Praxis

1/2009 - Standards in der Medienbildung

Faszination „SchülerInnenradio“ - Ein Erfahrungsbericht

AutorIn: Helmut Hostnig

"Jeder kann etwas. Jeder etwas anderes." Dieser Erfahrungsbericht zeigt, was "Schülerradio" alles kann.

Im Februar 2009 wurde ich ins Radio-Kulturhaus des ORF eingeladen, in der Sendung "Von Tag zu Tag" zum zweiten Mal den "Moment-Leben-Preis-heute" für meine geleistete Radioarbeit mit Kindern und Jugendlichen entgegenzunehmen.

Dies genau an einem Tag, an welchem von der nationalen Presse wieder einmal auf den Berufsstand der LehrerInnen eingeprügelt wurde und das kollektive Mobbing gegen ihn fröhliche Urständ’ feierte. Natürlich konnte ich nicht an mich halten und nahm die Gelegenheit wahr, dazu Stellung zu nehmen. Außerdem wollte ich unter allen Umständen vermeiden, dass ich als engagierter Lehrer die Ausnahme der Regel bestätige, dass nämlich – wenn auch unausgesprochen – die anderen Faulpelze sind, die es eine Zumutung finden, ihr "Beiträgelchen" zur Finanzkrise mit "2 Stündelchen" mehr ohne Bezahlung zu leisten, wie ein bekannter Journalist der Kronenzeitung in seiner Kolumne eben geschrieben hatte. Dies war zwar nicht das Thema, doch hatte es mit ihm unmittelbar zu tun.

Rainer Rosenberg, der Moderator, wollte wissen, was die Faszination Radio ausmache. Ich bin dieser Frage zwar nicht ausgewichen, habe sie aber auch nicht so beantwortet, wie ich es mir gewünscht hätte. Das will ich mit diesem Erfahrungsbericht aus der Praxis nachholen. Vielleicht finden sich LehrerInnen oder StudentInnen, die sich durch ihn ermuntern lassen, dieses Medium mit ihren ihnen anvertrauten SchülerInnen zu entdecken.

Die Frage also war: "Was macht die Faszination aus, mit Kindern und Jugendlichen Radio zu machen? Hier der Versuch von unterschiedlichen Antworten:

Hätte es das Radio nicht gegeben, ich weiß nicht, ob ich mit der gleichen Freude Lehrer geblieben wäre. Auch Werkerziehung kann Spaß machen, wenn man nicht mit fertig abgepackten Holzzuschnitten und Bastelvorlagen arbeiten will, sondern zusehen, mit welcher Begeisterung SchülerInnen z.B. an Modellen für eine ihrem Handy angepasste Halterung arbeiten oder aus Resten gemeinsam einen Zug bauen. Während aber beim Werken die handwerkliche Geschicklichkeit Grenzen setzt, sind solche Beschränkungen beim Radiomachen einfach nicht vorhanden. Im Gegenteil: Radioarbeit mit SchülerInnen lässt uns LehrerInnen Begabungen und Fähigkeiten entdecken, die uns im Regelunterricht meistens verborgen bleiben.

Jeder kann etwas. Jeder etwas anderes. Alle zusammen alles, was die Arbeit mit diesem Medium voraussetzt oder erfordert. Das Medium Radio ist ein soziales und kommunikationsstiftendes Medium.

Als ich 1993 mit den SchülerInnen meines Schulstandortes auf einer Tonbandmaschine die ersten Aufnahmen machte, übertraf das, was ich mir von der Einführung in dieses -damals zumindest im Einsatz an Schulen - neue Medium erhoffte, meine kühnsten Erwartungen. Kinder werden wohl auch heute noch von vielen als eine Minderheit angesehen, die Fragen stellt und von den Erwachsenen belehrt sein will. Dass sie selbst etwas zu sagen hätten, geschweige denn das Sagen -, dass auch sie eine Stimme haben, die gehört und ernst genommen sein will, wird von uns, die wir doch selbst auch einmal Kinder waren, ebenso vergessen oder vielmehr verdrängt, wie die Ängste, Unsicherheiten und Fantasien, die uns durch die Pubertät begleitet haben.

[Radiosendung über Pubertät]

Und noch etwas: Radioarbeit ist nur im Team möglich. Es ist ein leidenschaftliches Festhalten an einem Ziel, das nur mit vielen Akteuren erreichbar ist.

Ich will hier nicht der Frage nachgehen, warum das so ist, sondern vielmehr an Beispielen aus der Praxis den Beweis führen, wie mithilfe eines einfach zu bedienenden Mediums den Kindern und Jugendlichen das Wort erteilt, das "Sagen" und die Stimme zurückgegeben werden kann, die viele von ihnen – das zeigt auch deren zunehmende Gewaltbereitschaft – verloren zu haben scheinen.

Es sind oft und vor allem Kinder und Jugendliche vor allem solche mit Migrationshintergrund, die im Regelunterricht auffallen, weil sie entweder unter- oder überfordert sind, keine schulischen Erfolgserlebnisse kennen, stören oder apathisch in ihren Bänken sitzen, die zum Radio kommen.

Sie haben einen Sonderbedarf an Zuwendung und Aufmerksamkeit, der im Unterricht kaum geleistet werden kann. Man nennt sie "Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen". Mir gefällt diese Bezeichnung, denn es sind fast ausnahmslos diese Jugendlichen, deren besondere Bedürfnisse, die in einem großen Hunger nach Anerkennung bestehen, beim Radiomachen wenigstens ansatzweise gestillt werden können. Sie kommen zum Radio, weil entweder Freunde in der Gruppe sind oder sie gehört haben, dass es dort "lustig" sein soll. Schnell finden sie eine corporate identity. Viele fühlen sich das erste Mal als etwas Besonderes. Und nie muss ich bangen, dass die unverbindliche Übung "Schülerradio" aus Mangel an Schüler-Inneninteresse nicht zustande kommt. Mit dieser Kerngruppe kann ich an Projekten arbeiten. In der Hauptschule – über 4 Jahre: Meistens bleiben sie der Gruppe und dem für sie verantwortlichen Lehrer über diesen Zeitraum treu. Die Sendungen können aber im und aus dem Unterricht heraus entstehen -, und das in jedem Gegenstand. Und: Plötzlich stört das Pausenläuten.

Jeder hat nicht nur besondere Bedürfnisse, sondern besondere Fähigkeiten, für die er im Schülerradio die für ihn so notwendige Anerkennung findet.

Ob einer wie Jaswinder über 100 indische Liedtexte auswendig weiß, - eine erstaunliche Gedächtnisleistung, die unbeurteilt bleibt, Lydia bei Interviews die Fragen stellt und wie eine lang geübte Moderatorin nachhakt, weil sie sich leichter als er verständlich machen, aber im Unterricht versagt, weil sie als Legasthenikerin mit dem Lesen Schwierigkeiten hat und einen Text nur mit 100 Fehlern verschriften kann, Boris keinen Augenblick ruhig zu sitzen imstande ist, außer wenn er bei Aufnahmen für die Tonqualität zuständig ist, Dominik stottert, aber das erste Mal nicht mehr ausgelacht wird, weil es gerade diese Behinderung ist, die ihn zum "Prinzen mit den Eselsohren" macht, jeder von ihnen hat nicht nur besondere Bedürfnisse, sondern besondere Fähigkeiten, für die er die für ihn so notwendige Anerkennung findet.

Selbst Kaleb weiß sich einzubringen. Erst wenige Wochen in Österreich, spricht er schon die ersten Worte auf Deutsch. Wir wollen wissen, welche Musik er in Äthiopien gehört hat. Ein Türöffner in seine Welt, wie sich herausstellt. Er bringt seine Trommel mit und legt mit geschlossenen Augen ein Solo hin, dass uns die Spucke wegbleibt.

Immer bin ich wie ein Scout auf Talentsuche oder frage die KollegInnen. Wer kann schimpfen und fluchen wie ein Wiener Fiaker? Wer kann in seiner Muttersprache singen? Wer kann ein Instrument spielen? Wer kann rappen, wer beatboxen, wer ohne Punkt und Komma reden, wer einen Rhythmus halten? So entdecke ich - oft auch über das Indoor- oder Pausenradio -, kleine Stars.

Jeong Yu Gyeng spricht noch kein Wort Deutsch. Ich bitte sie, ihre Geige in die Schule mitzubringen. Sie steht vor der Klasse und spielt Mozart und Paganini aus dem Gedächtnis. Uns bleibt die Sprache weg.

Hina, eine Inderin will nur singen, wenn ihr niemand dabei zuhört. Sie sperrt sich eine geschlagene Stunde ins Studio ein und singt ein indisches Lied nach dem andern und dies, wie auch meine KollegInnen im nachhinein feststellen,so ergreifend schön, dass sie jeden Songcontest spielend gewinnen könnte. Wenn sie sich dann über die Lautsprecher singen hört, wird sie zwar bis zu den Haarspitzen rot, aber man sieht ihr an, dass sie nicht nur verlegen, sondern auch froh ist, endlich beachtet worden zu sein.

Indoorradio

Neben dem Pausenradio, das die Klassen in den 10-Uhr-Pausen mit Musik und Livemoderation beschallt hat, bewährte sich das Indoorradio vor allem am Schultag vor längeren Feiertagen. Da wurden in aufwendiger Vorbereitungszeit Glückwünsche des Lehrpersonals für die SchülerInnen eingeholt, eine Jury bestimmt, welche die während der Ausstrahlung der Sendungen entstandenen Covervorschläge für die am Christkindlmarkt der Schule zu vertreibenden CD’s prämieren soll, ein Sendeablauf für die Livemoderation in Redaktionssitzungen festgelegt, Moderatoren gewählt, die Liveschaltung für die Schulleitung überprüft und wie bei einer professionell gestalteten Radiosendung nichts dem Zufall überlassen. Es waren Höhepunkte im Schulkalender. Selbst die gerade nicht unterrichtenden LeherInnen hörten im Lehrerzimmer zu oder kamen ins Studio, um live dabei zu sein.

Woran liegt es noch, dass von diesem Medium eine solche Faszination ausgeht?

Vielleicht ist es gar nicht das Medium selbst, sondern das Wahr- und besonders das Ernstgenommen werden.

Mikrofon und Aufnahmegerät, heute ist beides in einem Gerät, zB. dem Zoom H4, integriert. Ein kleines Computerprogramm wie "Audacity", das als freier Download zur Verfügung steht, und schon kann das Audiomaterial zu einer Sendung geschnitten werden und im Unterricht oder bei vorhandener Indooranlage in alle Klassen gespielt oder bei Radio Orange 94.0 on air gehen. Aber auch das ist nicht wichtig, wie meine Erfahrung gezeigt hat. Die Kinder selbst sind weniger am fertigen Produkt interessiert oder daran, dass ihre Stimmen gehört werden, sondern vielmehr am Dabeisein und Tun. Natürlich ist eine Sendeschiene, wie sie die Wiener Radiobande beim nicht kommerziellen Radio Orange 94.0 oder früher auf der Mittelwelle 1476 des ORF gefunden hat, ein zusätzlicher Anreiz. Natürlich ist das Indoorradio, falls es ein solches gibt, eine großartige Sache. Auch Preise, Anerkennungen, Auszeichnungen die als Urkunden Kanzlei und Schulgänge schmücken, wie es in der Media-WMS-Loquaiplatz [ http://www.loquai.at ] der Fall ist, können zusätzlich motivieren. Wenn die Radiogruppe dann auch noch in der Öffentlichkeit auftreten darf und das vielleicht sogar außerhalb von Wien, um ihren Preis entgegenzunehmen, dann ist das immer kein zu unterschätzender Ansporn gewesen, die "Preise werden nicht nur von den freien Radios im deutschsprachigen Raum, sondern auch vom ORF oder dem bmukk (Bundesministerium für Kunst und Unterricht) ausgeschrieben, das mit dem MLA, dem Media-literacy-award bildungspolitische Impulse setzt, indem jährlich schulische Medienarbeit im In- und Ausland prämiert wird.

Aber das ist es nicht oder nur eine unerwartete Draufgabe, was über und mit dem Medium erreicht werden kann. Es ist das dem Medium eigene Zu- und Hinhören, wenn jemand spricht.

Jeder hat etwas zu sagen und jeder hat das Sagen. Natürlich der Reihe nach. Außer wir singen oder sprechen im Chor. Und das will geübt sein: Das Reden oder Sprechen genauso wie das Zuhören. Und was wir alles mit der Stimme machen können, und wie wichtig es ist, Ohr und Stimme, also das Reden und das Zuhören gleichermaßen zu trainieren, kommt in der Schule zu kurz, denn dort wissen die SchülerInnen: "Wenn alle schweigen, einer spricht, so nennt man dieses Unterricht." Einfache aus dem Fundus des Musikzimmers – natürlich in Absprache mit dem Kustoden – herbeigeschaffte Instrumente dienen da als gute Aufwärm-übung, die alle miteinbezieht, die Kunst des Zuhörens schult und auch noch Spaß macht.

Radioarbeit mit SchülerInnen setzt also von mir als Lernfachmann voraus, dass ich den Dialog suche und ihn nicht meide, dass ich aufhöre unterrichten oder unterrichtet sein zu wollen, dass die Kids gleichberechtigt und auf Augenhöhe mit mir die eingeläutete Stunde als eine Möglichkeit begreifen ein gutes Gespräch zu führen.

Ein gutes Gespräch zeichnet sich dadurch aus, dass es einen Austausch gibt und einen Austausch kann es nur geben, wenn wir genauso viel zuhören oder horchen, wie wir selber reden oder sprechen wollen. Das geht nicht mit "Besser- oder Eh-schon-wissen", es kann aber über Sokratisches Fragen gelingen, wenn ich Mäeutik (Hebammendienst) nicht so verstehe, dass ich zwar vorgebe unwissend zu sein, aber das Kind (Erkenntnis) schon einen Namen und ein Religionsbekenntnis hat, noch bevor es auf die Welt gekommen ist.

Radiomachen kann zu einem integrativen Bestandteil des Unterrichtens werden

Nehmen wir als Beispiel die 150 Jahre alten Struwwelpetertexte von Hoffmann und versuchen im Deutschunterricht den Beweis zu führen, dass sie Klassiker und deshalb zeitlos sind.

Wählen wir die Geschichte vom bösen Friedrich, der aus lauter Zorn alles kaputt schlägt und Hund und Katze quält. Ich lasse lesen, um dann in die Klasse hinein zu fragen: "Warum", glaubt ihr, "warum ist der böse Friedrich so böse?" "Weil er wütend ist", antwortet einer, dem sonst alles gleichgültig ist. "Worauf wütend?" "Na auf seine Eltern!", platzt es aus ihm heraus, "Weil sie Stress machen und immer streiten. Grad gestern wieder. Ich halt’s nicht mehr aus." Urplötzlich ist aus dem "bösen Friedrich" der Amin geworden und schon bin ich mitten in einer Stunde, die weit über jeden zu unterrichtenden Gegenstand hinaus geht, weil er die Lebenswirklichkeit der Schüler aufgreift. Das Aufnahmegerät sorgt für noch mehr Aufmerksamkeit, aber es lenkt nicht ab. Auf der SD-Karte habe ich danach digitalisiertes und mit einem Mausklick in ein Audiosoftwareprogramm leicht zu importierendes Material: Nicht nur das Gedicht, sondern auch die anschließende Diskussion. Die Moderationstexte werden von den erfahrenen Radiobandenkids gesprochen, und fertig ist eine Sendung, die den Struwwelpeter in der Geschichte vom bösen Friedrich in die Jetztzeit übertragen hat.

Der Text von Hoffmann war ein Türöffner, die Frage zum Text ein Eisbrecher, das Medium Radio ein Brückenbauer oder alles in einem. Radiomachen wurde so über die Jahre zu einem integrativen Bestandteil des Unterrichtens – unabhängig vom Fächerkanon, der mit zerhackten Unterrichtseinheiten lediglich dafür sorgt, dass Weltwahrnehmung atomisiert wird. Möge mir jemand einen Gegenstand nennen, der es nicht zulässt, dass auf die jeweilige Bedürfnislage von Kindern und Jugendlichen, auf deren Erfahrungen und Weltsicht nicht Rücksicht genommen oder auf sie nicht eingegangen werden kann.

Frage ich, warum der Suppenkaspar die Nahrungsaufnahme verweigert, bin ich mitten in einer Diskussion über Mager- und Fresssucht, über Models und Schönheitsnormen und erfahre aus dem Mund einer Schülerin, was es heißt, sich dem Diktat einer Diät unterwerfen zu müssen, weil sie glaubt, dass sie sonst keiner mehr anschaut. Wenn sie dann im Internet recherchieren oder in eine Apotheke gehen, um eine Angestellte über Medikamente und Therapien zu interviewen, haben sie über das Medium Radio einen lustvoll erreichten Erkenntnisgewinn, welcher genau an der Schnittstelle zwischen Information und Wissen angesiedelt ist, und dem Anspruch gerecht wird, nicht für die Schule, sondern fürs Leben zu lernen.

In einer Gruppe mit 14 SchülerInnen, die aus 12 Nationen kommen, und gerade erst Deutsch lernen, lasse ich den Suppenkaspar in deren Sprachen übersetzen und frage sie dann, was sie von ihm halten. Sie verstehen seine Beweggründe nicht, weil sie froh sind, dass sie was auf dem Teller haben, denn dort, wo sie herkommen, war das nicht immer selbstverständlich.

Hier der Suppenkaspar auf Indisch:

Kaspar ek takra munda si,

Ek mota te gol,

Os diya gallan lal te frish san,.

Jo mech te araam naal sabjiya khanda si. 
Lekin ek din cheekan laga,

Main sabjiya nahi khania. Nahi.

Main aapni sabji nahi khani.

Nahi, aapni sabji main nahi khani.

Agle din – dekhlo

Auch der Text vom "Paulinchen mit dem Feuerzeug", das, als es allein zu Hause ist, mit dem Feuerzeug spielt und dabei in Flammen aufgeht, birgt die Möglichkeit zu erfahren, was Jugendliche heute so treiben, wenn sie einmal – unbeaufsichtigt – dem nachgehen können, was sie beschäftigt. Ich bin nicht bestürzt, aber überrascht zu erfahren, dass die so wohlbehüteten türkischen Mädchen in Chatrooms Cybersex praktizieren und das mit der durchaus logischen Begründung, dass sie davon nicht schwanger werden können.

Diese Beispiele zeigen, wie LehrerInnen am klopfenden Puls der Zeit bleiben können, wenn sie bereit sind hinzuhören und nicht mit dem Zeigefinger arbeiten wollen. Es ist ein Balanceakt, der nicht immer gelingt. Gerade die Geschichte vom "Paulinchen mit dem Feuerzeug" hat mir bewusst gemacht, dass ich als Lehrer eine gut funktionierende Schere im Kopf habe. Manchmal bedarf es auch längerer Diskussion, warum nicht alles, was O-Ton, auch gleichzeitig radiotauglich ist. Jedenfalls entsteht ein Vertrauensverhältnis, wie es die Kids oft nicht einmal mit ihren Eltern haben. Oft scheine ich von ihnen und über sie mehr zu wissen, als es ihre Eltern tun.

Was sind die Themen und wie finden wir sie?

Das Making-of aller 107 Radiosendungen zu beschreiben, ist leider aus Platzgründen nicht möglich, deshalb wähle ich lediglich ein paar herausragende Beispiele und plaudere aus dem Nähkästchen meiner Radioarbeit.

Vielleicht ist mittlerweile schon klar geworden: Es gibt keine langatmige Themensuche. Sie ergeben sich aus Konflikten innerhalb der Schule, ja innerhalb der Radiogruppe selbst. Wenn SchülerInnen erst einmal merken, dass es kein Tabu gibt, der Lehrer nicht moralisierend den Zeigefinger erhebt, und sie über alles sprechen dürfen, was sie bewegt, sei es Cybersex oder die anstehende Scheidung ihrer Eltern, die ausländerfeindlichen Plakate im Wahlkampf, Computerspiele, Pubertät und ihre Auswirkungen auf sie selbst und die Umwelt, Chatten im Internet, der erste Kuss und wie man verhütet, AIDS, Bulimie und Fresssucht, ihre altersspezifischen Ängste, Wünsche und Hoffnungen, eine zu verhindernde Tiefbaugarage im Schulbezirk, der Kosovokonflikt, anstehende Wahlen, Popstars wie Eminem, Sprache und Outfit der Jugendkulturen usw. Ein Blick ins Onlinearchiv von Orange.94.o zeigt: Alles ist Thema!

Es sind vor allem Fabeln, Märchen oder Gedichte, die einen Gesprächsanlass schaffen können.

So kann eine Fabel von Äsop , in welcher ein Löwe die anderen Tiere auf Jagd schickt, und es dann um die Verteilung der Beute geht, ganz plötzlich, weil gerade Wahlen vor der Tür stehen, dazu führen, dass ein ganz cleverer Schüler die zu verteilende Beute mit dem Haushaltsbudget der zu wählenden Regierung und die Siegerpartei mit dem Löwen vergleicht, der auf Grund seiner Machtfülle die angeblich demokratische Entscheidung über die Verteilung der Beute Lügen straft. Das Passanten auf der Straße auseinander zu setzen und sie zu fragen, wie sie sich eine gerechte Verteilung vorstellen, dazu gehören Fähigkeiten, die SchülerInnen dann entwickeln, wenn man sie ihnen zutraut.

Yussuf und die Brücke

Am meisten hat mich Yussuf verblüfft. Anfänglich ein Adabei, der schon auf Grund seiner fehlenden Deutschkenntnisse und zusätzlichen Sprachbehinderung sich nur nützlich machen konnte, indem er das Aufnahmegerät trug, wenn die Gruppe zu Passantenbefragungen auf die Straße ging, oder sich damit zufrieden gab, im Studio die mitgebrachten CD’s ins Caddy zu schieben und die angesagten Tracks auszuwählen, bis er den anderen und mir bewies, dass mehr in ihm steckte.

Als Aufwärmübung hatte ich vorgeschlagen, ein kurzes Märchen zu erfinden. Wenn man die Versatzstücke kennt, die diese literarische Gattung auszeichnet, ist es sehr leicht, aus ihnen etwas Neues zu machen und die Kinder sind immer mit großer Begeisterung dabei.

Nehmen wir als Ausgangssituation ein armes Elternhaus. Die Kinder müssen sich wie Hänsel und Gretel auf den Weg machen, viele Prüfungen bestehen und kehren reich beschenkt wieder heim. Kurz und gut: Sie kommen an einen reißenden Fluss und müssen dort eine Brücke bauen, um ans andere Ufer zu gelangen, wo andere Abenteuer auf sie warten. Nachdem die Rollen verteilt sind, sagt Yussuf, dass er auch etwas spielen will. Ich frage ihn, welche Rolle er denn gerne übernehmen wolle, und er sagt unter allgemeinem Gelächter: "Die Brücke." "Wie willst du denn eine Brücke spielen? Das ist doch kein Film. Wir machen Radio, hast du das noch nicht kapiert?", machen sich die anderen über ihn lustig. Da legt er sich mit dem Rücken auf den Boden und deutet: "Geht über mich drüber!" Die Kinder schauen sich gegenseitig an, schauen mich an, und ich deute ihnen, dass sie seinem Wunsch nachkommen sollen. Erst als er lautstark zu stöhnen und zu ächzen beginnt, begreifen wir, dass Yussuf die Brücke hörbar gemacht hat.

Slampoetry

[Radiosendung: Silbenslam]

Oft lasse ich sie einfach nur Worte in Silben zerlegen und beweise ihnen, dass es möglich ist, nur mit Lauten und Silben ein ganzes Orchester zu instrumentieren. Hat der geschätzte Leser schon einmal überlegt, wie viel Semantik in dem Wort HERBST zu finden ist? He!, er, Herr, herb, erbst, pst… Und das nun rhythmisiert. Fertig ist ein Silbenslam. Auch Gedichte eignen sich für Lautmalerei im engsten Sinne des Wortes. Welche Geräusche zB. macht eine Stadt, die erwacht? [Radiosendung: Kommt ein Tag in die Stadt]

Eltern -SchülerInnen-Portraits

[Radiosendung: Der Beruf meiner Eltern]

Ich schicke die SchülerInnen mit dem Aufnahmegerät nach Hause, was in ihren Augen einen großen Vertrauensbeweis darstellt (das Zoom H4 über den Elternverein finanziert ist Allgemeingut), und bitte sie – nachdem ich mit ihnen einen Fragenkatalog entwickelt habe - in ihrer Muttersprache ihre Eltern zu interviewen. Es sollen kleine Portraits entstehen, die jeder nach seinem Gutdünken gestalten kann. Ich möchte etwas über die Lebenssituation ihrer Eltern erfahren: Welcher Arbeit sie nachgehen, mit welchen Erwartungen sie nach Österreich gekommen sind, was sie sich für ihre Kinder hier erhoffen? Es ist ein mühsames Unterfangen, und ich weiß nicht, woran es liegt. D. hat mir zwei Mal das Aufnahmegerät zurück gebracht ohne nur ein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren, dass nichts auf dem Chip ist, und er das Interview mit seiner Mutter wieder nicht geführt hat. Auch F. bringt es immer wieder ohne Aufnahme zurück. J. hingegen kann sich gar nicht mehr einbremsen und bringt mir neben Liedern, die er im Karaokestil nachsingt, auch noch eine CD mit ganzen Alben, die ihn und seinen Bruder mit seinen Eltern in Indien zeigen. Als ich nicht locker lasse und D. noch einmal das Gerät über das Wochenende anvertrauen will, zieht er mich in eine stille Ecke am Gang und flüstert in mein Ohr: "Meine Mutter ist arbeitslos. Ich kann sie nicht interviewen."

So entstehen Sendungen über die unterschiedlichsten Tätigkeiten, denen die Eltern nachgehen, und in den meisten Fällen erfahren die Jugendlichen das erste Mal überhaupt, was ihre Eltern machen, wenn sie aus dem Haus gehen, aber auch – wie es bei den MigrantInnen der zweiten Generation der Fall ist, warum ihre Eltern ihre Heimat aufgegeben haben.

Hausaufgaben erledigen SchülerInnen nicht gerne, außer sie haben mit ihrer Lebenssituation selbst zu tun. Ich schicke sie mit dem Auftrag nach Hause, dass sie – wieder in ihrer Muttersprache – aufschreiben, welche Befehle sie vom Aufwachen bis zum Schlafengehen hören. Auch die Zeit, die sie in der Schule verbringen, kennt etliche Imperative: Schmier nicht so! Schreib schöner! Pass auf! Schwätz nicht! Usw. Diese Imperative in den Muttersprachen vieler Vaterländer aneinander-gereiht, lassen sich wie eine Litanei herunterbeten. Ich bringe sie in Reimform. So entsteht aus den Imperativen eine Art Rap:

Befehle, Befehle, Befehle!

Tu dies! Tu das! Und dieses? Lass! Raus aus dem Bett. Sei brav und sei nett! Steh endlich auf! Ein bisschen dalli. Dauerlauf! Streit nicht mit Peter! Streit nicht mit Paul! Mach doch kein Wetter! Sei nicht so faul! Putz dir die Zähne! Wasch dein Gesicht! Kämm deine Mähne! Putz deine Ohren! Kannst du nicht hören? Hörst du mich nicht? Iss nicht im Stehen! Sitz nicht so krumm! Schau, wie du ausschaust. Mein Gott, bist du dumm! Beeil dich! Nun mach schon. Häng nicht solang am Telefon. Stopfs nicht so rein! Iss ordentlich! Pack deine Sachen ein! Um sieben bist hoffentlich, um sieben daheim! Mach endlich das Radio, machs endlich aus. Um sieben bist pünktlich, um sieben bist z’haus! Sei endlich leise! Gib eine Ruh! Brüll nicht so dämlich wie eine Kuh. Spuck aus den Gummi. Den Kaugummi raus! Du bist in der Schule und nicht bei dir z’haus! Jetzt setz dich nieder und lümmel nicht so. In der Pause, da läutet’s wieder: Da gehst aufs Klo. Das Cola weg. Weg aber schnell. Stell dich ins Eck. Schreck dich nicht so. Geh vor die Tür. Frag nicht wofür! Frag nicht warum! Tu’s einfach und stell keine Fragen. Stell dich ruhig dumm. Wo warst du solange, du Lausbub, du Range. Schau dich doch an: Bist du von Sinnen? Was hast du getan? Ein Loch in der Hose. Wohl gehirnamputiert. Wie konnte das nur, wie ist das passiert? Scho wieder a Vier? Geh in den Keller und hol ma a Bier. Hau nicht so rein. Räum ab die Teller. Schau, wie du ausschaust. Wie ein Ferkel, du Schwein. Mach deine Aufgab und trödel nicht rum. Schau, dass bald fertig bist, dann zieh dich um! Schalt aus die Glotz’n, sonst kriegst a Fotz’n. Putz dir die Zähne. Wasch dein Gesicht! Kämm deine Mähne. Dreh ab das Licht! Schlaf gut und träum schön und gute Nacht! Und stell den Wecker nicht wieder auf acht!

[Radiosendung Ermahnungen]

Weblogarbeit

Zur Radioarbeit ist mit dem Struwwelpeterprojekt auch das Führen eines Weblogs dazu gekommen. Ermuntert durch unseren Medienberater Christian Berger, wage ich mit meinen SchülerInnen das Experiment, die Web 2.0 Technologie auch fürs Radiomachen zu nutzen. Ich bin überrascht, wie begeistert sie diese Möglichkeit der Vernetzung und Kommunikation aufgreifen, obwohl sie schreiben müssen, was ihnen sonst sehr schwer fällt. Während ein Teil der Gruppe Audiomaterial aufnimmt, ist ein anderer damit beschäftigt, im Internet zum jeweiligen Thema zu recherchieren und ihre Ergebnisse ins Weblog zu stellen, damit auch die anderen es lesen können. Neben den so gefundenen Infos zum Thema entstehen tagebuchartige Aufzeichnungen über das Projekt selbst, die auch von zu Hause aus weiter geführt werden können, da sie alle eine Zugangsberechtigung haben. Gleichzeitig kann ich als Lehrer, der sich mit dem von den Jugendlichen längst beherrschten Web2.0 Techniken auseinandersetzt, viel glaubwürdiger auftreten, wenn ich sie z.B. dahingehend kritisiere, dass sie in den sozialen Netzwerken oft zuviel von sich preisgeben. Auch die Wahl der Emailadressen – meistens hotmail.com-accounts – können bei der zunehmenden Online-Bewerbung eine Rolle spielen. So dürfte es wohl nicht von Vorteil sein, sich als "princessofserbia@.." oder stolzeralbaner@.." zu outen.

Auch mir dient es dazu, mein Tun zu verschriften und es damit besser zu reflektieren. Durch die Kommentarfunktion ist die Kommunikation auch nicht mehr einseitig. Immer war die Freude groß, wenn jemand von außen auf die Texte reagiert hat. Dass so ein Kommentar, der sich mit einem kritischen Posting auseinandersetzt, auch nachhaltig zu Verhaltensänderungen führen kann, hat mich mehr als verblüfft. Hier Beispiele aus Kommentaren von SchülerInnen zu Kommentaren von außen, nachdem sie - auch im Rahmen des Struwwelpeter-Projektes ("Über die schwarzen Buben") - das Flüchtlingshilfswerk von Ute Bock besucht haben:

Hallooo Frau K!

Ihre Schüler haben sich darüber gefreut, dass wir gekommen sind, aber wir haben uns auch sehr gefreut. Wir hatten das erste mal die Chance in unserem Leben Schwarzafrikaner kennen zu lernen. Ich hatte immer geglaubt, dass die Schwarz-Afrikaner sehr gemeine Leute sind, die mit Drogen dealen. Jetzt weiß ich, dass sie sehr nette, liebe, höfliche und sehr hilfsbereite Menschen sind und nur manche von ihnen kriminell werden, weil sie sonst nicht wissen, wie sie überleben sollen. Liebe Grüße F

D schrieb:

Seit unserem Besuch kann ich nicht vergessen, was ich dort gehört habe und gesehen. jetzt kann ich auch verstehen, wie sich die Ausländer fühlen müssen. Ich finde es auch unfair, dass sie wegen ihrer Herkunft keine Arbeit finden.

Wer das making of des Struwwelpeterprojektes, aber auch vieler anderer Sendungen der Radiobande Loquaiplatz verfolgen und die interessanten Beiträge der SchülerInnen lesen will, sei auf diese Seite verwiesen: http://podcampus.phwien.ac.at/radiobande_loquaiplatz/ (visit 12.8.09)]

Radiomachen kann nicht nur an die systemimmanenten Grenzen führen, denn es ist uns LehrerInnen verboten, einseitig zu politischem Tagesgeschehen Stellung zu nehmen, sondern ganz nebenbei deutlich machen, worin Manipulation besteht.

Vor etlichen Jahren sollte ein Teil des Esterhazyparkes im Schulbezirk einer Tiefgarage weichen. Einige Bäume hätten in einem ohnehin nicht mit Grün gesegneten Bezirk gefällt werden müssen. Unsere Schulkinder waren mit ihren Familien als Anrainer direkt von dieser geplanten Maßnahme betroffen. Nachdem die Hauptschule Loquaiplatz sich auf Grund ihres Schulprofils als Erster Medienhauptschule Österreichs, die neben Indoorradio sogar mit einem Studio ausgerüstet worden war, einen Namen gemacht hatte, glaubten meine Teamkollegin und ich, mit unseren SchülerInnen als freie Journalisten auf die Demo zur Rettung des Esterhazyparkes gehen zu dürfen, um diese als Radioprojekt zu dokumentieren. Das taten wir auch, und die Kinder – damals 10 jährig -interviewten fleißig nicht nur Demonstranten, sondern versuchten auch dienst-habenden Polizisten Statements zu entlocken. Nachdem meine Kollegin und ich von allen Seiten abgemahnt worden waren, gingen wir in die Offensive und luden den Bezirksvorsteher und verantwortlichen Befürworter dieses Tiefgaragen-Projektes in unser Studio ein. Er kam auch und stellte sich den vorbereiteten Fragen. Wie sich herausstellte, hatten sich die Kids gut vorbereitet.

Der Bezirksvorsteher verteidigte seinen Plan und beschwichtigte sie, indem er verkündete, dass die Bäume schon in wenigen Jahren wieder so groß und schattenspendend seien wie die gefällten. Da wurde er von Guelay unterbrochen: "Das glaub ich nicht. Mein Opa hat einen Garten in der Türkei und hat mir den Baum gezeigt, den er gepflanzt hat, wie ich auf die Welt gekommen bin. Er geht mir bis heute nur bis zum Bauchnabel und jetzt bin ich schon bald 12." Ob sie denn wisse, was es für ein Baum sei, fragte der Bezirksvorsteher. "Nein", sagte sie. "Siehst du!", antwortete er und bat um die nächste Frage.

Ob er sie überzeugt hat, wage ich zu bezweifeln. Als ich sie dann das Ganze noch einmal anhören ließ und fragte, ob wir die ÄH’s und ÄM’s raus schneiden sollen, mit denen die langatmigen Antworten beginnen, meinte einer pfiffig wie ein alter Branchenhase: "Die lassen wir drin. Der hat ganz schön geschwitzt und das soll man hören!": Medienkompetenz am anschaulichen Beispiel, aber auch, wie Audiomaterial manipuliert werden kann. Im Anschluss daran ließ ich sie den einfachen Satz: "Ich gehe nicht gerne in die Schule" mit unterschiedlicher Satzgliedbetonung auf Band sprechen, um ihn dann mit der Schere bis zur gegensätzlichen Aussage neu zu montieren.

Spielend und lustvoll können so die im Lehrplan 99 verpflichtend zu vermittelnden Kompetenzen wie Teamarbeit, Gesprächsführung, Konfliktlösung, Kommunikation, Flexibilität, kreatives Denken, soziales Verständnis – das kann jeder, der mit SchülerInnen Radio macht, bestätigen -, durch die Arbeit mit dem Medium Radio vermittelt werden.

Manchmal genügt ein Konflikt innerhalb der Gruppe zur Themenfindung

J., ein Pandschabi, kommt neu in die Gruppe. Er möchte wie sein Bruder, der vor ihm die Schule besucht hat, zur Radiobande gehören. Die Buben – fast alle türkischstämmig – fragen ihn, warum er denn diesen schwarzen Turban trage. Er sagt und er sagt es mit Stolz: "Ich bin ein Sikh." Noch bevor ich ihn bitten will, uns zu erklären, was es bedeutet ein Sikh zu sein, brechen die anderen in schallendes Gelächter aus. Jaswinder wird hochrot im Gesicht, ihm quellen die Tränen aus den Augen und er stürzt aus dem Raum. "Was lacht ihr so blöd?", frage ich sie. "Wisst ihr, was ein Sikh ist? Wir lachen ja auch nicht, wenn ihr sagt, dass ihr Muslime seid!" Noch immer oder wieder lachen sie und können kaum an sich halten. Jetzt hat es auch noch der Lehrer gesagt: "Sikh." "Wissen Sie", traut sich einer vor, "was Sikh in unserer Sprache heißt?" Wieder kichern sie. Ich schicke ein Mädchen hinaus, eine Roma, die nur den Kopf schüttelt, weil sie mit dem Gehabe der Buben nichts anfangen kann, um Jaswinder suchen zu lassen. Endlich gesteht mir einer, dass "Sik" auf Türkisch soviel wie "Schwanz" bedeutet. Jetzt muss auch ich lachen. Ich habe kapiert: Ein reines, sprachlich begründetes Missverständnis. Wie aber die Situation retten? Ich möchte J. nicht verlieren und kann die Buben schnell davon überzeugen, dass sie ihm – wenn auch unbeabsichtigt - unrecht getan haben. Wir finden die beiden draußen am Gang. Die Buben klären ihn über das Missverständnis auf, bis auch er lachen muss. Jetzt kann er uns radebrechend erklären, was es heißt ein Sikh zu sein. Jetzt kann eine Diskussion darüber entstehen, wie Sprache oder Gesten in unterschiedlichen Kulturen zu Missverständnissen führen können. Das Schnalzen der Zunge z.B., das Kopfschütteln, das bei uns Nein, dort aber Zustimmung bedeutet.

Da sich die Radiobande Loquaiplatz schon einen Namen gemacht hatte, wurde sie nicht nur zur Teilnahme an der jährlich stattfindenden Mirno More Friedensflotte eingeladen, um mit Livestreaming vor Ort Radio zu machen, sondern auch von Mobilcom angeheuert, um eine Tagung über Multitasking zu dokumentieren.

[Radiosendung: Miro More 2003]

Zur 100 Jahr-Feier der Schule Loquaiplatz kamen ehemalige SchülerInnen ins Haus. Die Älteste war 96 Jahre alt. Sie tauschten – befragt von SchülerInnen der Radiogruppe – ihre Erinnerungen vor allem über die Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg aus. So entstand eine dreiteilige Serie mit Zeitzeugen, deren Geschichten unter die Haut gehen.[Radiosendung: Ich glaube, mich zu erinnern …]

Neben all diesen Begebenheiten, die es mich nie auch nur einen Augenblick bereuen ließen, viel Zeit in diese Arbeit zu investieren, möchte ich zwei nicht unerwähnt lassen, die mir so anschaulich wie keine anderen vor Augen führten, was es für die Kinder und Jugendlichen selbst heißt, mit ihrer Stimme gehört zu werden. Sie haben ja eine. Wir müssen sie ihnen nicht geben, nur die Möglichkeit einräumen, gehört zu werden.

"Sie wissen gar nicht, wie mir das damals geholfen hat …"

Wir schreiben das Jahr 1995 kurz vor dem Friedensabkommen von Dayton. Noch immer tobt im ehemaligen Jugoslawien ein furchtbarer Krieg. Vor mir sitzen traumatisierte SchülerInnen, die mit ihren Eltern oder ohne sie zu Verwandten nach Österreich geflohen sind. Amina spricht kein Deutsch. Sie kommt aus Bosnien. Das ist alles, was ich von ihr weiß. Mitten im Unterricht beginnt sie zu weinen. Ich frage sie, was denn sei? Sie wird von Weinkrämpfen geschüttelt und rennt aus der Klasse. Ich bitte ihre Freundin mir bei der Übersetzung zu helfen. Sie kann mir nicht sagen, warum sie weint. "Und wenn sie es aufschreibt? Ja, auch in ihrer Sprache." Sie nickt. Am nächsten Tag bekomme ich 4 Seiten eng beschrieben. Ihre Freundin, auch aus den Kriegsgebieten geflohen und schon länger in Wien, hat alles – so gut sie es eben konnte – gleich übersetzt. Es ist ein erschütternder Brief, nein, der dramatische Augenzeugenbericht einer 13 Jährigen, die mit ansehen musste, wie ihre Tante vergewaltigt und ermordet wurde, die sich 10 Tage lang versteckt hielt, der eine filmreife Flucht durch die feindlichen Linien gelang und über einen Sender erfuhr, dass ihre Eltern sie suchen. In einer Freistunde ließ ich sie den Text vom Blatt lesen, speicherte die Aufnahme auf einer Tonbandkassette und spielte sie in der nächsten Deutschstunde kommentarlos der Klasse vor. Es war eine Sternstunde, wie sie LehrerInnen im Schulalltag nur selten erleben.

Jahre später traf ich sie zufällig in der Straßenbahn. Sie hatte in der Zwischenzeit erfolgreich eine Lehre als Zahnarztassistentin abgeschlossen und meinte: "Sie wissen gar nicht, wie mir das damals geholfen hat, das erste Mal darüber wenigstens schreiben zu können und dann, nachdem sie das abgespielt hatten, von den anderen zu hören, was sie mitgemacht haben und so festzustellen, dass ich nicht allein war."

Es sollte nicht bei dieser Sternstunde bleiben, und immer, wenn ich mit SchülerInnen seither an Radiosendungen arbeitete, überraschte es mich wieder, was über dieses Medium alles erreicht werden kann, und mit welcher Ernsthaftigkeit die Kinder unabhängig von der Schulstufe dabei sind. Dass Radiomachen mit SchülerInnen nicht nur therapeutische Wirkung erzielen, sondern auch zu Verhaltensänderungen ganzer Schulklassen Außenseitern gegenüber führen kann, war ebenfalls für mich fast schon ein zwingender Grund, sich mit diesem Medium auseinanderzusetzen. Dazu ein anderes Beispiel:

"Wenn sie wüssten, wie es mir geht, würden sie nicht so sein zu mir."

Um die Problematik des Außenseitertums nicht nur in meiner Deutschklasse, sondern vor allem in meiner Radiogruppe selbst zu thematisieren – ich hatte unter Protest der MitschülerInnen einen Schüler mit Sprechbehinderung aus der Integrationsklasse in die Gruppe aufgenommen – schlug ich vor, das portugiesische Volksmärchen "Der Prinz mit den Eselsohren" als Hörspiel umzuschreiben und den Gegebenheiten von heute anzupassen. Natürlich wollte jeder den Prinzen spielen und die Mädchen monierten: "Warum kann es nicht auch eine Prinzessin sein?" Dass ich dabei an Dominik dachte, um die Eselsohren hörbar zu machen, schien ihnen so abwegig, dass weder er sich selbst, noch sie ihn ins Spiel brachten. Also griff ich zu einer Finte: Jeder von ihnen sollte einmal den Prinzen spielen und wir würden dann gemeinsam und demokratisch entscheiden, wer es am besten macht. Wer glaubt mir, wenn ich behaupte, dass sie sich selbst gegenüber am kritischsten sind und gerne demjenigen den Vorrang einräumen, der es besser kann, auch, weil sie wissen, dass davon der Erfolg einer Sendung abhängt? Jeder also hatte ein Casting zu absolvieren. Der Streit aber wollte kein Ende nehmen. In der Zwischenzeit aber hatte ich Dominik ins schuleigene Studio gebeten und ihm gesagt, dass er für mich der "Prinz" und der Favorit für die Rolle sei. Ich bat ihm, mir zu erzählen, welche Erfahrungen er mit seiner Sprechbehinderung im Alltag mache und ging auf Aufnahme. Er erzählte von seiner Schwester, die sich für ihn schäme, von den Mitschülern, die ihn hänselten und auslachten, wenn er den Mund aufmache, und dass er manchmal daran denke, sich lieber umzubringen, als so leben zu müssen. Das kam aus dem Bauch, stotternd, bitter und anklagend, mit einer Stimme, die selbst mir den Schauer über den Rücken laufen ließ. Ich wusste nicht, wie viel Bitterkeit in ihm sich schon angestaut hatte. Ich bangte um die Aufnahme. Würde er mir erlauben, das den anderen vorzuspielen? Da erlöste er mich mit den Worten: "Da..dadas sollen sie n..nur hören. Ww..wenn sie w..wüssten, w..wie es mir geht, wwürden sie nnicht so sein zu mir." Ich hatte gewonnen. Auch die Schüler, die ihn entweder belächelt, ignoriert oder offen verspottet hatten, indem sie seine Sprache nachäfften, waren still. Dominik war unser Prinz. Die Dramatisierung des Märchens ging flott voran. Die Schüler schrieben sich ihre Rollen auf den Leib und fanden noch etliche dazu, damit alle beschäftigt waren. Ja, wir gingen so weit, dass wir sie die Dialoge an Originalschauplätzen wie etwa in einem Friseurgeschäft oder einer Kirche mit Beichtstuhl in Schulnähe sprechen ließen. Am letzten Schultag vor Weihnachten war Premiere. Über die Indooranlage der Schule spielten wir das Hörspiel in seiner ganzen Länge aus. Dominik war der Star der Schule und hatte von nun an Ruhe. Und das Verblüffendste: Er hatte zwar noch immer Artikulationsschwierigkeiten, aber er stotterte kaum mehr.

Darüber hinaus erhielt das Märchen den Grazer Hörspiel- und den Moment-Leben-Preis des ORF 2003.

[Radiosendung: "Der Prinz mit den Eselsohren"]

Radio im Unterricht:

[Radiosendung anhören]

Am Beispiel der "Ballade vom Nachahmungstrieb" von Erich Kästner möchte ich noch einmal aufzeigen, wie einfach es ist, aus einer Unterrichtsstunde eine Radiosendung zu machen. Natürlich bedarf es der Vorbereitung. Die Ballade muss zuerst einmal inhaltlich verstanden werden. Dazu dienen Fragen, aber auch Hausaufgaben:

Fragen zur Ballade vom Nachahmungstrieb

Was könnten die Kinder in der Zeitung gelesen haben? Was ist den Kindern wohl durch den Kopf gegangen, als sie bemerkt haben, dass Fritz tot ist? Wärst du auch weggerannt? Warum? Warum nicht? Glaubst du, dass Karl ein Mörder ist? Hast du jemals von einem solchen Fall gehört? Durch Zeitung, Fernsehen oder andere Medien? Wer hat Schuld am Tod von Fritz? Ist Karl wirklich so gefühlskalt, wie am Schluss erwähnt oder hatte er vielleicht doch große Angst und später Gewissensbisse?

Aufgaben

Versuche einen inneren Monolog, indem du dich in Karl hineindenkst. Du bist Karl und eben ist dir klar geworden, dass das "Spiel" einen tödlichen Ausgang genommen hat. Was alles schießt dir in diesem Augenblick durch den Kopf? Karl ist zwar am Ende der Geschichte sehr trotzig und zeigt keine Gefühlsregung, aber oft verbirgt sich dahinter große Angst oder Unsicherheit.

Beschreibe ein Computerspiel deiner Wahl

Versuche eine kurze Inhaltsangabe eines Filmes, in welchem Gewalt vorkommt.

Nimm einen Notizblock, zappe durch die Programme und liste beim Fernsehen auf, wie viel Gewaltszenen du in welcher Zeit beobachten kannst.

Sind diese Aufgaben gemacht worden, läuft die Stunde wie von selbst und die Kids erzählen von ihren Mutproben, von ihren Idolen, denen sie nacheifern, von Freunden, die auf U-Bahngarnituren surfen, von Mädchen, die sich buchstäblich zu Tode hungern: Nicht irgendwelche Geschichten. Ihre Geschichten. Heute und hier. Der Text war nur Einstiegshilfe. Ein Eisbrecher. Das H4Zoom wieder der Brückenbauer. Sie wissen, dass sie nicht ungehört bleiben. Ich höre zu und denke gleichzeitig an die Mutproben meiner Jugendzeit. Worin unterscheiden sie sich? Eigentlich in Nichts. "Hätten das die Eltern gewusst, sie wären in Ohnmacht gefallen." Genau diesen Satz höre ich wieder. Deja vu.

Ohne die Mutproben [Radiosendungen] verherrlichen zu wollen, erzähle ich ihnen von meinen, als ich so alt war wie sie. Wir entdecken im Gespräch, dass es selbst auferlegte Prüfungen sind, um in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen zu werden: Initiationsriten. Jetzt wagen sich auch die hervor, die sich zurückgehalten haben, und räumen ein, dass es oft selbstmörderische Rituale sind, um schließlich zu folgern, dass es diese gefährlichen Mutproben nicht gäbe, wenn die Erwachsenen ihnen mit größerer Wertschätzung begegneten.

Onlinearchiv als Zeitreise

Es wird Zeit, dass ich an dieser Stelle denen danke, die mit den LehrerInnen dafür sorgen, dass unsere Kinder eine mediale Stimme erhalten. Der Erfolg dieses europaweit einzigartigen Radioprojektes hat viele Mütter und Väter. Ohne die Gründerväter Christian Berger von der Wiener Radiobande, oder Dr. Huainigg vom Schülerradio der Mittelwelle 1476, ohne die freien Radios wie Orange 94.0, das die Sendungen noch immer zur primetime ausstrahlt oder 1476, das seine Wiederauferstehung 2009 als Campus Radio im Netz feiert, ohne die für die Sendungsabwicklung Zuständigen, ohne diese infrastrukturellen, aber auch schul-organisatorischen Rahmenbedingungen, die immer wieder neu adaptiert werden müssen, ohne das Engagement all dieser Menschen wäre es wohl nicht soweit gekommen, dass heute auf einen einzigartigen Pool großartiger Sendungen die alle Themenbereiche abdecken, zurück- oder zugegriffen werden kann.

Das Onlinearchiv von Radio Orange oder des Oe1Campusradio ist nicht nur ein ausgezeichnetes Instrument, um den authentischen Stimmen unserer Jugend zu lauschen, sondern erlaubt eine Zeitreise von heute 15 Jahre in die Vergangenheit. Vom analogen Zeitalter mit dem sinnlich erfahrbaren Schneiden an Tonbandmaschinen bis zum digitalen Editieren am Computer. Von den Kriegen im Irak und Ex-Jugoslawien über 9/11 bis zur weltweiten Finanzkrise. Von den Hoffnungen, Ängsten und Erwartungen derer, die mittlerweile selbst Erwachsene sind und vielleicht Kinder haben. Von den Punks bis zu den Krochas und Emos, von den Anfängen des Rap bis zum Hiphop. Es erstaunt mich immer wieder, wie oft diese Sendungen angehört oder sogar downgeloaded werden.

Leider wird dieses tolle Archiv von den LehrerInnen im Unterricht kaum genutzt. Wie viele Themen ließen sich da anreißen und Diskussionen führen, die vielleicht wieder in ein Radioprojekt münden. Auch dem ORF wäre zumutbar, dass er den Jugendlichen eine Sendeschiene einräumt.

Medienpädagogische Einsatzmöglichkeiten zu tagespolitischem Geschehen

Als nach dem Attentat auf das World-Trade-Center am 11.9.2001 vom Stadtschulrat eine Schweigeminute verordnet wurde, war Sanja – eine gebürtige Serbin – nicht bereit mitzumachen. Nach ihren Beweggründen befragt, gab sie zur Antwort: "Als die NATO ohne Vorwarnung Belgrad bombardiert hat, hat es auch keine Schweigeminute gegeben." Darauf entstand eine wilde Debatte über Unschuld und darüber, was Kriegsgründe sind und was keine. Ich nahm dies zum Anlass, eine E x p e r t e n r u n d e einzuberufen, die über 11/9 und seine Folgen diskutieren sollte. Das Ergebnis war und ist hörenswert, denn die SchülerInnen erwiesen sich tatsächlich als kundige und am Zeitgeschehen höchst interessierte Experten. Fast alle hatten Kriegserfahrungen gemacht. Ob sie wie Judpreth aus dem konfliktträchtigen Grenzgebiet Kaschmirs, wie Muhammed aus Syrien oder Lydia aus Serbien kamen.

Ich ließ sie im Deutschunterricht Briefe abfassen, die sie an W. Bush und Bin Laden adressieren sollten. Ein Schüler, der in einer Band mitspielt, hat für die Sendung sogar ein Lied geschrieben, die Gitarre mitgebracht und es unter tobendem Applaus der MitschülerInnen vorgespielt. Wenn sie dann noch auf die Straße gehen und die Meinung der Passanten auf ihre brisanten Fragen einholen, sind alle Sendeelemente fertig und sie muss nur noch moderiert und geschnitten werden. So ernst genommen lernen sie, ein Thema von allen Seiten zu beleuchten, die richtigen Fragen zu stellen, sich vorzustellen, ihren Frust zu bewältigen, wenn sie mit dem Aufnahmegerät die Leute aufhalten wollen und niemand Zeit zu haben scheint. Sie lernen sich selbst und ihre Stärken und Schwächen besser einzuschätzen, und -last but not least -sich so zu artikulieren, dass sie auch verstanden werden.

[Radiosendung: 9/11 auch SchülerInnen sind ExpertInnen]

Was also lernen die SchülerInnen, wenn sie an Radiosendungen arbeiten?

Da es -wie einleitend schon erwähnt -in der überwiegenden Mehrheit SchülerInnen mit Problemen sind, die den sanktions- und stressfreien Raum des schuleigenen Studios suchen und sich für die "Unverbindliche Übung" Radio anmelden, oder vom Lehrer zur Teilnahme angeregt worden sind, solche also, die sich meistens sehr schwer im Verschriften von Sprache tun und deshalb in beinahe allen Gegenständen nicht mehr zu kompensierende Defizite aufweisen, können sie dort, wo es aufs mündliche Erzählen, aufs Dialogisieren von Geschichten, auf Computerkenntnisse, aufs Rhythmisieren von Silben und Lauten, aufs Reproduzieren von Geräuschen, d.h. auf den kreativen Umgang mit Sprache und auf all das ankommt, was im Unterricht nicht zählt, eben diese Fähigkeiten ausspielen und erhalten endlich die Anerkennung und Bestätigung, die ihnen im Regelunterricht versagt bleibt. Sie lernen, dass es Bereiche gibt, wo etwas anderes zählt als Informationsreproduktion.

Sie lernen ohne zu wissen, dass sie lernen, und sind dankbar, dass es in einem vom Schulstress befreiten, d.h. nicht beurteiltem Raum geschieht.

Natürlich gibt es Konflikte und oft herrscht das pure Chaos. Beides aber muss ich zulassen können, denn nur so kann aus ihr Kreativität entstehen. Sie verträgt sich nicht mit Disziplinierung. Irgendwann ist Schluss mit Lustig. Diesen Zeitpunkt abwarten zu können, stellt meine Geduld zwar auf harte Proben, aber sie wird mehr als belohnt.

Hier der Bericht eines 14-Jährigen, der stellvertretend für die Abschiedsbriefe steht, welche auch im Weblog nachzulesen sind:

"Ich heiße Egon S. und bin 14 Jahre alt und besuche seit der ersten Klasse die unverbindliche Übung Radio. Mein Lehrer hat mich in die Radiogruppe aufgenommen und ich habe das nie bereut. Jetzt kann ich am Computer mit Audiosoftware umgehen und Sendungen schneiden. Ich habe viele Interviews gemacht und so meine sprachlichen Schwächen kennen gelernt. Auch als Moderator von Pausenradiosendungen habe ich meine Aussprache verbessert. Das beste war, dass wir immer mehr Mitschüler aus unserer Schule kennen gelernt haben. Die Arbeit an den Sendungen hat großen Spaß gemacht. Die Radiogruppe ist für mich wie eine Familie gewesen. Ich war auch dabei, wie wir im ORF den Mo-ment-Leben-Preis gewonnen haben. An diesen Sendungen habe ich mitgemacht: "Was ist AIDS", PUpuPubertät, 9/11, Computerspiele und Scheidungskinder. Ich werde das Radio Loquaiplatz nie vergessen."

Ich will noch ein letztes Beispiel bemühen, um aufzuzeigen, wie aus dieser intensiven, oft konfliktträchtigen Auseinandersetzung ein Vertrauensverhältnis entstehen kann, das die systemimmanten Zwänge aufbricht, und ein freundschaftliches und auf beider Wertschätzung beruhendes Klima schafft:

Es war zur Zeit des Kosovokonflikts, als es mit dem hohen Anteil von Migranten aus Südosteuropa in den Klassen unserer Schule zu brodeln begann. Über SMS wurde zur Teilnahme an Demonstrationen aufgerufen und einige machten kein Hehl daraus, dass sie durchaus gewaltbereit waren. Sie zeigten mir stolz Videos auf ihren Handys und auf Youtube, wo sie mit Fahnen oder auf der Flucht vor der einschreitenden Polizei zu sehen waren und wiederholten in einem fort, dass sie stolze Serben seien. Einer verstieg sich zu der Behauptung, dass Gott ein Serbe sei. Übrigens ein gewaltverherrlichender Text aus einem Rap, wie sich nach Recherchen herausstellte. Dem wollte ich auf den Grund gehen. "Worauf seid ihr stolz?", fragte ich sie, den advokatus diaboli spielend. "Na, auf unser Land." "Worauf genau, wenn ihr an euer Land denkt?", wollte ich wissen. Denis, der 18 jährige Freund einer Schülerin, die in der Radiogruppe den Ton anführte, eigentlich eine schulfremde Person, der ich es nicht erlauben hätte dürfen, an dieser unverbindlichen Übung teilzunehmen, selbst ein Serbe, blieb stumm. Fatima, eine Türkin meinte, dass auch die Kurden Terroristen seien, weil sie Autonomie wollen, und Singh aus Indien fügte hinzu: "Ja, genauso beginnt ein Krieg. Wir wollen auch weg von Indien." Ich aber wollte noch immer wissen, warum sie nicht einfach nur Serben sein wollten, sondern stolze Serben. So in die Enge getrieben, fiel einem ein: "Weil ich dort Moped fahren kann und keiner fragt nach einem Führerschein. Weil wir dort frei sind." Jetzt erst verstand ich sie. Es war diese Sehnsucht nach verlorener Heimat, in die alles hinein projiziert werden kann, es war dieses Gefühl nicht mehr hier und auch nicht mehr dort wirklich zu Hause zu sein, der Wunsch nach Identität, das sie in der Fremde zu stolzen Serben werden, es sie so betonen ließ. Dann mischte sich Denis ein: "Ich bin Serbe. Zumindest komme ich von dort. Mit zwei Jahren bin ich nach Österreich gekommen. Jetzt lebe ich hier und weiß nicht mehr, wo ich hingehöre. Ich habe einen Freund. Er ist aus dem Kosovo. Wir verstehen uns gut. Das ist nicht unser Krieg. Hört euch seinen Rap an. Wie sich die Serben gegenüber den Kosovaren verhalten haben, war auch nicht gut." Hätte ich das gesagt, wäre es nicht angekommen. Der Rap seines Freundes auf Youtube, den wir uns gemeinsam anhörten, tat Seines dazu. Ob sie weiterhin an den Demos teilgenommen haben, weiß ich nicht. Die Sendung aber wurde in den Foren und Netzwerken, wie ich nachträglich herausfand, heftig und sehr kontroversiell diskutiert. [Radiosendung: Ist Gott ein Serbe?]

(Vgl. Website des Balkanforums, visit 13.8.09)

Ich glaube, dass wir als LehrerInnen dazu aufgerufen sind, diese heißen Eisen im Unterricht anzugreifen. Viele aber haben Angst oder sind unsicher oder glauben, die Konflikte nur zu schüren, statt sie zu entschärfen, wenn sie das im Unterricht zur Sprache bringen, was die Kids auf dem Weg zur Schule in den U-Bahnzeitungen gelesen haben oder zu Hause aufschnappen. Dabei aber geschieht genau das Gegenteil. Die SchülerInnen sind dankbar, wenn aktuelles Zeitgeschehen im Unterricht behandelt wird, wenn LehrerInnen nicht wegschauen, wenn Mitschüler-Innen gehänselt, gemobbt oder von anderen beschämt werden.

Es erinnert mich an die erste Radiosendung. Damals war Wien zugepflastert mit wahlwerbenden Plakaten der FPÖ: "Wien soll nicht Chicago werden." Chicago wurde ja später bekanntlich durch Istanbul ersetzt.

Es war für meine SchülerInnen – ausnahmslos MigrantInnen – nicht leicht, sich den oft fremdenfeindlichen Wortspenden der WienerInnen auszusetzen und ruhig zu bleiben. "Geht’s ham, ramt’s die Stana weg. Hobt’s gnua zum Tuan da unt’n. Braucht’s net da aufikummn und uns die Oabeit und’s Göld wegnemmn.", so der O-Ton, den ich heute noch im Ohr habe. Aber sie hörten auch andere, wohlwollende und dem Fremden nicht abgeneigte Stimmen. Das war eine wichtige Erfahrung für sie. Ich wollte aber auf etwas anderes hinaus. Ich wollte, dass sie den Begriff "Heimat" umkreisen und einkreisen lassen, bis vielleicht eine Definition entsteht, der alle zustimmen konnten. Um sie auf dieses Interview auf der Straße vorzubereiten, erzählte ich ihnen, wie es mir als Kind ergangen war. Unsere Wohnung nämlich hatte Zimmer, deren Fenster einmal den Blick auf den See und auf der anderen Seite auf die Berge frei gab. "Was ist hinter den Bergen und was am anderen Ufer? Ist das auch noch Heimat oder ist das schon Fremde?" So gebrieft kamen sie mit ihren ersten Aufnahmen zurück, und ich konnte mich vor Lachen kaum halten, als ich sie die Passanten fragen hörte: "Was sehen sie, wenn sie zum Fenster hinausschauen?" Diese Frage hat die meisten so verblüfft, dass sie zuerst einmal nach einer Antwort ringend nur feststellen konnten, wie interessant sie diese Fragestellung finden. So entstand als Nebenprodukt zur eigentlichen Sendung eine andere über das, was die Leute sehen, wenn sie aus dem Fenster schauen.

[Radiosendung: Heimat, was ist das?]

Beinahe hätte ich das wichtigste vergessen: LehrerInnen, die sich übers Radiomachen mit SchülerInnen einlassen, werden reich beschenkt. Ihr Lohn ist es, dass sie immer wieder einen Blick in ein Zeitfenster werfen dürfen, das für viele verschlossen bleibt: Die Zeit nämlich, in der sie selbst Kinder und Jugendliche waren und so noch einmal die Freude, die Neugierde, das Erwachen miterleben dürfen, aber auch mit den Ängsten, Nöten und Erwartungen konfrontiert sind, die auch mit ihrer Adoleszenz verbunden waren. Sicherlich war es eine der Motivationen, die sie einmal diesen Sozialberuf ergreifen ließen, vielleicht auch, weil sie selbst das Glück hatten, in Erwachsenen einen Verbündeten gefunden zu haben, der noch nicht vergessen hat, dass er selbst einmal Kind gewesen ist, vielleicht aber auch, weil sie ihn nicht gefunden haben und sie es für die ihnen Anvertrauten nachholen wollen. sie ihn nicht gefunden haben und sie es für die ihnen Anvertrauten nachholen wollen.

Außerdem kann der Austausch zwischen LehrerInnen, die mit SchülerInnen Radio machen, eine Supervision ersetzen. So haben mir die redaktionellen Treffen mit der Kerngruppe der Wiener Radiobande, aber auch die Medienseminare nicht nur wichtige Impulse beschert und eine Reflexion über mein Tun ermöglicht, sie haben mich darüber hinaus angespornt, am Ball zu bleiben. Dass nicht wenige über diese Arbeit, die wir ausnahmslos in unserer Freizeit verrichten, heute zu meinen Freunden zählen, oder SchülerInnen noch Jahre nach dem letzten Schultag mir immer wieder bestätigen, wie wichtig ihnen das Radiomachen war, ist neben renommierten Preisen ein Geschenk, das in seiner Langzeitwirkung weit über die Schule hinausgeht.

Vielleicht habe ich eine jetzt weitaus befriedigendere, wenn auch weitschweifige Antwort auf die Frage von Herrn Rainer Rosenberg geben können, was die Faszination von Radiomachen mit SchülerInnen ausmacht. Es würde mich freuen.

Ein Gehörloser wurde einmal gefragt, was der Unterschied zwischen Wunsch und Hoffnung sei. Er antwortete in der Gebärdensprache: "Der Wunsch ist ein Baum in Blättern, die Hoffnung ein Baum in Blüte, Genuss ist ein Baum mit Früchten."

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