Schwerpunkt

2/2016 - Internet und digitale Medien als sexualisierte Räume

Lets talk about ... – SeXtalks 2.0

AutorInnen: Katharina Kaiser-Müller / Elke Prochazka

Elke Prochazka, Psychologin bei 147-Rat auf Draht und langjährige Saferinternet-Botschafterin, sowie (Mit)begründerin von SeXtalks 2.0, im Gespräch mit Katharina Kaiser-Müller. Von Sexting, Sextortion, Grooming, Posing und Rachepornos als medienpädagogische Problemzonen ...

SeXtalks 2.0 ist ein Projekt der Abteilung Jugendpolitik des Bundesministeriums für Familien und Jugend, entwickelt und durchgeführt vom erfahrenen Psychologenteam Mag.a Elke Prochazka und Mag. Alexander Pummer.


http://sextalks.at/sextalks/

Beide bringen eine langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Bereich der Themen Sexualität und Medien mit. Durch ihre langjährige Tätigkeit bei der österreichweiten Notrufnummer 147 Rat auf Draht und bei Saferinternet.at, wissen sie genau, was die Probleme der Heranwachsenden sind und wie man ihnen vor allem präventiv begegnen kann. Sensibel gehen sie im Workshop mit dem sehr persönlichen Thema Sexualität um und schaffen dadurch eine vertrauensvolle Umgebung, in der auch dieses intime Thema besprochen werden kann.

http://www.rataufdraht.at/


http://www.saferinternet.at

Um so mehr freut es mich, Elke Prochazka für die MEDIENIMPULSE gewinnen zu können, um uns ein paar Fragen zum Thema Sexualität und digitale Medien zu beantworten und somit über ihre Erfahrungen in der praktischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie deren Begleitpersonen zu erzählen:

KKM: Was sind aus Deiner Erfahrung die Herausforderungen und Chancen in Bezug auf medienvermittelte Sexualität?

EP: Die Chancen überwiegen hier meiner Erfahrung nach eindeutig den Nachteilen. Eine der wichtigsten Chancen liegt darin, dass Jugendliche unabhängig von den Ansichten ihres Umfeldes, ihrer Religion, der Art der Sexualaufklärung in der Schule etc. Zugang zu sexualpädagogischen Informationen haben und sich diese eigenständig holen können. Weiters können Jugendliche sich überhaupt nur dann an Gesetze halten, wenn jemand sie über die Gesetze informiert. Umso wichtiger ist es, mit ihnen in praktischer Art und Weise – und diese geht weit über das Vorlesen eines Gesetzestextes hinaus – zu zeigen, was für sie strafrechtlich heikel werden kann. Dabei ist es aber ein wesentlicher Unterschied, ob eine Haltung vermittelt wird oder eine Information. Denn Jugendliche haben ein Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität und dürfen in diesem Rahmen selbst bestimmen. Es ist wichtig, das zu respektieren. Sofern es innerhalb der gesetzlichen Regelung ist, dürfen sie selbst entscheiden, ob sie beispielsweise Nacktbilder versenden wollen oder nicht. Das kann durchaus eine Herausforderung sein, ist meines Erachtens aber eine wesentliche Grundvoraussetzung in der Arbeit mit Jugendlichen in diesem Bereich.

Eine Chance ist zusätzlich, dass die Informationen im Netz ganz ohne Scham in einem intimen Rahmen genutzt werden können. Wer sich noch an ein möglicherweise nicht ganz so peinlichkeitsbefreites Aufklärungsgespräch mit den eigenen Eltern erinnern kann, kann diesen Vorteil vielleicht besonders gut nachempfinden.

Die Herausforderungen ergeben sich vor allem dadurch, dass wir alle durch den freien Zugang noch mehr als je zuvor gefragt sind, mit vor allem Kindern, aber auch Jugendlichen altersgemäß über Sexualität zu sprechen. Denn dies ist der einzige Weg, sie vor negativen Wirkungen des freien Zuganges zu schützen. Das erzeugt meines Erachtens auch die große Angst vor z.B. den Auswirkungen eines Porno-Clips. Die Angst mit Kindern über Sexualität sprechen zu "müssen". Es entsteht der Wunsch, etwas zu finden, was Kinder und Jugendliche davon fern hält, ohne darüber sprechen zu müssen. Doch das wäre der falsche Ansatz dafür.

KKM: Wie gehen Jugendliche mit sexualisierten Inhalten um?

EP: Wie in allen Belangen, gibt es nicht "den" jugendlichen Umgang. Alle Jugendlichen sind unterschiedlich aufgewachsen, bei manchen wurde von Beginn an Sexualität kindgerecht in der Familie thematisiert, andere stoßen erst in den Medien darauf. Das unterschiedliche Aufwachsen hat großen Einfluss auf den Umgang mit, aber auch die Konsequenzen von sexualisierten Inhalten.

KKM: Ab welchem Alter darf überhaupt worüber aufgeklärt werden?

EP: Das kann man so pauschal nicht sagen. Da jedes Kind unterschiedlich in der Entwicklung ist. Als Faustregel gilt, sobald ein Kind Interesse zeigt, sollten seine Fragen beantwortet werden. Es ist z.B. unglaublich wichtig, im Sinne der Prävention, dass Kinder von Beginn an wissen, was sie im Intimbereich haben. Denn nur wenn sie Penis und Scheide benennen können, können sie auch erzählen, wenn etwas passiert ist, was nicht in Ordnung ist. Weiters erleben Kinder, dass sie auch über diesen Bereich mit ihren Eltern sprechen können. Denn für Kinder ist der Intimbereich nicht anders als andere Bereiche ihres Körpers. Sie lernen aber schnell, wenn Eltern auf Berührungen in diesem Bereich anders reagieren.

In der Pubertät ist es jedenfalls zu spät für ein Aufklärungsgespräch, da sich in diesem Alter entwicklungsgemäß die Jugendlichen von den Eltern abnabeln und sie dann nicht mehr die ersten Ansprechpersonen sind. Gerade im Volksschulalter haben Kinder ein großes Interesse daran, wie Kinder entstehen.

KKM: Ich nehme an, dass Eltern und PädagogInnen als auch Kinder und Jugendliche unterschiedliche Interessen haben: Welche Themen werden vorwiegend von Kindern und Jugendlichen oft an euch herangetragen?

EP: Sie wollen wissen, ob das Schauen von Pornofilmen strafbar ist, was passiert wenn ein Nacktbild in WhatsApp verschickt wird, warum Jugendliche auf die Idee kommen ein Nacktbild zu verschicken ...

Sie beschäftigen aber vor allem völlig entwicklungsgemäße Fragen, wie Sexualität wirklich funktioniert, abseits von den biologischen Abläufen. Wie man jemandem sagen kann, dass man verliebt ist. Sie wollen wissen, wo sie vertrauenswürdige, "richtige" Informationen finden.

KKM: Und was sind häufige Fragen von Eltern und PädagogInnen?

EP: Eltern und PädagogInnen machen sich vor allem Sorgen, ob und welche Konsequenzen die frühe Konfrontation mit Pornovideos haben. Sie wünschen sich eine Lösung, die das Pornofinden an sich betrifft. Allerdings ist hier die Herausforderung eine Sexualerziehung von Geburt an zu fördern, die die möglichen Konsequenzen auf ein Minimum senken kann. Dies ist ein wichtiges Thema.

KKM: Wie geht Ihr mit diesen unterschiedlichen Interessen um?

EP: Wir versuchen zu vermitteln. Wir versuchen Erwachsenen aufzuzeigen, warum es überhaupt zu Verhaltensweisen kommt, vor denen sie sich als Eltern fürchten. Z.B. warum Jugendliche überhaupt ein Interesse an Pornografie entwickeln. Häufig geht es auch darum, Erwachsenen aufzuzeigen, warum Verbote die Situation verschärfen anstatt sie aufzulösen.

KKM: Welchen Herausforderungen stehen Schulen im Umgang mit Sexualität und digitalen Medien gegenüber?

AP: Herausfordernd ist sicherlich, dass es eine zusätzliche Aufgabe ist, die zunächst auch das Aneignen von neuem Wissen braucht. Allerdings kann dieses Wissen dann auch genützt werden, um z.B. den Sexualunterricht sinnvoll zu ergänzen und auch Arbeit abzunehmen. Zusätzlich geht es darum, kompetent agieren zu können, wenn Sexting, Grooming oder auch das Verschicken von Pornos innerhalb von Schul-Gruppen in Messengern in der Schule auftreten. Ich sehe es auch als eine wesentliche Aufgabe der Schule direkt einzuschreiten, wenn es zu sexuellen Belästigungen innerhalb der Schule kommt. Hier gilt es viel sensibler und früher einzuschreiten.

KKM: Welche Rolle spielen aus deiner Sicht Sexualität und Medien(-kompetenz) in der (Fort-)Bildung von LehrerInnen, PädagogInnen oder in der sozialen Arbeit?

EP: Meiner Erfahrung nach spielt sie kaum eine Rolle. Allerdings wäre es sehr wichtig, dass die Themen bereits in der Ausbildung thematisiert werden. Einerseits weil Sexualaufklärung ein Thema der Schule ist und diese mittlerweile eng mit den digitalen Medien verwoben ist. Andererseits aber auch weil LehrerInnen, PädagogInnen aber auch Personen in der offenen Jugendarbeit häufig mit Sexting- oder Grooming-Fällen konfrontiert sind und dann ein kompetentes Handeln wichtig ist. Sowohl für die Jugendlichen als auch zum Schutz der Lehrenden. Denn es gibt auch Einzelfälle, wo sich durch das beherzte Eingreifen ein juristischer Nachteil für die eingreifende Person ergeben hat. Etwa dadurch, dass der Person, die den Vorfall gemeldet hat eine Vernachlässigung der Aufsichtspflicht vorgeworfen wurde. Je nachdem in welcher Art und Weise eingegriffen wird, kann sehr viel geholfen aber leider auch vieles falsch gemacht werden. Umso mehr braucht es hier die Kompetenz der Bezugspersonen von Jugendlichen.

KKM: Wie arbeitet Ihr mit Schulen zusammen?

EP: Bei uns können kostenlos Workshops für Schulklassen bzw. außerschulische Jugendgruppen gebucht werden. Aber auch für Lehrende, Eltern und alle die mit Jugendlichen arbeiten, bieten wir sogenannte MultiplikatorInnen-Schulungen an, in denen Schulen ganz gezielt Informationen bekommen, wie sie bei Vorfällen in der Schule am besten handeln können, wie sie selbst diese Themen im Unterricht aufgreifen können und auch was für sie gesetzliche Rahmenbedingungen sind. Zusätzlich können sich Schulen auch bei uns im SeXtalks-Chat melden, wenn sie sich absprechen wollen, wie sie in einem spezifischen Fall am besten vorgehen können. Dies gilt selbstverständlich auch für Eltern.

KKM: Wie siehst du den Grenzgang: Einerseits in Bezug auf medienvermittelte Sexualität Medienkompetenz vermitteln zu müssen und andererseits dem Jugendschutz verpflichtet zu sein?

EP: Für mich ist das keine Schwierigkeit, da Jugendliche auf vielen anderen Gebieten auch immer wieder abwägen müssen, ob sie ein rechtliches Risiko eingehen oder nicht. Wir sehen unsere Rolle darin, Jugendlichen überhaupt die Möglichkeit zu geben, zu wissen, was erlaubt und was bereits verboten ist. Es ist eine Grundhaltung, Jugendliche selbst ermächtigen zu wollen, diese Entscheidung treffen zu können. Wir können natürlich keinen Porno mit den Jugendlichen schauen, aber wir können mit ihnen darüber reden und wir können auch offen darüber sprechen, wann das Schauen erlaubt ist und wann nicht und was passieren kann, wenn man sich nicht daran hält. Viel mehr geht es uns aber darum, Jugendlichen den Druck zu nehmen, den sie im Bereich der Sexualität erleben. Und vor allem klar aufzuzeigen, warum es nicht sinnvoll ist, sich im Porno etwas über Sexualität aneignen zu wollen.

KKM: Wie erreicht ihr Kinder und Jugendliche am Besten?

EP: Wir erreichen sie dann, wenn wir in ihrer Lebensrealität agieren und ihnen praktische Tipps und Hilfestellungen anbieten. Würden wir z.B. einfach erzählen, dass Pornos wie Actionfilme sind, würden sie uns nichts glauben und wir könnten nichts erreichen. Wenn wir ihnen aber erklären, warum man Pornos nicht als Aufklärungsfilme verwenden kann und wir hier Sachinformationen liefern, dann sind wir glaubhaft und haben eine Chance, dass sie unsere Tipps annehmen. Denn unser Ziel ist, dass sie sich durch diese Clips nicht unter Druck setzen und vor allem in jeglicher Situation nur sexuelle Handlungen setzen, die sie selbst als angenehm empfinden und auch wirklich selbst ausführen wollen. Es ist auch eine starke Dankbarkeit spürbar, wenn man tatsächlich für ihre Lebensrealität praktische Informationen und Hilfestellungen anbieten kann.

KKM: Wie arbeitet ihr in den SchülerInnen-Workshop, wie können wir uns das vorstellen?

EP: Wir versuchen sehr praxisorientiert zu arbeiten und uns direkt im Internet anzusehen, wovon wir erzählen. Beispielsweise stellen wir seriöse Aufklärungsseiten zur Verfügung, auf denen die Jugendlichen dann auch direkt selbst recherchieren können.

Dabei können sie selbst aussuchen, welche Seiten sie davon selbst nützen wollen. Auch Videos werden von uns sehr gerne eingesetzt, da wir die Erfahrung gemacht haben, dass sich die WorkshopteilnehmerInnen daran auch noch nach zwei Jahren erinnern. Wichtig ist uns vor allem im Workshop schnell das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen. Wir wollen für sie GesprächspartnerInnen sein und keine ExpertInnen, die alles besser wissen, als sie selbst.

KKM: Welche Aufklärungs- und Beratungsseiten zum Thema "Sexualität" kannst Du noch empfehlen?

EP: Ich beziehe mich oft auf folgende Seiten:


http://www.feel-ok.at/de_AT/schule/feelok_fuer_lehrpersonen_und_multiplikatoren.cfm


http://sexwecan.at/


https://www.loveline.de/startseite.html

KKM: Und warum gerade diese?

EP: Weil sie objektive und sachlich richtige Informationen geben, aber nicht in eine spezifische Richtung beeinflussen.

KKM: Wie sieht es generell mit den UserInnen-Gewohnheiten, bzw. der Selbstdarstellungspraxen von Jugendlichen aus?

EP: Fakt ist, dass hinsichtlich der Gewohnheiten die Darstellung stark überzogen ist. So verschicken etwa 1/3 der Jugendlichen in Österreich Nacktbilder von sich. Das bedeutet, dass 2/3 dies nicht tun und für sich ablehnen. Bei Erwachsenen ist der Anteil derer, die Nacktbilder von sich verschicken, deutlich über einem Drittel. Jugendliche nützen digitale Medien im Rahmen ihrer Entwicklung etwa zur Selbstdarstellung, zur Stärkung ihres Selbstwertes oder auch zum Darstellen von Gefühlen. So wird zum Beispiel die Verzweiflung nach dem Ende einer Beziehung in Bildern in Instagram dargestellt, etwa in Form eines aufgezeichneten, gebrochenen Herzens am Unterarm. Auch die Anbahnung von Beziehungen läuft nicht selten über digitale Medien und fällt vielen dadurch auch leichter.

KKM: Welche Rolle spielen Praktiken wie bspw. der Versand von Nacktfotos über WhatsApp und/oder Snapchat oder Themen wie Sexting, Sextortion, Grooming, Posing und Rachepornos, etc. in Euren Workshops?

EP: Alle diese Themen stehen bei uns im Fokus der Workshops.

KKM: Wie versteht, definiert oder umschreibt Ihr diese Themen?

EP: Wir sprechen mit den Jugendlichen sehr direkt darüber, ohne sie zu umschreiben. Es gilt mit Jugendlichen offen die Themen anzusprechen. Wir erleben, dass sie sich dadurch ernst genommen fühlen. Vor allem geht es darum, Jugendliche nicht als "dumm" abzutun, weil sie etwas tun. Viel eher geht es darum, rechtlich erlaubte Möglichkeiten aufzuzeigen. Wir verwenden zur Erklärung, allgemeingültige Definitionen in jugendgemäßer Sprache. Um sie verständlich zu machen, arbeiten wir mit vielen praktischen Beispielen, da wir der Ansicht sind, dass wir nur dann hilfreich sein können, wenn Jugendliche die Informationen direkt in ihre Lebensrealität übersetzen können. So reicht es nicht, Sexting zu definieren und ein Gesetz vorzulesen. Es geht darum, direkt zu besprechen, was erlaubt ist, wenn einem jemand ein Nacktbild sendet und was bereits verboten ist.

KKM: Wann können solche Praktiken strafbar sein?

EP: Immer dann, wenn sie gegen vorhandene Gesetze verstoßen und das ist häufiger, als es Jugendlichen bewusst ist.

KKM: Wo können sich Jugendliche darüber informieren?

EP: Informationen dazu gibt es etwa auf der SeXtalks 2.0 Webseite:

http://sextalks.at/tipps-und-links/

http://sextalks.at/wissen-bringt-entscheidungsfreiheit-expertinnen-muessen-wissen/#more-882

KKM: Wie thematisiert Ihr sensible Themen wie sexuelle Gewalt, sexuelle Belästigung, sexuelles Bedrängen im Internet und Umgang damit?

EP: Wir sprechen diese Themen ganz direkt an und erzählen, was alles passiert, allerdings auch ganz konkret, wie man sich davor schützen kann und was man tun kann, wenn man betroffen ist oder jemanden kennt, dem das passiert ist. Meist haben die WorkshopteilnehmerInnen auch bereits Erfahrungen dazu, von denen sie berichten. Wenn ihnen z. B. jemand Fremder ein Nacktbild geschickt hat oder in einem Spiele-Chat sexuelle Fragen gestellt hat.

KKM: Wie können Kinder und Jugendliche gegen Gewalt, Belästigung und Unsicherheit gestärkt werden?

EP: In dem man mit ihnen genauso offen darüber spricht, wie über die Verkehrserziehung. Auch hier müssen wir darüber sprechen, was Schlimmes passieren kann, wenn man ohne zu Schauen über die Straße geht. Es gilt, sich nicht davor zu scheuen, Kindern zu sagen, dass es auch Menschen gibt, die ihnen nichts Gutes wollen und dass es aber Möglichkeiten gibt, sich vor ihnen zu schützen. So zeigen Eltern vor allem auch, dass sie eine Ansprechperson sind, wenn tatsächlich etwas passiert. Häufig erleben Kinder und Jugendliche viele Verbote, die für sie nicht nachvollziehbar sind. Wenn sie sich dann nicht entsprechend verhalten und etwas passiert, trauen sie sich nicht, sich Hilfe zu holen. Weil sie bei sich selbst die Schuld suchen.

Es ist nicht möglich Kinder und Jugendliche gänzlich zu beschützen. Wir wissen aber, dass gerade ein gesundes Selbstvertrauen ein wichtiger Schutzfaktor ist. Kinder müssen von Beginn an Rückmeldungen bekommen, was sie gut können, in einer ehrlichen Art und Weise. Es gilt zu vermitteln, dass das Kind so angenommen wird, wie es ist. Kinder sind sehr feinfühlig und merken schnell, ob Eltern in Problemsituationen hilfreich sind oder mit Vorwürfen und Strafen reagieren. Eine Vertrauensperson zu sein, ist ein weiterer hilfreicher Faktor im Bereich der Prävention.

KKM: Wie können Kinder und Jugendliche mit TäterInnen umgehen? Welche Rolle kann die Schule hier einnehmen und wie können Eltern ihre Kinder stärken?

EP: Hier gilt es schon im Vorfeld zu besprechen, wie man sich im Internet schützen kann. Z. B. dadurch, dass man Personen melden und sperren kann. Es gilt auch aufzuklären, welche Gesetze es gibt und was bereits strafbar ist. Viele Jugendliche erzählen uns, dass Elter ihnen gesagt haben, dass man nichts machen kann, so lange es keine Belästigung im "echten" Leben gegeben hat. Doch das ist so nicht richtig, denn auch Cyber-Grooming, also Belästigungen die rein über digitale Medien erfolgen sind klar strafbar nach §208a. Eltern müssen hier nicht alles selbst wissen, es gilt sich gemeinsam zu erkundigen und sich z. B. bei sextalks.at, rataufdraht.at oder auch saferinternet.at gemeinsam zu informieren.

Das Wichtigste ist aber, dass Eltern Glauben schenken und für ihre Kinder da sind. Leider passiert es immer wieder, dass Jugendliche bestraft werden, wenn sie im Internet belästigt werden, anstatt, dass sie Unterstützung bekommen. Z. B. wenn junge Mädchen auf Spieleplattformen belästigt werden (ihnen z. B. jemand ein Penisbild schickt), bekommen sie nicht selten Spielverbot oder Internet bzw. Handyverbot. Dabei haben sie nichts Verbotenes getan, sondern die Person, die das Bild geschickt hat.

Im Anlassfall geht es darum einerseits alles zu unternehmen, damit die Person nicht direkt weitere Vergehen begehen kann. Die Person sollte sofort im sozialen Netzwerk gemeldet und für einen selbst gesperrt werden. Weiters ist auch zu überlegen, ob eine Anzeige sinnvoll ist. Hierbei kann ein Gespräch mit ExpertInnen helfen, einzuschätzen, wie im Einzelfall am Besten vorzugehen ist.

Eltern und Lehrende können sich dazu selbst informieren, um kompetente Ansprechpersonen zu sein, im Rahmen der Prävention, aber auch als Bezugsperson, sollte etwas vorgefallen sein.

Nicht umsonst nützen TäterInnen oftmals die Situationen aus, in denen Eltern Verbote aussprechen, um an Kinder und Jugendliche heranzukommen. Etwa in Computerspielen bauen sie das Vertrauen auf und suchen sich gezielt Jugendliche die zu Hause viele Verbote erleben, um sie dazu zu überreden, zum Spielen zu ihnen nach Hause zu kommen, wo es dann häufig auch zu Übergriffen kommt. Das heißt nicht, dass Eltern keine Grenzen setzen sollen, das ist sogar ungemein wichtig. Allerdings müssen diese Grenzen auch nachvollziehbar und der Lebensrealität der Jugendlichen angemessen, um eine glaubhafte Vertrauensperson zu bleiben.

Vielen Dank!

Tags

sextakts, saferinternet, 147, radaufdraht, aufklärung, schule, workshop, sexting, pornografie