Neue Medien

1/2016 - Printmedien in Österreich

Rezension: Geniekult in Geisteswissenschaften und Literaturen um 1900 und seine filmischen Adaptionen

AutorIn: Raffaela Rogy

Raffaela Rogy liest die brillante Habilitationsschrift von Julia Barbara Köhne und macht sich auf Spurensuche nach dem Geniekult in der Moderne und insbesondere in den Geisteswissenschaften und Literaturen um 1900. Wie aktuell ist der Geniediskurs?

Abstract

Die Kulturwissenschaftlerin Julia Barbara Köhne geht in ihrer auf einer Habilitationschrift basierenden Monografie "Geniekult in Geisteswissenschaften und Literaturen um 1900 und seine filmischen Adaptionen" dem Wesen des Genies auf den Grund und fördert eine beachtliche, transmediale Studie zu Tage, die kulturwissenschaftliche als auch wissenschaftshistorische Theorien mit Geschlechter- sowie Religionsdiskursen verknüpft und mit filmanalytischen Ansätzen bereichert.


Verlag: Böhlau
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3-205-79481-3


Cover: Geniekult
von Julia Barbara Köhne
Quelle: Amazon

Das Genie ist jene zugeschriebene Qualität, die Ikonen und Helden hervorhebt, ein Merkmal für besondere Intelligenz darstellt und oftmals eine Patnerschaft mit dem Wahnsinn sowie eine Liaison mit der Melancholie eingeht. Die Geniefigur genießt über die letzten Jahrhunderte rege Aufmerksamkeit in gesellschafts- und wissenschaftshistorischen Diskursen. Dies führt nicht zuletzt zu einer vielschichtigen semantischen Konnotation und komplexen Symbolik rund um das Genie. In der vorliegenden Studie hat sich Julia Barbara Köhne dem Genie in wissenschaftlichen und literarischen Texten um 1900 und in der Filmlandschaft ab Mitte der 1980er Jahre anhand drei ausgewählter Spielfilme gewidmet.

Köhne wählt die Zeitperiode von 1890–1920, die einen Paradigmenwechsel des Genietopos in Sachen Geschlechter-, Religions- und Nationskonzeption sowie in der Wissenschaftlichkeit zur Folge hatte und nur spärlich erforscht ist. Dieser Umbruch hatte auf das akademische Feld hinsichtlich der Konstruktion von Geniefiguren als Vor- und Leitbilder für die unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen großen Einfluss. Die Genieforschung erlebte um 1900 eine schillernde Ausfärbung rund um den Genietopos, dessen Ambiguität sich einerseits in einem Personenkult und einem Idolatrieverhältnis zeigt und gleichzeitig geistige Deformationen seitens des Genies aufweist wie beispielsweise im Werk "Genie – Irrsinn – Ruhm" von Wilhelm Lange-Eichbaum deutlich wird. Im ersten Teil von "Geniekult" widmet sich Köhne den wissenschaftlichen Operationen des Biografisierens und Metaphorisierens. Biografische Werke dienten meist zur Untermauerung der wissenschaftlichen Genietexte. Diese Mischform aus Biografie und wissenschaftlicher Schrift fand in der Jesusgestalt großen Anklang und hatte die Vergöttlichung des Menschlichen zur Aufgabe, die das Wesen des damaligen, ambivalenten Geniediskurses unterstrich. Die Ambivalenz des Genies wurde durch das Setzen von Metaphern weitergeführt. Insbesonders Naturmetaphern, die das Genie beispielsweise mit dem Sternenlicht in Verbindung bringen, illustrieren und verstellen zugleich die Begrifflichkeit des Genies. Die Denkfigur Genie, die Figuren wie "Frau", "Prostituierte" oder "Jude" ausgrenzt, wurde im besagten Zeitraum bis zu NS- und austrofaschistischen Zeiten mit vererbungstechnischen und rassentheoretischen Ideologien aufgeladen. Die Genieverehrung um 1900, die den gottesähnlichen, westlichen, weißen Männerhelden galt, traf allerdings auch auf kritische Reaktionen wie Julian Hirsch mit "Die Genesis des Ruhmes" (1914) und Edgar Zilsels "Die Geniereligion" (1918) beweisen. Jakob Wassermann kreierte in seiner Novelle "Faustina. Ein Gespräch über die Liebe" (1912) ein mögliches weibliches Geniekonzept, in der er die träge und melancholische Figur Faustina das zeitgenössische Geniemodell der Vergöttlichung und Vergeistigung hinterfragen lässt.

Im zweiten Teil wagt Julia Barbara Köhne nicht nur einen gekonnten Zeitsprung, der ab 1980 einsetzt, sondern auch einen spielenden Medienwechsel von Schrift zu Film: "Der Film dient als Scharnier für die Bildmigration des ‚Genies‘ von sprachlichen zu filmischen Bildern." (S. 407) Das im ersten Teil aufgearbeitete Geniewissen von 1900 wird mit den Spielfilmen "Amadeus" (1984), "Schlafes Bruder" (1995) und "A Beautiful Mind" (2001) zusammengeführt und analysiert. Im Sinne von Elisabeth Bronfens Methode des "crossmapping", das eine fruchtbare Austauschbeziehung zwischen diskursiven und zeitlich anscheinend entlegenen Wissensgebieten zum Ziel hat, und Michel Serres’ Begriff der "Passagen", der die Verbindungswege zwischen unterschiedlichen Wissensgebieten markiert, arbeitet die Grenzgängerin Köhne bemerkenswert die religiösen, vergeschlechtlichenden (Geburts-)Metaphern sowie den eingeschriebenen Wahn der Geniedebatten um 1900 in den genannten Genie-Filmen heraus und streicht dabei die transformierte Rolle der Frau zum männlichen Genie im Film hervor. Der Vorzug von Julia Barbara Köhnes Werk liegt in ihrer präzisen Forschungsarbeit, die die Frage rund um das Genie in der Literatur um 1900 hervorbringt. Die daraus gewonnene Essenz dieses Geniediskurses wird schließlich am Beispiel Film gezielt reflektiert. "Geniekult in Geisteswissenschaften und Literaturen um 1900 und seine filmischen Adaptionen" stellt am Ende die Frage nach dem heutigen Geniedispositiv und bildet eine gewinnbringende Grundlage für weitere Forschungen angesichts von aktuellen Filmen wie "Mr. Holmes" (2015), dessen Geniethematik sich mit Krankheit und Weiblichkeit verbindet, oder "The Big Short" (2015), wo sich das Geniewesen in Anlagestrategien zeigt.

Tags

geniekult, crossmapping, filmgeschichte