Neue Medien

1/2016 - Printmedien in Österreich

Rezension: Ecocriticism. Eine Einführung

von Gabriele Dürbeck, Urte Stobbe (Hg.)

AutorIn: Johanna Lenhart

Im angloamerikanischen Raum ist Ecocriticism bereits seit Längerem fixer Bestandteil des wissenschaftlichen Diskurses. Johanna Lenhart rezensiert für die MEDIENIMPULSE die erste deutschsprachige Einführung und verweist auf die diesbezügliche Überlappung unterschiedlicher Forschungsansätze ...

Verlag: Böhlau
Erscheinungsort: Köln, Weimar, Wien
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN 978-3-412-50165-5


Cover: Ecocriticism
von Gabriele Dürbeck und Urte Stobbe (Hg.)
Quelle: Amazon

In den letzten Jahren ist Ecocriticism immer mehr im deutschsprachigen Raum angekommen: Grundsätzlich interdisziplinär angelegt und sehr anschlussfähig an verschiedenste Konzepte, rücken auch hierzulande ökokritische Diskurse wie Umweltzerstörung, das Verhältnis von Natur und Mensch oder die kritische Hinterfragung von Begrifflichkeiten wie "Landschaft", "Wildnis" oder "Tier" in den Fokus der Literatur- und Kunstbetrachtung.

Im deutschsprachigen Raum erst ab den 1990ern zögerlich in den (literatur-) wissenschaftlichen Diskurs integriert, gab es besonders im angloamerikanischen Raum bereits ab den 1960er Jahren ökokritische Studien, vor allem zur Neubewertung des romantischen – US-amerikanischen – Naturverständnisses zwischen Nature Writing und "Wildnis". Diese Studien waren bereits in dieser frühen Phase immer politisch orientiert, stand doch mit der Thematisierung und Problematisierung der Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt auch stets die Forderung nach einer Revision des menschlichen Umgangs mit der Natur im Raum. Später wurden diese frühen angloamerikanischen Ansätze ergänzt durch ein verstärktes Interesse an urbanen Räumen und deren Bezug zur Natur sowie der Thematisierung von Nachhaltigkeit und Umweltgerechtigkeit und deren Vermittlung in Literatur und anderen Medien. Gleichzeitig bewiesen ökokritische Ansätze durch die Verknüpfung etwa mit feministischen Positionen oder den Postcolonial Studies auch ihre Fruchtbarkeit für die Erweiterung theoretischer Konzepte. Und auch in Literatur, Film und Kunst kam es verstärkt – oft über eine Beschäftigung mit Raumkonzepten – zu einer bewussten Verarbeitung von Themen des Ecocriticism, wie man in einem thematischen Trend zu Wettererscheinungen (etwa in den sich häufenden Klimawandelromanen) beobachten kann, die sich aber auch in Dystopien und Ökoapokalypsen wie Margaret Atwoods "MaddAddam"-Trilogie (2003–2013) oder in der kritischen Hinterfragung des Mensch-Tier Verhältnisses und der Handlungsmacht der nicht-menschlichen Natur, wie es zum Beispiel die (Text-) Installation "The Museum of The History of Cattle" (2013) von Terike Haapoja und Laura Gustafsson vorführt, niederschlägt.

Die Einführung der Germanistinnen Gabriele Dürbeck und Urte Stobbe versammelt Texte renommierter ökokritisch arbeitender AutorInnen, die sich mit theoretischen Konzepten, der Entwicklung und Etablierung des Ecocriticism in Deutschland, sowie dem ökologischen Potential von verschiedenen Kunstformen beschäftigen – von ökokritischer Lyrik oder Kinder- und Jugendliteratur, über Grüne Filmstudien bis hin zu Eco-Art. Die einzelnen Beiträge bieten jeweils kurze thematische bzw. (gattungs-) theoretische Einführungen und kurze exemplarische Analysen einzelner Werke sowie ausführliche Forschungsüberblicke. Dabei zeigen besonders die Beiträge zu theoretischen Konzepten wie sehr ökokritische Konzepte bereits in verschiedensten wissenschaftlichen Diskursen angekommen sind: Von Biosemiotik, die Zeichensysteme jenseits menschlichen Ursprungs untersucht, über die Cultural Animal Studies und das Konzept des Anthropozän bis hin zum New Materialism werden theoretische Dimensionen der Ökokritik verhandelt. Besonders der Fokus auf Materialität hat sich im Ecocriticism durchgesetzt, etwa über die Cyborg Figur bei Donna Haraway im Ökofeminismus oder auch in den Cultural Animal Studies, der Tiere nicht, wie in den bisher zentralen text- bzw. diskursorientieren Ansätzen, als rein semiotische Objekte, sondern eben als "körperliche, materielle Wesen" analysierbar macht. Tiere und Natur (bzw. die physisch erfahrbare Umwelt im Allgemeinen) werden im ökokritischen New Materialism als "schon immer selbst kreativ und agenziell" verstanden, die im Sinne einer "Storied Matter" auch als zum menschlichen Erzählen komplementäres Narrativ gelesen werden können.

Ein weiterer Schwerpunkt der Einführung ist die Entwicklung des Ecocriticism in Deutschland, der sowohl von theoretischer Seite, etwa in der Verbindung mit der Kritischen Theorie besonders zu Walter Benjamins Überlegungen zur Natursprache sowie Theodor W. Adornos Naturästhetik, betrachtet wird, als auch historisch die Geschichte der Umweltbewegung in Deutschland zwischen Waldsterben und Antiatomkraftbewegung sowie die Etablierung des Ecocriticism in der deutschen Wissenschaft beleuchtet. Gerade für den deutschen Kontext macht die kritische Thematisierung der Beziehung zur Umwelt Sinn, wird doch umweltpolitisches Engagement auch als Teil einer neuen kulturellen Identität nach dem Zweiten Weltkrieg verstanden – gerade politisch engagierte AutorInnen wie Christa Wolf ("Störfall", 1987) oder Günter Grass ("Die Rättin", 1986) beschäftigen sich mit den Auswirkungen eines scheinbar ungezügelten Kapitalismus und Fortschrittswillen auf Natur und Umwelt und verbinden so bereits früh ökokritische Ansätze mit einer grundsätzlichen Kulturkritik.

Zu guter Letzt widmet sich die Einführung noch gattungs- und medienspezifischen Ausprägungen des Ecocriticism: Von neuen Perspektiven auf Altes, wie Bukolik oder Idylle, über neue, genuin ökokritische Genres wie den Ökothriller oder den Klimawandelroman zeigen die Beiträge Verbindungen und Potentiale für ökokritische Lesarten in verschiedensten Bereichen auf und beziehen auch ökokritische Spielweisen in anderen Medien wie Film und bildender Kunst mit ein. So eröffnet der Band verschiedenste Perspektiven auf die Möglichkeiten des Ecocriticism und bietet, auch wenn sich die Beiträge durch die teilweise sehr detaillierten Forschungsüberblicke mitunter wie eine kommentierte Bibliografie lesen, durch die konzise und verbindungsreiche Analyse des "ökologischen Imaginären" einen facettenreichen Überblick auf aktuelle Konzepte des

Tags

ökokritizismus, ecocriticism, natur, kultur, umwelt, nachhaltigkeit