Neue Medien

4/2015 - Medienbildung im Kontext der "PädagogInnenbildung NEU"/Teil 2

Rezension: Die Präsenz des Abjekten in der zeitgenössischen Kunstproduktion – Projekt/Schlafbox

von Valentina Torrado

AutorIn: Raffaela Rogy

Valentina Torrado geht in dem vorliegenden Werk, das auf ihrer Ph. D. Promotion basiert, dem Abjekten im zeitgenössischen Kunstbetrieb nach. Dabei nähert sich die Autorin dem Begriff des Abjekten ebenso wie dessen Funktion in der Kunst …

Abstract

Torrado arbeitet in diesem Buch an ausgesuchten Beispielen die Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Position der KünsterInnen heraus. Zudem stellt Torrado ihr eigenes Projekt "Schlafbox" vor, das die Möglichkeit politische Debatten durch Kunst zu erzeugen hinterfrägt.


Verlag: Velbrück Wissenschaft
Erscheinungsort: Weilerswist
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3-95832-042-0


Cover: Die Präsenz des Abjekten
in der zeitgenössischen Kunstproduktion
von Valentina Torrado
Quelle: Amazon

Die in Montevideo (Uruguay) geborene und heute als Künsterin in Berlin lebende Valentina Torrado promovierte 2014 an der Bauhaus-Universität Weimar zum Thema "Die Präsenz des Abjekten in der zeitgenössischen Kunstproduktion". Dieser Promotionsschrift liegt das vorliegende Buch zu Grunde, das sich in fünf Teile gliedert, an denen sich die Autorin Torrado dem Abjekten und dessen Resonanz auf Kunst und Gesellschaft widmet.

Was ist das Abjekte? Das Abjekte leitet sich von dem Lateinischen "abiectus" ab und bedeutet nachlässig sowie in höchstem Maße niederträchtig und "ist von der Gesellschaft weggeworfenes Material oder Thema, das beim Menschen Ekel und Aversion hervorruft und seine Welt und ihre bestehende Ordnung bedroht." (10) Torrado arbeitet bei der Manifestation des Abjekten drei Formen heraus, die miteinander verwoben sind: das Animalische (Der Wandel vom Sozialisierten zum Instiktiven), das Widerwärtige (Abneigung gegen deformierte Körper, Substanzen, Personen und körperlichen Abfall) und das Monströse (Unregelmäßigkeiten, die die Harmonie des bestehenden Systems gefährden). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nimmt die frühe Kunstavantgarde, insbesondere der Dadaismus, das Abjekte – die Darstellung des Hässlichen und des Horrors – als Werkzeug der Provokation und der Rebellion gegenüber der bestehenden Gesellschaftsordnung. Diese Inszenierungen des Ekelerregenden durch den künstlerischen Prozess am menschlichen Körper, der zu Polemiken und Herausforderungen des politischen Diskurses führt, nimmt Valentina Torrado an Beispielen des Wiener Aktionismus (50er/60er Jahre) sowie der deutschen Autoperforations-Artistik (DDR) in Augenschein. Dabei macht Torrado deutlich, dass Kunstschaffende sich als revolutionäre Individuen verstehen, die die Grenzen zwischen Kunst und politischen Aktivismen sowie Kunst und menschlichem Körper verwischen. Das Abjekte wird dabei als "effektives Mittel der Subversion" (S.11) und das künstlerische Ergebnis als Skandal betrachtet. Das Abjekte dieser Kunstavantgarden wurde auf sozialer Ebene produktiv, da es die Opposition stärkte und dadurch zu Debatten anregte.

Wie sieht es heute mit dem Abjekten in der Kunst aus? Torrado stellt fest, dass sich ein Paradigmenwechsel hinsichtlich der Rolle der KünstlerInnen und des Abjekten in der Kunst vollzogen hat. In der hypermodernen Gesellschaft, die auf einem kapitalistischen System beruht, wird das Abjekte aus einem anderen Blickwinkel funktional und produktiv: "Das Abjekte als Ausdrucksmittel wird zum Konsumprodukt." (S. 113) Die einstige Position der Rebellion der Kunstschaffenden übernimmt jetzt der "Glamourkünstler", der die Verwendung des Abjekten als strategische Maßnahme benützt, um sich als Exzentriker zu präsentieren und so seine Individualität und seinen Wert am Kunstmarkt herauszustreichen. Das Abjekte in der zeitgenössischen Kunst unterliegt, so Torrado, einer Abschwächung des Provokationspotenzials einerseits durch neue Formen der Kommunikationstechnologie, die die Grenzen zwischen Realem und Virtuellem undurchsichtig machen, und andererseits durch die Massen an Bildern, die Ekel und Gewalt in sich tragen. Die Parodie und die Verspottung dieser Ekel-Bilder sind neue Ausprägungen des Abjekten. Der Anklage Torrados, dass die Kunst die Fähigkeit nachhaltig zu berühren und zu bewegen verloren hat, steht ihr eigenes künstlerisches Projekt "Schlafbox" gegenüber. Ziel ist es durch künstlerisch gestaltete Schlafboxen für Obdachlose im öffentlichen Stadtraum von Berlin die soziale Ausgrenzung von Obdachlosen und die damit einhergehenden Konflikte aufzuzeigen. Der damit geschaffene symbolische Raum und die Offenlegung der sozialen Problematik soll Debatten fördern und zeigen, dass das Provokationspotenzial der Kunst noch nicht erloschen ist.

Auf 140 Seiten schafft es Valentina Torrado den Transformationsprozess des Abjekten in der Kunstwelt und die Verbindung zu politischen Ordnungen auf ansprechende Weise und klarem sprachlichem Stil der Leserschaft zu vermitteln. Die Autorin veranschaulicht ihre Analysen mit interessanten Beispielen wie der französischen Künsterlin Orlan, die sich chirurgischen Eingriffen unterzog und deren entnommene Fleischstücke weltweit in Museen zu sehen sind. Zur Untermauerung und Verdeutlichung der Thesen Torrados dienen ausführliche Tabellen sowie Fotos, Entwürfe und Interviews, die das Abstoßende und zugleich Faszinierende des Abjekten zu Tage fördern. Entscheidend bei "Die Präsenz des Abjekten in der zeitgenössischen Kunstproduktion" von Valentina Torrado sind die eigenen Denkansätze der Autorin und Künstlerin, die sich beim Projekt "Schlafbox" zuspitzen, die berühren und hoffentlich auf zahlreiche Debatten stoßen werden.

Tags

das abjekte, kunst, kunstproduktion