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Rezension: Metapoietische Filme. Über das Filmemachen 'nach' Deleuze

von Ruth Benner

AutorIn: Raffaela Rogy

Die Studie von Ruth Benner setzt sich zum Ziel das Genre des metapoietischen Films anhand der Filmtheorie von Gilles Deleuze zu analysieren. Dabei bilden sechzehn Spielfilme (1940–2010) den Forschungsgegenstand um die Deleuze'schen Bildtypen der Bewegungs- und Zeitbilder zu ergründen ...

Verlag: Schüren
Erscheinungsort: Marburg
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-89472-996-7


Cover: Metapoietische Filme
von Ruth Benner
Quelle: Amazon

Der französische Denker Gilles Deleuze (1925–1995) verfasste zahlreiche philosophische Werke und richtete dabei oftmals seinen Blick auf die Kunst, die Literatur sowie auf den Film. In den 1980er Jahren entstanden zwei Kino-Bücher, die die Filmwissenschaft und die Gedanken über den Film bis heute nicht loslassen: "Das Bewegungs-Bild. Kino 1" (1983) und "Das Zeit-Bild. Kino 2" (1985). Auch der vorliegende Band "Metapoietische Filme. Über das Filmemachen ‚nach' Deleuze", der auf der Dissertationsschrift der Autorin basiert, nimmt die Filmtheorie von Gilles Deleuze als Ausgangslage auf, um diese schließlich weiterzudenken. Ruth Benner widmet sich in ihrer Studie dem Genre des "metapoietischen Films", d. h. es geht um Filme, die sich mit dem Filmemachen auseinandersetzen. Es wird davon ausgegangen, dass metapoietische Filme essenzielle Beiträge sowie Reflexionen über filmische Diskurse und Schaffensprozesse liefern können. Dabei untersucht Benner sechzehn Spielfilme, die im Zeitraum von 1940–2010 entstanden sind, in Hinblick auf die Deleuze'schen Kategorien der Bewegungs- und Zeitbilder. Da einige der analysierten Filme nach der Lebenszeit von Gilles Deleuze entstanden sind, wird der Studie die Möglichkeit eingeräumt den von Deleuze entwickelten Ansatz zu metapoietischen Filmen zu überprüfen und Weiterentwicklungen sowie Veränderungen filmischer Kategorien und Konzepte in Filmen über das Filmemachen festzustellen. Das im Titel stehende "‚nach' Deleuze" ist somit methodisch als auch historisch zu verstehen.

Die Filmtheorie von Gilles Deleuze und die damit einhergehenden Unterscheidungen von Bildtypen entwickelte dieser in Anschluss an Henri Bergsons Schriften "Materie und Gedächtnis" (1896) und "Schöpferische Evolution" (1907) sowie mit Hilfe der Zeichentheorie nach Charles S. Peirce. Zwei Ordnungen von Bildern und zwei Bildtypen unterschied Deleuze: Die organische Ordnung des Bewegungsbilds, das dem klassischen Film (Hollywoodfilm vor dem Zweiten Weltkrieg) mit seiner linearen Narration und Klischees zugeschrieben ist, und die kristalline Ordnung des Zeitbilds, das dem modernen Film (Italienischer Neorealismus, Nouvelle Vague, New Hollywood) mit seiner Vielschichtigkeit von Standpunkten und Eröffnung der narrativen Möglichkeiten für die Zuschauer angehört. Anders als Deleuze, der sich auf Œuvres von Regisseuren konzentrierte, arbeitet Ruth Benner mit einzelnen Filmen und unterstreicht ihre Argumentation mit Filmstills. Das Bewegungsbild mit all seinen Untertypen untersucht Benner am Beispiel von "Sullivan´s Travels" (1941) und verquickt diese Ausführungen nach der Analyse der direkten und indirekten Zeitbilder in Fellinis "8 ½ " (1963) mit der Debatte über Klischee(bilder) und kann zeigen, dass "Sullivan´s Travels" auch mit Zeitbildern arbeitet und mit Klischees bricht. Entscheidend für die Studie zum metapoietischen Film sind die Merkmale des "Filmemachers", der "Filmkunst" und des "Zuschauers" mit denen eine Deleuzesche Brücke zu den Übergängen von Bewegungs- und Zeitbildern erfolgt. Die Betrachtung "Filmemacher" verdeutlicht Brüche im sensomotorischen Band durch drei Aspekte: Geld, Tod und Schaffenskrise, die Benner an Hand von "The Bad and the Beautiful" (1952), "Der Stand der Dinge" (1981), "The Player" (1992), "Sunset Boulevard" (1950), "Stardust Memories" (1980), "Los abrazos rotos" (2009), "Sullivans´s Travels", "8 ½" und "Barton Fink" (1991) herausarbeitet. Die "Filmkunst" offenbart ihre Übergänge in Kristallbildern wie u. a. an "Le Mépris" (1963), "Adaptation" (2002), "Mulholland Drive" (2001) und "La Nuit Américaine" (1973) gezeigt wird. Das dritte Merkmal "Zuschauer" veranschaulicht mit Filmen wie "Hellzapoppin´" (1941), "The Purple Rose of Cairo" (1981) und "Be Kind Rewind" (2008) die Veränderung der Wahrnehmung von Bewegungsbildern und Zeitbildern. Bis hier hin zeigt Ruth Benner, dass das Genre metapoietischer Film Bewegungs- und Zeitbilder zu allen Zeiten kombiniert hat. Mit den sechs nach 1990 entstandenen Filmen und mit dessen einhergehenden gesellschaftlichen Entwicklungen, leitet Benner neben der organischen und kristallinen Ordnung von Deleuze eine weitere ab: die "performative Ordnung", die den neuen Bildtyp des "Performationsbilds" begründet. Performativität definiert sich in diesem Fall als filmästhetischer Sachverhalt und äußert sich im spätmodernen Film durch eine Veränderung im Spiel mit den ZuschauerInnen, wie am Beispiel von Regisseur David Lynch, der Hinweise seinem Publikum über das Internet zukommen lässt, deutlich wird. Die Wand zwischen Filmschaffenden und ZuschauerInnen wird durchbrochen und fordert vom Gezeigten eine Wirkung ein.

Ruth Benner leistet in ihrer Theorie über den metapoietischen Film einen spannenden und wichtigen Beitrag sowohl zu diesem spezifischen Filmgenre als auch zur Deleuze-Forschung. Der Vorzug von "Metapoietische Filme. Über das Filmemachen ‚nach' Deleuze" besteht darin, dass die Autorin Benner die Positionen von Deleuze und Bergson anschaulich aufarbeitet und dabei den filmischen Entwicklungsprozess bis in das Jahr 2010 mitdenkt und – mit Studien wie etwa Oliver Fahles Überlegungen zum Bildtyp des "Translationsbilds" – weiterdenkt. Wünschenswert wären weitere Ausführungen zum "Performationsbild" gewesen, was darauf hoffen lässt, dass wir bald von Ruth Benner wieder zu lesen bekommen.

Tags

deleuze, bewegungsbild, zeitbild, performationsbild