Schwerpunkt

2/2016 - Internet und digitale Medien als sexualisierte Räume

Rezension: Medialisierung und Sexualisierung. Vom Umgang mit Körperlichkeit und Verkörperungsprozessen im Zuge der Digitalisierung

von Josef Christian Aigner, Theo Hug, Martina Schuegraf, Angela Tillmann (Hg.)

AutorIn: Silke Graf

Der aus einer Tagung entstandene Sammelband beschäftigt sich mittels kultur- und sozialwissenschaftlicher sowie medienpädagogischer Perspektiven differenziert mit Medien und deren Rolle in einer "Pornografisierung der Gesellschaft". Silke Graf hat den Band für die MEDIENIMPULSE rezensiert ...

Verlag: Springer VS
Erscheinungsort: Wiesbaden
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN: 978-3-658-06427-3


Cover: Medialisierung und Sexualisierung
von Josef Christian Aigner, Theo Hug, Martina Schuegraf, Angela Tillmann (Hg.)
Quelle: Amazon

Es steht weithin außer Zweifel, dass Medien an der Schaffung von Wirklichkeiten beteiligt sind, dies wird vor allem deutlich, wenn "den Medien" eine negative Wirkung zugestanden wird, z. B. "die Pornografisierung der Gesellschaft". Der vorliegende Sammelband beschäftigt sich auf abwechslungsreiche und durchaus kritische Weise mit dem Spannungsfeld der Medialisierung und Sexualisierung und untersucht Veränderungen im Bereich der Sexualität sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen. Ein besonderer Fokus wird dabei auf den Umgang mit Körperlichkeit und neuen Formen der Körperwahrnehmungen, -inszenierungen und -diskursen im Zuge der Digitalisierung gelegt.

Die Publikation ist ein Ergebnis der im Dezember 2013 im Tiroler Ötztal abgehaltenen internationalen Tagung der Universität Innsbruck und der Fachhochschule Köln zum Themenkomplex "Medialisierung und Sexualisierung". Eingeladen waren Expert_innen der Medienwissenschaften und sozialwissenschaftlich ausgerichtete Sexualwissenschafter_innen, hauptsächlich aus dem deutschen Sprachraum. Es findet sich aber auch eine englischsprachige qualitative Rezeptionsstudie von Mario Liong und Lih Shing Chan im Band, die männliche College-Studenten in Hong Kong und ihren Umgang mit der zunehmenden Präsenz von japanischen und chinesischen Erotik-Models in den Unterhaltungsmedien thematisiert. In der Tradition der Cultural Studies wird schnell klar, dass es sich bei den Studenten nicht um eine passive, leicht manipulierbare Konsumentenmasse handelt, sondern um aktive Rezipienten, die in (selbst gewählten) Netzwerken agieren oder individuell auftreten.

Auch Sven Lewandowski hält dem Pornografisierungsdiskurs, also der propagierten "Pornografisierung" der Gesellschaft, der Massenmedien, der Jugend, der Popkultur usw. und der damit einhergehenden moral panic, den soziologischen Spiegel vor. Jener Diskurs sei, jenseits aller empirischen Realität und ohne sich um begriffliche Präzision zu bemühen, einerseits ein massenmedial erzeugtes Phänomen und könne andererseits als ein sozialpädagogisch geprägter Diskurs der neuen kleinbürgerlichen Milieus verstanden werden, welchem Klassenvorurteile innewohnen. Es ist ein Diskurs über andere, denen mangelnde Medienkompetenz unterstellt wird.

Jugendliche digital natives, deren Kultur, Wissen, Kommunikation, Freundschaften und Freizeitaktivitäten digital geprägt sind, bedienen sich auch der Möglichkeiten virtueller Erotik und von Vorspielen. Körperdaten medial zu hinterlegen, gehört einfach dazu. Dabei passen sich die Körperkonzepte den Anwesenheits-, Werbungs- und Aufmerksamkeitsregeln der Interfaces an. Der mediale Kontakthof soll "safe" und "sane" sein, ebenso der Datenkörper, Manfred Faßler spricht in seinem Beitrag in diesem Zusammenhang vom "medialen Vor-körper". Dadurch kommt es auch zu Verschiebungen im Bereich der Bewertung und Wahrnehmung von Körpern. Iris Nikulka, psychoanalytische Kinder- und Jugendlichen-Therapeutin, fragt nach der emanzipatorischen Wirkung der sexuellen Enttabuisierung, wenn diese mit sexuellem und körperlichem Leistungsdruck einhergeht. Wird die Enttabuisierung zum Instrument der Disziplinierung, der Unterdrückung (man denke an den Trend der Vaginoplastie, um ästhetischen Anforderungen gerecht zu werden)?

Nikulka ist eine der wenigen, die die Existenz einer vielfältigen und kreativen pornografischen Sub- oder Gegenkultur zumindest erwähnt: Queer-Porn, Post Porn, feministische Pornografie "und viele andere Sub-Strömungen stellen die Deutungshoheit der Mainstream-Pornografie in Frage und besetzen andere Positionen im Diskurs um die Darstellung von Sexualität." Eine Auseinandersetzung mit kritisch lustvollen queer-feministischen Gegenkonzepten sucht man hier allerdings vergebens, stattdessen wird Fifty Shades of Grey gleich in mehreren Beiträgen bearbeitet.

Wer sich also mit heterosexuellem Porno- und Körper-Mainstream kritisch, vielfältig und interdisziplinär auseinandersetzen möchte und schon immer mehr über Sexting, Sporno und den Zusammenhang von Bildungslevel und Nacktbildern auf Profilseiten wissen wollte, wird mit diesem Band durchaus reich belohnt.

Tags

pornografisierung, queer-porn, post porn, sexting, sporno