Neue Medien

4/2015 - Medienbildung im Kontext der "PädagogInnenbildung NEU"/Teil 2

Rezension: Kafka

von David Zane Mairowitz u. Robert Crumb

AutorIn: Johanna Lenhart

Die inzwischen schon fast als Klassiker gehandelte Comicadaption von Franz Kafkas Leben und Werk wird zwanzig Jahre nach Erscheinen neu aufgelegt. Johanna Lenhart rezensierte für die MEDIENIMPULSE die visuelle Einführung des Autorenduos Crumb/Mairowitz in Kafkas Welt.

Verlag: Reprodukt
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN 978-3-943143-54-6


Cover: Kafka
von David Zane Mairowitz u. Robert Crumb
Quelle: Amazon

Comic-Adaptionen von diversen Texten Kafkas haben in den letzten Jahren, zusammen mit der zunehmenden Anerkennung des Comics als ernstzunehmendem künstlerischen Ausdrucksmittel und einer damit einhergehenden regelrechten Flut an Literaturadaptionen, einiges an Popularität gewonnen. Besonders Erzählungen wie "In der Strafkolonie" (Ricard/Maёl 2007) oder "Die Verwandlung" (Corbeyran/Horne 2009) erfreuen sich wohl auch aufgrund ihrer eindrücklichen visuellen Dimension großer Beliebtheit unter ComiczeichnerInnen und -leserInnen.

Vor diesem Hintergrund ist es auch kaum verwunderlich, dass die inzwischen beinahe zum Klassiker mutierte Comicadapation von Leben und Werk Franz Kafkas vom Verlag Reprodukt nach einigen Neuauflagen in den USA und Großbritannien 2013 auch für den deutschsprachigen Raum in der Übersetzung von Ursula Grützmacher-Tabori neu aufgelegt wurde. Ursprünglich 1993 in der Reihe "Introduction to…" erschienen, bietet "Kafka" in einer Mischung aus illustrierter Biografie und kurzen Comicadaptionen seiner Greatest Hits – von "Das Urteil" und "Der Bau" über "Die Verwandlung", "In der Strafkolonie" und "Der Hungerkünstler" bis hin zu Ausschnitten aus den Fragment gebliebenen Romanen "Der Prozess", "Das Schloss" und "Amerika" – dem ursprünglichen Titel entsprechend eine Einführung in das Leben und Werk Franz Kafkas.

Das Autorenduo, bestehend aus der amerikanischen Undergroundcomix-Legende Robert Crumb, der besonders durch provokante Serien wie "Fritz the Cat" oder "Mr. Natural" bekannt wurde, und David Zane Mairowitz, der sich neben einigen Bänden für die "Introduction"-Reihe v. a. als Hörspielautor hervorgetan hat, sind weder auf dem Gebiet der (Auto-)Biografie, noch der Literaturadaption, noch was Kafka betrifft Neulinge. Mairowitz etwa adaptierte immer wieder literarische Klassiker wie "Moby Dick" für den Rundfunk und beschäftigt sich nach wie vor mit Kafka und Comic (z. B.: Montellier/Mairowitz: "Der Process", 2013) und Robert Crumb, der unter anderem auch autobiografische Schriften von Philip K. Dick ("The Religious Experience of Philip K. Dick") oder Charles Bukowski (z. B. "Bring Me Your Love" ) illustriert hat, zieht – so behauptet es zumindest der Klappentext – nach der intensiven Beschäftigung mit Franz Kafka sogar Parallelen zu seiner eigenen Biografie: "Kafkas Themen wie der Selbsthass, seine Beziehung zu Frauen, die Schuldfrage sind auch meine. Er ist mein Bruder im Geiste."

Ausgehend von der Biografie Kafkas bieten Crumb/Mairowitz einen Einblick in die (sozial-)geschichtlichen Umstände – etwa dem zunehmend erstarkenden Antisemitismus, nationalistische Tendenzen oder die Verankerung Kafkas in der jüdischen Mystik – sowie einen prägnanten Überblick über einige Kafkas Schreiben bestimmende Themenkomplexe wie Sexualität, Körperlichkeit, jüdische Identität oder das schwierige Verhältnis zu seiner Familie. Die Biografie, die eindeutig von der zeichnerischen Gestaltung Crumbs lebt, die dem teilweise sehr verallgemeinernden Text Mairowitz’ und der stellenweise recht holprigen deutschen Übersetzung um einiges voraus ist, krankt aber an einem für die Kafka-Rezeption sehr typischen und vielbeklagten Phänomen der übermäßig biografischen Interpretation seiner Werke, die den Blick auf andere – möglicherweise fruchtbarere – Zugänge verstellen.

Kafka selbst ist an dieser Art der Interpretation nicht ganz unschuldig, spielt er doch gerne mit autobiografischen Signalen und stellt auch in Briefen und Tagebüchern – die Crumb/Mairowitz ebenfalls als ergiebige Quellen erkennen – den Zusammenhang immer wieder her, so schreibt er etwa in einem Brief an Felice Bauer Anfang Januar 1913: "Der Roman bin ich, meine Geschichten sind ich." Wenn die literarischen Texte Kafkas auch sehr von biografischen Umständen geprägt, wie umgekehrt Lebensdokumente wie Briefe etc. stark literarisiert sind, verkürzen die (zeichnerischen) Interpretationen der Texte Kafkas von Crumb/Mairowitz dennoch deren Komplexität, wenn sie sich – beinahe ausschließlich – auf diese Art der Deutung stützen. Besonders deutlich wird dieser Umstand, wenn Crumb/Mairowitz, sowohl in der Einleitung als auch in einem Schlussteil, die Beliebigkeit des zur bildungsbürgerlichen Vokabel verkommenen "kafkaesk" und das Nachleben Kafkas in der Kommerzialisierung als popkulturelle Ikone kritisieren. Der "Kafka-Kult", der sich besonders im inzwischen ‚amerikanisierten‘ Prag beobachten lasse und sich ebenfalls zu großen Teilen auf biografische Fakten stütze ("‚Mittagessen mit Kafka‘ – das ist kein Witz"), wird schließlich durch diese Art der Textinterpretation noch forciert, führt sie doch zu einer Verkürzung und Vereinfachung eines sehr hermetischen Werks, das gerade aus seiner nicht unmittelbaren Erschließbarkeit einen großen Teil seines Reizes und Qualität zieht.

Nichtsdestotrotz erfüllt "Kafka" als populäre Einführung in die Welt des Autors seinen Zweck und übt auch durchaus eine gewisse Faszination aus, die sich vor allem aus den Zeichnungen Crumbs’ speist. Obwohl recht traditionell gehalten, hinterlassen die Bilder, die unter anderem von Fotografien, Zeichnungen und Graphiken von Zeitgenossen Kafkas, wie etwa George Grosz oder Otto Dix, inspiriert wurden und eine sehr wörtliche Umsetzung kafkascher Metaphorik darstellen, teilweise bleibenden Eindruck. So sind etwa die "Gespenster", die den um Luft ringenden Kafka mit einer Hand an der Kehle packen, ihm mit der anderen aber mit spitzen Fingern Feder und Papier reichen und ihm fast fürsorglich den Stuhl zurechtrücken, ein gelungenes Bild für die innere Zerrissenheit und den Schreibzwang, denen sich Kafka Zeit seines Lebens ausgesetzt sah, wie er in einer Tagebucheintragung vom 12. Juni 1923 bekennt: "Immer ängstlicher im Niederschreiben. Es ist begreiflich. Jedes Wort, gewendet in der Hand der Geister – dieser Schwung der Hand ist ihre charakteristische Bewegung – wird zum Spieß, gekehrt gegen den Sprecher."

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kafka, comics, kafkaesk