Neue Medien

1/2016 - Printmedien in Österreich

Rezension: Pasolini – Haneke: Filmische Ordnungen von Gewalt

Navigationen, Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften (Jg. 14/1) von Marijana Erstić und Christina Natlacen (Hg.)

AutorIn: Raffaela Rogy

Raffaela Rogy präsentiert den LeserInnen der MEDIENIMPULSE einen bemerkenswerten Band der kulturwissenschaftlichen Zeitschrift "Navigationen", in dem die revolutionären Werke von Piere Paolo Pasolini und Michael Haneke einem eingehenden Vergleich unterzogen werden ...

Abstract

In der Ausgabe "Pasolini-Haneke: Filmische Ordnungen von Gewalt", der von Jens Schröter herausgegebenen medien- und kulturwissenschaftlichen Zeitschrift "Navigationen" nehmen sich die zehn AutorInnen dieses Hefts dem filmischen Schaffen von Pier Paolo Pasolini und Michael Haneke an. Die Beiträge dieses von Marijana Erstić und Christina Natlacen herausgegeben Bandes, die im Rahmen einer Tagung an der Universität Siegen im Oktober 2012 entstanden sind, machen sich zum Ziel die sozio-politischen Ordnungen von Gewalt sowie deren Visualisierung im Körper und anhand der Gesten der ProtagonistInnen in den Filmen der Regisseure Pasolini-Haneke zu analysieren.


Verlag: universi
Erscheinungsort: Siegen
Erscheinungsjahr: 2014
ISSN: 1619-1641


Cover: Navigationen
Pasolini - Haneke Filmische Ordnungen von Gewalt
von Marijana Erstić und Christina Natlacen (Hg.)
Quelle: Universität Siegen

Zweifelsfrei zählen sie zu der Riege kontrovers diskutierter Regisseure, erheben sie doch die Unerträglichkeit von Gewalt zum Stilmittel im Film, das Missstände in gesellschaftlichen und politischen Machtgefügen sichtbar werden lässt: Pier Paolo Pasolini und Michael Haneke. Pasolini verortet in seinen Texten und Filmen sozio-politische Themen, die vor allem im (Sub-)Proletariat zu finden sind aber auch die Probleme der Bourgeoise in Italien und Westeuropa Ende der 1960er Jahre aufzeigen. Der rund eine Generation jüngere Haneke siedelt sein filmisches Werk vermehrt im bürgerlichen Leben an, in welchem er Kritik an der vorherrschenden Ordnung der kapitalistischen Leistungsgesellschaft übt. Das Sichtbarwerden bzw. die Darstellung von Gewalt, die eine ethische Dimension markiert, offenbart sich stets in der Geste. Der vorliegende Sammelband "Pasolini – Haneke: Filmische Ordnungen von Gewalt" zeigt diese Visualisierung von Gewalt am Körper und mittels Gesten der Protagonisten im Rahmen eines bestimmten Machtgefüges in Filmen von Pasolini und Haneke auf. Im Vorwort weisen die Herausgeberinnen Marijana Erstić und Christina Natlacen in Rückgriff auf Georges Didi-Hubermans Buch "Überleben der Glühwürmchen" auf die Verkörperung der Politik am Körper hin. Die Metapher des Glühwürmchens, die erstmalig bei Dante Erwähnung findet, formiert ein utopisches Licht, das für eine bessere Welt einsteht. Pier Paolo Pasolini benützt diese Metapher der Lichtwesen, denen eine Widerstandskraft innewohnt, um deren Verschwinden – also das Scheitern von Utopien – im zeitgenössischen Italien zu demonstrieren. Jene Vernichtung der Glühwürmchen, die auf unausgewogene politische Verhältnisse beruhen, können, so Erstić und Natlacen, auch mit Hanekes Thematisieren von Gewalt gelesen werden.

Im ersten Beitrag widmen sich Konrad Paul und Hans Jürgen Wulff gemeinsam der vielschichtigen Bedeutungskonstitution in Pasolinis Film "Salò oder Die 120 Tage von Sodom" (1975) und werfen u. a. einen Blick auf die reflexive Inszenierung der Theatralität des Rituellen. Oliver Jahraus entscheidet sich ebenfalls für "Salò" und verbindet überzeugend Überlegungen zum Skandalfilm mit den Modifikationen der Literaturverfilmung und den ästhetischen Strategien Pasolinis. In "Eros, Passion und Gewalt bei Pasolini" arbeitet Uta Felten den Begriff des "geistigen Kinos" im Sinne Gilles Deleuzes sowie die damit verbundene Dekonstruktion bestehender Dichotomien anhand der Werke Pasolinis heraus. Eine Medienanalyse der besonderen Art gelingt Marcus Stiglegger, der eine Transformation von archaischen Mythen und Opfererzählungen im Kino und insbesondere in Filmen von Pier Paolo Pasolini entdeckt. Jörg Metelmann diskutiert in seiner medienkulturwissenschaftlichen Analyse die Technik der Subjektivierung von Jugendlichen mit dem (ästhetischen) Aspekt der Gewalt und verschaltet gewinnbringend das deutsche Fernsehmelodram "Wut" (2006) mit Haneke und Pasolini. Die Widersprüchlichkeit der Figuren in Pasolinis "Mamma Roma" (1962), die zwischen psychischer Gewalt und einer raffinierten Ästhetisierung von Unschuld hin und her pendelt, durchleuchtet Donatella Chiancone-Schneider für den vorliegenden Sammelband. Um die Frage nach Wirklichkeit und Authentizität geht es in dem Beitrag von Christina Natlacen, die die Kriegsfotografien in Michael Hanekes "Code inconnu" (2000) untersucht hat und dabei diese "intermedialen Hybride" (S.103) mit der Debatte von Zeigen oder Nichtzeigen von Gewaltbildern verknüpft. Marijana Erstić stellt den filmisch inszenierten und ambivalenten Schrei in Hanekes "Lemminge II" (1979) und Pasolinis "Teorema" (1968) ins Zentrum ihrer Betrachtungen und baut gekonnt über Gilles Deleuze eine intermediale Brücke zu den Gemälden von Francis Bacon. Schreie sieht und hört man auch im Film "Black Swan" (2010) von Darren Aronofsky, den Theresa Vögle mit Michael Hanekes "La pianiste" (2001) in Bezug setzt und dabei das Scheitern der jeweiligen Heldin, das an Empfindungen von Lust, Schmerz, physischer und psychischer Gewalt bis hin zum Körperhorror und dysfunktionalen Beziehungen gekoppelt ist, behandelt.

Der Band "Pasolini – Haneke: Filmische Ordnungen von Gewalt" stellt trotz seiner klaren Themenstellung einen Vorrat an vielseitigen Zugangs- und Betrachtungsweisen für die Leserschaft zur Verfügung. Obwohl eine zeitliche Distanz und unterschiedliche Milieus zwischen dem Werk Pasolinis und dem Hanekes vorliegen, wird eine Verbundenheit und gemeinsame Korrespondenz zwischen den beiden Regisseuren deutlich. Die Beiträge der zehn AutorInnen zeichnen sich alle durch wissenschaftliche Qualität und Prägnanz aus, stellen aktuelle, gesellschaftspolitische Fragen und Bezüge her und scheuen keine transmedialen Sprünge. Schließlich sei erwähnt, dass seit 2015 das Heft "Pasolini – Haneke: Filmische Ordnungen von Gewalt" den LeserInnen auch online zur Verfügung steht: https://www.uni-siegen.de/universi/katalog/zeitschriften/navigationen/568647.html (letzter Zugriff: 15.03.2016)

Tags

filmgeschichte, ästhetik, pasolini, haneke