Neue Medien

2/2016 - Internet und digitale Medien als sexualisierte Räume

Rezension: Helden. Über Massenmord und Suizid

von Franco "Bifo" Berardi

AutorIn: Wolfgang Neurath

Wolfgang Neurath rezensiert für die MEDIENIMPULSE die jüngste Publikation von Franco "Bifo" Berardi, der eine Analyse der negativen Helden unserer semiokapitalistischen Welt vorgelegt hat und den Wahnsinn unserer Kultur thematisiert: Über Massenmord und Suizid ...

Verlag: Matthes & Seitz
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-95757-237-0
Aus dem Englischen von Kevin Venenmann


Cover: Helden. Über Massenmord und Suizid
von Franco "Bifo" Berardi
Quelle: Amazon

Medien wie Medienwissenschaften fühlen sich immer wieder von Massenmördern und Serienkillern angesprochen. Das grundlegende und in mannigfaltiger Weise Ansprechende ihrer enigmatischen Taten führt gleichzeitig etwas Abstoßendes mit sich. Von der Columbine High-School bis zum Batman-Kino-Massaker in Aurora treibt scheinbar die Sucht nach biografischer Evidenz und gleichzeitiger fiktionaler Einschreibung in filmische wie textliche Monumente Subjekte an, bis zum Äußersten zu gehen. Gleichzeitig stellen all diese Fälle die größten Herausforderungen nicht nur für unsere Imagination  dar, sondern auch einen fortwährend Antrieb für die >libiodo scienci<. Gerade die erratische, enigmatische und abstoßende Singularität dieser extremsten Form der Negativität erfasst Philosophen, Medientheoretiker, Literaturwissenschaftler und politische Aktivisten, um über die gesellschaftliche Einbettung dieser rätselhaften Taten nachzudenken. Nicht nur für Medienwissenschaftler geht es also darum, die Verstörung produktiv zu machen.

Negative Helden. von denen Franco "Bifo" Berardi in "Über Massenmord und Suizid" handelt, sind Subjekte vieler Narrationen. Dabei sind Helden heute nicht nur beliebig reproduzierbar, sondern gleichzeitig immer auch nur mehr Simulakren von Figuren und gänzliche Fraktale einer medialen Landschaft geworden; so dreht sich ihre Geschichte zunehmend in die Negativität und der negative Held entsteht erst, indem er endet und gleichzeitig andere Leben zerstört. So beweisen diese negativen Heroen nach "Bifo" einmal in ihrem Leben, dass sie im Begehren des Todes die Geschicke des Lebens übernehmen. Helden für nur einen Tag, wie sie schon David Bowie 1977 besungen hat. Dazu "Bifo":

"Doch Bowies Held ist kein Subjekt mehr, sondern ein Objekt: ein Ding, ein prächtiger Fetisch – eine Massenware, getränkt von Begehren und aus dem Jenseits der Qualen seines Niedergangs auferstanden. Man muss sich nur das Video zu dem Lied aus dem Jahr 1977 anschauen, um zu verstehen: Im Clip sehen wir den vor sich hinsingenden Bowie aus drei verschiedenen Perspektiven, während verschiedene Schichttechniken sein Bild verdreifachen. Bowies Held ist geklont worden und hat sich in ein Bild verwandelt, das beliebig reproduziert, multipliziert und kopiert werden kann so wie das Gitarrenriff des Songs, das sich mühelos durch Werbeclips für alles Mögliche zieht." (Bifo zitiert hier eine Beobachtung von Hilto Steyerl aus The Wretched of the Screen, Berlin 2012, S. 49, in: Helden S. 16f).[1]

Und "Bifo" an anderem Ort und in Bezug zu seinem Buch: "Ich habe den Eindruck, dass wir derzeit eine Form der nihilistischen Produktion/Produktivität erleben. Der philosophische Begriff des Nihilismus ist in gewisser Weise ambiguitiv. Wenn ich in diesem Buch über Nihilismus spreche, dann meine ich weder denjenigen der Hermeneutik noch eine Nietzscheanische Fassung. Der Nihilismus, der hier zur Sprache kommt, ist eine reine Form der Destruktion nützlicher Dinge, um die Vermehrung des Surplus des Finanzkapitals sicherzustellen. Das ist der analytische Gegenstand/Rahmen dieses Buches" (Franco "Bifo" Berardi, Übersetzung Wolfgang Neurath, englisches Original online unter: http://www.thewhitereview.org/interviews/interview-with-franco-bifo-b (letzter Zugriff: 10.06.2016).

Franco Berardi, lange Zeit ein Freund und Weggefährte von Felix Guattari, nähert sich diesen negativen Helden unserer Kultur mit detektivischer Akribie: er rekonstruiert die einzelnen Fälle, er liest die Texte der Attentäter, in denen sie sich erklären, in denen sie versuchen, die Gesellschaft und ihre Situation zu beschreiben. Die Psychohistorie der Täter führt uns aber direkt in das Herz einer nihilistischen Gesellschaft, die keine Positivität mehr finden mag. Er entdeckt eine allgemeine destruktive Bewegung gegenüber dem Gebrauchswert und einem unmittelbaren Nutzen der Welt. Er entziffert die Logik des Semiokapitalismus und damit auch die indirekten Wirkungen des Finanzkapitals.

Der Wahnsinn dieser Taten ist nicht zuletzt einer Abstraktion geschuldet, die uns seit zwei Jahrzehnten erfasst und alle Winkel der Lebenswelt in immer weitreichendere Abstraktionen, Daten, immer mehr Daten, Digitale Codes, Algorithmen und die Akkumulation von reinen digitalen Simulakren transformiert. Die negative Lebenswelt wird deshalb immer wieder als "verführerische Kraft der Simulation" (S. 20) zurückkehren. Sensibilia verwandeln sich in blasse Abbilder von Kunst, Poesie in Werbetexte und das Leben akkumuliert sich in den digitalen Formen von Währung und Kapital. Clickwork wird dabei zur Normalität.

"Bifo" dazu weiter: "Dieses Buch handelt jedoch nicht nur von Verbrechen und Selbstmorden, sondern ganz grundsätzlich von der Errichtung eines nihilistischen Königreiches und von dem suizidalen Trieb, der gemeinsam mit einer Phänomenologie der Panik, Aggression und folglich auch Gewalt die Kultur unserer Zeit durchdrungen hat. Dies ist die Prämisse, unter der ich das Phänomen Massenmord betrachte, wobei ich mich besonders auf die 'spektakulären' Implikationen und auf die suizidale Dimension dieser Mordtaten konzentrieren werde. Dabei interessiere ich mich nicht etwa für den gewöhnlichen Serienmörder, also jenen nur heimlich sadistischen Psychopathen, der sich für das Leid anderer begeistert und der es liebt, anderen beim Sterben zuzusehen. Ich interessiere mich für Menschen, die selbst leiden und aufgrund dieses Leidens zu Verbrechern werden, weil sie allein auf diese Weise ihrem psychopathischen Verlangen nach einer Öffentlichkeit Ausdruck verleihen können, um endlich aus der Hölle ihrer Existenz herauszufinden. Ich schreibe über junge Menschen wie Seung-Hui Cho, Eric Harris, Dylan Klebold und Pekka-Eric Auvinen, die sich das Leben nahmen, nachdem sie versucht hatten, mit der Ermordung unschuldiger Menschen die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu ziehen. Ich schreibe auch über James Holden, der gewissermaßen symbolisch Selbstmord beging, ohne sich im eigentlichen Sinne zu töten. Ich schreibe über 'spektakulär' mörderische Selbstmorde, weil diese Killer auf ganz besonders extreme Weise eine der Hauptentwicklungsrichtungen unserer Zeit verkörpern. Ich sehe sie als Helden eines nihilistischen Zeitalters von geradezu 'spektakulärer' Dummheit: des Zeitalters des Finanzkapitalismus" (Franco "Bifo" Berardi: Helden. Über Massenmord und Suizid, 15).

Und so entdecken wir mit "Bifo" Berardi in diesen furchtbaren Verbrechen, Massenmorden und Selbstmorden die negativen Folgen des Betriebssystems unserer kapitalistischen Gesellschaft. Die letzten Wendungen unserer Gesellschaftsgeschichte ist durchaus auch im Geist dieses extremen Nihilismus erfahrbar und die abschließende Fragen, die sich die LeserInnen mit "Bifo" stellen, sind: Wo finden wir hier noch eine oder mehrere Fluchtlinien? Welche Prozesse verheißen uns eine neue Form des Werdens und eine neue solidarische Organisation des Sozialen, der gleichzeitig die technologischen Mutationen mit immer neuen Formen der sozialen Ko-Evolution verbinden kann? In einer letzten Wendung der Guattarischen Philosophie, nämlich der Chaosmose, findet Bifo eine Fluchtlinie, in der Autonomie verheißenden Ironie eine zweite: "Die Chaosmose bedeutet die Reaktivierung des Körpers der sozialen Solidarität, die Reaktivierung der Vorstellungskraft. Sie bedeutet eine ganz neue Dimension der menschlichen Evolution, die weit über den beschränkten Horizont des ökonomischen Wachstums hinausgeht" (Helden S. 264).

Seid also skeptisch! Die Ironie ist die Sprache der Autonomie und misstraut den harten symbolischen Autoritäten. So würde "Bifo" schließen wollen, doch er schließt mit dem Appell: Glaubt (mir) nicht!

Wie schon Guattari unablässig monierte, wird eine neue Kunst des Handelns zur Schicksalsaufgabe der Zivilisation, indem in Kunst, Politik und Therapie wieder ein Sprechen vernehmbar wird, das den Nihilismus dieser Wahnsinnstaten genauso sistiert wie den Nihilismus der Abstraktion, die in einer Art Selbstverwertung des Finanzkapitals endet; auf der Suche nach einem Empfindungsvermögen, um die Menschheit zu Selbsterkenntnis zu verhelfen …


[1] Die Stranglers bringen dies 1977 ebenfalls auf den Punkt: "No more heroes any more". Unter folgendem Link findet sich auch eine Passage von "Bifo" Berardi in Memoriam David Bowie: No More Heroes: Franco "Bifo" Berardi after David Bowie, online unter: http://www.versobooks.com/blogs/2422-no-more-heroes-franco-bifo-berar (letzter Zugriff: 10.06.2016).

Tags

helden, massenmord, suizid, semiokapitalismus