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Rezension: Das Buch der Schurken. Die 100 genialsten Bösewichte der Weltliteratur

von Martin Thomas Pesl

AutorIn: Christina Wintersteiger

Ein unterhaltsames Sammelsurium der schlimmsten Schurken der Weltliteratur. In kompakter Form und mit Illustrationen von Kristof Kepler bebildert, bietet Martin Thomas Pesl einen Rundgang durch das literarische Reich der Bösewichte ...

Verlag: Edition Atelier
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3903005150


Cover: Das Buch der Schurken
von Martin Thomas Pesl
Quelle: Amazon

"Mit allen schurkischen Fiktionen ist eine gewisse Lust verbunden." – von dieser Prämisse geht Martin Thomas Pesl aus, wenn er sich im vorliegenden Buch mit den interessantesten, "besten" Bösewichten der Literaturgeschichte auseinandersetzt. Er begibt sich auf einen Streifzug durch unterschiedliche Themenkomplexe des Bösen: Schurken, die im Clinch mit der "Zivilisation" liegen, Moral und Heuchelei, Industrialisierung und die Angst vor dem technischen Fortschritt, Psychopathen und die Weltherrschaftsfantasie, und natürlich der Kapitalismus.

Beinahe wirkt diese Liste, der Nachfolger einer Literaturgeschichtekolumne im Wiener, wie ein showing off des persönlichen literarischen Kanons von Pesl. Dieser stellt auch gleich im Vorwort klar, dass die vorliegende Aufzählung dem Anspruch "absoluter Subjektivität" gerecht werden will und dennoch den Versuch unternimmt, eine "Ausgewogenheit zwischen bekannten und unbekannten Figuren, männlichen und weiblichen, den Regionen und Sprachen der Welt und den Epochen" herzustellen. Um eine möglichst große Diversität zu erreichen, hat Pesl sich ein Maximum von höchstens einem Schurken pro Autor gesetzt. Die Auswahl der zu skizzierenden Bösewichte erschließt sich den LeserInnen nicht ganz, ebenso wie die – recht schwammige – Definition des Schurkenbegriffs. Aber wie schon vorangestellt, zählt hier nicht die umfassende und lückenlose Abdeckung des Themenbereichs und der Fragestellung, sondern Subjektivität. Und Spaß. Spaß an Literatur, am Lesen, an antagonistischen Mächten und den Bösesten der Bösen. Letztere werden hier aufgeteilt in 12 Kategorien: Unter den Gierigen finden sich alte Bekannte wie Uriah Heep (David Copperfield von Charles Dickens) oder die Grauen Herren aus Michael Endes Momo. Es gibt des Weiteren rachsüchtige oder despotische Schurken – von prinzipientreuen Ehegatten wie der Baron von Instetten (Effi Briest von Theodor Fontane) bis hin zu dem indischen Dämonenkönig Ravana –, Berserker wie Jack Merridew aus William Goldings Herr der Fliegen oder Egoschweine (hier muss der Bandwurm aus Irvine Welshs Drecksau erwähnt werden). Die originelle Kategorie der Erziehungsberechtigten umfasst Objekte des Schüler- und Leserhasses wie Dolores Umbridge (Harry Potter von J. K. Rowling) oder die Mutter Kohut aus Jelineks Die Klavierspielerin. Fehlen dürfen auch nicht die obligatorischen fatalen Frauen (Die Marquise de Merteuil aus Gefährliche Liebschaften von Choderlos de Laclos trifft auf de Sades Juliette) oder die Psychopathen mit mehr oder weniger sympathischen, dafür aber umso öfter filmisch verewigten Vertretern wie Annie Wilkes (Sie von Stephen King) und Patrick Bateman (American Psycho von Bret Easton Ellis). Die Liste geht weiter mit der etwas abstrakten Rubrik der Ungreifbaren – hier finden sich u. a. die Windmühlen, gegen die Cervantes Don Quijote ankämpfen lässt oder das Schloss in Kafkas gleichnamigen Romanfragment. Die verrückten Wissenschaftler (z. B. James Bonds Dr. No oder Dr. Frankenstein) sowie Über- und Unterirdische wie Loki (Prosa-Edda) oder Voland aus Bulgakows Der Meister und Margarita vervollständigen zusammen mit den Königen des Verbrechens, die die Schurkerei zu ihrem Beruf gemacht haben (prominentes Beispiel: Michael Corleone aus Mario Puzos Der Pate), die Liste der größten literarischen Bösewichte.

Pesl stellt die genannten (und noch viele mehr) anhand kurzer, witziger und auf die Betreffenden zugeschnittenen Steckbriefe vor, hierbei wird zum Beispiel der Psychopathenfaktor berechnet, der Erzfeind benannt, die Attraktivität mit Sternen bewertet. Auf zumeist nur einer einzigen Textseite pro Schurke arbeitet Pesl die Quintessenz und die philosophische Aussagekraft des jeweiligen Bösen heraus, flankiert von treffsicher gewählten Zitaten aus dem Buch und gewissermaßen auch einer Rechtfertigung, warum man als LeserIn Gefallen an diesem Schurken findet und warum dieser in unserem kollektiven literarischen Gedächtnis hängen geblieben ist. Die wichtigste These des Buches lautet, dass wir LeserInnen diese Bösen oft mehr lieben als wir sie hassen – sie machen die Lektüre laut Pesl nicht nur zu einem geistigen, sondern auch emotionalen Erlebnis. Deswegen will er den "Reiz des Bösen betonen und erkunden", mit dem Fokus auf die Lust am Lesen und auch am Hassen, an der Abscheu: "Mit allen schurkischen Fiktionen ist eine gewisse Lust verbunden. Es geht uns gut, also genießen wir das Böse. Gleichzeitig sagen Schurken oft mehr über die Gesellschaft ihrer Zeit aus als Helden, weil sie einerseits Feindbilder verkörpern, auf die sich alle einigen können, und andererseits eine gewisse Sehnsucht widerspiegeln, aus den bestehenden Systemen auszubrechen, unartig zu sein, seinen eigenen Weg zu gehen. Ein reales Problem, das wir selbst nicht angehen können oder wollen, bleibt so, verlagert in die Lektüre, dennoch auf wohlige Art bei uns", so Pesl im Vorwort.

Die elaborierte, keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebende Sammlung beruht laut Angaben des Autors auf Werken von 10 Autorinnen, 83 Autoren, zwei männlichen Autorenpaaren und 5 unbekannten Verfassern. Auch bei den genannten Schurken fällt die Mehrheit männlich aus (62 zu 21), wobei sich einige keinem Geschlecht oder gar einer Gattung (Mensch, Tier, Ding?) zuordnen lassen. Auch was die Sprachen und Nationalitäten betrifft, versucht die Liste die klare Mehrheit englisch- und deutschsprachiger Werke mit einigen Beispielen aus Asien, Afrika und Südamerika anzureichern.

Das Buch der Schurken sprüht nur so vor Witz und Eloquenz, wobei sich die literaturwissenschaftliche Relevanz in Grenzen hält. Doch diese wird vom Autor selbst gar nicht angestrebt: "Auch mein Buch – ein Hochstapler wäre ich, würde ich das behaupten! – ist keine [wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema]. Aber es macht hoffentlich Spaß. So wie geschriebene Schurken." Und ja, Spaß macht diese Lektüre auf alle Fälle. Man hat das Gefühl, sich mit einem Freund über Bücher zu unterhalten –ein Freund, der einen, auch wenn man manchmal mit seinen Argumenten oder seiner Auswahl nicht ganz d’accord gehen kann, mit seiner Begeisterung ansteckt.

Tags

bösewichte, schurken, literaturwissenschaft