Kultur - Kunst

1/2016 - Printmedien in Österreich

"Wenn ich zu lang da war, träum’ ich vom Wegsein"

AutorInnen: Wolfgang Popp / Hanna Biller

Der österreichische Autor und Journalist Wolfgang Popp hat mit "Wüste Welt" einen neuen Roman vorgelegt. Im Interview mit Hanna Biller spricht er über verschwindende Figuren, eine pervers-rätselhafte Schnitzeljagd und warum er nicht mehr darauf warten muss, bis ihn die Muse küsst.

Hanna Biller: In Deutschland lebt ein emeritierter Germanist mit Namen Wolfgang Popp. Hast du von diesem Namensvetter schon mal etwas gehört?

Wolfgang Popp: Ja, ein Experte für homosexuelle Literatur. Aber wir sind weder verwandt, noch bin ich Germanist, ich bin ja Sinologe. Einen Tennisspieler gibt’s auch, der so heißt. Der ist aber nicht so erfolgreich, da seh’ ich schon eher Parallelen. (lacht.)

Biller: Du arbeitest ja als Kulturredakteur bei Ö1 und bist demnach sehr häufig selbst der Interviewende. Wie fühlt es sich für dich an, auf der anderen Seite zu stehen und der zu sein, der interviewt wird?

Popp: Ich finde es sehr angenehm, einmal der sein zu können, der den Sager bringen muss. Und weil ich ja weiß, worauf ich beim Interviewen warte, hoffe ich dann, in etwa das geben zu können, was sich mein Gegenüber von mir erwartet.

Biller: Kannst du sagen, ob dir das eine oder das andere lieber ist?

Popp: Nein. Ich mag eigentlich die Mischung, den Seitenwechsel ganz gern. Dieses Umstellen im Denken, einmal der Fragende zu sein, einmal der Antwortende zu sein, oder mitunter auch der Antwortende, der Fragen aufwirft.

Biller: Im Januar ist in der Edition Atelier dein neuer, mittlerweile dritter Roman "Wüste Welt" erschienen. Deine drei bisher erschienenen Romane fügen sich zu einer Art "Trilogie des Verschwindens" zusammen. Wie zeigt sich dieses Verschwinden im neuesten Buch?

Popp: In diesem Fall ist ein Mensch verschwunden. Ein Mann sucht seinen Bruder. Ich hab mir gedacht, weil im letzten Buch (Anm.: "Die Verschwundenen" Wien: Edition Atelier 2015) die Verschwundenen alle von alleine zurückgekommen sind, wird es diesmal eine Suche. Eine Roadnovel, eine Geister-Geschichte ohne Geister und ein Wüstentagebuch. Vielleicht auch ein bisschen eine pervers-rätselhafte Schnitzeljagd, wo eben immer wieder Hinweise auftauchen und man sich aber die ganze Zeit fragt, warum er nicht einfach auf seinen Bruder wartet und warum sie nicht gemeinsam weiterfahren. Stattdessen fährt er voraus und hinterlässt immer nur Hinweise darauf, wo er sein könnte.

Biller: Die Geschichte spielt ja in Marokko und liest sich so, als ob du auch selbst in Marokko gewesen wärst.

Popp: Bei der Geschichte habe ich quasi das, was ich schon in Teilen meines vorigen Romans "Die Verschwundenen" gemacht habe, noch einmal in radikalerer Form gemacht. Die Geschichte war in Grundzügen vorskizziert, ich habe gewusst, es geht um eine Suche, bei der aber nicht klar ist, was mit dem anderen eigentlich ist. Und dann bin ich – quasi als der Suchende – hingefahren und hab mich tatsächlich auf die Suche nach diesem Phantom gemacht. Aber ich bin dann schon auch wieder völlig ausgeschert. Ich glaube, das ist auch eine ganz wichtige Sache, und das finde ich auch einen interessanten Rhythmus, dass man sich dann auch immer wieder von tatsächlichen Orten befreit und die Kraft oder die Richtung von der Figur vorgegeben wird. Ich halte das für ein wichtiges Rhythmus-Element im Roman.

Biller: "Ausscheren" heißt hier für dich also, dem Ort wieder weniger Wichtigkeit beimessen?

Popp: Genau. Ich meine damit, dass ich dann auch teilweise die Orte links liegen lasse und den Reiseverlauf auch an Orten weitergehen lasse, an denen ich gar nicht war. Ich bin nicht wirklich stringent im Schreiben der Geschichte an den Orten geblieben an die ich gefahren bin, sondern ich bin dann einfach im Schreiben der Geschichte weitergefahren. Und wie gesagt, das find ich ganz interessant, wenn man dann einen rein fiktiven Ort wieder hernimmt und einfach den Ort sein lässt, was er für die Geschichte sein soll.

Biller: Hast du selbst einen Bruder?

Popp: Ja. Der ist aber noch nie ausgebüxt. Da ist überhaupt nichts Autobiografisches drin. Ich bin auch noch nie nach meinem Bruder auf die Suche gegangen. Er aber auch noch nie nach mir. (lacht.) Ich hoffe, dass uns das erspart bleibt, dass wir uns gegenseitig durch die marokkanische Wüste jagen.

Biller: Noch kurz zu deinem Schreiben. Wie funktioniert das literarische Schreiben für dich, du hast ja auch einen "normalen Tagesjob". Sperrst du dich eine Zeit lang ein, schreibst du in der Nacht oder zwischendrin kurz einmal immer wieder?

Popp: Das Schreiben muss das Erste am Tag sein, das kann nicht irgendwann dann noch zusätzlich erfolgen. Deswegen schreib ich eigentlich nur an freien Tagen, an Wochenenden oder im Urlaub, aber durch die journalistische Praxis bin ich’s einfach gewohnt, dass ich funktioniere, wenn ich mich hinsetze. Ich warte dann nicht auf irgendeinen Musenkuss. Da wird der Schalter umgelegt, und dann radelt’s gewöhnlich dahin. Ich hab dann sehr intensive Schreibphasen, die aber nie sehr lang sind. Von Uwe Tellkamp hab ich einmal gelesen, dass er sich in der Früh hingesetzt und losgeschrieben hat und irgendwann hat er gemerkt, er hat solchen Hunger und dann hat er gesehen, dass es inzwischen 22 Uhr abends ist und er überhaupt nicht mitbekommen hat, dass er zehn, zwölf, 13 Stunden am Schreibtisch gesessen ist. So etwas ist mir unbekannt. Ich sacke zwar dann auch völlig weg, aber bei mir sind eben diese intensiven Phasen, diese Flow-Phasen, bei denen ich völlig im Schreiben aufgehe, nicht so lang. Für mich ist es mehr als genug, wenn ich am Tag vier Stunden schreibe, und das eher aufgeteilt auf zwei mal zwei Stunden. Ich bin dann schon auch immer ziemlich ausgelaugt und ausgepumpt, weil eben in diesen paar Stunden sehr viel passiert und ich sehr intensiv an der Sache dran bin, und das reicht dann auch.

Biller: Das heißt, die letzten ca. zehn Jahre journalistischen Arbeitens empfindest du für dein literarisches Schreiben in keinster Weise als hinderlich, sondern eher sogar als förderlich?

Popp: Für die Schreibpraxis ist es auf jeden Fall förderlich. Auch dass man funktionieren muss, weil man in einer oder in zwei Stunden auf Sendung geht, das heißt, das muss einfach passen. Und dieser Drang, dass man die Sachen so gut wie möglich aufs Papier knallt, habe ich sicherlich dadurch gelernt. Bevor ich so intensiv journalistisch gearbeitet habe, kannte ich dieses Prokrastinieren und das Warten auf den Musenkuss auch sehr gut – das hat mir die journalistische Praxis wirklich ausgetrieben. Ich glaube auch an eine gewisse Schnelligkeit, die nichts mit Hast oder Hudelei zu tun hat. Ich glaube einfach an diese Intensität der Konzentration. Wenn man wirklich fokussiert ist, kann man in einer sehr kurzen Zeit sehr viel leisten und unterbringen, das man dann auch nicht noch einmal durchkauen muss. Außerdem wird ja sowieso jedes Manuskript noch etliche Male überarbeitet. Zum anderen ist es dann aber, gerade wenn ich in so einer Schreibphase drin bin, sehr ärgerlich, wenn ich nicht zum Schreiben komme. Wie gesagt, wenn ich einen Arbeitstag habe und dann einen Beitrag über eine Ausstellung in der Albertina oder einen neuen Hollywood-Film geschrieben und aufgenommen und geschnitten hab, dann schreib ich nichts anderes mehr. Der Tag ist dann gegessen.

Biller: Und Schreibblockaden sind dir mittlerweile völlig fremd?

Popp: Das passiert relativ selten, ja. Beim letzten Buch hat’s das überhaupt nicht gegeben. Das war fast magisch, dass das so glatt geht, war mir selber neu. Diesen Flow hab ich vorher auch noch nicht gekannt.

Biller: Kannst du dir vorstellen, selber auch einmal zu verschwinden?

Popp: Ja. (lacht.) Jaja. Ich bin auch einer, der sehr gern allein auf Reisen geht und so, dass keiner sonst weiß, wo ich jetzt gerade bin. Also man weiß, wohin ich geflogen bin, aber mehr auch schon nicht. Ja, das Verschwinden ist auf jeden Fall etwas, von dem ich immer wieder träume. Wenn ich zu lange da war, träum’ ich vom Wegsein.


Literatur

Wolfgang Popp: Wüste Welt
Wien: Editon Atelier 2016
ISBN  978-3-903005-14-3


Cover: Wüste Welt
von Wolfgang Popp
Quelle: Amazon

Tags

literatur, interview