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4/2015 - Medienbildung im Kontext der "PädagogInnenbildung NEU"/Teil 2

Rezension: Die BeDeutung der SelbstAuslöschung. Aspekte der Suizidproblematik in Österreich von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Zweiten Republik

von Hannes Leidinger

AutorIn: Lucia Gotz

In flüssigem Stil und durch reichlich Zitate und Beispiele illustriert, untersucht Hannes Leidinger verschiedenste Aspekte von Selbstauslöschung in Österreich aus unterschiedlichsten Perspektiven. Dabei zeichnet er sich vor allem durch seine Objektivität und akribische Quellenaufarbeitung aus.

Verlag: StudienVerlag
Erscheinungsort: Innsbruck
Erscheinungsjahr: 2012
ISBN: 978-3-7065-52220-2


Cover: Die Bedeutung der SelbstAuslöschung
von Hannes Leidinger
Quelle: Amazon

Selbstentleibung, Selbsttötung, Selbstmord, Suizid – nach Hannes Leidinger Selbstauslöschung – ist eine Erscheinung, die im Bewusstsein unserer heutigen Gesellschaft nur sehr peripher vorhanden ist und am liebsten schnell wieder verdrängt wird. Mit seiner neu überarbeiteten Habilitationsschrift "Die BeDeutung der SelbstAuslöschung" nimmt Hannes Leidinger sich dieses Themas mit einem österreichischen Schwerpunkt von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Zweiten Republik wissenschaftlich an. Wie der Titel bereits suggeriert, legt der Autor den Fokus dabei besonders auf die Deutung und Bedeutung der Selbstentleibung, Wertungen und Beurteilungen werden möglichst vermieden. Auf über 500 Seiten versucht er dem Suizid beizukommen, "Vollständigkeit konnte" allerdings "ebenso wenig angestrebt werden wie die Hinwendung zu einer ‚Theorie‘ oder einigen ‚Kernthemen‘ beabsichtigt war."(S.12) Anstelle einer einzigen zentralen These bietet Leidinger viel mehr eine breite Fläche an Beobachtungen an, die sich durch die akribische Aufarbeitung verschiedenster Quellen ergibt. Diese umfassen neben den spärlich vorhandenen wissenschaftlichen Bearbeitungen des Themas auch vor allem unglaubliche Mengen an Primärquellen: von Zeitungsberichten über juristische und religiöse Texte, medizinische Schriften, philosophische und psychologische Studien, persönliche Abschiedsbriefe, bis hin zu Mondkalendern und Wochentagsstudien ist wirklich alles dabei – aufgeschlüsselt findet man das in statistischer Form in einem umfangreichen und gut erläuterten Anhang.

Thematisch gliedert Hannes Leidinger seine Arbeit in vier große Bereiche: "Voraussetzungen und Rahmenbedingungen", "Epochen", "Gruppen" und "Grundzüge und Nachbetrachtungen". Beginnend mit der Frage, was Suizid denn überhaupt ist, werden LeserInnen im ersten dieser Abschnitte an Thema und Leitfragen herangeführt und auf Schwierigkeiten aufmerksam gemacht, die schon bei der Benennung des selbstauslöschenden Aktes und seiner Abgrenzung von Unfall, Mord und versuchtem Suizid anfangen. Auch die Quellenlage, streckenweise sehr lückenhaft und je nach Epoche und Ort unterschiedlich, wird hier hinterfragt, und ihre Reliabilität kritisch betrachtet. Der zweite Teil ist chronologisch aufgebaut und reicht in etwa von 1848 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs. Gesetzlicher und kirchlicher Umgang mit Selbstmördern, wie unter anderem Kronprinz Rudolf, Otto Weininger oder Georg Trakl, werden genauso debattiert wie der Umgang mit Selbstauslöschung in Literatur und Kunst und deren Auswirkungen auf die Enttabuisierung und den selbstauslöschenden Akt an sich. Außerdem spielen natürlich die Auswirkungen der beiden Weltkriege, die Rezession in der Zwischenkriegszeit und der Nationalsozialismus eine große Rolle. Hierbei geht Leidinger zum Beispiel auf den politischen Missbrauch von jüdischem Selbstmord als Flucht, durch Zurschaustellung und Inszenierung als "positives Vorbild" für andere Juden, oder die – nur teilweise – schwer auszumachende Trennlinie zwischen Kriegsgefallenen und Selbstmordkommandos, ein. Trotz dieser großen, globalen Themen vergisst Hannes Leidinger dabei nicht, immer wieder auch auf die Individualität des Suizids hinzuweisen. Neben umfassenden Statistiken, teils auch im europaweiten Vergleich, vervollständigen Einzelschicksale, durch persönliche Abschiedsbriefe illustriert, das Bild und vermitteln auch immer wieder Bezüge zur Gegenwart.

Im dritten Abschnitt beschäftigt sich Hannes Leidinger mit dem Vergleich verschiedener ausgewählter Personengruppen: Frauen werden Männern und verschiedene Religionsgemeinschaften einander gegenübergestellt, Jugend wird mit Alter verglichen. Außerdem greift er die statistisch besonders gefährdeten Berufsstände von Hausgehilfinnen und Soldaten heraus, um sich genauer mit ihnen zu beschäftigen. In diesem weniger geschichtlich gebundenen Teil gelingt dem Autor der Brückenschlag zur Gegenwart noch mehr – in diesem Fall ist die Vergangenheit noch viel einfacher und offensichtlicher in der Gegenwart wiederzuerkennen.

Der vierte und letzte Block versucht eine Art Resümee, in das noch weitere, bis dahin weniger ausgebreitete Aspekte wie zum Beispiel der – nach Leidinger durchaus in Zweifel zu ziehende – Einfluss von Wochentagen oder Tageszeiten auf Suizidraten, einbezogen werden. Zusätzlich wird die Prävention selbstauslöschender Akte angesprochen und eine Art Fazit gezogen – wobei sich dieses Fazit bewusst jeder Bewertung enthält, um die vorliegenden Deutungen und Bedeutungen der Selbstentleibung den LeserInnen selbst zu überlassen.

Ein sehr breit aufgestelltes Feld also, das sich Hannes Leidinger zum Thema erwählt hat, und dessen Erforschung durch seine Interdisziplinarität und komplizierte Quellenlage noch erschwert wird. Trotzdem löst er seinen Anspruch der "Grundlagenarbeit und Bestandsaufnahme mit dem Ziel einer Erweiterung der Quellenbasis"(S.21) bravourös ein und erschafft damit einen hervorragenden Überblick über österreichische Neigungen zur Selbstauslöschung – noch dazu in flüssigem Stil und gut lesbar geschrieben, sieht man über die doch relativ häufigen Tippfehler hinweg.

Als LeserIn könnte man sich allerdings die Frage stellen, ob dieser mehr oder weniger auf die Zusammentragung von Fakten beschränkte Anspruch für eine derart umfangreiche Arbeit ausreichend ist und ob von einem so versierten Wissenschaftler und Vortragenden der Uni Wien nicht darüber hinaus noch mehr zu erwarten wäre. Nach knappen 500 Seiten Datenmaterial erscheint die Aussage, es widerstrebe "dem Verfasser zu tiefst, einen ‚Schiedsspruch‘ darüber zu fällen, "wer Recht hat und wer nicht""(S.482) doch ein wenig kurz gefasst, wo er doch in den reichlich vorhandenen Zitaten andere Wissenschaftler sehr wohl Stellung zum Thema beziehen lässt. Vermutlich ist aber genau diese Auslassung jeder moralischen Debatte und Wertung durch den Autor selbst sein Ziel, nicht zuletzt deshalb, weil er so umso objektiver mit den vorhandenen Daten umgehen und sie als Basis für zukünftige Forschung in den Raum stellen kann. Alles in allem ein sehr gelungenes Werk also, dass sowohl auf große Zusammenhänge, als auch auf die Individualität von Selbstauslöschung hinweist und sich dabei seiner eigenen Problematik jederzeit bewusst bleibt.

Tags

selbstmord, suizid, selbstauslöschung, österreich