Neue Medien

2/2016 - Internet und digitale Medien als sexualisierte Räume

Rezension: Media Technologies. Essays on Communication, Materiality, and Society.

von Tarleton Gillespie, Pablo J. Boczkowski & Kirsten A. Foot (eds.)

AutorIn: Bettina Schabschneider

Im Rahmen eines ambitionierten Sammelbands sollen die mannigfaltigen Verhältnisse von Medientechnologie und Kommunikation(swissenschaft) neu gefasst werden. Bettina Schabschneider hat den Band für die MEDIENIMPULSE rezensiert …

Verlag: The MIT Press
Erscheinungsort: Cambridge, MA
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-0262525374


Cover: Media Technologies
von Tarleton Gillespie, Pablo J. Boczkowski & Kirsten A. Foot (eds.)
Quelle: Amazon

Im digitalen Zeitalter ist eine Diskursebene erreicht, auf der verschiedene Zugänge aufeinandertreffen, um gemeinsam das Verständnis und Wissen bezüglich "Media Technologies" (MT) als ein komplexes soziokulturelles Gefüge zu vertiefen. In aktuellen Auseinandersetzungen wird den MT als Ergebnis aus Design, Kommunikation und Kultur Eigenständigkeit zuerkannt. Obwohl sie gleichzeitig nicht das wichtigste Element in der weltweiten Vernetzung darstellen, sind sie doch Zeitzeugen kultureller Ausdrucksformen und daher ständig im Wandel. In den 1990ern wurde Informationstechnologie zentraler Bestandteil der Forschung und Kommunikationswissenschaftler erkannten früh die enorme Wirkung auf soziales Leben, die sich vor allem auch durch den rapiden technologischen Wandel auszeichnete. Es gab plötzlich viele Genres und Texte in den neuen Medien, die schwer fassbar und kategorisierbar waren, weil sie eine große Menge zusammen darstellten aber für sich jedes nur eine kleine Facette begründeten. Die Forschungsrubrik "Science and Technology Studies" (STS) setzt ihren Fokus auf das öffentliche und politische Verständnis von Technologie, deren Materialität und Praxis.

Die Herausgeber des Sammelbandes haben sich zum Ziel gesetzt die Überschneidungen von STS und der Kommunikationswissenschaften (Communication and Media Studies, CMS) herauszuarbeiten. Eine Herausforderung dabei war den Sammelband sinnvoll zu begrenzen, gerade da STS sich in vielen Forschungsgebieten mit dem der Kommunikation überlappt: Erziehung, Wirtschaftspolitik, Management, Soziolinguistik, Journalistik usw. So ergibt sich ein Sammelband, der eine Einheit verschiedene Einsichten bietet, die die Wissenschaft zu weiteren neuen Konzepten inspirieren soll. Die fünfzehn AutorInnen verfassten insgesamt dreizehn Kapitel, deren Betrachtungsweisen sehr unterschiedlich ausfallen. Das Herausarbeiten, Kategorisieren und neu Zusammenfügen der Beiträge beziehungsweise Perspektiven zeigt auf, wie wesentlich eine genauere Betrachtung von STS ist und genauso wie wichtig die Auseinandersetzung auf selber Augenhöhe mit CMS ist, wobei sich beide eben nicht ausschließen. Dies schlägt sich auch in der Zweiteilung des Sammelbands nieder: Der erste Teil bezieht sich auf die Materialität und Vermittlung, die neue Formen des Wissens und Ausdrucks mit sich bringen. Im zweiten Teil geht es um neue Perspektiven auf die Technologie, die sich im ständigen Wandel befindet, und deren Schöpfer, die Menschen hinter der Technologie, deren unaufhörliche Weiterentwicklungsarbeit für die NutzerInnen unsichtbar bleibt. Durch das Zusammenführen der heterogenen Forschungsgruppe soll ein interdisziplinärer Dialog entstehen, der den Weg für weiterführendes Hinterfragen und zukünftige Diskurse ebnet.

Grundsätzlich sind MT die Verbindung vom Symbolischen/Sinnbildlichen und dem Material, also der greifbaren und visuellen Umsetzung. Jegliche Technologie hat eine symbolische Dimension, doch haben MT ein charakteristisches, materielles Potenzial den symbolischen Inhalt umzusetzen, zu transformieren und zugänglich zu machen, wie beispielsweise Nachrichtenreportagen, Romane, Filme und Lieder. Der erste Teil des Bandes "The Materialty of Mediated Knowledge and Expression" beinhaltet Beiträge, die die Überschneidungen und Charakteristika von STS und CMS auf unterschiedliche Weise aufzeigen. Leah A. Lievrouw (University of California) gibt einen geschichtlichen Überblick zu den wesentlichen Zusammenhängen von Symbol und Materialität in MT und ihrer Vermittlung. Die Autorin zeigt damit auf, dass die Wissenschaft hier noch am Beginn der Forschung steht. Pablo J. Boczkowski und Ignacio Siles (Northwestern University) sprechen von einer "silo mentality" und kritisieren damit den Tunnelblick der Wissenschaft auf die MT, da entweder nur die Materialität oder der Inhalt untersucht wird, die Produktion oder die Rezeption – manchmal paarweise, niemals aber alle vier Faktoren gleichermaßen. Dieser Tunnelblick begrenzt jegliche Forschung und deren Resultate, sodass die Autoren in ihrem Beitrag auf einen "cosmopolitan" Weitblick pochen. Sie bieten mit dieser offenen Perspektive Vorschläge zur weiterführenden Forschung auf verschiedenen theoretischen wie praktischen Gebieten der Sozial- und Humanwissenschaften an.

Eine neue Betrachtungsweise bringen Finn Brunton (NYU) und Gabriella Coleman (McGill University) hinzu. Durch eine recht wörtliche Betrachtung der Materialität der MT dringen sie durch deren Abstraktionsschichten vom Endbenutzer über die Software, bis kurz vor die Hardware – plakativ: Näher zum Metall – vor. Für die AutorInnen stellen sich hierbei die Fragen, wer hinter den "superusers", also den System- und Netzwerk-Administratoren steckt, wie Gruppen wie Anonymous oder unaufgeforderte E-Mail-Werbung ("Spam") zustande kommen können. Die Diskussion klammert die internen Mechanismen der Phänomene weitgehend aus und fokussiert auf deren Mehrdeutigkeit im Hinblick auf ethische und soziale Normen der Netzwelt. So gelingt nach historischer Betrachtung auch schließlich der abrupt kühne Brückenschlag zur Quantenmechanik: Wie verschränkte Qubits lassen sich diese Phänomene nicht in den Zuständen schwarz oder weiß (1 oder 0) beschreiben. Status: Es ist kompliziert.

Geoffrey C. Bowker (University of Californa at Irvine) erklärt seinen Zugang mithilfe eines geschichtlichem Einstiegs zur Produktion von Massenmedien, die auch zu Massenkonsum führte. Er beklagt die eingelernten Sichtweisen, die mit dem Beginn der Massenproduktion von Medien, um Wissen zu speichern und zu verbreiten, und deren Vermittlung zusammenhängt, die es uns erschwert bestehende Konzepte aufzubrechen und neu zu formulieren. Jonathan Stern (McGill University) widmet sich wieder dem Begriff der Materialität und seinen unterschiedlichen Deutungen, dabei zieht er genauso wie Lucy Suchman (Lancaster University) ein Resümee zu den vorangegangenen Kapiteln und dem ersten Teil des Sammelbandes.

Der zweite Teil "The People, Practices, and Promises of Information Networks" wagt den Blick hinter die Kulissen der Technologieindustrie. Gregory J. Downey (University of Wisconsin-Madison) eröffnet die Diskussionsrunde und erinnert die LeserInnen in seinem Text an die Schöpfer der MT, die das Nutzen von Kommunikationskanälen, vom Telegrafen bis zu Google und Social Media Plattformen, ermöglichen und bedienbar machen. Der Herausgeber Tarleton Gillespie (Cornell University) betrachtet in seiner Abhandlung die Algorithmen, die im Hintergrund unser Nutzungsverhalten speichern und steuern. Wie viele der AutorInnen in diesem Sammelband geht auch Christopher M. Kelty (UCLA) auf die politische Ebene ein, wenn er die MT untersucht und bezieht sich dabei im Speziellen auf die persönliche Freiheit und deren Möglichkeiten im digitalen Zeitalter. Steven J. Jackson (Cornell University) schärft den Blick auf die Technologie als fragiles Gebilde, das ständig repariert oder erneuert werden muss, um dem Nutzungsverhalten gerecht zu bleiben. Die letzten beiden Beiträge des zweiten Teils von den Autoren Sonia Livingstone (London School of Economics) und Fred Turner (Stanford University) kommentieren die bereits angeführten Texte und setzen sich kritisch mit deren Ansätzen gegenüber MT und deren NutzerInnen auseinander.

Der Sammelband beinhaltet weitumfassende Fragestellungen, die sowohl die Produktion als auch die Nutzungsbedingungen und das Nutzerverhalten von digitalen Medien behandeln, mit denen jeder täglich zu tun hat. Die Zusammenstellung der unterschiedlichen AutorInnen und die Kategorisierung und Verbindung ihrer wissenschaftlichen Beiträge ist gelungen und auch eingangs in der Einleitung sehr anschaulich erläutert. Die AutorInnen nehmen ständig aufeinander Bezug, wodurch ein interessanter Dialog entsteht, der mit Sicherheit eine gute Basis für weitere Diskurse auf dem Gebiet der Science and Technology Studies und der Kommunikationswissenschaften bereitstellt. Für den unbedarften Leser jedoch ist der Text durchaus herausfordernd. Die vorwiegend technische Sprache wird zwar mit vielen Metaphern leichter zugänglich, jedoch werden auch Termini aus der Informationstechnologie großflächig als selbstverständlich vorausgesetzt. Für mich persönlich zählt der Beitrag von Geoffrey C. Bowker zu den aufschlussreichsten der Reihe, da er nicht nur die Geschichte der Massenproduktion von Medien zu Speicherung und Verbreitung von Wissen hinterfragt, sondern auch im Allgemeinen das Phänomen Massenproduktion und die damit verbundenen eingefahrenen Verhaltensmuster und Konzepte, die dadurch entstanden, kritisiert. Er zeigt Beispiele für neue Entwürfe zur Vermittlung von Wissen auf (www.chronozoom.com) und gibt zudem Vorschläge zur Sicherung der Qualität wissenschaftlicher Forschung mit innovativen Arbeitskonzepten. Sein Bestreben, Altes neu zu denken und weiter zu forschen, kann auch für den gesamten Sammelband stehen.

Tags

media technology, science and technology studies