Schwerpunkt

1/2016 - Printmedien in Österreich

Die Sozialreportage – Ihre Bedeutung im österreichischen Printjournalismus nach der Jahrtausendwende

Eine Themenfrequenzanalyse der beiden Wochenmagazine Falter & News von 2002 bis 2012

AutorIn: Esther Scheer

Esther Scheer hat die Magazine FALTER und NEWS zwischen 2002 und 2012 einer eingehenden Themenfrequenzanalyse unterworfen und untersucht die Sozialreportagen in österreichischen Printmedien. Wie steht es um den anwaltschaftlichen und investigativen Journalismus in Printmedien?

Abstract

Ziel dieser Arbeit ist es, die Sozialreportage und ihre Bedeutung in den österreichischen Printmedien nach dem Jahr 2000 zu ermitteln. Im Rahmen dieser Untersuchung soll der Stellenwert des anwaltschaftlichen und investigativen Journalismus ermittelt werden. Im Hinblick auf die gesellschaftspolitischen wie medialen Umbrüche wird mithilfe einer Themenanalyse der thematische Fokus der beiden Wochenmagazine FALTER und NEWS erforscht. Die vorliegende Arbeit geht der Forschungsfrage nach, welche sozialkritischen Themen in welchem Ausmaß zur Verwendung kamen. Keine Gattung vermag es so stark und konsequent die basisdemokratischen Werte einer Gesellschaft einzufordern wie es der anwaltschaftliche und investigative Journalismus tut. Daher eignet sich die Sozialreportage bestens als Spiegel der Werte, die sich die Gesellschaft selbst gibt.


1. Einleitung

"Oft habe ich mich gefragt, was jene guten Geister mögen,
die frühmorgens unsere Schreibtische und Treppenhäuser putzen
und dann vor Bürobeginn auf leisen Sohlen verschwinden,
so als wäre ihr Anblick unerträglich.
Wie schützen sie ihr Selbstwertgefühl?"

"Am Schauplatz"-Chef Christian Schüller

Dieser Beitrag behandelt die Frage, welchen Stellenwert die Sozialreportage in österreichischen Printmedien hat. Mithilfe einer Themenfrequenzanalyse werden die Printmagazine FALTER und NEWS eingehend untersucht, um herauszuarbeiten, was das Spannende an Sozialreportagen ist. Dabei zeigt sich auch die Rolle des anwaltschaftlichen und investigativen Journalismus in österreichischen Printmedien.

1.1. Erkenntnisinteresse

Welche Themen waren für die Macher von Sozialreportagen in den Jahren von 2002 bis einschließlich 2012 von Bedeutung und wie verhält sich ihre Häufigkeit? Ziel der hier zusammengefassten Arbeit war es, einen Überblick über die von den Chefredaktionen von FALTER und NEWS selektierten Themenkomplexe zu erhalten und Rückschlüsse auf das mediale Interesse in Bezug auf soziale Belange zu bekommen.[1] Finden Geschichten über den "Bodensatz der Gesellschaft", wie Max Winter zu sagen pflegte, noch genügend Gehör, oder nur dann, wenn es um wirkungsvolle Schlagzeilen mit menschlichen Tragödien geht? Skandalös, berührend, aber leider kein Einzelfall ist dahingehend die Reportage "Die verbannte Mutter" im FALTER über den Fall des Jugendlichen Florian, der 2009 in Krems von Polizisten erschossen wurde. Florian Klenk berichtete. Ein Auszug:

"Überall, sagt Frau Pirker, haben die Leute gezischt. Eine schlechte Mutter müsse sie wohl gewesen sein, bei so einem ‚Babyface-Einbrecher‘, wie die Zeitungen ihren Sohn nannten. Nicht einmal das Grab blieb von Spott verschont. (…) Sie hat lange den Mund gehalten, nie öffentlich über ihren ‚Fall Krems‘ und die Zeit danach gesprochen. Die Medien reimten sich ihre Story deshalb selbst zusammen. Der erschossene Florian Pirker sei der Spross einer verkommenen Unterschichtfamilie, hieß es sinngemäß. Ein ‚Schrecken der Lehrer‘, schrieb die Krone. Mit seinen 14 Jahren sei er ‚alt genug zum Einbrechen‘ und daher ‚alt genug zum Sterben‘, wie es Michael Jeannée in der Krone ausdrückte."[2]

Auch angesichts dieses Falls kann darauf verwiesen werden, dass technologische Modernisierungen inklusive immenser Vernetzungsgeschwindigkeiten, enorme sozialpolitische und weltpolitische Veränderungen mit sich gebracht haben. Dadurch entstehen und verschärfen sich soziale Probleme. Deren Rekonstruktion ist ein essenzielles Aufgabengebiet der modernen Sozialreportage im Sinne des anwaltschaftlichen und investigativen Journalismus.

2. Methode – Themenfrequenzanalyse

Die Themenanalyse ist eines der ältesten Verfahren der Inhaltsanalyse. Gewählt wurde dieses Verfahren, um die bereitgestellten Themen der beiden Zeitschriften FALTER und NEWS über den Zeitraum von zehn Jahren erfassen zu können. Eine Themenfrequenzanalyse soll Häufigkeiten eruieren. Die hier angewandte Untersuchung geht zum Teil induktiv vor, indem sie nicht von vorgegebenen expliziten oder impliziten Theorie ausgeht, um daraus Hypothesen zu formulieren, sondern deskriptiv mit dem Ziel voranschreitet, eine Beschreibung der konkreten redaktionellen Inhalte von FALTER und NEWS zu liefern. Der Vorteil der Themenanalyse liegt darin, dass hier Inhalte beliebiger Art in vergleichsweise wenige Kategorien eingeteilt werden können. Dadurch ist eine Reduktion von Informationen möglich. Peter Atteslander hält diesbezüglich fest: "Kernpunkt jeder Inhaltsanalyse ist die Bildung von Kategorien, die ihrerseits aus theoretischen Annahmen abgeleitet werden."[3]

2.1. Kategorienbildung

Die Bildung von Kategorien ist daher notwendig, um ein zielgerichtetes und selektives Vorgehen zu
gewährleisten. Dazu müssen folgende Kriterien erfüllt werden, damit ein gültiges Kategoriensystem gebildet werden kann:[4]

  • Das Kategoriensystem soll theoretisch abgeleitet sein, es soll also mit den Zielen der Forschung korrespondieren.
  • Das Kategorienschema soll vollständig sein.
  • Die Kategorien dürfen einander nicht überschneiden, sie sollen wechselseitig exklusiv sein.
  • Die Kategorien sollen untereinander unabhängig sein.
  • Das Klassifikationsprinzip der Kategorien soll einheitlich sein.
  • Die Definition der Kategorien soll eindeutig sein.

Erfüllt werden müssen die Kriterien der Vollständigkeit, Trennschärfe, Validität und Reliabilität. Mithilfe dieses Systems werden dann die Regeln der Codierung festgelegt, womit die Merkmale der Inhalte in numerische Daten umgewandelt werden können.

3. Untersuchungsdesign

Um eine intersubjektiv nachvollziehbare Untersuchung zu gewährleisten, muss zuerst festgelegt werden, welche Beiträge die Kriterien einer Sozialreportage erfüllen. Um den Begriff der Sozialreportage zu operationalisieren und aufgrund einer fehlenden genauen wissenschaftlichen Definition mussten Mindestkriterien festgelegt werden, um ein intersubjektiv nachvollziehbares Auszählungsraster zu bilden.

In die empirische Untersuchung haben jene Artikel Eingang gefunden, die folgende Mindestmerkmale aufweisen:

  • Die Veröffentlichung weist Eigenschaften einer Reportage auf und bedient sich ihrer Methoden und Techniken. Überschneidungen und Abgrenzung zu anderen journalistischen Gattungen, wie dem Bericht, oder der Nachricht sind meist schwer auszudifferenzieren.
  • Daher muss der Text mindestens zur Hälfte den Kriterien einer Reportage entsprechen.
  • Die Themen handeln von gesellschaftlichen Randgruppen oder nehmen eine gesellschaftskritische bzw. aufklärende Funktion ein. Dazu wurden entsprechende Kategorien gebildet.
  • Die Kriterien des Meinungsjournalismus werden erfüllt und er ist als solcher auch erkennbar (mindestens eine namentliche Zeichnung ist gegeben).

Gegenstand der vorliegenden Untersuchung sind auf empirischer Ebene die beiden Printmedien bzw. Magazine NEWS und FALTER, exklusive regionaler Ausgaben und Sondereditionen. Begonnen wurde mit der jeweils ersten Jänner-Ausgabe aus dem Jahre 2002; beendet wurde die empirische Erhebung mit der jeweils letzten Ausgabe im Dezember 2012. Die gesuchten Schlagwörter in der verwendeten Reihenfolge waren: Reportage, Sozialreportage, Sozialstudie, Augenschein, Reality-Check, Schauplatz, Augenzeugenbericht, Milieureportage, Milieustudie, Report.

4. Kategoriensystem

Die gewählten Kategorien für die Analyse dieser Untersuchung lauteten:

(A) Arbeitswelt

(B) Ethnische/Religiöse Randgruppen

(C) Soziale Randgruppen

(D) Wohnungsnot/Gentrifizierung

(E) Gesundheitliche/Soziale Institutionen

Zusätzlich zu den fünf Überkategorien gab es Unterkategorien, um eine Unterscheidung zu gewährleisten. "Die Forderung nach Exklusivität bedeutet, dass sich die einzelnen Kategorien gegenseitig vollständig ausschließen müssen, damit unklare Einordnungen vermieden werden. Das geschieht häufig durch die Aufstellung von Unterkategorien. Jedes Textelement muss ausschließlich einer Kategorie bzw. Unterkategorie zuordenbar sein."[5] Bei dieser Analyse kann allerdings eine Exklusivität der Kategorien nicht gewährleistet werden, da Textelemente häufig in mehrere Kategorien fallen. Zum Beispiel der Artikel "Inder arbeiten gerne und zuverlässig. Wer legt frühmorgens die Zeitung vor die Tür"[6], der von den Zeitungskolporteuren der Firma Redmail handelt, kann primär der Kategorie "Arbeitswelt" zugeordnet werden. Aufgrund der ethnischen Betonung schon in der Überschrift zählt er allerdings auch zu den "Ethnischen Randgruppen". Bei den Einteilungen in mehrere Kategorien wird im Besonderen auf den Titel, den Lead und die Zwischentitel geachtet und ein Thema wird maximal drei Klassifikationssystemen zugeordnet.

5. Ergebnisse

5.1 FALTER- Sozialreportagen von 2002 bis 2012

Insgesamt konnten mithilfe des Untersuchungsdesigns 63 Sozialreportagen im FALTER gefunden werden (bzw. 63 Beiträge die dem Untersuchungsdesign entsprechen). Einen Aufschwung, nach einer Flaute im Jahr 2009, bekommt die Sozialreportage ab dem Jahr 2010. Mehr als die Hälfte der Gesamtanzahl an Reportagen wird in den vier darauffolgenden Blütejahren verfasst. Die bei Weitem am stärksten vertretene Kategorie ist die der Ethnischen/Religiösen Randgruppen mit insgesamt 28 Beiträgen, gefolgt von "Sozialen Randgruppen" mit elf, dann folgen neun bei der Kategorie (D) [Wohnungsnot/Gentrifizierung]. Ebenfalls neun Reportagen umfasst die Kategorie (E) [Gesundheitliche/Soziale Institutionen] und nur sechs fallen in die Kategorie (A) [Arbeitswelt]. Auffallend ist hier im Vergleich zu NEWS, dass der FALTER der Thematik [Wohnungsnot/Gentrifizierung] doch verhältnismäßig viel Aufmerksamkeit widmet. Erstmals thematisiert im Jahre 2009, widmet sich die Redaktion diesem Gebiet in den folgenden Jahren mehrmals. Eine Arbeitsweltreportage im Stil von Günter Wallraff, die verdeckt desolate Arbeitsbedingungen recherchiert, konnte nicht gefunden werden. Beiträge zur österreichischen Arbeitswelt finden auch im FALTER wenig Anklang. Eine Reportage über die österreichische Sex-Industrie[7], eine über den bosnischen Arbeiter Zoran[8] und die Problematik der Kurzzeitarbeit, sind zwei Beispiele. Eindrucksvoll schildert auch die Reportage "Nguyens Europa" von Ingrid Brodnig,[9] wie Migranten im europäischen Raum ausgebeutet werden.

Von Anfang 2002 an erweisen sich Reportagen als dominant, die sich mit dem Thema [Ethnische/Religiöse Randgruppen] auseinandersetzen. Besonders Geschichten rund um "Grenzgänger" und Flüchtlingsbedingungen finden oft einen Platz im Magazin. Exemplarisch für eine Sozialreportage, die in die Kategorie [Soziale Randgruppen] fällt, ist die Reportage von Joseph Gepp. Die Veröffentlichung "Der Tag an dem Aeryn verschwand" aus dem Jahr 2008 deckt zwei Unterkategorien ab, und zwar [Homosexuelle] und [Justizopfer]. Gepp beschäftigt sich mit dem mysteriösen Verschwinden des homosexuellen Amerikaners Aeryn und dem Versagen der österreichischen Justiz diesen Fall zu verfolgen. Seine Mutter ist immer noch auf der Suche nach Antworten: "Sie sagt, die Wiener Polizei habe roh und unkooperativ gehandelt, weil ihr Sohn schwul gewesen sei. Sie sagt, sie habe Aeryn verloren und wisse nicht, was ihm zugestoßen sei. Jetzt wolle sie zumindest seine Würde wiederherstellen."[10]

2010 zeichnet Florian Klenk ein hoffnungsloses Bild der österreichischen Sexbranche. In "Frauen im Feuer" beschreibt er in beklemmenden Bildern die aussichtslose Situation der Wiener Straßenprostituierten. Er erzählt die tragischen Umstände rund um die Ermordung von Katerina Vavrova und Petya Filkova und klagt die miserablen und gefährlichen Arbeitsbedingungen der Mädchen auf der Straße an. "Ihre Freier nannten sie ‚Katerina, die Große‘. Sie hatte von einem eigenen Haus geträumt. Am Ende reichte das Geld nicht einmal für die Überstellung ihres Leichnams in ihre Heimat Tschechien."[11] Es geht nicht nur um die Gewalt, die von den Freiern ausgeht, sondern auch um brutale Zuhälter die sich die "Reviere" aufteilen und die Tatenlosigkeit der Politik. "Eine Rumänin wurde kürzlich in Favoriten mit Benzin übergossen und angezündet. Auf der Linzer Straße wollte die Frau anschaffen, ohne Schutzgeld abzuliefern. Entstellt liegt sie auf der Intensivstation."[12] Reportagen über soziale Einrichtungen, wie sie das profil in den 70er Jahren über Pflegeeinrichtungen veröffentlichte, werden im FALTER kaum behandelt. Das Thema "Frauenhaus" tauchte zweimal auf: Einmal in "Ausgerechnet Amstetten" von Sibylle Hamann[13] und in einer Reportage über das Haus "Miriam" in Wien, ebenfalls von Hamann mit dem Titel "Immer an der Kippe"[14]

Die statistische Auswertung der vorhandenen Sozialreportagen im FALTER zwischen 2002 und 2012 ergibt hinsichtlich der eingangs eingeführten Kategorien tabellarisch folgendes Bild (Vgl. Tab 1):


Tab. 1: Sozialreportagen im FALTER zwischen 2002 und 2012

5.2. NEWS - Sozialreportagen von 2002 bis 2012

Die Untersuchung mit dem gewählten Untersuchungsdesign zeigt, dass NEWS insgesamt 30 Reportagen veröffentlichte, die den Kriterien entsprechen. Die Themenvielfalt ist bunt und die Zuteilung der einzelnen Kategorien ist breit gefächert, nur die Kategorie (D) [Wohnungsnot/Gentrifizierung] wurde nicht abgedeckt. Im Jahr 2009 ließ sich kein passender Text finden. Im Jahre 2010 gibt es einen plötzlichen Anstieg an sozialen Reportagen. Sieben an der Zahl werden veröffentlicht, mit dem Hauptfokus auf Kategorie (C) [Soziale Randgruppen]. Je vier Reportagen finden sich 2011 und 2012. In der ersten Sozialreportage schlüpft Reporterin Sandra Wobrazek in die Rolle einer Bettlerin und mischt sich undercover für 24 Stunden unter die Betteltruppen auf den Straßen Wiens. Mit viel Bildmaterial (insgesamt 12 Fotos) beschreibt Wobrazek den Alltag und die unterschiedlichen Reaktionen der Passanten.[15] Im Jahr 2003 erschien eine Sozialreportage über den herausfordernden Alltag im Wiener AKH von Alfred Worm und Sandra Wobrazek.[16]

Das Jahr darauf 2004 beschäftigen sich Astrid Hofer, Christoph Lehermayr und Birgit Kahapka unter dem Titel "Flüchtlings-Politik vorm Kollaps" mit den desolaten Zuständen im Flüchtlingsheim Traiskirchen.[17]

Der Alltag am "Arbeitsstrich" wird von Oswald Hicker und Christoph Lehermayr im Selbsttest 2005 thematisiert.[18] Während 2009 mit diesem Auszählungsraster keine Sozialreportage gefunden wurde, veröffentlichte das Blatt 2010 gleich sieben entsprechende Artikel. Die Arbeitsweltreportage "Bei den illegalen Kohlejägern" von Christoph Lehermayr[19] beschreibt den harten Alltag der Kohlengräber in Polen, wie sie unter Lebensgefahr für wenig Geld nach Kohle suchen.

Lehermayr zeigt in seiner Reportage "Daheim bei den Bettlern"[20], dass es mehr Gerüchte als gesichertes Wissen über bettelnde Menschen gibt. Er macht sich auf den Weg in das – wie er es nennt "Bettlerdorf" – Hodejov 300 Kilometer hinter Wien in der Slowakei, erzählt den Alltag von Pavol und Bela und ihre Beweggründe nach Wien zum Betteln fahren. Er folgt Bela bis nach Hause in die Slowakei und schildert persönliche und existenzielle Probleme der Roma, fernab jeglicher Bettelmafia-Vorstellungen. Die Reportage von David Pesendorfer mit dem Titel "Der Pflege-Export"[21] von 2012, die unter die Kategorie (E) [Gesundheitliche/Soziale Institutionen] fällt, handelt von österreichischen PensionistInnen, die aufgrund ausufernder Pflegekosten im Inland in slowakische Pflegeheime verlegt werden. Erklärt werden die Motive der Angehörigen und das Problem der Finanzierung der Altersversorgung in Österreich.

Zusammenfassend lässt sich erkennen, dass es keinen eindeutigen Trend der thematischen Auswahl gibt, dennoch zeigt sich, dass mehr als 50 % der veröffentlichten Reportagen der Kategorie der [Sozialen Randgruppen] zuzuordnen ist. Obdachlosigkeit, Bettelei und Armut finden bei NEWS den meisten Zuspruch für redaktionelle Inhalte. Auffallend war, dass die Grenze von Reportage zu Bericht oder Newsstory bei NEWS besonders schwer auszudifferenzieren war. Daher ist eine Vermischung dieser unterschiedlichen journalistischen Formen nicht auszuschließen. Die Texte sind insgesamt kürzer gehalten und mit weit mehr Bildmaterial unterlegt. Ethnische Randgruppen kamen auffallend oft im Jahre 2007 vor. Ob diese Häufigkeit mit dem Fall "Arigona Zogaj" zu tun hat, der in diesem Jahr große mediale Aufmerksamkeit bekam, ist natürlich reine Spekulation und ließe sich nur durch weitere empirische Untersuchungen abklären.

Zweimal erscheint ein Bericht über die Arbeitslage im Wiener AKH, einmal im Jahr 2003 und dann neun Jahre später im Jahre 2012. Klassische Arbeitsweltreportagen wie man sie von Max Winter kennt, finden redaktionell keinen großen Zuspruch mehr. Nur Christoph Lehermayr schenkt dieser Kategorie zweimal seine Aufmerksamkeit. In der Reportage "Kälte & Kohle"[22] beschreibt er vor Ort den harten Alltag in einem Kohlestollen in Rumänien. Hier ein kurzer Auszug aus seiner Sozialreportage:

"Es ist ein bloßer Erdhügel, der uns empfängt. Schiefergestein, in das ein Loch gegraben wurde, welches in die Tiefe führt. Der Einstieg ist zwei Meter hoch, dann geht es geduckt hinunter ins Dunkel. (…) Wir mustern die Mine, sehen Birkenstämme, die sie behelfsmäßig abstützen, spüren die Kälte, die in unsere Körper kriecht. Wer alte Zeichnungen von Stollen aus dem Mittelalter kennt, fühlt sich dorthin zurückversetzt. (…) Mehr als 300 Menschen hat die Kältewelle in Europas Osten bereits dahingerafft. Anfangs Obdachlose, bald aber auch solche, die einfach in ihren unbeheizten Wohnungen erfroren sind. Nicht irgendwo in Sibirien, sondern in Europa, wo mancherorts Zukunft zu einem Wort ohne jegliche Bedeutung verkümmert ist."

Schon zwei Jahre davor veröffentlichte Lehermayr – wie bereits erwähnt – eine Reportage, in der er in Polen mit illegalen Kohlegräbern mit in den Schacht stieg.

Die statistische Auswertung der vorhandenen Sozialreportagen in NEWS zwischen 2002 und 2012 ergibt hinsichtlich der eingangs eingeführten Kategorien tabellarisch folgendes Bild (Vgl. Tab 2):


Tab. 2: Sozialreportagen in NEWS zwischen 2002 und 2012

6. Fazit

Im Vorfeld der Untersuchungen stand die Vermutung, dass die Sozialreportage nach einer Blütezeit in den 70er Jahren zu keinem erneuten Aufschwung gelangte. Gründe dafür lieferten die Tatsache, dass viele der Sozialreporter der 70er Jahren der damaligen Studentenbewegung entsprungen sind und eine allgemein höhere Affinität zu bürgerorientierter Arbeit en vogue war, was nach Ansicht der Autorin nicht im gleichen Maß auf die letzten zehn Jahre zutrifft. Bürgerprotest und die Anprangerung sozialer Missstände passiert jetzt meist abseits der klassischen Medien. Auch trotz immer rasanter wachsenden Kommunikationsmöglichkeiten über das Internet, die zwar neue Publikationsoptionen schaffen und trotz der Finanzkrise aus dem Jahre 2007, die viele Menschen plötzlich in eine akute Armutslage brachte, nahm die Autorin an, dass es zu keiner Renaissance der Sozialreportage in den österreichischen Printmedien gekommen ist. Hauptsächlich aufgrund der schwierigen ökonomischen Umstände in denen sich traditionelle Magazine und Zeitungen seit Jahren befinden. Online gibt es zwar immer mehr Wege sich abseits des traditionellen Weges Gehör zu verschaffen, dennoch unterliegt dieses Medium einer enormen Beschleunigung und Geschwindigkeit, wodurch es schwer für den professionellen Journalismus ist fundiert recherchierte Reportagen zu veröffentlichen.

Überraschenderweise konnte festgestellt werden, dass trotz pessimistischer Vermutung, sozialkritische Themen sehr wohl in Reportagen der beiden Wochenmagazine FALTER und NEWS Platz fanden. Interessanterweise fand dies bei beiden Blättern ab Mitte der zweiten Untersuchungshälfte statt. Besonders beim FALTER war der Anstieg besonders signifikant. In den Jahren 2009 und 2010 verdoppelten sich, laut Analyse, die sozialen Reportagen sogar.

Die Untersuchung hat ergeben, dass der FALTER eine höhere Anzahl (mit 63 im Vergleich zu NEWS mit 30 Beiträgen) an sozialkritischen Reportagen veröffentlicht hat und die Themenschwerpunkte unterschiedlich gelegt wurden. Während NEWS seine Reportagen meist sozialen Randgruppen wie Obdachlosen widmet, legt der FALTER seinen Hauptfokus auf [Ethnische/Religiöse Randgruppen]. Die Tatsache, dass NEWS meist österreichfixiert bleibt und sich auf die sozialen Randgruppen konzentriert liegt wohl an der anvisierten Zielgruppe der Zeitschrift. Bemerkenswerterweise kamen Reportagen über Homosexualität und die Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Paaren nicht vor. Einzig die Reportage "Der Tag an dem Aeryn" verschwand, schneidet die Problematik der Homophobie kurz an.

Reportagen, die den Alltag von Menschen mit Behinderung erzählen, und Geschichten über Armutslagen von Personen, die zwar nicht obdachlos sind, dennoch von einer manifesten Armut betroffen sind, finden sich in meiner Analyse nicht wider, obwohl sich laut mehreren Studien z. B. die Altersarmut verschlimmert hat.

Reine Sozialreportagen nach dem Vorbild eines Egon Erwin Kisch, verdeckte Recherchen wie bei Max Winter oder enthüllende Industriereportagen im Sinne Günter Wallraffs ließen sich keine finden. Von Interesse wären Nachforschungen ob es zu Verbesserungen nach einer Veröffentlichung gekommen ist, wie es sie beispielsweise für die Ziegelarbeiter nach Viktor Adlers Recherche über die skandalösen Zustände in den Ziegelfabriken von Wien Favoriten gegeben hat. Eine qualitative Analyse der verwendeten Methoden und Techniken und eine Befragung der zuständigen RedakteurInnen über die genauen Motive hinter der Auswahl und Ignoranz bestimmter Themen, würde ebenfalls für weitere spannende Ergebnisse sorgen.

Zusammengefasst ergibt sich die Behauptung, dass soziale Bereiche durchaus noch in der Berichterstattung ihren Platz bekommen, obwohl eine wirklich fundierte Auseinandersetzung über einen längeren Zeitraum meist fehlt. Für solche zeitintensiven Recherchen eignet sich die Buchform meist besser. Am Schluss sei noch angemerkt, dass österreichische engagierte JournalistInnen oft auf bürokratische Hürden und auf den Widerstand gesellschaftlicher Eliten stoßen. Auch innerhalb journalistischer Kreise gibt es keine einheitliche Front, um auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. Im Gegenteil, auch hier gibt es genügend angepasste KollegInnen, die ihre Privilegien keineswegs zugunsten kritischer Berichterstattung aufs Spiel setzen möchten. Nicht vergessen darf man auch, dass das politische Gesinnungs-Spektrum in den Medienberufen ebenfalls sehr bunt ist und nicht im Geringsten alle an einem Strang ziehen. Sozialreportagen können nur Impulse für Veränderungen bieten und den Fokus der Aufmerksamkeit kurzzeitig auf eine Problematik legen. Für tatsächliche langfristige Verbesserungen bedarf es einer gesellschaftlichen Bewegung. Sie wäre es, die einzig und allein durch massiven Druck den Einfluss auf politische Entscheidungen wahrnehmen könnte. Entmutigen lassen darf sich der engagierte Journalismus dennoch nicht. Seine Notwendigkeit bekräftigt Wallraff: "Eine Gesellschaft, die sich demokratisch nennt, muss es sich auch gefallen lassen an ihren Extremen gemessen zu werden."[23]


Anmerkungen

[1] Die Veröffentlichung der Ergebnisse fand 2013 statt, einige Zeit bevor das Thema "Flucht" und "Geflüchtete" die Titelblätter europäischer Medien beherrschte. Interessant wäre dementsprechend weiterführend die Frage, ob sich die behandelten Themen und Probleme in aktuellen und kommenden Sozialreportagen tatsächlich unterschiedlich zu jenen in der hier zusammengefassten Untersuchung verhalten.

[2] Vgl. Klenk, Florian: Die Geschichte der verbannten Mutter, in: FALTER, Nr. 46/10 vom 17.11.2010, 16.

[3] Vgl. Atteslander, Peter (2010): Methoden der empirischen Sozialforschung, 13. Auflage, Berlin: Erich Schmidt, 203.

[4] Vgl. Holsti 1969: 95, zit. nach: Merten 1995: 98f.

[5] Vgl. Atteslander 2010: 205.

[6] Vgl. Zarinfard, Sahel (2011): Inder arbeiten gerne und zuverlässig. Wer legt frühmorgens die Zeitung vor die Tür, in: NEWS Nr. 29/11 vom 28.09.2011.

[7] Vgl. Stimeder, Klaus/Weissenberger, Eva (2002): Schlampe, Swinger, Slinger, in: FALTER Nr. 8/02 vom 20.02.2002, 64.

[8] Vgl. Weiß, Michael (2009): Ins eigene Fleisch, in: FALTER Nr. 18/09 vom 29.04.2009, 12.

[9] Online unter: https://www.brodnig.org/2010/09/28/nguyens-europa/ (letzter Zugriff: 15.03.2016).

[10] Vgl. Gepp, Joseph (2008): Der Tag an dem Aeryn verschwand, in: FALTER Nr. 47/08 vom 19.11.2008, 40.

[11] Vgl. Klenk, Florian (2010): Die Frauen im Feuer, in: FALTER Nr. 23/10 vom 09.06.2010, 10.

[12] Ebd.: 10.

[13] Vgl. Hamann, Sibylle (2012): Ausgerechnet Amstetten, in: FALTER Nr. 31/12 vom 01.08.2012, 13.

[14] Vgl. Hamann, Sibylle (2008): Immer an der Kippe, in: FALTER Nr. 44/08 vom 29.10.2008, 20.

[15] Vgl. Wobrazek, Sandra (2002): Ich war Bettler, in: NEWS Nr. 32/02 vom 08.08.2002, 42.

[16] Vgl. Wobrazek, Sandra/Worm, Alfred (2003): Der AKH-Report, in: NEWS Nr. 12/03 vom 20.03.2003, 74.

[17] Vgl. Hofer, Astrid/Lehermayr, Christoph/Kahapka, Birgit (2004): Flüchtlingspolitik vorm Kollaps, in: NEWS Nr. 35/04 vom 26.08.2004, 34.

[18] Vgl. Hicker, Oswald/Lehermayr, Christoph (2005): Schuften für fünf Euro pro Stunde, in: NEWS Nr. 19/05 vom 12.05.2005, 47.

[19] Vgl. Lehermayr, Christoph (2010): Bei den illegalen Kohlejägern, in: NEWS Nr. 07/10 vom 18.02.2010, 32.

[20] Vgl. Lehermayr, Christoph (2010): Daheim bei den Bettlern, in: NEWS Nr. 14/10 vom 08.04.2010, 12ff.

[21] Vgl. Pesendorfer, David (2012): Der Pflege-Export, in: NEWS Nr. 18/2012 vom 03.05.2012, 38ff.

[22] Vgl. Lehermayr, Christoph (2012): Kälte & Kohle, in: NEWS Nr. 06/2012 vom 09.02.2012, 24ff.

[23] Vgl. Linder, Christian (Hg.) (1986): In Sachen Wallraff. Von Industriereportagen bis Ganz unten. Berichte, Analysen, Meinungen und Dokumente, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 16.


Literatur

Atteslander, Peter (2010): Methoden der empirischen Sozialforschung, 13. Auflage, Berlin: Erich Schmidt.

Gepp, Joseph (2008): Der Tag an dem Aeryn verschwand, in: FALTER Nr. 47/08 vom 19.11.2008, 40.

Hamann, Sibylle (2012): Ausgerechnet Amstetten, in: FALTER Nr. 31/12 vom 01.08.2012, 13.

Hamann, Sibylle (2008): Immer an der Kippe, in: FALTER Nr. 44/08 vom 29.10.2008, 20.

Hicker, Oswald/Lehermayr, Christoph (2005): Schuften für fünf Euro pro Stunde, in: NEWS Nr. 19/05 vom 12.05.2005, 47.

Hofer, Astrid/Lehermayr, Christoph/Kahapka, Birgit (2004): Flüchtlingspolitik vorm Kollaps, in: NEWS Nr. 35/04 vom 26.08.2004, 34.

Holsti, Ole. R. (1969): Content Analysis for the Social Sciences and Humanities, Boston: Addison-Wesley Pub. Co.

Klenk, Florian (2010): Die verbannte Mutter, in: FALTER Nr. 46/10 vom 17.11.2010, 16.

Klenk, Florian (2010): Die Frauen im Feuer, in: FALTER Nr. 23/10 vom 09.06.2010, 10.

Lehermayr, Christoph (2010): Daheim bei den Bettlern, in: NEWS Nr. 14/10 vom 08.04.2010, 12ff.

Lehermayr, Christoph (2010): Bei den illegalen Kohlejägern, in: NEWS Nr. 07/10 vom 18.02.2010, 32.

Lehermayr, Christoph (2012): Kälte & Kohle, in: NEWS Nr. 06/2012 vom 09.02.2012, 24ff.

Linder, Christian (Hg.) (1986): In Sachen Wallraff. Von Industriereportagen bis Ganz unten. Berichte, Analysen, Meinungen und Dokumente, Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Merten, Klaus (2013): Inhaltsanalyse: Einführung in Theorie, Methode und Praxis, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Pesendorfer, David (2012): Der Pflege-Export, in: NEWS Nr. 18/2012 vom 03.05.2012, 38ff.

Stimeder, Klaus/Weissenberger, Eva (2002): Schlampe, Swinger, Slinger, in: FALTER Nr. 8/02 vom 20.02.2002, 64.

Schüller, Christian (2010): Unter Außenseitern. Sozialreportagen aus 30 Jahren, Wien: Kremayr & Scheriau.

Weiß, Michael (2009): Ins eigene Fleisch, in: FALTER Nr. 18/09 vom 29.04.2009, 12.

Wobrazek, Sandra (2002): Ich war Bettler, in: NEWS Nr. 32/02 vom 08.08.2002, 42.

Wobrazek, Sandra/Worm, Alfred (2003): Der AKH-Report, in: NEWS Nr. 12/03 vom 20.03.2003, 74.

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