeit ist die technologische Entwicklung gerade der Medien rasant vorangeschritten, die darauf notwendigen Antworten der Schule aber bleiben weitestgehend aus.

Die, mit denen ich darüber rede, haben alle einen mehr oder weniger direkten Bezug zur Schule, sind in der Schule und für die Schule tätig, auf jeden Fall aber kompetent und authentisch in Bezug zur Medienbildung.

Das ist die 10jährige Schülerin Nele Keplin ebenso wie der 70jährige Professor für digitales Gestalten Pavel Kleinmann.


Foto 1: Nele Keplin, Rostock

Nele Keplin, Rostock: "Eine Schule ohne solche Projekte sollte geschlossen werden!"


Foto 2: Prof. Pavel Kleinmann, Berlin

Prof. Pavel Kleinmann, Berlin: "Früher hatte man weniger Informationen, aber mehr Zeit zum Selberdenken."

Das Wort Medienbildung klingt für mich wie Herzensbildung und hat tatsächlich etwas mit der "Erziehung der Gefühle" des Gustav Flaubert und den "Verlorenen Illusionen" des Honoré de Balzac zu tun.

2. Wie komme ich auf Herzensbildung?

Vielleicht ist es eine Konsequenz daraus, dass ich Bildung nicht als Anhäufung von Wissen oder gar von Informationen verstehe und Medien nicht nur als die gerade erreichte technische Endform eines Kommunikationsmittels.

Demgegenüber bin ich davon überzeugt, dass Bildung immer auf Verstand und Gefühl gleichermaßen zielt und dass dabei Verstand Kenntnisse und ihre Orientierung an der Lebenswelt einschließt und Gefühl nicht auf Sentimentalität reduziert werden kann.

So wie es für mich keinen Sinn macht, Film ohne Fotografie oder Malerei zu verstehen, sollte man gerade auch die digitalen Medien als etwas begreifen, das auf einer Jahrhunderte währenden praktischen Entwicklung menschlicher Werkzeuge zur Gestaltung der Lebenswelt fußt. So wie Werkzeuge kulturbildend sind, sind Medien grundlegende Bestandteile unserer Kultur.

Kulturtechniken sind Ergebnis von Kommunikation und eigentlich nicht "vermittelbar" – an diesem Irrtum kann Schule scheitern – sie bilden sich in der Kommunikation heraus. Reduziert man Kommunikation nicht allein auf Sprache, sind Medien die ursprünglichsten Werkzeuge der Menschheitsentwicklung. Medienbildung findet insofern seit Beginn von Schule auch in der Schule statt. Erst wenn die Pädagogik von der Kommunikation im Klassenzimmer, welche Schüler als zur Kreativität fähige Wesen ansieht, zum Pauken, zur Eintrichterung verödet, werden Medien statt Kommunikationswerkzeuge zu solchen des Drills und der Manipulation.

3. Begegnungen

Medien sind also nichts Neues in der Schule. Den MedienpädagogInnen des Gymnasiums in Bargteheide war es vollkommen klar, dass in der Mitte ihres neu einzurichtenden Medienzentrums die Bücher der Schulbibliothek stehen müssen – und dass das kein Anachronismus ist, weil Bücher eben mal als "out" gelten.

Für SchülerInnen der Bernstein-Schule Ribnitz-Damgarten in Mecklenburg ist es selbstverständlich, dass Medienprojekte nicht ausschließlich mit Computer und Internet zu tun haben, sondern immer auch mit Malen, Filme drehen, Musik machen, Texte verfassen und spielen. Diese Schule hat mit der Teilnahme am Schulversuch "Auf dem Weg zur Medienschule" einen großen Schritt voran getan. Schon bei der Erarbeitung eines Medienkonzepts wurde deutlich, dass man, wenn man konsequent sein wollte, alle Bereiche des schulischen Lebens erfassen muss.

Der Kern dieser Veränderungen war dann das Konzept des "Forschenden Lernens", eine strategisch neue Herangehensweise an das selbständige Lernen, an das fachübergreifende Lernen und das auf die Komplexität des Lebens gerichtete Lernen. Damit hatte die Schulleitung, LehrerInnen und ErzieherInnen, besonders aber auch außerschulische MedienpädagogInnen und immer mehr SchülerInnen einen roten Faden für die Medienbildung an ihrer Schule gefunden.

Im diesem Film kommen SchülerInnen, Studierende, LehrerInnen, ErzieherInnen, MedienpädagogInnen, WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen zu Wort. Insgesamt sind es ca. 50 Personen, die versuchen, Antworten zu finden auf die Frage, ob unser Schulsystem heute den Anforderungen der digitalen Revolution standhält. Von der überwiegenden Mehrzahl der ProtagonistInnen wird diese Frage in unterschiedlicher Rigorosität verneint.

4. Blitzlichter

Der Film beginnt mit der These, dass die Schule obsolet sei, weil sie nicht mehr das Monopol des Lernortes innehat. Vertreten wird das von einer Reihe von SchülerInnen, WissenschaftlerInnen, MedienpädagogInnen, die alle selbst im und für das System Schule eine hervorragende Medienbildungsarbeit leisten.

Die Begründung dieser These führt zu dem kulturpessimistisch anmutenden Slogan: Die digitale Revolution frisst unsere Kinder.

Der realistische Teil dieser Paraphrase findet sich im Begriff der "digitalen Revolution" – was könnte man sonst noch als "Revolution" bezeichnen, wenn nicht diese grundlegende und alle Lebensbereiche erfassende neue Stufe von gesellschaftlicher wie individueller Kommunikation? Und warum sollte sich Schule dem stellen, wenn sie nicht schon im Alltag unserer Kinder eine oft größere Rolle spielt, als das, was ihnen in der Schule als "Welt", als "Leben" begegnet ?

Ein krampfhaftes Festhalten an überkommenen Formen und anachronistischen Inhalten des schulischen Lebens verweist auf die Ignoranz oder zumindest auf das Herunterspielen dieser Revolution als rein technische Entwicklung.

Demgegenüber steht der zweite Teil des Films unter dem Titel Antithese: sehr wohl kann Schule auf die Anforderungen der digitalen Revolution sinnvoll reagieren.

Hier werden hervorragende Medienprojekte, an Medienbildung orientierte Schulen, Medienzentren und Einrichtungen der Lehrerausbildung in interessanten Interviews und eindrucksvollen Bildern vorgestellt:

Gymnasien, Regional- und Förderschulen in Neustrelitz, Bargteheide, Ribnitz-Damgarten, Wien und Neuburg. Der Offene Kanal Rostock und Radio Igel Graz, die Ars Electronica Linz, die Lehrerausbildung an den Universitäten in Greifswald und Flensburg sowie die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) in Bielefeld.

Aber es wird auch klar, dass dies Einzelbeispiele sind, einsame Leuchttürme, die dem Schiffsumbau auf hoher See – die allgemeine und radikale Neugestaltung der Institution Schule im 21. Jahrhundert – eine Orientierung geben können, ihn aber nicht ersetzen werden.

Darum wird in einem dritten Teil des Films eine Synthese versucht: Ja, wir können das, wenn ...

Die bereits vorgestellten ProtagonistInnen formulieren hier Anforderungen an ein System Schule, das Medienbildung nicht als eine dem Zeitgeist geschuldete zusätzliche Aufgabe, sondern als etwas versteht, das der digitalen Revolution angemessen erscheint:

5. Medienbildung als Schulentwicklung...

... ist ein Ansatz, der sowohl in den zwei großen Schulversuchen des Landes Mecklenburg-Vorpommern als auch in einem fünfjährigen Forschungsprojekt der Europauniversität Flensburg entwickelt und erprobt wurde und wird.

Die Universität Flensburg hat durch das medienpädagogische Seminar dieses Konzept zum Ausgang der LehrerInnenbildung an ihrer Einrichtung gewählt und kooperiert dazu mit über 20 Schulen des Landes Schleswig-Holstein (http://mediamatters-sh.de/).

Dass Medienbildung als Schulentwicklung verstanden werden kann, hat sich im Verlauf der Schulversuche in Mecklenburg-Vorpommern herausgestellt (http://medienundschule.inmv.de/wp/). Das Beispiel aus Ribnitz-Damgarten (siehe oben) ist eines davon, wenn auch ein sehr gutes. Gefördert wird diese Herangehensweise auch von einem Instrument, das als Ergebnis des ersten Schulversuchs im zweiten eine breite Anwendung fand: das sogenannte Audit, eine komplexe Selbstevaluation des pädagogischen Kollektivs als Bestandsaufnahme und Startschuss für die Entwicklung zur Schule mit dem Schwerpunkt Medienbildung. Die einzelnen Qualitätsbereiche dieser weitest gehenden Selbsterhellung lauten:

Schulisches Lernen, Transparenz, Kooperation, Steuerung und Organisation, Qualifikation, Schulprogramm, Rahmenbedingungen und Finanzierung. Während des zweiten Schulversuchs kamen dann noch zwei Qualitätsbereiche für die Evaluation hinzu: Inklusion und Prävention.

6. Ausblick

Die Perspektiven auf Schule und aus ihr heraus sind vielseitig, der Film versucht viele möglichen Sichtweisen zu Wort kommen zu lassen. Jeder der mit Schule zu tun hat, beruflich, als Schülerin oder Schüler, StudentInnen, Eltern, KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen hat ein vitales Interesse an dieser wichtigen gesellschaftlichen Institution, nicht zuletzt, weil unser aller Zukunft sehr vom Gelingen der Bildung abhängt. An all diese Menschen richtet sich der Film als seine Zielgruppe.

Bis heute liegen zwölf konkrete Wünsche vor, den Film im Rahmen von Diskussionsveranstaltungen bei Tagungen, auf Kongressen und in Bildungsinstitutionen etc. aufzuführen. Prinzipiell bin ich gerne bereit, den Film als Diskussionsanstoß oder zur Vertiefung bestimmter Aspekte der Thematik zu nutzen und mich der Diskussion zu stellen.


Literatur:

Ulbrich, Hans-Joachim (2012): Medienbildung in der Schule? München: kopaed.

Ulbrich, Hans-Joachim/Hartmann, Jan/Rosenstock, Roland (Hg.) (2015): Katalysator Medienbildung, München: kopaed.

Tags

filmprojekt, dokumentarfilm, medienbildung, medienkompetenz, medienpädagogik