Neue Medien

2/2016 - Internet und digitale Medien als sexualisierte Räume

Rezension: Black Mountain: Ein interdisziplinäres Experiment 1933–1957

von Eugen Blume, Matilda Felix, Gabriele Knapstein, Catherine Nichols (Hg.)

AutorIn: Johanna Lenhart

Das Black Mountain College umgibt bis heute die Aura eines Ausnahmezustandes, eines utopischen Ortes, der als ‚ideales College‘ zur Keimzelle für die amerikanische Avantgarde wurde. Johanna Lenhart rezensiert für die MEDIENIMPULSE den Katalog zur Ausstellung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof …

Verlag: spector books
Erscheinungsort: Leipzig
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN 978-3-95905-024-1


Cover: Black Mountain
von Eugen Blume, Matilda Felix, Gabriele Knapstein, Catherine Nichols (Hg.)
Quelle: Amazon

Am Anfang des Black Mountain College stand eine Utopie – ein "ideales College" sollte gegründet werden: Vom herkömmlichen, rigiden und konservativen Universitätsbetrieb und Kulturverständnis der USA der 1930er Jahre frustriert und verstoßen machte sich John Andrew Rice, bislang Dozent am Rollins College in Winter Park, Florida, zusammen mit 12 gleichgesinnten Lehrenden und 22 solidarischen Studierenden in die Berge North Carolinas auf, um dort am Lake Eden eine Universität nach ihrem Geschmack zu gründen. Die neue, ideale Universität sollte den Studierenden und Lehrenden die Möglichkeit geben zu lehren und zu lernen ohne dabei von einem strikten Studienplan, Hierarchien, Fachgrenzen oder dem Kanon der ‚Great Books‘ eingeschränkt zu werden. Das College wurde als "social unit" gedacht, die der Methode von 'Trial and Error', dem Experiment, verpflichtet war, und die Studierenden zu Selbstständigkeit, zu "demokratischen Individuen" erziehen sollte, wie Rice programmatisch erklärt: "Unser zentrales und konsequentes Bestreben ist es, Methoden zu lehren, nicht Inhalte; den Prozess gegenüber den Ergebnissen zu betonen; den Studenten zur Erkenntnis zu bringen, dass die Anwendung des Wissens […] für uns wichtiger ist als die Fakten selbst."

Dieser "educational organism", der, grundsätzlich interdisziplinär ausgelegt, Natur- und Geisteswissenschaft mit Kunst und Handwerk gleichberechtigt verband, wurde schnell zum Fluchtpunkt für die künstlerische Avantgarde – in den Früh- und Gründungszeiten besonders für Emigranten aus Deutschland. So wurden bereits 1933 Josef und Anni Albers, Protagonisten des aufgrund der immer zudringlicher werdenden Repressionen der Nationalsozialisten gerade geschlossenen Bauhaus, als Professoren für Architektur und Weberei angeworben, was wiederum Kontakte zu anderen Vertretern des Bauhaus und zum Netzwerk der deutschsprachigen Emigranten herstellte. KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen aus den verschiedensten Bereichen, wie Xanti Schawinsky, der am Black Mountain College sein Spectodrama entwarf, der Schönberg Schüler Heinrich Jalowetz, der Mathematiker Max Dehn oder der Komponist Stephan Wolpe, kamen ans Black Mountain College und fanden ein pädagogisches Konzept und wissenschaftlich-künstlerisches Umfeld, das ihnen größtmögliche Freiheit und Gestaltungsmöglichkeiten bot: Das College wurde als Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Kunst, Pädagogik und Gemeinschaftsleben betrachtet, dessen Grundprinzipien des Experiments und der Grenzüberschreitung, Forschung, Lehre und Kunst bestimmte – Ansätze die heute unter dem Stichwort der ‚künstlerischen Forschung‘ zusammengefasst werden.

Auch die Liste der KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen, die in den nächsten Jahren als Studierende und Lehrende sowie als Gastdozenten der legendären Sommerkurse, liest sich wie ein 'Who is Who' der internationalen Avantgarde: Willem de Kooning lernt John Cage kennen, der wiederum – zusammen mit Merce Cunningham, David Tudor, M. C. Richards, Charles Olson und anderen – sein Theatre Piece No. 1 aufführt, Merce Cunningham gründete die bis heute existierende Merce Cunningham Dance Company, der Architekt Buckminster Fuller konstruierte seine geodätische Kuppel und Robert Rauschenberg und Cy Twombly besuchten BMC als Studierende.

Mit dem Eintritt des Lyrikers Charles Olson, der mit seinem Aufsatz Projective Verse (1950) die amerikanische Literatur stark beeinflusste, als Rektor 1953, verschob sich der Schwerpunkt des BMC auf die Literatur und mutierte zunehmend von einem Liberal Arts College zu einer Künstlerkolonie. Das neue Gewicht auf Literatur äußerte sich auch in der Gründung mehrerer Kleinstverlage durch Lehrende und Studierende (wie etwa Jonathan Williams’ Jargon Press oder M. C. Richards’ Black Mountain Press) sowie von Zeitschriften wie der Black Mountain Review, die avantgardistische Literatur, u. a. der Beat Poets, aber auch bildende Kunst, Fotografie etc. veröffentlichte. Auch die Black Mountain Poets, wie die dort ansässigen und assoziierten AutorInnen wie Robert Creeley, Joel Oppenheimer oder Denise Levertov genannt wurden, waren von der grenzüberschreitenden Grundidee des Colleges nach wie vor fasziniert, wie Olson feststellt: "At the middle of the 20th century, the emphasis […] is on what happens between things, not on the things in themselves."

Mit dieser letzten Hochphase nahm das Black Mountain College 1957 schließlich sein Ende – von Beginn an finanziell prekär aufgestellt und in den 1950er Jahren mit stetig sinkenden Studierendenzahlen (die zu Hochzeiten ohnehin nur ca. 100 Personen umfasste) konfrontiert, liess sich das Programm des Colleges nicht mehr umsetzen und wurde aufgelöst.

Der vorliegende Band, der herausgegeben wurde als Katalog zur Ausstellung Black Mountain. Ein interdisziplinäres Experiment 1933–1957, die im Herbst 2015 in der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof als eine Sonderausstellung der Sammlung Ernst Marx konzipiert wurde, verbindet zahlreiche, als ‚Archive‘ bezeichnete, Abschnitte mit verschiedensten Dokumenten zum Leben und Wirken am Black Mountain College mit wissenschaftlichen Beiträgen, die mit einem Schwerpunkt auf die Netzwerke von KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen, die das College prägten und umgekehrt von ihm geprägt wurden, versuchen Zusammenhänge und Einflüsse, die bis heute nachwirken, darzustellen.

Einen besonderen Fokus legt der Band auch auf das pädagogische Konzept, das sich neben dem grundlegend interdisziplinären und experimentellen Charakter der Lehre, vor allem auf die Betonung des Gemeinschaftslebens am College stützt: Kunst, Architektur, Musik, Literatur, Tanz, Theater, Mathematik, Physik, Geometrie, Töpfern, Weben etc. wurde nicht unbedingt in strukturierten Einheiten mit einem Lehrplan vermittelt, sondern sollten in den Alltag eingewoben werden. Neben dem Unterricht in Klein- und Kleinstgruppen (oft sogar im Einzelunterricht auf gemeinsamen Spaziergängen etc.) wurde auch in der gemeinsamen Freizeit und Mahlzeiten von Fakultät und Studierenden, die einem antihierarchischen Gestus verpflichtet waren, gelehrt und gelernt. Großen Wert wurde auch auf die gemeinschaftliche handwerkliche Tätigkeit im Sinne einer ganzheitlichen Erziehung gelegt, wie etwa die Arbeit auf der dem College angeschlossenen Farm und Reparaturen aller Art, bis hin zur Neukonstruktion und Bau von neuen Gebäuden – wie etwa das Student Studies Building, das immerhin 70 Arbeitszimmer sowie Wohnungen für Lehrende, Kunsträume und administrative Räumlichkeiten umfasste, und das beinahe zur Gänze von Studierenden und Fakultätsmitgliedern gebaut wurde.

Auch kritische Stimmen kommen, wenn auch etwas reduziert, zu Wort: Die schiere Zahl an großen Namen und der so nachhaltig propagierten Utopie eines alternativen Universitätsbetriebs verstellen oft den Blick auf die Widersprüche und Probleme (nicht nur finanzieller Natur), die es am Black Mountain College natürlich auch gab. Umso wichtiger ist eine kritische Einschätzung des Unternehmens: Das BMC galt zwar als "utopischer Ort, als das ideale College […]; in anderen Episoden jedoch schimmern deutlich Momente von Repression und Konservativismus durch" – unter anderem auch im Umgang mit kritischen Stimmen, wie dem Geschichtsdozent Eric Bentley, oder der Frage nach den Geschlechterverhältnissen und der Zulassung schwarzer Studierender.

Angeführt wird der materialreiche und grafisch ansprechend gestaltete Band von der Darstellung des, die Ausstellung begleitende, Performing the Black Mountain Archive des Performance- und Installationskünstlers Arnold Dreyblatt, der zusammen mit neun Kunsthochschulen versucht die Materialien des Archivs im Sinne eines aktiven und performativen Archivs als "Raum für offene Experimente und interdisziplinäres Wechselspiel zwischen Kunst und Wissenschaft" in der Nachfolge der Prinzipien des Black Mountain College zugänglich und erfahrbar zu machen.

Das Black Mountain College wird so als fruchtbarer, facettenreicher Ort präsentiert, der die Möglichkeit bot, abseits von herrschendem Kunst- und Wissenschaftsverständnis, neue Ansätze und Ideen zu entwickeln, der aber trotz allem nicht frei von Widersprüchen war, deren produktives Potenzial wiederum in einer von Autorin M. C. Richards überlieferten Anekdote anklingt: "there was a wonderful woman at black mountain college. … she was viennese and she taught music. her name was Johanna Jalowetz and she had an expression which I think should be taught in the schools as fundamental to life. She used to say it all the time, no-ja, no-ja, N O - J A."

Tags

black mountain college, alternative universität, kunst, literatur