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1/2016 - Printmedien in Österreich

Rezension: Kriegserlebnisse eines Friedliebenden. Aufzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg von Julius Deutsch

herausgegeben von Michaela Maier und Georg Spitaler

AutorIn: Lucia Gotz

In einem bisher unbekannten Typoskript beschreibt der Sozialdemokrat Julius Deutsch Teile seiner Fronterfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg. Dabei ergibt sich ein realistisches Gesamtbild, dass Einblicke nicht nur in das Frontleben, sondern auch in den Kriegsalltag erlaubt.

Verlag: new academic press
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-7003-1945-0


Cover: Kriegserlebnisse eines Freidliebenden,
herausgegeben von Michaela Maier und Georg Spitaler
Quelle: Amazon

Julius Deutschs "Kriegserlebnisse eines Friedliebenden", dass Michaela Maier und Georg Spitaler im Sozialdemokratischen Parteistellenarchiv des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung als Typoskript gefunden haben, wird hier zum ersten Mal für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Deutsch beschreibt darin seine Front- und Kriegserlebnisse von 1915 bis Ende 1916. Vermutlich im Zeitraum nach 1917 und vor Kriegsende verfasst, liegt es heute in einer Ausgabe samt Ein- und Heranführung durch die Herausgeber und illustriert mit Fotografien der jeweiligen Situationen aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek vor.

Die Werkseinführung von Michaela Maier und Georg Spitaler liefert Hintergrundinformationen nicht nur zum Autor selbst – Deutsch, der aus einfachen Verhältnissen stammte, legte eine beispielhafte Karriere in der Sozialdemokratischen Partei bis hin zum Staatssekretär für Heereswesen in der Ersten Republik hin, in der Armee brachte er es immerhin bis zum Artillerieoffizier – der Text wird auch in den Kontext von Deutschs Gesamtwerk gestellt und als historische Quelle bewertet. Maier und Spitaler sehen im nun zugänglich gemachten Typoskript, das sie soweit möglich im Original belassen haben, ergänzt nur durch einige Begriffs- oder Personenerklärungen, nicht nur Zeugnis und Bericht der Kriegszeit, sondern auch die Möglichkeit, der Privatperson wie dem politisch engagierten Sozialdemokraten Julius Deutsch näher zu kommen.

Deutschs Text beginnt mit dem Kriegseintritt Italiens und schildert seine Einsätze und damit verbundenen Erlebnisse und Eindrücke in Südtirol/Trentino, Galizien, den Karpatisch-Julischen Alpen und Siebenbürgen und Rumänien. Seine Stationierungen in Weißrussland und am Isonzo, bevor er endgültig vom aktiven Dienst schied, werden nicht mehr behandelt.

In teils fast reportartigem, teils sehr pathetischem Stil schildert Deutsch seinen Kriegsalltag und hinterlässt dabei einen relativ glaubwürdigen und aufrichtigen Eindruck. Den Kriegseintritt Italiens beschreibt er etwa mit den Worten: "Das vorwiegende Gefühl, das mich in diesem Augenblick beherrschte, war das der Neugierde, was jetzt geschehen würde. Es geschah aber gar nicht viel." (43)

Über große Strecken hinweg hat man als LeserIn tatsächlich das Gefühl, eine, wenn auch subjektive, "Deutsche" Wahrheit zu lesen zu bekommen, die nicht nur Propagandafloskeln und patriotische Sprüche wiederkäut. Viel zu realistisch sind dafür auch Deutschs Beschreibungen von Flüchtlingszügen, Leichenbergen und dem Stellungskrieg, an dem er in seiner Funktion als Artilleriebeobachter selbst regen Anteil hatte. Wenn auch seine Anteilnahme und Hilfsbereitschaft teilweise schon fast übermenschlich erscheinen – wie etwa das Bedauern darüber, auf dem Weg zur rumänischen Front bei einem einzigen Halt sämtliche Brotvorräte an hungernde Kinder verschenkt zu haben, weil dadurch bei den darauffolgenden Stationen nichts mehr zum Verteilen übrig war – so bleibt der Gesamteindruck über weite Strecken doch seriös und realistisch.

Immer wieder geht Deutsch in seinem Text auch über einfache Kriegserlebnisbeschreibungen hinaus und schneidet wie beiläufig teilweise auch heute noch aktuelle Themen an. Auf dem Weg zur rumänischen Front beschreibt er etwa die Ortsschilder, auf denen die ruthenischen Ortsnamen offensichtlich dilettantisch übermalt wurden; einer der Auswüchse der Nationalismen, die sich überall im Habsburgerreich zeigen. Auch Rassismus und Antisemitismus in und außerhalb des Heeres beschreibt er oft, wobei die Verbohrtheit und Irrationalität mancher Verleumdungen und Schlussfolgerungen ihn teilweise anscheinend so sehr verwundert, dass er sich nicht einmal mehr gebührend darüber aufregen kann. Auch der Flüchtlingsproblematik widmet er sich immer wieder: "Ja, die dort haben es gut; die bleiben in der Heimat, weit weg vom Krieg, und sind uns noch böse, weil wir nicht zuhause bleiben können wie sie, sondern flüchten müssen" (104).

Neben persönlichen Geschichten, Landschaftsbeschreibungen und Reiseberichten, beschreibt Deutsch aber auch immer wieder die politischen Ereignisse – so zum Beispiel den Tod des Kaisers oder Friedrich Adlers Attentat auf den Ministerpräsidenten Stürgkh – im Zuge derer er Rechtfertigungen versucht, wie er als eigentlich dem Frieden verpflichteter Sozialdemokrat als Soldat dienen kann, was allerdings nur mäßig gelingt. Seine immer wiederkehrenden Erklärungen, der Krieg mache eben aus allen Menschen und Völkern gleichermaßen Bestien, lässt die Frage offen, ob man dagegen etwas unternehmen kann oder nicht. Zu Bewertungen oder gar Beantwortung dieser Frage lässt Deutsch sich aber nicht hinreißen.

Die "Kriegserlebnisse eines Friedliebenden" sind also ein weiteres Zeugnis des Ersten Weltkrieges, die allerdings durch ihre Klarsicht und realistische Ausführung aus der Masse der Kriegstagebücher und ähnlichen Publikationen durchaus herausstechen und sich als wertvolle Quelle verschiedenster Aspekte herausstellen können. Die Einführung der Herausgeber erleichtert ein Nutzen dieser Quelle sogar noch und lädt zu weiterführender Beschäftigung mit dem Thema ein.

Tags

julius deutsch, sozialdemokratie, erster weltkrieg, rezension