Schwerpunkt

2/2016 - Internet und digitale Medien als sexualisierte Räume

Pornografisierung durch Sexualpädagogik?

Über problematische Vorwürfe und komplizierte Auseinandersetzungen

AutorInnen: Barbara Rothmüller / Paul Scheibelhofer

Barbara Rothmüller und Paul Scheibelhofer gehen dem widersprüchlichen Verhältnis zwischen Pornografie und Sexualpädagogik nach und loten aus, welche Fragen sich für einen differenzierten pädagogischen Zugang zum Thema Pornografie stellen ...

Abstract

Der folgende Beitrag befasst sich mit dem widersprüchlichen Verhältnis zwischen Pornografie und Sexualpädagogik. Einerseits wächst in den letzten Jahrzehnten der Anspruch an eine zeitgemäße Sexualpädagogik, Kinder und Jugendliche vor negativen Auswirkungen von Pornografie zu schützen. Andererseits wurde Sexualpädagogik historisch und aktuell oft mit dem Vorwurf konfrontiert, selbst pornografisch zu sein und Schüler_innen dadurch Schaden zuzufügen. Dieses widersprüchliche Verhältnis darstellend, wird im Artikel für die Notwendigkeit eines differenzierten pädagogischen Zugangs zum Thema Pornografie plädiert.

The paper focuses on the contradictory relationship between pornography and sexuality education. In recent decades, contemporary sex education has increasingly been expected to save children and youth from the negative effects of pornography. Yet, sex education was and still is often accused of being pornographic itself and thus harmful to pupils. Analyzing this contradictory constellation, the article argues for the need of a differentiated pedagogical approach to pornography.


1. Einleitung

Mit der wachsenden Rolle digitaler Medien in kindlichen und jugendlichen Lebenswelten wird auch der Anspruch an die Sexualpädagogik größer, sich dem Thema Pornografie zu widmen. Im Fokus steht dabei oftmals die Verhinderung negativer Auswirkungen pornografischer Inhalte auf Kinder und Jugendliche. Diese weit verbreitete Forderung nehmen wir zum Anlass, um das Verhältnis zwischen Sexualpädagogik und Pornografie genauer zu betrachten und auszuloten, welche Fragen, Fallstricke und Potenziale sich für die pädagogische Thematisierung von Pornografie stellen. Ein historischer Blick zeigt, dass Sexualpädagogik nicht nur als seriöse Alternative zu Pornografie angerufen wird, sondern selbst oft dem Vorwurf ausgesetzt ist, Schüler_innen zu "pornografisieren". Nach einem Überblick zur historischen Entwicklung von Sexualpädagogik zeigt der Beitrag in drei Fallbeispielen aus dem deutschsprachigen Raum, wie diese Argumentation verwendet wird, um bestimmte Formen sexueller Bildung zu diskreditieren. Diesen Diskurs kritisch betrachtend, argumentieren wir abschließend für die Notwendigkeit einer "Verkomplizierung" pädagogischer Zugänge zum Thema Pornografie.

2. Eine kurze Geschichte der Sexualpädagogik

Sexuelle Bildung ist ein kontroverses Thema. Nicht nur ist umstritten, wer eigentlich dafür verantwortlich sein soll, sondern vor allem die Inhalte und Ziele von Sexualpädagogik sind seit ihren Anfängen heftig umkämpft. Diese Kämpfe haben nicht zuletzt damit zu tun, auf welche Probleme Sexualpädagogik überhaupt eine Antwort sein soll. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sich die Problemkonstruktionen historisch gewandelt haben.

Sexualität, Geschlechtsidentität und Partnerschaftsmodelle waren Themen, über die lange Zeit nicht öffentlich gesprochen wurde, schon gar nicht an Schulen. Sexualität wurde als Privatsache begriffen und sexuelle Aufklärung als Aufgabe der Eltern und/oder religiöser Autoritäten gesehen, nicht des Staates und öffentlicher Bildungseinrichtungen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts änderte sich diese Aufgabenverteilung jedoch nachhaltig. Staaten interessierten sich zunehmend dafür, Sexualität, Geburtenrate und Gesundheit der Bevölkerung zu steuern. Sexuelle Aufklärung, Geschlechts-, Familien- und Gesundheitserziehung sollten soziale Probleme wie den Zerfall der bürgerlichen Kleinfamilie lösen. Die Problemkonstruktion wandelte sich jedoch mit der Zeit. In den beiden Weltkriegen war es vor allem das Umsichgreifen sexuell übertragbarer Krankheiten von Soldaten und Prostituierten, die mit "Hygieneprogrammen" bekämpft werden sollten. Im nationalsozialistischen Deutschland war Sexualität mit eugenischen Vorstellungen von einer 'Reinheit der Rasse' verbunden – repressiv, aber auch sexualisierend. (Fenemore 2009) Diese Ambivalenz wirkte nach dem Krieg fort; die deutsche Gesellschaft war zwischen konservativen Haltungen und Vorstellungen sexueller Befreiung in den 60er Jahren zerrissen (ebd.). Selbstbeherrschung, Sauberkeit und eheliche Treue auf der einen Seite und eine erste Liberalisierung, Thematisierung von Sexualtabus und kindlicher Sexualität auf der anderen Seite kennzeichnete die Sexualkundeliteratur bis in die 1970er in Deutschland (Sager 2015). In den 1980er Jahren brachte schließlich die Verbreitung von AIDS selbst konservative Staaten dazu, Sexualkunde auf die Tagesordnung zu setzen. (Zimmerman 2015) Mit der Verbreitung neuer Medien Ende des 20. Jahrhunderts bildete sich eine weitere Problemkonstellation heraus: die Sexualisierung der Jugend durch pornografische Darstellungen.

Bestimmte Länder wurden im 20. Jahrhundert zu 'Exportländern' von Sexualkunde, u. a. Schweden, Deutschland und die USA. Familienplanung war in der Nachkriegszeit ein wichtiger Inhalt US-amerikanischer Bildungsinitiativen, die familiäre Stabilität und gesellschaftliche Stabilität in ein direktes Verhältnis setzten. Aktuell exportiert die USA abstinence-only-Programme, vor allem in Entwicklungsländer, die eine Enthaltsamkeit vor der im Idealfall lebenslangen monogamen Beziehung als Mittel zu Geburtenregelung und Krankheitsprävention preisen. (Zimmerman 2015) In den USA wird aktuell rund ein Drittel der Schüler_innen nach diesem Curriculum unterrichtet. Zum Vorbild progressiver sexueller Bildung avancierte Schweden. Sexualpädagogik adressierte dort Sexualität vor allem als Mittel zu Glück und Lebenszufriedenheit und unterschied zwischen Sex, Liebe und Partnerschaft. (Ebd.: 90f) Sexuelle Bildung fokussierte dementsprechend nicht nur auf Krankheitsprävention und Reproduktion, sondern auch auf Lust. In der liberalen Sexualpädagogik stand dabei jedoch lange Zeit nur die männliche Lust im Zentrum der Aufmerksamkeit, weibliches Begehren hingegen wurde entweder nicht thematisiert oder sogar problematisiert. (Fine 1988) Deutschland wiederum wurde international vor allem durch emanzipatorische Initiativen zur sexuellen Befreiung und Wilhelm Reich bekannt. International zirkulierten Aufklärungsmaterialien und zwar nicht nur Broschüren, sondern vor allem Filme. (Sauerteig/Davidson 2009: 10) Bekannt wurde hier etwa der sehr erfolgreiche deutsche Film Helga. Auf dessen Basis wurde der 'Sexualkundeatlas' bebildert, der in den 1970er Jahren einen Skandal wegen der Verwendung von Geburtsfotos verursachte. (Sager 2015) Aufgrund der gemeinsamen Sprache gab und gibt es generell einen regen Austausch von Material in den deutschsprachigen Ländern. So wurde etwa trotz des Skandals der deutsche Sexualkundeatlas zur Grundlage von Sexualkunde in Luxemburg. Aktuell wird dort u .a. der österreichische Film Sex, we can?! verwendet, ein dreiteiliger Film über Pubertät, erste sexuelle Erfahrungen und Verhütung für Jugendliche von 14 bis 16. Der vom Österreichischen Institut für Sexualpädagogik im Auftrag des BMUKK begleitete Film beansprucht dabei, auch eine kritische Haltung zu sexuellen Informationen von Peers und in Medien zu vermitteln. Er wurde als Animationsfilm umgesetzt, nicht zuletzt, um pornografisch wirkende, explizite Darstellungen von Sexualität zu vermeiden (vgl. BMUKK 2009: 4). In dieser Hinsicht ist der Film auch typisch für die jüngsten medien- und sexualpädagogischen Tendenzen zur Verwendung comicartiger Visualisierungen anstelle von Fotografien oder Schauspieler_innen.

Dass sich Schulen überhaupt als Aufklärungsinstanz etablieren konnten, ist Ergebnis jahrzehntelanger Aushandlungsprozesse, die keineswegs beendet sind. Argumentiert wurde die Verantwortung der Schulen vor allem damit, dass andere Akteur_innen in der Sexualaufklärung versagen würden. Eltern wären häufig gehemmt und würden sich selbst nicht auskennen, weil ja bereits ihnen eine schulische Sexualaufklärung vorenthalten worden sei. Religiöse Bildungsakteur_innen deckten zwar den sozialpsychologischen und wertebasierten Aspekt der Sexualerziehung ab, der dem Biologieunterricht mangelte, standen jedoch in der Kritik, einseitig familienzentriert und sexualitätsfeindlich auf die Kinder einzuwirken. Darüber hinaus wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehr und mehr eine Gefährdung der Jugend durch neue Medien – Illustrierte, Filme, und zuletzt Pornografie im Internet – befürchtet. Aufgrund der fragwürdigen und oft für Kinder nicht befragbaren Informationsqualität von Medien und Peers sei die Schule gefordert, seriöses Wissen zu vermitteln. Diskursiv waren historisch die größten 'Feinde' einer 'autorisierten' Sexualaufklärung von Eltern und Schule 'die Straße', Freund_innen und neue Medien, wo das bedrohliche und deviante, konkrete und vermeintlich amoralische Wissen seit Generationen vermittelt wurde. Dass die Jugend durch pornografische Medien gefährdet sei, ist dabei ein altes Legitimationsargument, das meist unspezifisch und unabhängig von konkreten Medien die Notwendigkeit einer Aufklärung durch Expert_innen und auch von Medienerziehung begründet. Kinder und Jugendliche werden dabei als gefährdete und asexuelle Personen vorgestellt, die durch pornografische Darstellungen und Texte verführt, d. h. ursprünglich sexualisiert und in ihrer naturhaften Entwicklung bedroht werden. Professionelle Sexualerziehung legitimiert sich hier historisch als Schutz der kindlichen Unschuld und Prävention von Fehlentwicklungen. Historisch wurde kindliche Sexualität erst um 1900 und vor allem nach Sigmund Freuds psychoanalytischen Studien explizit thematisiert, wobei die Anerkennung kindlicher Sexualität Kritik u. a. von konservativer Seite ausgesetzt war, weil es zu fördern schien, was aus deren Perspektive möglichst lange ruhen sollte. (Sauerteig/Davidson 2009: 3) In den frühen 70ern kam es zu einer "Wiederentdeckung" und später "Befreiung der kindlichen Sexualität" durch die 68er, "sowohl die kindliche als auch die erwachsene Lust dominierten den Sexualitätsdiskurs. In den achtziger Jahren dagegen wurden die emanzipatorischen Bemühungen des vorangegangenen Jahrzehnts gezügelt." (Sager 2015: 265) Seither und vor allem in den letzten 15 Jahren, so zeigt Christin Sagers Studie über die Veränderungen der sexualpädagogischen Literatur in Deutschland, findet sich eine Tendenz zur Retabuisierung von kindlicher Sexualität im Namen des Kinderschutzes.

Trotz der Dringlichkeit, mit der die Prävention von Krankheiten, sexueller Gewalt und Teenagerschwangerschaften oft begründet wird, und der Aufnahme von Sexualaufklärung in den Biologieunterricht in den 1970er Jahren, fand Sexualerziehung an Schulen häufig nicht oder nur kursorisch statt. Sexuelle Themen zu behandeln erschien für Lehrer_innen im Unterrichtsalltag oft unangenehm, was nicht zuletzt mit der fehlenden Ausbildung in diesem Bereich zu tun hatte. Historisch waren Lehrer_innen jedoch auch Anfeindungen ausgesetzt und ihre eigene Sexualität und sexuelle Integrität (als Alleinstehende, als Homosexuelle) stand auf dem Prüfstand von Eltern, Lehrer_innen und Schulaufsicht, wenn sexuelle Inhalte im Unterricht thematisiert wurden. (Zimmerman 2015) Im deutschsprachigen Raum war demgegenüber, wie auch in anderen Ländern, der Einfluss der Kirche auf Sexualerziehung lange Zeit sehr stark, bis sich die Sexualerziehung selbst professionalisierte, nicht zuletzt durch außerschulische Angebote, die auf Sexualpädagogik spezialisiert waren.

Obwohl sexualpädagogische Ansätze inter-/national umkämpft sind und sich vor allem zwischen liberalen, konservativen und queeren Ansätzen große Unterschiede finden bezogen auf Verhütung, Partnerschaftsnormen, LGBTIQ, usw., hat sich in vielen europäischen Ländern ein Ansatz etabliert, der international als comprehensive sex education bzw. umfassende Sexualpädagogik charakterisiert wird. Dieses aktuelle Verständnis von Sexualpädagogik berücksichtigt neben kognitiven Aspekten auch emotionale und soziale Aspekte von Sexualität, wie sie etwa auch die Weltgesundheitsorganisation WHO benennt: "Sexuality is a central aspect of being human throughout life and encompasses sex, gender identities and roles, sexual orientation, eroticism, pleasure, intimacy and reproduction." (WHO 2006: 5) Dieser Perspektive entsprechend, verfolgt eine umfassende Sexualpädagogik das Ziel, Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, jene Kompetenzen zu entwickeln, die für die Entwicklung einer selbstbestimmten, informierten Sexualität nötig sind. Dieses Prinzip der sexuellen Bildung (vgl. das Standardwerk von Schmidt und Sielert 2013) geht also ab vom "Aufklärungsunterricht" früherer Jahrzehnte, der meist aus kurzfristigen Interventionen im Jugendalter bestand, die biologische Sachinformationen vermittelten und durch Gefahrenbotschaften präventiv wirken sollten (etwa gegen Teenager-Schwangerschaften oder AIDS, vgl. dazu kritisch Schütte-Bäumner 2007). Demgegenüber ist aktuelle Sexualpädagogik bestrebt, Kinder und Jugendliche altersgerecht und lebensweltnahe anzusprechen, vorhandenes Wissen, Fantasien und Wünsche ernst zu nehmen und dabei auch den Lustaspekt von Sexualität zum Thema zu machen. Debatten über die Intersektionalität sozialer Differenzen und Ungleichheiten aufgreifend, hat sich außerdem eine Perspektive der "Sexualpädagogik der Vielfalt" (vgl. Timmermanns 2016) etabliert, die vielfältige Lebens- und Liebensweisen thematisiert und machtvolle Normierungen kritisiert.

Gleichzeitig mit dem Ausbau der Sexualpädagogik gab es jedoch seit den 1970ern auch Widerstand dagegen. Wie in den folgenden zwei Beispielen sichtbar wird, spielte Pornografie nicht nur eine wichtige Rolle für die Legitimation von Sexualpädagogik im deutschsprachigen Raum, sondern Pornografie wurde und wird als Vorwurf auch gegen die Sexualpädagogik selbst gewendet.

3. Unter Pornografie-Verdacht: "Hexenjagd" im Luxemburg der 1970er Jahre

Das Verhältnis von Sexualpädagogik und Pornografie lässt sich anhand der Entwicklung in Luxemburg verdeutlichen, das ein Beispiel für die widersprüchliche Rolle der Sexualpädagogik in den deutschsprachigen Ländern liefert.

Schulische Sexualaufklärung fand in Luxemburg lange Zeit nicht statt. In der Nachkriegszeit wurde die eingangs beschriebene, gefährdende Trias von Straße, Peers und pornografischen Medien auch in Luxemburg beklagt:

"Die Aufklärung die im Elternhause stattfinden sollte, versagt also kläglich, es bleibt uns nur noch die Wahl zwischen einem geschulten Pädagogen oder dem gemeinen Lümmel. Bis jetzt war man so kurzsichtig und hat den dritten Weg gewählt: verdorbene Mitschüler, unmoralische Menschen, pornographische Schriften, schlechte Bücher, waren die herkömmlichen Lehrmeister." (Ons Jongen 1949: 2)

Als gefährdend wurden vor allem bei Jugendlichen weit verbreitete Informationsquellen eingestuft: Zeitschriften wie Bravo, Jasmin o. ä., Kino und Fernsehen wurden als "unlautere Quellen" und pornografisches Schundmaterial gesehen, deren Verfügbarkeit selbst schon eine "Versuchung" für Kinder darstelle (Leesch 1972: 28), während Informationen von Freund_innen als "Straßenaufklärung" (ebd.) diskreditiert wurden. Deswegen, und wegen der mangelnden Eignung von Eltern und Kirche, müsse eine staatliche Sexualkunde etabliert werden. Sexualerziehung wurde selbst für die konservative Presse zum Problem (vgl. Luxemburger Wort 1969a: 3), gerade weil Jugendliche durch Illustrierte und Filme sexuell aufgeklärt und Erzieher_innen hinterherhinken würden.

"Wenn heute bei der, durch Reklame und gezielte Illustriertenaufmachung, irregeführten Jugend Sex und Liebe austauschbar zu werden beginnen, oder aber das Geschlechtliche von der Liebe abgespalten wird, so ist es höchste Zeit, daß sich Eltern und Erzieher dagegen wenden und sich bemühen diese Fragen ins rechte Licht zu rücken und besonders den Sexkult und die Sexwellen zu unterbinden (…)." (Luxemburger Wort 1969b: 14)

Entgegen der häufigen Konstruktion von Jugendlichen als unwissend und Erwachsenen als aufgeklärte Expert_innen in sexueller Hinsicht folgte die erste Bildungsreform in den 1970ern in Luxemburg den Forderungen von Jugendlichen gegen jene konservative Sexualmoral, die das Sprechen über Sexualität über Jahrzehnte verhindert hatte. Die Initiative ging auf Schüler_innen eines Gymnasiums in Diekirch zurück, wo eine Broschüre über "sexuelle Unterdrückung an unseren Schulen" in Umlauf gebracht wurde. Herausgegeben wurde die Broschüre von einer Arbeitsgruppe des linken Clan des Jeunes zu Sexualität und Schule; sie forderte ihre Mitschüler_innen auf:

"wehrt euch gegen die heimtücken der werbung, die versucht, die sexuelle unterdrückung, deren opfer ihr seid, auszubeuten (…)

werft alle schuldkomplexe, die euch pfaffen, eltern und autoritäre schule eingebläut haben, über bord! (…)

lest gute aufklärungsbücher (…)

nehmt euch eure sexuellen vergnügen dort, wo ihr sie findet, lasst euch durch nichts beeinflussen."

(Clan des Jeunes 1969, o.S., unterstrichen und klein im Orig.)

Die Broschüre wurde offiziell jedoch deswegen zum Skandal, weil das Coverbild als pornografisch eingestuft wurde (Tageblatt 1969: 3). Das Cover zierte eine Zeichnung einer roboterartigen, gesichtslosen Figur mit Schärpen und abgetrennten Beinen, deren Geschlecht einerseits durch eine unbedeckte Brust, andererseits durch zwei Hoden als zweigeschlechtliches Wesen dargestellt wurde. Die verstümmelte linke Hand wurde ersetzt durch Hammer und Sichel, die rechte durch eine Raupe.

Diese politische Karikatur auf dem Cover der Schülerzeitung wurde im Zusammenhang mit dem Aufruf zu Widerstand gegen Institutionen und für sexuelle Befreiung als Provokation aufgefasst. Die Broschüre hatte u. a. unter Berufung auf Wilhelm Reich "aufgezeigt, daß sexuelle und politische Unterdrückung Hand in Hand gehe, daß ein sexuell verdrängter Mensch zu Autoritarismus und Faschismus neige usw. … Dies paßte anscheinend einigen klerikalen Herren nicht in den Kram", berichtete die Tagespresse (ebd.). Ein Schüler wurde in der Folge von dem katholischen Diekircher Lyzeumsinternat suspendiert, weil er die Broschüre verteilt hatte. Danach wurde eine Klage wegen Pornografie eingereicht und mehrere Schüler_innen und Professor_innen von der Sicherheitspolizei verhört. Dieser Rausschmiss wurde rasch zur "Hexenjagd" und "Pornografie-Affäre" hochstilisiert, bei der "die exakte Grenze zwischen sauberer Sexaufklärung und schmutziger Pornographie" verhandelt wurde (d'Letzeburger Land 1969: 6). Den Forderungen der Jugendlichen nach sexueller Aufklärung wurde damit erstmal repressiv begegnet und ihre Kritik an autoritären und sexualitätsfeindlichen Bildungsinstitutionen mit dem Pornografievorwurf diskreditiert. Als sich schließlich auch Lehrer_innen für Sexualpädagogik einsetzten, wurde eine Kommission eingerichtet, die den schulischen Lehrplan überarbeitete. Nur wenige Jahre später wurde eine emanzipatorische Initiative von Lehrer_innen jedoch erneut mit dem Pornografie-Vorwurf beendet: Ein Lehrer_innenverein hatte eine Arbeitsmappe für Sexualkundeunterricht herausgegeben, die u. a. eine Zeichnung von nackten Kindern und Eltern enthielt, und zwar im Kapitel 'Nacktsein ist schön'. Eine weitere, eher liberale Broschüre für Jugendliche und junge Erwachsene wurde vom Bildungsministerium unter der konservativ geführten Regierung als pornografisch verboten und durch eine Broschüre ersetzt, die sich auf Partnerschaft und Kindererziehung konzentrierte. (Massard 1989)

Wie diese Luxemburger Beispiele zeigen, fungiert der Pornografievorwurf historisch als ein Mittel im Kampf um Inhalte. Auf der einen Seite war Sexualkunde ja gerade als seriöse Alternative gegen Pornografie angerufen worden, auf der anderen Seite geriet sie selbst in Verdacht, pornografisch zu sein. "Pornografisch" erscheint historisch damit als eine Problemkonstruktion, mit der man Zustimmung mobilisieren kann – für neue Formen sexueller Bildung; aber eben auch von konservativer Seite, um zu progressiv erscheinende Materialien zurückzuhalten. Was dabei als zu progressiv und 'pornografisch' kritisiert wird, verändert sich historisch: Die naiv wirkenden Zeichnungen auf dem Cover der Luxemburger Schülerzeitung und in der Jugendbroschüre würden wahrscheinlich heutzutage keinen Skandal mehr verursachen. Nichtsdestotrotz ist auch heute 'Pornografisierung' noch ein Vorwurf, der gegen zu progressiv erscheinende, sexualpädagogische Neuerungen ins Treffen geführt wird.

4. Pornografisierung durch Sexualpädagogik? Aktuelle Diskurse in Deutschland und Österreich

Dass Pornografie-Vorwürfe gegen Sexualpädagogik nicht der Vergangenheit angehören, wurde zuletzt in Deutschland und Österreich im Rahmen massiver Widerstände gegen schulische Sexualpädagogik deutlich.

In Baden-Württemberg etwa wurde 2014 ein neuer Bildungsplan erarbeitet, der unter anderem festhält, dass sexuelle Vielfalt sowie Lebensrealitäten jenseits der Vater-Mutter-Kind-Familie verstärkt als Querschnittsmaterie im Unterricht verankert werden sollen. Auch die Notwendigkeit einer schulischen Sexualpädagogik, die den oben beschriebenen Grundsätzen moderner sexueller Bildung entspricht, wurde in diesem Rahmen betont. Dies rief unterschiedliche Kritiker_innen auf den Plan und sorgte für heftige Debatten. Petitionen, Demonstrationen und politische Zerwürfnisse waren die Folge. Lehrer_innenvertretungen, Elterngruppen, kirchliche Gruppierungen sowie rechte und konservative Politiker_innen liefen gegen die Novellierung des Bildungsplans Sturm, da sie darin Gefahren der "Indoktrinierung" sowie der "Übersexualisierung" von Schüler_innen sahen (siehe etwa Spiegel Online 2014). Der massive Widerstand verhinderte den neuen Bildungsplan zwar nicht, die Kritik kam jedoch nicht zum Verstummen und suchte sich neue Ziele. Eines dieser neuen Ziele war die Methodensammlung "Sexualpädagogik der Vielfalt" (Tuider et al. 2012), in der auch Themen jenseits heterosexueller Normalvorstellungen behandelt werden. Diese Perspektive sowie die teils explizite Sprache, die in den beschriebenen Methoden verwendet wurde, zogen heftige Kritik bis hin zu Morddrohungen gegen die Hauptautorin Elisabeth Tuider nach sich (vgl. Greiner/Demling 2014). Viele Kommentator_innen behandelten die Methodensammlung als Inbegriff problematischer Sexualpädagogik und so wandte sich die Kritik wahlweise gegen die Methodensammlung und gegen sexuelle Bildung im Allgemeinen. In zahlreichen kritischen Texten finden sich wiederkehrende abwertende Argumentationsmuster, die Sexualpädagogik als Gefahr für Kinder und Jugendliche darstellten. Ein Beispiel für diese wiederkehrenden Argumente stellt etwa der weit zirkulierte Kommentar von Bernd Saur, Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg, in der Deutschen Zeitschrift "Focus" dar, in dem er schreibt:

"Dildo, Taschenmuschi, Vibrator, Handschellen, Aktfotos, Vaginalkugeln – was Gender-Sexualpädagogen, neoemanzipatorische Sexualforscher und andere postmoderne Entgrenzer unseren Kindern unter dem Siegel einer 'Sexualpädagogik der Vielfalt' vorlegen wollen, ist unsäglich. Lederpeitsche und Fetische wie Windeln, Lack und Latex wollen sie als Lehrgegenstände in die Bildungspläne integrieren." (Saur 2014, o. S.)

Vor diesen "entwicklungspsychologisch nicht vertretbaren Übergriffen durch entfesselte, offensichtlich komplett enttabuisierte Sexualpädagogen" gelte es Schüler_innen "zu schützen", denn die mit einer Sexualpädagogik einhergehende

"[…] Übersexualisierung, ja Pornografisierung der Schule entspräche einem Anschlag auf ihr natürliches und überaus schützenswertes Empfinden, einer eklatanten Verletzung der Schamgrenze. Diese erzwungene Entblößung wäre eine staatlich sanktionierte Vergewaltigung der Kinderseele, ein Überstülpen von Neigungen und Fantasien Erwachsener auf Schulkinder." (Ebd.)

Wie wir gesehen haben, spielten Schutz- und Präventionsaspekte seit jeher eine wichtige Funktion zur Legitimation von Sexualpädagogik. In Texten wie jenem von Saur wird der Sexualpädagogik diese Rolle jedoch abgesprochen und sie wird selbst zur Quelle von Gewalt, die es zu verhindern gilt. Die moderne Sexualpädagogik wird als grenzverletzend dargestellt und als Bedrohung für Kinder, die durch sie "übersexualisiert" und "pornografisiert" würden. Wie auch der Text von Saur, arbeiten viele solcher Texte selbst mit schillernden Begriffen und bedrohlichen Bildern sexueller Gewalt an Kindern. Uwe Sielert (2016: 70) verwies in diesem Zusammenhang mit Blick auf Zeitungsartikel wie "Gruppensex, anal, oral, Puff" oder "Oralsex für den Siebtklässler" darauf, dass hier "diffuse Affekte aus Angst und Lust bei Schreibenden und Lesenden um 'unschuldige' (also un-sexuelle) Kinder" geschürt und strategisch zur Diffamierung von Sexualpädagogik eingesetzt wurden. Unter völliger Ausblendung realer sexualpädagogischer Arbeitsweisen, fachlicher Standards und sexualwissenschaftlicher Debatten, zeichneten diese Berichte das Bild einer übergriffigen, staatlich geförderten Sexualpädagogik, die Kindern und Jugendlichen Schaden zufügen würde und deshalb gestoppt werden müssten. Interessanterweise wurden diese Vorwürfe oftmals mit dem Hinweis auf eine der modernen Sexualpädagogik zugrundeliegenden "Gender-Ideologie" verknüpft. Diese "Ideologie", so der Tenor, würde das Ziel verfolgen, Kinder "umzuerziehen" und ihnen ihre natürlichen Eigenschaften als Jungen und Mädchen zu nehmen.[1] Und so verband sich der Diskurs über die pornografisierte Sexualpädagogik mit einem aktuell erstarkenden Antifeminismus, der insbesondere in politisch rechten und konservativen Kreisen propagiert wird und der sowohl Gender Studies als auch Gender Mainstreaming und Frauenförderung als "Umerziehungsprojekt von oben" diffamiert (vgl. Hark/Villa 2015).

In Österreich gab es bereits einige Jahre zuvor eine Kampagne gegen die Methodensammlung "Ganz schön intim", die von rechten, konservativen und kirchennahen Gruppen als Angriff auf die "Kernfamilie" gewertet wurde (vgl. Die Presse 2013). Viele jener, die damals die Methodensammlung kritisierten, meldeten sich auch lautstark zu Wort, als 2015 eine Neufassung des Grundsatzerlasses zur schulischen Sexualpädagogik in Österreich entwickelt wurde. Der nunmehr gültige Grundsatzerlass[2] gibt Rahmenbedingungen vor, die aktuellen Standards einer umfassenden Sexualpädagogik entsprechen. Sexuelle Bildung soll demnach altersadäquat über die gesamte Schullaufbahn und fächerübergreifend stattfinden. Schon der erste Entwurf zum Erlass erntete harsche Kritik von katholischen Familienverbänden, Medien und Politiker_innen. Die argumentativen Linien gegen die Sexualpädagogik, die noch kurz zuvor in Deutschland etabliert wurden, wurden dabei in Österreich weitgehend übernommen. So wurde in medialen Berichten eingemahnt, dass der Erlass verhindert werden müsse, da er "alle Schulkinder einer massiven, staatlichen Zwangssexualisierung aussetzen" würde (Wallentin 2016: 12). Dass im Grundsatzerlass von der Erweiterung von "Körperkompetenzen" gesprochen wird und an anderen Stellen von "lustvoller Sexualität", wurde im besagten Zeitungsartikel als Freibrief für sexuelle Übergriffe interpretiert: "Gemeinsame Erkundungsübungen unter Anleitung von Pädagogen sind zu befürchten" (ebd.). Den Topos des sexuellen Übergriffs durch Sexualpädagogik aufgreifend, wurde der neue Erlass auch als "an Kindesmissbrauch grenzend" (Walterskirchen 2015: 9) beschrieben. Dies nicht zuletzt, da im Erlass auch auf die Notwendigkeit hingewiesen wird, eine kritische Auseinandersetzung mit Sexualität und Medien zu fördern. Für die Autorin des besagten Artikels ein Anlass zur rhetorischen Frage: "Also Porno-Schauen in der Schule?" (Ebd.)

Im aktuellen Diskurs wird Sexualpädagogik als Gefahrenquelle für Kinder dargestellt, die staatlich legitimiert hinter dem Rücken der Eltern an Schulen stattfindet. Durch das dekontextualisierte und verkürzte Herausgreifen einzelner sexualpädagogischer Fragmente werden gewaltvolle Imaginationen lüsterner Pädagog_innen vis-a-vis asexueller, "reiner" Kinder gezeichnet, deren gesunde Entwicklung durch "Übersexualisierung" gestört wird (vgl. Tuider 2016). Der Topos der Pornografisierung ist zentral für diesen delegitimierenden Diskurs. Auffallend ist, dass diese Kritik an moderner Sexualpädagogik oft verbunden wird mit einer Kritik an anderen emanzipatorischen Projekten wie der Geschlechtergleichstellung oder der Anerkennung nicht-heterosexueller Lebensweisen. So kritisierte die baden-württembergische Landeskirche, die "Überbewertung des Themas sexuelle Vielfalt in den Bildungsplänen" und forderte die grün-rote Landesregierung auf, dem Thema im Sinne christlicher Grundwerte weniger Raum im Bildungsplan zu geben (vgl. Frankfurter Allgemeine 2014). In Österreich richtete etwa die "Initiative wertvolle Sexualerziehung" nach ihrer Kritik am Grundsatzerlass ihre Aufmerksamkeit auf ein Plakat-Projekt, das die Realität nicht-heterosexueller Lehrer_innen thematisierte und startete dagegen eine Unterschriftenaktion.

5. Pornografie als Bedrohung: Ein komplexes Problem

Pornografie-Vorwürfe begleiten die Sexualpädagogik seit ihren Anfängen und werden dies wohl auch zukünftig tun. Wie sich zeigte, handelt es sich dabei um einen relativ flexiblen Diskurs, dessen argumentative Strategien sich je nach Kontext wandeln können und der von unterschiedlichen Gruppen aufgegriffen wird. Gemeinsam ist dem Diskurs, dass umfassende sexuelle Bildung als schädlich für Kinder und übergriffig dargestellt wird und demzufolge keinen Platz in der Schule haben dürfe. Diese Argumentation beruht auf der Prämisse, dass Kinder asexuell seien und spielt damit der beschriebenen Retabuisierung kindlicher Sexualität in den letzten Jahrzehnten in die Hände. Implizit geht es bei den Debatten jedoch auch um den Einfluss des Staates auf Sexualerziehung und darum, wer legitimer Weise für Sexualerziehung verantwortlich ist – der Staat, Bildungseinrichtungen, Professionen, Kirche oder Eltern. In den staatsfeindlichen Positionen der jüngsten Kritik an Sexualpädagogik aktualisiert sich somit der historische Konflikt um sexualpädagogische Verantwortlichkeiten und Expert_innenschaft. Im Rahmen dieses Konfliktes haben auch Sexualpädagog_innen gegen die Vorwürfe einer Pornografisierung Position bezogen. Gemeinsam mit Forscher_innen haben sich Vertreter_innen gegen den abwertenden Diskurs sowie die darin aufgestellten (Falsch-)Behauptungen über sexualpädagogische Reformen gewendet und legitimieren sexuelle Bildung mit dem vielfältigen Nutzen, den Kinder und Jugendliche daraus ziehen können. Interessanterweise tauchen gerade hier oftmals ebenfalls Bezüge zu Pornografie auf, jedoch in gänzlich anderer Form als in dem zuvor beschriebenen delegitimierenden Diskurs.

Pornografie hat sich, wie eingangs beschrieben, historisch als eines unter mehreren sozialen Problemen herausgebildet, auf die Sexualpädagogik eine Antwort zu sein verspricht. Sexualpädagogik selbst wird dabei oftmals als Mittel zur Verhinderung von Pornokonsum und zur Minderung ihrer negativen Auswirkungen auf Jugendliche besprochen.[3] Denn, so die Argumentation, wenn Kinder und Jugendliche keine Antworten auf ihre Fragen zu Sexualität erhalten würden, dann würden sie eben im Internet suchen, wo sie vor allem bei pornografischen Materialien fündig würden. Hier würde Sexualpädagogik außerdem ein wichtiges Korrektiv darstellen, da sie Jugendlichen vermittle, dass in Pornografie wichtige Aspekte realer Sexualität ausgeblendet würden während andere, hoch problematische Aspekte, wie Gewalt und Frauenfeindlichkeit als normale Aspekte von Sex dargestellt würden.

Die beschriebenen Argumentationen vonseiten der Sexualpädagogik sind nachvollziehbar und sollen hier nicht grundsätzlich in Abrede gestellt werden. Doch scheint eine Verkomplizierung der Perspektive notwendig, damit die Sexualpädagogik nicht unhinterfragt eine gesellschaftlich weit verbreitete, undifferenzierte Sicht auf Pornografie übernimmt und sich dadurch in ihrem pädagogischen Wirken selbst begrenzt. Während es also sicherlich wichtig ist, Jugendlichen kritische Medienkompetenzen gerade bezogen auf neue Medien und Sexualität zu vermitteln, so ist doch auffällig, dass viele Sexualpädagog_innen und ihre Kritiker_innen sich darin einig sind, dass Pornografie negativ und problematisch ist. Eine solche pauschalisierende Negativkonstruktion wirkt aus sozialwissenschaftlicher Perspektive jedoch auch sehr undifferenziert, weil es weder die historischen Interessen an der Problematisierung von Pornografie noch unterschiedliche Pornografien und Rezeptionsweisen von Pornografien berücksichtigt. In anderen Worten: Es ist keineswegs so klar, was eigentlich als Pornografie gilt, welche pornografischen Inhalte von wem produziert und konsumiert werden und für wen sie warum problematisch werden. Diese Aspekte müsste man sich viel genauer ansehen, als der undifferenzierte Diskurs zu 'Pornografie als Bedrohung der Jugend' vermittelt, der sich in den letzten Jahrzehnten in den deutschsprachigen Ländern aufgebaut hat. Aktuelle Studien zeigen beispielsweise übereinstimmend, dass ein großer Anteil von Jugendlichen nicht nur Kontakt mit pornografischen Inhalten über das Internet hat, sondern diese in unterschiedlichster Weise und für verschiedene Zwecke nutzt (vgl. etwa Grimm et al. 2010). So wichtig die sexualpädagogische Aufklärung über problematische und schlichtweg falsche Darstellungen von Sexualität in Pornos also ist, so können doch zentrale sexualpädagogische Ansprüche wie Lebensweltorientierung oder die Anerkennung selbstbestimmter Sexualität durch eine rein negative Bezugnahme auf Pornografie kaum eingelöst werden. Die breite Verfügbarkeit von pornografischen Materialien über das Internet und die neuen Möglichkeiten der eigenständigen Produktion und Verbreitung expliziter Inhalte (Sexting etc.) durch Jugendliche selbst, macht eine differenzierte Auseinandersetzung nötig. Anhand von Konzepten wie "Pornografiekompetenz" (Döring 2011) wird aktuell diskutiert, wie so ein differenzierter und qualifizierter Zugang der Sexualpädagogik zum Thema Pornografie aussehen und umgesetzt werden kann.[4] Im Sinne der Vermittlung von Medienkompetenz geht es dabei darum, Jugendliche bei einem selbstbestimmten, informierten und sicheren Medienkonsum zu unterstützen und ihnen das dafür notwendige Wissen, eine medienkritische Haltung aber auch die erforderlichen Kompetenzen zu vermitteln. Moralische, politische und pädagogische Überlegungen machen die Auseinandersetzung mit dem Thema Pornografie aber notwendigerweise komplex und umstritten.

Für eine differenziertere Perspektive wäre es auch notwendig, genauer anzusehen, was in den Debatten überhaupt jeweils als pornografisch kritisiert wird. Waren in den 1970er Jahren Zeichnungen von zweigeschlechtlichen Robotern Auslöser von Pornografie-Vorwürfen, so haben sich die Vorstellungen davon, was als pornografisch gilt, doch deutlich verändert. Trotzdem lösen sexualpädagogische Ansätze, die Körperkompetenzen und positive Perspektiven auf Sexualität vermitteln, nach wie vor Widerstände aus, die dann als 'Sexualisierung' bzw. 'Pornografisierung' bezogen auf die visuellen Begleitmaterialien kritisiert werden. Anhand der analysierten Beispiele wird sichtbar, dass der Vorwurf der Pornografisierung eine sich eigentlich auf andere Aspekte richtende Kritik maskieren kann, etwa an einem zu lustbetonten Zugang zu Sexualität, einem zu offenen Umgang mit Homosexualität, bipolaren Geschlechternormen, oder einem jugendlichen Aufbegehren gegen Autoritäten. Ermöglicht wird diese Maskierung, so unsere These, u. a. durch das beschriebene pauschalisierende Bedrohungsszenario, das Einigkeit über sexualpädagogische Differenzen hinweg zu generieren vermag. Ein differenzierterer Blick auf das emotional aufgeladene Thema der Pornografie und Pornografisierung könnte mehr Deutlichkeit in diese Interessenslagen bringen.

Es scheint uns deshalb produktiv, gegenüber einer zu einfachen Schwarz-Weiß-Malerei bezogen auf Pornografie und Pornografisierung in Zukunft genauer hinzusehen, welche Darstellungen bei wem und warum Ablehnung auslösen, und dies in ein komplexeres Verhältnis zu breiteren bildungs-, sexual- und medienpädagogischen Interessen zu setzen, auch zur Pluralität sexuell expliziter Darstellungen und nicht zuletzt den Rezeptionsweisen und kritischen Medienkompetenzen von Jugendlichen selbst.


Anmerkungen

[1] Ein markantes Beispiel für diese abstrusen Behauptungen gibt etwa die Broschüre "Die verborgenen Wurzeln der 'modernen' Sexualaufklärung" der Gruppe Besorgte Eltern. In der Broschüre, die weite Verbreitung bis nach Österreich fand, wird die "Gender-Ideologie" als geheimes politisches Projekt beschrieben, das durch Staatsapparate und EU-Institutionen von der Bevölkerung unbemerkt heute politische Hegemonie erlangt hat. Durchgängig wird die "Gender-Ideologie" dabei als sexuell abartig dargestellt. Etwa wenn ihre "Ziele" dargestellt werden. Ziel 1 der Gender-Ideologie sei laut der Broschüre: "In der Welt braucht es weniger Menschen und mehr sexuelle Vergnügungen. Es braucht die Abschaffung der Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie die Abschaffung der Vollzeit-Mütter." Die Broschüre kann unter http://www.besorgte-eltern.net/pdf/broschure/broschure_wurzeln/BE_Verborgene-Wurzeln_A5_v02.pdf eingesehen werden (letzter Zugriff: 20.06.2016).

[2] Online unter https://www.bmbf.gv.at/ministerium/rs/2015_11.pdf?51oxnj (letzter Zugriff: 20.06.2016).

[3] Vgl. etwa das "Positionspapier Sexualität" der österreichische Bundes Jugend Vertretung (BJV) aus dem Jahr 2014, insbesondere Seite 14 f, online unter: http://www.bjv.at/cms/wp-content/uploads/2015/01/bjv_position_sexualitt_2014.pdf (letzter Zugriff: 20.06.2016).

[4] Vgl. auch die Materialiensammlung "Let's talk about Porno. Arbeitsmaterialien für die Schule und Jugendarbeit" von clicksafe.de, online unter http://www.klicksafe.de/themen/problematische-inhalte/pornografienutzung (letzter Zugriff: 20.06.2016).


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Zu den AutorInnen:

Barbara Rothmüller

ist Projektmitarbeiterin am Institute of Education and Society, Universität Luxemburg.

Homepage: http://wwwde.uni.lu/recherche/flshase/education_culture_cognition_and_society_eccs/people/barbara_rothmueller (letzter Zugriff: 20.06.2016).

Paul Scheibelhofer

Homepage: http://homepage.univie.ac.at/paul.scheibelhofer (letzter Zugriff: 20.06.2016).

Paul Scheibelhofer ist Lektor am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck und im Bereich der Sexualpädagogik tätig.

Tags

pornografisierung, sexualpädagogik, konservative politik