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Rezension: Filmgespräche zum österreichischen Kino

von Karin Schiefer mit Fotos von Lukas Beck

AutorIn: Raffaela Rogy

Einen besonderen Gesprächsband legt der Synema-Verlag vor, in dem Karin Schiefer österreichische RegisseurInnen aus Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilm befragt hat und dabei unterhaltsame und zugleich spannende Anekdoten, Hintergrundwissen und Entstehungsgeschichten offenlegt ...

Verlag: Synema
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 978-3-901644-46-7


Cover: Filmgespräche
von Karin Schiefer
Quelle: Amazon

Filme anzusehen zählt zu den schönsten Beschäftigungen im Leben, eine weitere ist mit Sicherheit das Sprechen über Filme. Die Filmpublizistin Karin Schiefer hat im Rahmen der Austrian Film Commission (www.AustrianFilm.com) zahlreiche Gespräche mit österreichischen Filmschaffenden geführt. Im vorliegenden Band "Filmgespräche zum österreichischen Kino" sind 27 dieser Interviews, die im Zeitraum von 2001 bis 2011 enstanden sind und den inhaltlichen Bogen vom erfolgreichen Autorenfilm Hanekes "Das weiße Band" bis zum oscargekrönten Mainstreamkino "Die Fälscher" von Stefan Ruzowitzky spannen, erschienen. Die Besonderheit dieser Gespräche liegt nicht nur in der Vielfältigkeit der österreichischen RegisseurInnen des Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilms, die Karin Schiefer mit genauem Auge zu jeweils einem bestimmten Film befragt, auch der Fotograf Lukas Beck, der sich selbst als Lichtbildner bezeichnet, leistet einen essenziellen Beitrag für das Buch. Beck fotografierte alle der interviewten Regisseurinnen und Regisseure in einer von ihnen gewählten Umgebung und potenziert das Gesagte Wort über den Film mit seinen Schwarzweiß-Portraits auf bildlicher Ebene.

Der Leserschaft wird ein breites und spannendes Spektrum der österreichischen Filmarbeit der letzten Jahre durch die pointierte Fragestellung und das reiche Interesse Schiefers offenbart. Sie fragt nach den Entstehungsprozessen, Arbeitsweisen mit SchauspielerInnen, Umsetzungen der Ideen, Finanzierungsmodellen, Kritiken sowie Resonanzen der jeweiligen Werke der befragten Filmschaffenden. So erfährt man welche grundlegende Bedeutung der Ton für Virgil Widrichs Experimentalfilm "Fast Film" als auch für Jessica Hausners Langspielfilm "Lourdes" hat. Wolfgang Murnberger spricht über das "darwinistische Prinzip der Ideenentwicklung" beim gemeinsamen Drehbuchschreiben mit Wolf Haas und Josef Hader für die Literaturadaption "Der Knochenmann". Die Regisseurin Elisabeth Scharang gewährt ebenfalls Einblicke beim zweiköpfigen Drehbuchverfassen mit ihrem Vater dem Schriftsteller Michael Scharang zu "Mein Mörder". Mit erfrischender Ehrlichkeit gesteht Karl Markovics, dass er anfangs beim Schreiben eines Drehbuchs an seinem Perfektionismus gescheitert ist und seine Frau ihn ermutigt habe ein Drehbuch fertigzustellen. Welche Rolle das Fragmentarische im Drehbuch und im Film für Händl Klaus’ "März" spielt ist ebenso spannend wie "Kurz davor ist es passiert" von Anja Salomonowitz, wo die imaginierten Geschichten die eigentliche Haupthandlung des Films ausmachen. Mit dem Flanieren setzt sich die Filmemacherin Ruth Beckermann in "Homemad(e)" auseinander und um die Entdeckung der Langsamkeit geht es u. a. bei "Elsewhere" von Nikolaus Geyrhalter. Andreas Prochaska schildert wie die Genauigkeit Hanekes in der Arbeit mit SchauspielerInnen und dem Ton ihn beeinflusst hat und welche Gemeinsamkeit sein Werk "In 3 Tagen bist du tot" mit Hanekes "Caché" aufweist.

Von Stefan Ruzowitzky bekommt man einiges über seine Recherchearbeit zu "Die Fälscher", über Zeitzeugen die sich streiten sowie über die Probearbeiten der Schauspieler zu lesen. Arash T. Riahi teilt seine Gedanken zum Verhältnis von Dokumentar- und Spielfilm mit und erklärt, warum ihm stets ein "poetischer Realismus" in seinem Werk vorschwebt. Dem gesellschaftspolitischen Thema "Arbeit" nähern sich sowohl Ruth Mader mit "Struggle", Sabine Derflinger mit "Vollgas" als auch Michael Glawogger mit "Workingman’s Death", wo die Frage, wie körperliche Arbeit darstellbar ist, von besonderer Relevanz in der Entstehung seines Dokumentarfilms war. Packend sind die Schilderungen von Othmar Schmiderer als er gemeinsam mit André Heller das erste Mal gegenüber von Hitlers persönlicher Sekretärin Traudl Junge für "Im toten Winkel" saß oder Günter Schwaigers Eindrücke zu dem SS-Offizier Paul M. Hafner für seinen Film "Hafners Paradies". Zwei Gradwanderer der besonderen Art sind Hubert Sauper, der trotz aller Risiken und (Lebens)Gefahren den politischen Film nicht loslassen kann, und Erwin Wagenhofer, der an einem Tag den Chef von Nestlé Peter Brabeck und den UNO-Sonderberichterstatter Jean Ziegler getroffen hat. Ein großes Thema beim Filmemachen ist die Finanzierung: Benjamin Heisenberg spricht vom Rotstift des Produzenten als absolutes Regulativ, weshalb das Regieduo Tizza Covi und Rainer Frimmel die künstlerische Freiheit anstelle eines hohen Budgets vorziehen. Ulrich Seidl erzählt über die Doppelbelastung Regisseur und Produzent zu sein sowie über die Besonderheit bei einem Filmfestival seinen eigenen Film zu sehen. Götz Spielmann äußert sich über die Kritik seiner Filme ebenso wie Barbara Albert, bei der die (Nicht)Akzeptanz ihrer Filme immer etwas in ihr auslöst. Der traurige Optimist Peter Kern († 2015) streicht heraus, dass die Fantasie der unglaublich begabten Menschen in Österreich freigelegt gehört, nicht zuletzt von einem fehlenden klugen Kopf der Kulturpolitik.

Wer wissen möchte wie Edgar Honetschläger für seinen Film "Il Mare e la Torta" Goethe in einer Bar gefunden hat und warum Michael Haneke nicht an an die Unschuld von Kindern glaubt, sollte nicht zuletzt einige Blicke in das illustrierte Buch "Filmgespräche zum österreichischen Film" von Karin Schiefer und Lukas Beck werfen.

Tags

österreichische fimlgeschichte, interviews