Forschung

1/2009 - Standards in der Medienbildung

EU Kids Online – Der sichere Umgang mit dem Internet. Österreich im europäischen Vergleich

AutorInnen: Ingrid Paus-Hasebrink / Andrea Dürager

Die Ergebnisse des dreijährigen europäischen Forschungsprojektes "EU Kids Online I" zu Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit dem Internet in Österreich.

Abstract

Die Ergebnisse des dreijährigen europäischen Forschungsprojektes „EU Kids Online I“ zu Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit dem Internet in Europa zeigen, dass die Forschungslage zu dieser Thematik in Österreich – aber auch in vielen anderen Ländern – als defizitär bezeichnet werden muss. Zudem zählt Österreich bei mittlerer Nutzungshäufigkeit des Internets zu den Ländern mit immerhin mittlerem Online-Risiko. Österreichische Eltern scheinen sich der mit der Internetnutzung ihrer Kinder verbundenen Gefahren noch recht wenig bewusst zu sein. Im Nachfolgeprojekt "EU Kids Online II" steht nun der Bereich der Online-Risiken im Mittelpunkt  einer europaweiten Befragung.

The results of the triennial European research project "EU Kids Online I", which focused on online-experiences of children and teenagers in Europe, show, that the relevant state of research in Austria as well as in many other European countries is insufficient. Moreover, Austria belongs to the group with medium use of the internet and medium online risk. All in all, Austrian parents seem to be less aware of the risks children are encountering online. In the follow-up project "EU Kids Online II" online risks are the main topic of a pan-European survey.


1. Zum Projekt EU Kids Online

Internetaktivitäten gewinnen bei Kindern und Jugendlichen an Bedeutung: So ist die durchschnittliche Internetnutzung von Kindern in Europa laut Daten des Eurobarometers von 70 Prozent im Jahr 2005 auf 75 Prozent im Jahr 2008 gestiegen, Österreich verzeichnet sogar eine Differenz von 11 Prozent zwischen 2005 (66%) und 2008 (77%) (Hasebrink et al. 2009, 14). Gleichzeitig mit dem Anstieg der Internetaktivitäten bei Kindern und Jugendlichen erhöhen sich auch die Chancen, die das Internet beispielsweise im Bereich der Informationssuche, der Kommunikation bzw. des Lernens bietet, aber ebenso nehmen Internetgefahren, wie kommerzielle Fallen, bedenkliche Inhalte oder etwa Mobbing, zu.

Um die Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen in Europa in Bezug auf den Zugang, die Chancen und Risiken, die unterschiedlichen Kontexte wie familiäres Umfeld, Schule etc. zu untersuchen, wurde Anfang 2006 von der Europäischen Kommission im Rahmen des Programms Safer Internet Plus das Projekt "EU Kids Online" bewilligt (vgl. Paus-Hasebrink/Rathmoser 2007; Paus-Hasebrink/Ortner 2008). Nach einer nun drei-jährigen Laufzeit (Juni 2006 bis Juni 2009) liefert EU Kids Online I den ersten systematischen europäischen Vergleich von Forschungsergebnissen zu Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit Online-Technologien (siehe Abb. 1).

 

Abb.1

Abb. 1.: Projektfokus

Quelle: Livingstone/Haddon 2009, 4

 

Mehr als 400 Studien zu kulturellen, kontextbezogenen und risikobehafteten Aspekten der Internetnutzung durch Kinder und Jugendliche wurden in 21 europäischen Ländern recherchiert sowie analysiert und schließlich in Bezug aufeinander neu ausgewertet. Ziel des Projekts war es, vergleichbare Forschungsergebnisse in den beteiligten Ländern zu identifizieren (vgl. Hasebrink et al. 2009), auf deren Basis (forschungs-)politische Empfehlungen für Maßnahmen zur Förderung eines sicheren Umgangs mit dem Internet formuliert werden konnten (vgl. De Haan/Livingstone 2009). Darüber hinaus zeichnete das Projekt die Datenlage in den beteiligten Staaten nach (vgl. Staksrud et al. 2009), zeigte Forschungslücken auf und identifizierte Kontextfaktoren, die die unterschiedlichen Forschungskapazitäten in den einzelnen Ländern kennzeichnen (vgl. Stald/Haddon 2008). Zudem wurde ein Best Practice Guide zur Durchführung weiterer Forschung entwickelt (vgl. Lobe et al. 2008).

Im Folgenden werden im ersten Schritt zentrale Ergebnisse des Forschungsprojekts im Kontext neuer Eurobarometerdaten speziell mit Blick auf Österreich und die Frage, wie österreichische Kinder und Jugendliche sowie ihre Eltern mit Risiken im Internet umgehen, diskutiert. Im zweiten Schritt des Artikels wird das am 1. Juli 2009 gestartete Nachfolgeprojekt EU Kids Online II vorgestellt, das den in EU Kids Online I identifizierten Risiken im Umgang mit dem Internet in einer vergleichenden empirischen Untersuchung nachgehen wird.

2. Zur Forschungslage in Österreich

Insgesamt kann aus dem Projekt gefolgert werden, dass der Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen und dabei insbesondere den Online-Risiken, von unterschiedlichen Stakeholdern, ob aus der Politik, der Öffentlichkeit und der Wissenschaft ein hoher Stellenwert beigemessen wird, dennoch besteht ein großes Defizit an spezifischer Forschung. Die meisten Studien finden sich in Deutschland und Großbritannien (mehr als 40), gefolgt von Belgien, Schweden, Portugal und Griechenland, wo zwischen 30 und 40 Studien zu verzeichnen sind. Österreich findet sich mit Italien, Frankreich, Norwegen, Spanien, und Estland im unteren Mittelfeld mit einer Studienanzahl von 20 bis 30. Am wenigsten Forschung konnte in den Niederlanden, Polen, der Tschechischen Republik, Island, Bulgarien und Zypern nachgewiesen werden. (vgl. Staksrud et al. 2009, 8)

Obwohl in Österreich insgesamt inklusive multinationaler Untersuchungen, wie etwa des Eurobarometers, 28 Studien (Stand Juli 2009)mit Daten zur Online-Nutzung österreichischer Kinder und Jugendlicher identifiziert werden konnten, muss die Datenbasis für Österreich, wie auch für viele andere Länder, als defizitär bezeichnet werden. So finden sich lediglich 17 – zumeist quantitativ ausgelegte – Untersuchungen von österreichischen Forschungseinrichtungen. Insgesamt konnten für die Forschung in Österreich (siehe dazu Paus-Hasebrink/Ortner 2008; Paus-Hasebrink/Rathmoser 2007; Rathmoser 2007) insbesondere folgende Defizite identifiziert werden:

  1. Mangel an theoriegeleiteter Forschung
  2. Unterrepräsentation jüngerer Kinder (unter zehn Jahren)
  3. Dominanz von Marktforschung
  4. Mangel an regelmäßigen Erhebungen und Langzeitstudien
  5. Vernachlässigung von Alltagskontexten und Fokussierung auf quantitative Methoden zur Erhebung von Online-Aktivitäten
  6. Forschungsdefizit in Bezug auf Risiken: Nur etwa vier von zehn Studien thematisieren Risiken der Internetnutzung sowohl in Österreich als auch in Gesamteuropa (siehe Tab. 1). Vorwiegend wird dann der Blick auf bedenkliche Inhalte gerichtet. Speziell in Österreich fehlen Untersuchungen zu Gefahren des Kontakts mit Fremden, zu Cyber-Mobbing, kommerziellen Fallen oder Problemen des Datenmissbrauchs. Mangelhaft erscheint ebenfalls die Datenlage zur Einstellung der Betroffenen Online-Risiken gegenüber und zu ihren Umgangsweisen mit unterschiedlichen Gefahren.
  7. Eingeschränkter Zugang zu Ergebnissen (oft sind Studien nur als kurze Zusammenfassungen oder gegen Bezahlung erhältlich – eine Folge der Dominanz von Marktforschungsstudien, die mit ihren Erhebungen in erster Linie kommerzielle Ziele verfolgen).

Tab. 1.: Datenlage zu Online-Risiken (Mehrfachnennungen)

Risiken bzgl.…

Inhalt1

Kontakt2

Kommerz3

Privat-sphäre4

Gesamt-risiken

Gesamteuropa

31%

26%

14%

22%

42%

Österreich

33%

11%

7%

14%

37%


1
gewaltvolle, rassistische, pornographische, illegale, schädliche Inhalte und Informationen
2
Kontakt mit Fremden, Cyberbullying
3
Werbung, kommerzielle Ausbeutung, illegales Downloaden, Glücksspiele
4
Herausgabe persönlicher Informationen, Hacking
Quelle: Paus-Hasebrink/Ortner 2008, 43

3. Internetnutzung und Online-Gefahren österreichischer Kinder und Jugendlicher im europäischen Vergleich

In Österreich nutzen nach Angaben der Eltern 77 Prozent der Kinder und 87 Prozent der Eltern das Internet. Hier wiederum gibt es deutliche Unterschiede in Bezug auf das Alter der Kinder. Kinder zwischen sechs und zehn Jahren nutzen das Internet wesentlich seltener als Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren. Während Österreich im europäischen Vergleich bei der Internetnutzung der Sechs- bis Zehnjährigen im unteren Fünftel liegt, nur vier Länder (Zypern, Griechenland, Italien, Luxemburg) haben eine geringere Quote, liegt es bei den Jugendlichen über dem Durchschnitt (siehe Abb. 2). (Vgl. European Commission 2008)

Abb.2

Abb. 2: Internetnutzung nach Altersgruppe

Quelle: European Commission 2008

In den meisten europäischen Ländern steht ein beachtlicher Anteil von Kindern und Jugendlichen in der Gefahr, im Internet auf potenziell gefährdende Seiten zu stoßen. Als Internetrisiken gelten kommerzielle, die Privatsphäre beeinträchtigende oder moralisch bedenkliche (Gewalt, Pornographie, Werte) Gefahren. Gefahren und Chancen im Internet lassen sich mit Blick auf die jeweilige Rolle des Kindes bzw. des Jugendlichen in drei Kategorien einteilen: Die Heranwachsenden können entweder als Rezipienten der Internetinhalte, als aktive Teilnehmende an einem Kommunikationsprozess oder aber als Akteure und Initiatoren einer kommunikativen Handlung im Internet tätig sein. In Anlehnung daran lassen sich Risiken durch angebotene Inhalte (z.B.: pornographische, gewalthaltige, rassistische Inhalte), durch Kontakte (z.B.: Cyberbullying, Missbrauch von persönlichen Informationen, sexuelle Belästigung) oder durch das Verhalten des Betreffenden (z.B.: Cyberbullying, Cyberstalking, illegaler Download) identifizieren. (Vgl. Hasebrink et al. 2009)

Basierend auf Daten der nationalen und multinationalen Studien entwickelte das EU Kids Online Team eine Ländergruppierung in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit, mit Internetrisiken konfrontiert zu werden (siehe Tab. 3). Bei mittlerer Nutzungshäufigkeit zählt Österreich zusammen mit Belgien, Irland, Portugal und Spanien zu den Ländern mit mittlerem Risiko. Insgesamt zeigt sich, dass in Ländern, in denen viele Kinder Zugang zum Internet haben, auch die Gefährdung tendenziell hoch ist. Allerdings sind Online-Risiken auch in einigen Ländern mit geringer Verbreitung des Internets vergleichsweise groß. Hasebrink, Livingstone, Haddon und Ólafsson (2009, 56) schlussfolgern: "Northern European countries tend to be ‘high use, high risk’; Southern European countries tend to be ‚low use, variable risk’, and Eastern European countries can be characterised as ‘new use, new risk’”.

Tab. 2: Ländergruppierung in Abhängigkeit von Internetnutzung und Online-Risiko

Online-Risiko1

Internetnutzung der Kinder und Jugendlichen

Niedrig (<65%)

Mittel (65%-85%)

Hoch (>85%)

Niedrig

Zypern, Italien

Frankreich, Deutschland


Mittel

Griechenland

Österreich, Belgien, Irland, Portugal, Spanien

Dänemark, Schweden

Hoch


Bulgarien, Tschechische Republik

Estland, Island, die Niederlande, Norwegen, Polen, Slowenien, Groß-britannien

1 Wahrscheinlichkeit, dass Kinder und Jugendliche mit Online-Risiken konfrontiert werden, basierend auf den Ergebnissen der gesichteten Studien über die Meinungen von Kindern und Eltern

Quelle: Hasebrink et al. 2009, 56

Die Ergebnisse der vergleichenden Analyse zeigen zudem, dass die Weitergabe persönlicher Daten das am meisten verbreitete Risiko in Europa darstellt (ca. 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die das Internet nutzen). Der Kontakt mit pornographischen Inhalten kommt an zweiter Stelle (ca. 40 Prozent), gefolgt von der Konfrontation mit gewalttätigen und hasserfüllten Inhalten (ca. 33 Prozent) sowie Online-Mobbing, Stalking oder Belästigung (ca. 20 bis 25 Prozent). (vgl. Hasebrink et al. 2009, 89)

Aktuelle Ergebnisse des Bildungsmedienzentrums des Landes Oberösterreich zeigen (BIMEZ 2009), dass es für oberösterreichische Jugendliche zwischen elf und 18 Jahren die größte Gefahr darstellt, sich mit Fremden im Chat zu unterhalten (49 Prozent). 40 Prozent geben im Internet persönliche Daten preis, 34 Prozent haben im Internet schon einmal jemanden kennengelernt und 16 Prozent Online-Bekanntschaften bereits schon offline getroffen. Immerhin 27 Prozent begegnen potentiellen kommerziellen Risiken, wenn sie online einkaufen.

4. Umgang mit Online-Risiken österreichischer Eltern

Wie bereits veranschaulicht, zählt Österreich sowohl hinsichtlich der Internetnutzung der Kinder als auch in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit, mit der Kinder ihrer eigenen Einschätzung und jener der Eltern zufolge mit Online-Gefahren konfrontiert werden, zur mittleren Risikogruppe. Bedenkt man, dass mehr österreichische als durchschnittlich europäische Eltern aussagen, ihr Kind habe schon Kontakt mit bedenklichen Inhalten gehabt, wie Ergebnisse des EU Kids Online Projekts zeigen, berichten auf europäischer Ebene durchschnittlich 31 Prozent der Eltern, dass ihre Kinder im Internet bereits mit beeinträchtigenden Inhalten konfrontiert wurden; in Österreich liegt der Wert mit 45 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt (vgl. Hasebrink et al. 2009, 33) –, scheint es verwunderlich, dass 61 Prozent der österreichischen Eltern im Vergleich zu nur 40 Prozent der Europäerinnen und Europäer wenig bis gar nicht besorgt sind (vgl. European Commission 2008), ihre Kinder könnten mit Online-Gefahren konfrontiert werden. In Frankreich Spanien, Portugal, Griechenland und Zypern zeigen sich die Eltern dagegen deutlich stärker beunruhigt – für diese Länder besteht ein eher niedriges bis mittleres Risiko. Am wenigsten besorgt sind die Eltern in Dänemark, Schweden (ebenfalls mittleres Risiko) und der Slowakei (vgl. European Commission 2008).

Die geringe Besorgnis in Österreich gründet möglicherweise darin, dass 66 Prozent der österreichischen Eltern, das entspricht dem europäischen Durchschnitt, annehmen, ihr Kind wisse, was in problematischen Situationen im Internet zu tun ist (vgl. Hasebrink et al. 2009, 33), oder aber auch in möglicherweise mangelnden Kenntnissen der Eltern. Wie Daten des Eurobarometers (European Commission 2008) zeigen, beziehen Eltern Informationen über sicheren Internetumgang zumeist von Familienmitgliedern und Freunden (A: 65 Prozent; EU27: 71 Prozent). In der EU und auch in Österreich gelten als zweitstärkste Informationsquelle die Medien (TV, Radio, Zeitungen, Magazine), allerdings liegt der Wert der österreichischen Eltern weit unter dem EU-Mittel: Beinahe zwei Drittel (62 Prozent) der europäischen Eltern beziehen Informationen aus den Medien, dies ist hingegen bei nur knapp der Hälfte der österreichischen Eltern der Fall (49 Prozent). Gesondert wird das Medium Internet aufgelistet, das ebenfalls im europäischen Durchschnitt (39 Prozent) deutlich mehr als Informationsquelle für safer internet genutzt wird als in Österreich (24 Prozent). Die geringe Nutzung der Medien als Informationsquelle liegt möglicherweise auch an der nationalen Berichterstattung. Wie beispielsweise die vergleichende Analyse themenspezifischer Beiträge ausgewählter Tageszeitungen von Oktober bis November 2008 im Rahmens des EU Kids Online-Projekts zeigt (vgl. Haddon/Stald 2009), bezieht sich mehr als die Hälfte der in Österreich gefunden Artikel entgegen des Nachrichtenwertfaktors der Nähe (vgl. Schulz 1976) auf das Ausland (vor allem auf kriminelle Fälle mit Blick auf das Internet als Faktor für gewalthaltiges Verhalten). Ein ähnlich hoher Wert trifft nur noch für Portugal und Slowenien zu (vgl. Haddon/Stald 2009, 11, 19). Darüber hinaus behandelte nur ein Viertel der Artikel das Internet selbst als wesentliches Thema – zumeist wurde es nur im Rahmen anderer Beiträge erwähnt – während die anderen untersuchten Länder zwischen 37 und 93 Prozent aufweisen (vgl. ebd., 13).

5. Zum Nachfolgeprojekt EU Kids Online II: Online-Risiken stehen im Mittelpunkt

Um eine Forschungslücke in Europa zum Thema Internet zu schließen, wird speziell mit Blick auf seine Risiken im Rahmen von EU Kids Online II, dem Nachfolgeprojekt von EU Kids Online I (2006-2009; www.eukidsonline.net), für zwei Jahre (2009 und 2011) europaweit eine vergleichende quantitative Studie durchgeführt. Mit dem Ziel, sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene einen aussagekräftigen Datenpool zu erstellen, richtet sich die als strukturiertes Face-to-face-Interview (Fragebogeninterview) angelegte Erhebung an die besonders betroffene Altersgruppe, die Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen neun und 16 Jahren, sowie an ihre Eltern.

EU Kids Online II strebt an, basierend auf einem kinderzentrierten, vergleichenden, kritischen und kontextbezogenen Ansatz, einen breiten Überblick über die Erfahrungen von Heranwachsenden mit Online-Risiken zu erhalten. Der Fragebogen wird, neben der Erhebung von demographischen Daten sowie sozialpsychologischen Faktoren, Fragen zur allgemeinen Internetnutzung, zu Online-Möglichkeiten und -Risiken, zum Umgang mit Gefahren sowie zur Rolle der Eltern und ihren Regulierungs- und Supervisionsmaßnahmen sowie zu ihrer Einstellung und ihren Bedenken beinhalten. Die Entwicklung des Fragebogens und die Durchführung des Interviews erfolgt unter Gesichtspunkten der Zuverlässigkeit des Instruments sowie einer Ethik-sensiblen, kulturabhängigen Formulierung. Um dies zu gewährleisten, werden die einzelnen Fragebögen durch die jeweiligen Netzwerkmitglieder den länderspezifischen Eigenheiten angepasst. Oberstes Ziel des Projektes ist es, das Bewusstsein für einen sichereren Umgang mit dem Internet sowohl auf nationaler, europäischer als auch internationaler Ebene zu schärfen und Forschungsdefizite zu den bisher nur unzureichenden Risiko-Aspekten des Internets aufzugreifen.

6. Konsequenzen und Herausforderungen

Wie die Ergebnisse von EU Kids Online I verdeutlichen, zielt ein sicherer Umgang mit dem Internet nicht nur auf das Erkennen und die bewusste Vermeidung von Gefahren im Umgang mit dem Internet, sondern auch auf einen kompetenten Umgang mit Risiken, wozu auch die die angemessene Reaktion auf vermeintlich oder tatsächlich risikobehaftete Angebote zählt. Damit sich junge Menschen Medienkompetenz aneignen und einen sicheren Umgang mit dem Internet erlernen können, sind Eltern und Pädagogen wie Pädagoginnen aufgerufen, Kinder und Jugendliche bestmöglich zu informieren und sie im Umgang mit dem Internet zu begleiten. Insbesondere Kindergärten und Schulen (vgl. Paus-Hasebrink et al. 2009b) obliegt es – stärker noch als bisher – Schülern und Schülerinnen in der Ausschöpfung von Chancen der Internetnetzung zu stärken und sie sensibel und kenntnisreich im Vermeiden von Gefahren zu unterstützen. Auch der Elternbildung kommt in Zukunft eine größere Bedeutung zu; denn im Elternhaus sammeln Kinder ihre ersten Erfahrungen mit Medien; hier werden, eingebettet in die Sozialisation der Kinder als Teil ihrer Mediensozialisation, auch die Grundkenntnisse zum Umgang mit Medien gelegt. Ohne die Kooperation mit Eltern auf Basis wirkungsvoller Strategien, die auch und gerade die Eltern erreichen, die sich nur wenige oder gar keine Gedanken um die Medienumgangsweisen ihrer Kinder machen (können), da ihr Alltag dominiert wird von sozial-ökonomischen Problemen und denen es, oft damit Hand in Hand gehend, an eigener Kompetenzen im Umgang mit Medien mangelt (vgl. Paus-Hasebrink/Bichler 2008), bleiben Bemühungen um einen sicheren Umgang mit dem Internet jedoch lediglich Wunschvorstellungen.

Die Bereitstellung von ausführlichen Informationen und die Vermittlung von Kenntnissen zum sicheren Umgang mit Medien ist jedoch nicht allein Aufgabe der Eltern und Schulen, sondern stellt eine Herausforderung für die gesamten Gesellschaft, damit auch und insbesondere für die Medien als öffentliche Informationslieferanten, dar. Dazu zählt es auch, Panik unter Betroffenen – Kindern, Jugendlichen, Eltern und Lehrern wie Lehrerinnen – sowie in der breiten Öffentlichkeit und bei politischen Akteuren zu vermeiden; denn vorschnell gesetzte Reaktionen und Maßnahmen bergen die Gefahr in sich, dass auch die mannigfaltigen Möglichkeiten der Internetnutzung eingeschränkt werden.

Es gilt, die Chancen der Internetnutzung für Kinder und Jugendliche, die ihr Informations-, Sozial- und Selbstmanagement auch mit Hilfe von Internetanwendungen wie etwa des Social Web betreiben (vgl. Schmidt et al. 2009), nicht nur zu erkennen, sondern diese auch auf adäquate Weise zu stärken und zu fördern. Dazu bedarf es mit sensiblem Blick auf die Interessen junger Menschen zum einen einer länderübergreifenden, sorgfältigen Forschung, zum anderen aber auch und vor allem der Kooperation aller Stakeholder im Bemühen, das Internet für Heranwachsende sicherer zu machen.

7. Literatur

Bildungsmedienzentrum (BIMEZ) (2009): 1. Oberösterreichische Jugend-Medien-Studie. In: [http://www.bimez.at/index.php?id=5411] (27.07.2009)

De Haan, Jos & Livingstone, Sonia (2009): EU Kids Online: Policy and Research Recommendations. LSE, London: EU Kids Online, [http://www.lse.ac.uk/collections/EUKidsOnline/Reports/D5Recommendations.pdf] (27.07.2009).

European Commission (2008): Towards a Safer Use of the Internet for Children in the EU – a Parent’s Perspective, Analytical Report, Flash Eurobarometer 248, [http://ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl_248_en.pdf] (17.06.2009).

Haddon, Leslie & Stald, Gitte (2009): A cross-national European analysis of press coverage of children and the internet. LSE, London: EU Kids Online, [http://www.lse.ac.uk/collections/EUKidsOnline/Reports/MediaReport.pdf] (27.07.2009).

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Lobe, Bojana; Livingstone, Sonia; Ólafsson, Kjartan & Simões, José A. (2008): Best Practice Research Guide: How to Research Children and Online Technologies in Comparative Perspective. LSE, London: EU Kids Online, [http://www.lse.ac.uk/collections/EUKidsOnline/Reports/D4.2_ISBN.pdf] (27.07.2009).

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