Schwerpunkt

2/2016 - Internet und digitale Medien als sexualisierte Räume

Autopornografisierung im Web 2.0 als massenkulturelle Praxis

Mediale Umbrüche in Bezug auf Sex gelesen mit Paul B. Preciado und Michel Foucault

AutorIn: Johannes Sengelin

Der Artikel von Johannes Sengelin beschreibt die Verschiebungen und Überlagerungen der Machtregime des Sex im Kontext der gegenwärtigen Umbruchsituation von massenmedialen Repräsentations- und Kommunikationsformen und medienpädagogischer Auseinandersetzung damit ...

Abstract

Ausgehend von den Entwicklungen seit den späten 1940er Jahren, die den Körper und den Sex in Bestandteile moderner Informations- und Konsummodelle transformiert haben, wird der aktuelle Wandel von medialen Praktiken am paradigmatischen Beispiel der Autopornografisierung geschildert. Die sich darauf beziehenden Debatten um Jugendgefährdung stellen in ihrer Verstrickung mit heteronormativen Werten Normalisierungsversuche dar, mediale und patriarchale Machtverhältnisse zu stabilisieren. Dagegen führt der Autor Paul B. Preciados Weiterentwicklung der Theorien über den Sex von Michel Foucault ins Feld, deren nüchterne aber kritische Analyse neue Spielräume für eine geschlechtersensible, medienpädagogische Auseinandersetzung eröffnen kann.

Based on the developments since the late 1940s, which have transformed body and sex in components of modern information and consumption, the ongoing transformation of media practices will be described by using the paradigmatic example of self-pornification. The related ongoing debates about its danger to youth, in their entenglement with heteronormative values are being described as practices of normalization, in order to stabilize media and patriarchal power relations. Against these trends the author engages with Paul B. Preciado’s development of Foucault’s critical theories of the sex in order to to reveal new possibilities in the field of gender-sensitive media education.


1. Einleitung

Die Problematisierung eines Gegenstands sagt mehr über die politischen und kulturellen Konstellationen, die sozialen Kräfteverhältnisse und die ökonomischen Beziehungen aus, in denen sie ihren Ausgangspunkt nimmt, als über die wirkliche Beschaffenheit des Gegenstands der Sorge (vgl. Laufenberg 2014: 125). Um überhaupt eine produktive medienpädagogische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Autopornografisierung zu entwickeln, die nicht repressiv-moralisierend wirkt, ist es daher unumgänglich, die "Medien-, Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsformen" relational zu betrachten (vgl. Leschke 2015: 95f.). Deswegen muss die am Anfang des 21. Jahrhunderts zu beobachtende Repräsentationsexplosion des Sex[1] über die zeitgenössischen Machtformen konzeptualisiert werden. Damit beziehe ich mich auf Michel Foucault, der schreibt "dass wir die im 19. Jahrhundert zu beobachtende Wissensexplosion über den Sex [...] von den Machtformen her denken müssen, die ihr zeitgenössisch sind" (vgl. Foucault 1979: 179 zit. nach Laufenberg 2014: 119).

2. Pornotopia: Körper und Sex als Bestandteile moderner Informations- und Konsummodelle

Durch die Geschichte hindurch sind Repräsentationstechniken des menschlichen Körpers verbunden gewesen mit der Inszenierung von Nacktheit und Sexualisierung, mit spezifischen Konfigurationen von Sexualitäten und Wertvorstellungen. Sie waren schon immer eingebettet in gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsmechanismen, die entlang der variablen Koordinaten von Geschlecht, Race, Sexualität, Klasse sowie den damit verbundenen körperlichen Normen von Unversehrtheit. Die Entwicklung, welche für das vorliegende Thema besonders relevant ist, setzt in den späten 1940er Jahren ein, als sich langsam eine neue Form von hedonistischer Single-Konsumkultur zu entwickeln begann (vgl. König/Schmitz 2014). Damit verbunden waren umkämpfte und widersprüchliche Bewegungen: weg vom patriarchalen Familienmodell, dessen Mittelpunkt die heterosexuelle Ehe war, hin zu einem scheinbar unabhängigen und selbständigen Leben als Single (vgl. ebd.: 165). Dabei unterscheidet sich die Situation in Deutschland und Österreich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stark von der in den USA (vgl. ebd.: 167). Doch letztlich war in allen westlichen Industrienationen "der Kriegs- und Produktionskapitalismus [...] dabei, sich in ein Modell des Konsums und der Information zu verwandeln, zu dessen Bestandteil der Körper, [der Sex][2] und die Lust wurden" (Preciado 2012: 25).

Mit dem Buch Pornotopia beschreibt Paul B. Preciado allerdings nicht einfach die kulturgeschichtliche Entwicklung des erfolgreichsten "Männer-Magazins" des zwanzigsten Jahrhunderts, sondern arbeitet heraus, wie das schnell expandierende Imperium des Playboy, die architektonischen Entwürfe Hugh Hefners und die damit verknüpfte Formierung neuer Lebensstile zur Keimzelle eines neuen Ordnungssystems der westlich-kapitalistischen Gesellschaften werden konnten. Hefners architektonische Umsetzung eines "Junggesellen-Penthouse […] ist nicht mehr nur ein von der Außenwelt abgeschottetes Refugium für die sexuellen Vergnügungen; vielmehr handelt es sich um ein Observatorium, ein Informationszentrum, in dem mediale Fiktionen von Öffentlichkeit produziert und verarbeitet werden" (ebd.: 30). Das Subjekt bewegt sich damit in einem "postdomestischen" Zwischenraum aus Privatheit und Öffentlichkeit (vgl. ebd.: 57–65), sein Lustgewinn ist mehr und mehr an den Konsum von Bildern und Informationen geknüpft und die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Büro und Wohnung wird zunehmend aufgelöst. Hier zeichnen sich bereits jene Verschiebungen ab, die heute im Zuge der Digitalisierung und vor allem mit dem Aufkommen von sozialen Medien und Smartphones im Zentrum medienpädagogischer Aufmerksamkeit stehen.

Durch diese Entwicklungen wurden auch die kulturellen Grenzen zwischen Performer_innen und Publikum immer verschwommener. War in den 1950er Jahren Marilyn Monroe mit ihrer lasziven und freizügigen Inszenierung noch eine mediale Ausnahmeerscheinung, die die Massen faszinierte, sind sexualisierte und körperbetonte Performances in der heutigen Pop-, Mode- und Eventkultur die Norm und sind letztlich auch in der Alltagskultur permanent präsent. Der autopornografische Körper tritt nicht nur als Wertschöpfungsquelle prekarisierter Internetsexarbeiter_innen auf (vgl. Preciado 2013: 38), sondern wird zu einem zentralen Repräsentations- und Kommunikationsmittel speziell von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ich werde im Folgenden mit der von Preciado verwendeten, sehr weiten und komplexen Definition des "Pornografischen" arbeiten. Nach diesem Verständnis bezieht sich das Attribut "pornografisch" nicht allein auf die Darstellung sexueller Handlungen zum Lustgewinn, sondern auch auf die Verschiebungen im Umgang mit Intimität und Privatheit:

"A representation acquires pornographic status when it transforms into 'public' that which is supposed to remain private. Therefore, we will speak of pornography as a device for the publication of the private. Or, even better, a device that, representing part of public space, thereby defines it as private while loading it with an added masturbatory value. The word pornographic refers to an economic-political characterization of representation" (ebd.: 266).

3. Medienwandel: Gefährdete Jugend? Gefährdete Heteronorm?

Exemplarisch dafür ist die Fotoblog-Plattform tumblr, die im Gegensatz zu Facebook auch selbst generierte Inhalte erlaubt, welche (die eigene) Nacktheit und (eigene) sexuelle Handlungen zeigen. Allerdings finden sich auch auf Plattformen, die explizite Darstellungen von Nacktheit verbieten, eine Vielzahl sexualisierter Selbstdarstellungen, Egoshots und Selfies (vgl. Richard 2010; Nikunen 2015). Ein weiteres Beispiel für das Zusammenspielen von Mediatisierung und Sexualisierung ist Sexting, das Verschicken und Teilen eigener Nacktfotos (vgl. Hipfl 2015: 24). In heterosexuellen Kontexten ist diese Praxis von einer sexistischen Doppelmoral bestimmt: Während Jungen als cool und populär gelten, wenn sie viele Fotos von Mädchen bekommen und sammeln, unterliegen Mädchen starken sozialen Sanktionsmechanismen, wenn sie entweder zu viele Fotos verschicken oder gar keine (vgl. ebd.: 24). Weil über die Einordnung dieser Phänomene meist Unklarheit herrscht, stehen gerade die jüngeren Generationen der Digital-Natives, ihre sozialen Netzwerke, Dating-Portale, Kommunikationsformen oder eben ihr Umgang mit Nacktheit und Intimität im Zentrum moralisch aufgeladener Debatten. Diese Diskussionen über sog. Jugendgefährdung werden meist unter dem Stichwort "sexuelle Verwahrlosung" geführt (vgl. Schetsche/Schmidt 2010). Die neuen medialen Praktiken der Digital-Natives zeigen, dass wir aktuell eine Veränderung der hegemonialen Kommunikationsmittel und Repräsentationstechniken erleben, in der auch die Einteilung von Privatheit und Öffentlichkeit neu ausgehandelt wird (vgl. Nikunen 2015: 2–4).

Sowohl die Debatten über Jugendgefährdung als auch die Grenzen zwischen privat und öffentlich verweisen auf den strukturell sexistischen "heterosexuellen Vertrag" (Wittig 1992) bzw. auf die "heterosexuelle Matrix" (Butler 1991), die der herrschenden, hierarchischen Geschlechterordnung zugrunde liegt. Bis zur kleinen Strafrechtsreform in Österreich 1971 war beispielsweise das Werben für Homosexualität unter Strafe gestellt, ähnlich wie in jenem Gesetz, das 2013 in Russland unter dem Vorwand des Jugendschutzes beschlossen wurde. Erst seit 2002 gibt es in Österreich dieselben Altersgrenzen für legale homosexuelle und heterosexuelle Kontakte. Es herrscht jedoch nach wie vor ein politischer Unwille, Regenbogenfamilien zu legalisieren oder zu fördern, während gleichzeitig eine selektive Kinderlosigkeit angeprangert wird. Auch in Österreich halten christliche Fundamentalbewegungen mittlerweile jährlich sog. Familienschutzmärsche als Gegenveranstaltungen zu Pride-Demonstrationen ab. All das sind Verweise darauf, dass Jugendschutzdebatten auch als getarnte bis offen oder strategische homophobe Interventionen zu lesen sind. Generell wird immer wieder versucht, queere und feministische Emanzipationsbestrebungen durch den mächtigen Verweis auf die vermeintliche Privatheit und Intimität ihrer Anliegen aus der politischen Arena zu verbannen und gleichzeitig werden damit die Fragen bezüglich gesellschaftlicher Diskriminierung und Anerkennung umgangen. Wenn die oben beschriebenen neuen Praktiken von v. a. Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Web 2.0, die wir mit Foucault als Mikropolitiken der Macht verstehen können, Auseinandersetzungen über den "heterosexuellen Vertrag" provozieren, liegen darin auch Chancen für neue Sichtbarkeiten und die Anerkennung vielfältiger sexueller Praktiken und Identitäten.

4. Normalisierungsversuche: Stabilisierung medialer und patriarchaler Machtverhältnisse

Gegenwärtig erleben wir eine Umbruchsituation von massenmedialen Systemen, in der die damit verbundenen historisch stabilisierten Machtverhältnisse irritiert werden (vgl. Leschke 2015.: 85). In der Reaktion darauf, der Suche nach der legitimen "mediale[n] Re-Formulierung kultureller Praktiken unter veränderten medialen Bedingungen" (ebd.: 95), liegt die Möglichkeit, mediale Machtverhältnisse und Diskurse zu formatieren und damit regulierend in kulturelle und soziale Systeme einzugreifen (vgl. ebd.: 85). Erst wenn es innerhalb der herrschenden, heteronormativen Ordnung gelingt, die sich neu etablierenden Darstellungscodes entlang der kulturellen Hegemonien zu verarbeiten, kann die Gefahr neuer Medien für etablierte heteronormative Repräsentationssysteme entschärft werden (vgl. ebd.: 92). Rainer Leschke bezeichnet diesen Verarbeitungsprozess als Normalisierung (vgl. ebd.) und entwickelt damit die medientheoretische Seite jenes Vorgangs, den Laufenberg ebenfalls als Normalisierung beschreibt: die "immunologische Prozedur biopolitischer Menschenführung [...], mit der problematische Subjekte und Praktiken in einer kontrollierten Dosierung in die soziale Textur der Gemeinschaft integriert werden" (Laufenberg 2014: 121). Vor dem Hintergrund einer patriarchalen Geschlechterordnung, die Weiblichkeit mit Passivität und Machtlosigkeit verbindet, ist beispielsweise die Artikulation aktiver weiblicher Sexualität und selbstbestimmten Begehrens eine problematische Angelegenheit. Die Beschimpfung "slut" und Praktiken des sog. "Slut-shaming", zu denen es kein männliches Pendant gibt, können als Praxis der Normalisierung von weiblicher Handlungsmacht beschrieben werden. Darin zeigt sich, dass hier keinesfalls neutrale Prozesse am Arbeiten sind, sondern Gewaltverhältnisse, die sich mithilfe von Sanktionen, Androhungen und Ausschluss durchsetzen.

Die Versuche der gegenwärtigen Normalisierung jener neuen sexualisierten, medialen Praktiken von Jugendlichen sind v. a. Reaktionen auf zwei gesellschaftliche Entwicklungen:

Erstens hat das Aufkommen der Pornografie als Massenkultur (vgl. Preciado 2012: 74) das Ende der jahrzehntelang tabuisierten Existenz und das weitgehende Ende des Verbots der (kommerziellen) Verbreitung expliziter Darstellungen eingeläutet. Damit gerät aktuell die hegemoniale Fiktion einer Abtrennung der "marginalisierten Schmuddelecke Pornografie", die den vornehmlich heterosexuell-männlichen Konsum von Pornografie innerhalb des strukturell sexistischen, heterosexuellen Vertrages über lange Zeit hinweg ideologisch reguliert und legitimiert hat (vgl. Andergassen 2014: 8f.) ins Wanken. Zum einen konsumieren auch immer mehr Mädchen und Frauen Pornos,[3] und es ist eine vielfältige alternative und queere Pornoszene abseits des männlich-heterosexuellen Mainstreams entstanden. Zum anderen ist explizites Material über einen PC, einen Laptop oder ein Smartphone so schnell zugänglich und räumlich so ungebunden wie noch nie zuvor. Die aktuelle moralische Empörung in Bezug auf die angebliche sexuelle Verwahrlosung von Jugendlichen ist ein starkes Indiz für die instabil gewordenen Grenzen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten sowie für die aktuellen Kämpfe um die Felder der Sichtbarkeit für normalisierte als auch perverse Sexualitäten. Denn "der Wunsch nach Zensur, Ausschluss und Kontrolle wurde und wird dabei immer dann besonders laut, wenn das Obszöne einer breiteren Masse zugänglich wird beziehungsweise der Zugang zu Informationen demokratisiert wird" (ebd.). Die zeitgenössischen Empörungen hinsichtlich Digitalisierung und Pornografisierung sind dabei keine Ausnahme.

Zweitens haben feministische Bewegungen seit den 1970er Jahren in den verschiedensten Formen gegen jene patriarchalen Verhältnisse aufbegehrt, die es (auch heute noch) schwermachen, einen positiven Bezug zu weiblich-sexueller Handlungsmacht herzustellen (vgl. Attwood 2007: 238). Der gegenwärtige Sexualisierungsdiskurs thematisiert Sexualisierung fast ausschließlich in Bezug auf Mädchen oder junge Frauen (vgl. Hipfl 2015: 17). Die Repräsentation junger weiblicher Sexualität schwankt aktuell zwischen den zwei Polen: Entweder "Akteurin unmoralischer Hypersexualisierung", von der Gefahr ausgeht, oder "unschuldiges Opfer", das beschützt werden muss (vgl. ebd.). Durch diese kulturelle Positionierung von Mädchen wird "fast alles, das bei Mädchen mit Sexualität, das heißt mit sexuellem Begehren oder mit dem Körperbild, zu tun hat, als Ausdruck und Beleg von 'Sexualisierung' diskutiert" (ebd.: 19). Dabei hat die öffentliche Diskussion darüber das Ausmaß einer "moral panic" angenommen, in der die Figur des Mädchens die Funktion eines leeren Containers übernimmt, in das Erwachsene ihre Unsicherheiten, Ängste und Wünsche hinsichtlich der gegenwärtigen (instabilen) kulturellen Bedingungen abladen können (vgl. ebd.: 20f.).

5. Foucault weiterdenken: Sex und das pharmakopornografische Regime

Um diese moralischen Aufregungen hinter uns zu lassen, schlage ich vor, mit dem dystopisch bis futuristisch anmutenden Begriff des pharmakopornografischen Kapitalismus von Preciado zu arbeiten: "This term references the processes of a bio-molecular (pharmaco) and semiotic-technical (pornographic) government of sexual subjectivity – of which 'the pill' and Playboy are two paradigmatic offspring" (Precaido 2008: 107f.). Preciado führt Foucaults Arbeiten zum Sexualitätsdispositiv des 19. und 20. Jahrhunderts dahingehend weiter, dass Preciado in Bezug auf die Gegenwart behauptet, der Sex werde von einem pharmakopornografischen Regime überlagert. Wie diese zwei Machtregime gleichzeitig unterschiedliche Teile des Körpers regulieren, beschreibt Preciado folgendermaßen:

"The nose is regulated by a pharmaco-pornographic power in which an organ is considered as an individual property and a market object, while the genitals are still enclosed in a pre-modern and almost sovereign regime of power that considers them to be state property" (ebd. 113).

Im Sexualitätsdispositiv wurde sexuelle Differenz und Identität Foucault zufolge mittels mechanischer, semiotischer und auch architektonischer Techniken naturalisiert (vgl. ebd. 109). Zusätzlich wurde ein Wahrheitsdiskurs über das Selbst kreiert, der den Sex in seinen gesellschaftlich normierten und hierarchischen Anordnungen als tiefsten und intimsten Kern des Subjekts fixierte. Die drei zentralen kulturellen und psychologischen Praktiken der Verinnerlichung und Naturalisierung sind Foucault zufolge (Selbst-)Beobachtungen, Bekenntnisse und Geständnisse (vgl. Engel/Schuster 2007: 137).

Mit der Verwendung des Begriffs "Gender" durch den Sexualpsychologen John Money am Ende der 1960er Jahre macht Preciado den Beginn des pharmakopornografischen Zeitalters aus:

"When Money uses the term 'gender' to refer to 'psychological sex', he basically thinks about the exciting possibility of using technology to modify the deviant body, in order to bring it into accordance with pre-existing prescriptive ideals for feminine and masculine human bodies. If in the nineteenth century disciplinary system sex was natural, definitive, untransferable and transcendental, then gender now appears to be synthetic, malleable, variable, and susceptible of being transferred, imitated, produced and technically reproduced" (Preciado 2008: 111).

Dementsprechend gibt das pharmakopornografische Regime nicht mehr vor, im Sex etwas Tieferes entdecken zu müssen, denn: "The truth about sex is not a disclosure; it is sexdesign" (Preciado 2008: 108). Mit der Einführung des Begriffs "Gender" in die Medizin zeigt sich zwar der konstruktivistische Hintergrund der normativen zweigeschlechtlichen Ordnung (vgl. Preciado 2013: 113). Gleichzeitig spielt der idealtypische, heterosexuell imaginierte, männliche oder weibliche Körper immer noch eine zentrale Rolle, dessen ontologische Festschreibung sich von medialen Techniken der anatomischen Zeichnungen des 17. Jahrhunderts über die Entwicklung der Fotografie im 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart zieht (vgl. ebd.: 111f.). Vor diesem Hintergrund beschreibt Preciado aktuelle Prozesse der Subjektivierung als neoliberales Gender-Programming basierend auf dem Code: "an individual = a healthy body = a sex = a gender = a sexuality = a private property" (Preciado 2013: 117). Die Wahrheit über den Sex liegt heute in seiner aktiven Ausgestaltung und Formbarkeit, wobei diese Regulierungen immer noch ontologisch fixiert in Bezug auf zwei Idealtypen von Körpern gedacht werden. Aber sie wird zu einer Wahrheit im Potenzial, deren aktive Erfüllung eine dementsprechende Verausgabung und Arbeit benötigt.

Jene drei von Foucault beschriebenen kulturellen und psychologischen Praktiken, die Wahrheit über den Sex und das Selbst zu sagen, werden auch heute nicht verworfen. Denn das Resultat und Ziel von Gender-Programming ist immer noch die Herstellung einer Ich-Erfahrung als Mann, Frau, heterosexuell, homosexuell oder transsexuell (vgl. ebd.). Sie werden komplimentiert durch Praktiken der körperlichen Verausgabung, der Inszenierung und der pornografischen Ausstellung: (Selbst-)Beobachtung wird erweitert durch (Selbst-)Inszenierung; Bekenntnisse werden herausgefordert durch Anleitungen zu somatisch-politischen Verbesserungen und Transformationen des Körpers; Geständnisse werden überlagert von offensiven Demonstrationen des Sex. Diese Anforderungen lassen sich gerade über neue vernetzte, digitale Medien- und Kommunikationsformen realisieren, die vormals private und intime Praktiken in eine neue Öffentlichkeit übersetzen. Damit wird die Autopornografisierung im Internet zur massenkulturellen Praxis. Foucaults Forderung: "Die Sexualität darf nicht als persönlicher Schatz angesehen werden, in den die Öffentlichkeit nicht eingreifen dürfte. Vielmehr sollte sie zum Gegenstand einer Kultur werden. Als Energiequelle für die Schöpfung von Kultur hat sexuelle Lust große Bedeutung" (Foucault zit. nach Laufenberg 2014: 239), scheint sich erfüllt zu haben. Allerdings unter weit weniger emanzipatorischen Vorzeichen, als er sich das gewünscht hatte.

Die verstärkte Sichtbarkeit von Inszenierungen des Sex und ihre performativen Wiederholungen führen nicht automatisch dazu, dass die Individuen mehr Handlungsmacht oder subversiven Spielraum gewinnen würden. Zwar hat Performativität einen handlungsähnlichen Status, dieser verdeckt allerdings die dahinterliegenden Konventionen (vgl. Butler zit. nach Engel/Schuster 2007, 143). So gilt heute zwar allgemein, dass die neoliberalen Entwicklungen auf der einen Seite zu einer verstärkten Prekarisierung des Subjekts führen, während sie es auf der anderen Seite ideologisch aufwerten. Die dabei entstehende Kluft jedoch kann durch die Inszenierung von Handlungsfähigkeit in Bezug auf den Sex vor allem von jenen überbrückt werden, die bessere gesellschaftliche Voraussetzungen in der hierarchisierten Ordnung von Geschlecht, sexueller Orientierung, Klasse, rassistischer Markierung oder körperlicher Unversehrtheit haben.

6. Fazit für eine kritische Medienpädagogik

Wenn vor diesem Hintergrund die Aufforderung "Bloß kein Opfer sein" eine angemessene emotionale Artikulation junger Menschen darstellt (vgl. Villa 2009), sollte eine kritische Medienpädagogik nicht weiter an einer Problematisierung von autopornografischen Inhalten mitarbeiten. Vielmehr sollten solche Inhalte als neue, massenkulturelle Ausdrucksform der veränderten Anforderungen an den Sex, und zwar nach wie vor unter heteronormativ-sexistischen Vorzeichen, nüchtern zur Kenntnis genommen werden. Pädagogische Arbeit läuft immer Gefahr, als Transmissionsriemen von Herrschaftsmechanismen zu fungieren. Aktuell stellt diesbezüglich v. a. die neoliberale Vereinnahmung von individueller Handlungsmacht eine große Herausforderung dar. Das betrifft auch Strategien von "Empowerment", wenn sie als Engführung gesellschaftlicher Probleme mit subjektiven Verarbeitungsformen verstanden werden, die dem vereinzelten Subjekt alle Verantwortung überträgt (vgl. ebd.: 5). Aber auch sog. "Kompetenzförderung" folgt dem Prinzip der Individualisierung, wenn das Ziel darin besteht, selbst- wie sozialverantwortlich handelnde Menschen zu erziehen, die zielgerichtet erfolgreich in bestimmten Feldern agieren können müssen (vgl. Döring 2011: 235). Als Folge dieser pädagogischen Prinzipien erscheint das Scheitern allein als Versagen einer konkreten Person, während die strukturellen Hintergründe gesellschaftlicher Ungleichheit ausgeblendet werden.

Eine kritische Medienpädagogik, die einen selbstbestimmten Umgang mit neuen Medien- und Selbstinszenierungstechniken ermöglichen will, müsste dabei helfen kollektive Strategien auszuloten, wie das aktuelle Gender-Programming zu unterlaufen ist. Dabei könnte die Orientierung an sozialen und pop-kulturellen Bewegungen hilfreich sein. Ein Versuch könnte beispielsweise darin bestehen die feministischen Praktiken der Riot grrrl Bewegung, durch die seit Mitte der 1990er Jahre online und offline Communities entstanden sind, die mit visuellen Strategien von Mimiky, Parodie oder Ironie arbeiten (vgl. Attwood 2007: 237), für Jugendliche und deren digitale Praktiken fruchtbar zu machen. In Bezug auf das neue massenkulturelle Phänomen der Autopornografisierung hat die Medienpädagogik die schwierige, weil tabuisierte Aufgabe, die unterschiedlichen Zugänge mit diesen sexuellen Praktiken aktiv zum Thema zu machen. Denn zum einen läuft die alleinige Stigmatisierung z. B. von Sexting erst recht Gefahr, die repressiven Diskurse über Mädchen und sexuelle Unschuld zu bestärken (vgl. Hipfl 2015: 25). Zum anderen herrscht bei heterosexuellen Jungen eine stark homophob geprägte Verunsicherung vor: Sie wissen häufig nicht, wie sie als lustvolle Akteure digitaler Autopornografisierung auftreten können und halten ihre Versuche damit lieber im Geheimen (vgl. García/Lasén 2014: 721 ff.). Wenn nun aber die "mediale[n] Re-Formulierung kultureller Praktiken unter veränderten medialen Bedingungen" (Leschke 2015: 95) Möglichkeiten bieten, Prozesse der De-Subjektivierung ins Rollen zu bringen, die heteronormative Sexualitäten herausfordern (vgl. García/Lasén 2014: 729), dann liegt im aktiven Umgang mit Praktiken der Autopornografisierung die Chance der Transformation in Richtung Anerkennung von vielfältigen und gleichberechtigten Sexualitäten und Genderexpressionen.


Anmerkungen

[1] Mit dem kursiv gesetzten Begriff "Sex" sollen in diesem Artikel gemäß Foucaults Verwendung des französischen Wortes "sexe" Geschlecht und Sexualität als miteinander verschränkt thematisiert werden.

[2] Entgegen der deutschsprachigen Übersetzung, aus der ich diese Stelle zitiere und die das spanische "el sexo" (Preciado 2010: 36) als "biologisches Geschlecht (sex)" wiedergibt, gehe ich davon aus, dass es auch hier sinnvoll ist, die Vieldeutigkeit des Begriffs im Sinne von Fn. 1 beizubehalten.

[3] Die Zahl von fünfundzwanzig Prozent weiblicher Nutzerinnen veröffentlichte ein großes Onlineportal für Sexclips im Juni 2016. Siehe fsc: Österreicher und Onlinepornos: Neun Minuten bei "reifen" Damen, online unter: http://derstandard.at/2000038473854/Oesterreicher-und-Onlinepornos-Neun-Minuten-bei-reifen-Damen (letzter Zugriff: 20.06. 2016).


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