Praxis

4/2015 - Medienbildung im Kontext der "PädagogInnenbildung NEU"/Teil 2

Radio als roter Faden im Geschichteunterricht

AutorInnen: Elisabeth Neubacher / Manfred Gilbert Martin

Radio als Lernform im Geschichtsunterricht wird von Elisabeth Neubacher und Manfred Gilbert Martin anhand der Erfahrungen am BG/BORG Kirchdorf/Krems in Form eines ausformulierten Dialoges für die MEDIENIMPULSE reflektiert ...

Im folgenden Beitrag soll die Schulradiokooperation beschrieben werden, die seit dem Schuljahr 2011/12 zwischen dem Freien Radio B138 und dem BG/BORG Kirchdorf besteht. Das Freie Radio B138 begleitet die SchülerInnen der siebten und achten Klassen im Wahlpflichtgegenstand Geschichte und ist mittlerweile fester Bestandteil dieses Unterrichtsfachs geworden.

Manfred Martin als Lehrer und Elisabeth Neubacher als Schulradiobeauftragte des Freien Radios B138 beschreiben in dialogischer Form aus den Blickwinkeln der Schule und des Radios ihre Zusammenarbeit.

Manfred Martin: Lange konnte ich mir nicht vorstellen, welche Funktionen Radio- und Audioarbeit im Geschichteunterricht haben könnten. Sicher war es "einmal was anderes", aber Abwechslung brauchen wir in Zeiten der Oberstufen- und Maturareform, inmitten der zweiten digitalen Revolution wirklich nicht. Dennoch: die Neugier war stärker als die vorsichtige Ablehnung.

Elisabeth Neubacher: Radio B138 sendet seit 2008, und von Anfang an war Schulradioarbeit bei uns ein großes Thema. Das hängt sicher mit unserer ersten Sendelizenz zusammen, die ja eine Ausbildungslizenz war. Wir haben eigentlich immer sehr viel Energie in dieses Arbeitsfeld hinein gesteckt und umso erfreulicher war es für uns, dass ein Lehrer von sich aus einfach einmal ins Büro kam, um sich über Kooperationsmöglichkeiten zu erkundigen. Sehr spannend finde ich, dass LehrerInnen sich eigentlich nicht vorstellen können, welche Funktion Audioproduktionen im Unterricht haben könnten. Das ist ein Feedback, um dessentwillen allein ich langfriste Kooperationen schon einmal gut finde. Wir als RadioaktivistInnen sind manchmal so sehr in der Materie verhaftet, dass wir einfach betriebsblind werden. Von einem Lehrer, der immer wieder einmal mit einer Klasse zu uns kommt, bekommen wir einfach ein anderes Feedback über uns und unsere Arbeit als von jemandem, der/die nur ein einziges Mal da war. Die WPG-Klassen sind ja mindestens einmal im Jahr bei uns im Radio.

Manfred Martin: Die Sendungen, die OberstufenschülerInnen seit 2012 sporadisch produzieren, haben die unterschiedlichsten Zielsetzungen. In der ersten einstündigen Sendung, über das "Kriegsende in Kirchdorf 1945", sollten die SchülerInnen ein bereits entstandenes Printprodukt mit gleichem Titel im Radio präsentieren. Ziel war die Rückschau, die Möglichkeit zur Reflexion. Die SchülerInnen schilderten den Entstehungsprozess des Buches und lasen Textproben vor. Die Produktion der Radiosendung funktionierte ohne großartige Einschulung. Das ermutigte mich, aber auch die SchülerInnen der nächsten Jahre, zum Weitermachen.

Elisabeth Neubacher: Ich erinnere mich noch ziemlich gut an die Vorbereitung dieser ersten Sendung mit den SchülerInnen. Kurz davor hatten sie erfahren, dass das Buch den ersten Preis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gewonnen hatte. Entsprechend positiv und konstruktiv war die Stimmung. Mir ist in der Schulradioarbeit wichtig, dass die Sendungen von den SchülerInnen selbst gestaltet und umgesetzt werden: Die SchülerInnen haben einen Sendeplan erarbeitet, die Moderationen vorbereitet und auch gelernt, die Technik zu bedienen. Wir hatten sogar einen Chef vom Dienst, der seine Aufgabe wirklich sehr gut erledigt hat und mir als Workshopleiterin nicht viel zu tun übrig ließ. Ich denke, dass eine Einschulung ins Radiomachen nur praxisorientiert funktionieren kann und Spaß machen soll. Auch ich habe die Vorbereitung als sehr unaufwändig erlebt und frage mich: Wer bitte hat denn die viele Arbeit gemacht? Denn entstanden ist eine gut durchdachte und souverän präsentierte Sendung.

Nach der Fertigstellung der Sendung haben wir dann längere Zeit nichts mehr voneinander gehört. Das ist aber etwas, dass wir gewohnt sind. Radioarbeit an den Schulen wird gerne gemacht, aber nach einem gemeinsamen Projekt besteht dann oft wieder lange Zeit kein Kontakt, weil andere Methoden angewandt werden oder − wie es bei euch der Fall war − einfach an einem neuen Projekt gearbeitet wurde.

Manfred Martin: Im nächsten Schuljahr wählte die folgende TeilnehmerInnengruppe am Geschichtswettbewerb nicht ein Printprodukt zur Erarbeitung, sondern eine 15-minütige Audiospur zum Thema "Österreichische Identität nach 1945". Wir haben im Radiostudio drei einstündige Sendungen produziert, aus denen dann 15 Minuten für den Wettbewerbsbeitrag zusammengeschnitten wurden. Der Track bestand aus Interviews mit ZeitzeugInnen, ExpertInnen und LehrerInnen, sowie entsprechenden Kommentaren und Moderationselementen.

Elisabeth Neubacher: Wobei ich da ergänzen muss, dass der Beitrag vom Radio zu diesem Projekt nur war, die Radiosendungen gemeinsam mit den SchülerInnen zu produzieren und ihnen kurz zu zeigen, wie das Audioschnittprogramm funktioniert. Der gesamte Zusammenschnitt auf eine Viertelstunde wurde in der Schule gemacht, ohne unsere Hilfe. Nur manchmal kam Manfred kurz zu uns ins Büro und hat sich kurz erklären lassen, wie ein bestimmtes Tool im Schnittprogramm funktioniert.

Manfred Martin: Dieser Beitrag wurde mit dem zweiten Preis des Geschichtswettbewerbs von UHBP Fischer ausgezeichnet. Jegliche Hemmschwellen, ins Radiostudio zu gehen und gleich loszulegen, schienen gefallen. Im gleichen Jahr begannen wir Audiotracks für Museumsobjekte zu erstellen, die "anders" als übliche Audioguides sein sollten. Ungeschulte SchülerInnenstimmen statt monotoner ExpertInnenstimmen? Nicht nur. Auch die Inszenierung sollte anders sein. Manche der Tracks sollten Hörspielcharakter haben. Die Tracks sollten sich in der SprecherInnenzahl, der Inszenierung und der Perspektive der SprecherInnen unterscheiden. Bei sechs Objekten wurde das versucht, sieben Tracks entstanden. Feedback von AudioexpertInnen half dabei. Im Museum war das Echo auf den SchülerInnenblog mit Objekttexten und Audiotracks einerseits positiv. Es war erwünscht, dass wir weitermachen. Alle Museen möchten die Jugend im Haus haben. Zum Anderen ist eine gewisse Reserviertheit zu spüren. Es mag daran liegen, dass die Texte und Audiotracks "nach SchülerInnenarbeit" schmecken. Sie sind wissenschaftlich nicht hundertprozentig abgesichert, sie sind populärwissenschaftlich formuliert, zuweilen unbedarft in ihrem Sprachduktus, inhaltlich ist zu spüren, dass das Wissen erst kürzlich erworben und noch nicht gänzlich "verdaut" wurde. Es sind SchülerInnenarbeiten auf vorwissenschaftlicher Stufe.

Daneben gibt es andere Abweichungen vom gewohnten Museumsaudioguide. Ein Track zu einem Depotfund besteht aus der Fundgeschichte, erzählt vom Finder in breitem Lokaldialekt. Könnte das hochdeutsch sprechende BesucherInnen abschrecken? Andere Tonspuren sind laienhaft intoniert, zu schnell eingesprochen, weisen technische Mängel auf.

Elisabeth Neubacher: Für mich machen genau diese Fragen den besonderen Reiz an der Schulradioarbeit aus. In der konkreten Situation mit dem Depotfund kommt schnell man zu den Fragen wie "Dürfen SchülerInnenarbeiten nach SchülerInnenarbeiten klingen?" oder "Wer bestimmt eigentlich, ob man einen Audiotrack in breitem Lokaldialekt ins Museum stellen kann?" Hier fängt es an so richtig spannend zu werden. Die SchülerInnen gestalten etwas und irgendwann im Produktionsprozess tauchen kritische Fragen auf. Um beim Depotfund zu bleiben: Ich habe vorgeschlagen, aus dem Interview mit dem Finder einen Monolog zu machen. Also die Fragen des Interviewers rauszuschneiden – und auch Sätze des Finders, um wieder einen sinnvollen Anschluss an das Gesagte zu finden. Die SchülerInnen fragten sich, ob man das eigentlich darf. Sie begannen dann Fragen zu stellen, wie weit man Audiotexte mit fremden Stimmen kürzen darf und ab wann man die Texte manipuliert. Hier beginnt der Erwerb von kritischer Medienkompetenz und das finde ich sehr schön, weil sich in der Radioarbeit mit den SchüleInnen so etwas eigentlich oft von selbst ergibt. Was ich außerdem immer recht schön finde ist, wenn die SchülerInnen sich in ihrer Persönlichkeit weiterentwickeln. Wenn plötzlich ein Organisationstalent bei einem Schüler auftaucht oder eine Schülerin plötzlich Selbstsicherheit erlangt, weil sie etwas geschafft hat, von dem sie nicht erwartet hätte, dass sie das kann.

Manfred Martin: Vor allem die Livesendungen trainieren das Selbstvertrauen. Die Echtzeitsituation einer Livesendung fordert die Teamfähigkeit wesentlich mehr als andere Gruppenarbeiten, wo Zeit nicht in diesem Maß zum entscheidenden Faktor wird. Konflikte innerhalb einer Gruppe kommen eher an die Oberfläche, der Zeitdruck macht die Prioritäten klar: Ergebnis steht über Streit. Der kann ausgetragen und in Ruhe besprochen werden, wenn man wieder off air ist.

In Bezug auf die Unterrichtsinhalte ist die Radiosendung einfach die hörbare Version eines Schaufensters, das eine imaginäre Öffentlichkeit erreicht. Vielleicht hört der ganze Bezirk zu, Menschen die einem wichtig sind, oder es hört kein Mensch zu. Man ist nicht in der ZiB 2, hat aber trotzdem den "Livekick". In der Planung, im Vorfeld und im Nachgang zu einer Sendung entsteht Raum für Reflexion, die nicht Selbstzweck ist, wie oft in Klassenzimmern. Man reflektiert, um keinen Unsinn zu erzählen, um klar zu bleiben, um to the point zu argumentieren. Es ist die Ernsthaftigkeit einer Livesituation, das rote Licht, die atemfreie Stille vor dem ersten ins Mikrofon gesprochenen Wort, die die Radioerfahrung einzigartig machen.

Zudem waren alle Radioerfahrungen deshalb besonders, weil die SchülerInnen für einige Stunden außerhalb der Kontrolle der Schule waren, ich konnte mich als Lehrkraft im Studio und in den Gesprächen zur Sendungsplanung ausklinken, die SchülerInnen arbeiteten mit Profis in ihrem Bereich zusammen. Ich wurde zuweilen zum Zuschauer, zum begleitenden Beobachter.

Möglich waren diese Erfahrungen nur, weil es bei uns ein Freies Radio gibt. Eine Radiostation, die ein "echtes" Studio zur Verfügung stellt und wo seit Jahren gesendet wird. Das bedeutet unter anderem, dass dort professionelle Arbeit geleistet wird, die MitarbeiterInnen aber für Zusammenarbeit mit Schulen und SchülerInnen offen sind. Alles, was sich die SchülerInnen und ich als Lehrer uns als Hemmschwellen vorgestellt hatten, löste sich beim Überschreiten der Studioschwelle in wohligem Kaffeedunst auf.

Die MitarbeiterInnen brachten pädagogisches Gespür ein und konnten flexibel auf die Zeiteinschränkungen der Schule reagierten. Sie luden nicht nur ins Studio ein, sie kamen auch an die Schule, wo Audiospuren produziert, besprochen und reflektiert wurden.

Wir haben in dieser Radioarbeit eine nicht-kommerzialisierte Insel betreten, deren BewohnerInnen uns nie den Hintergedanken "Zeit ist Geld" spüren ließen. Hätten wir für die Studiobenützung bezahlen müssen, wäre dies der x-te Kostenpunkt für die Eltern gewesen. Auch wenn es "nur" ein paar Euro wären, kommen mit allen anderen "nur-ein-paar-Euro", die Eltern abverlangt werden, Summen heraus, die Haushalte belasten können.

Statt eines kommerziellen Umfelds begegnete uns eine andere Einstellung: "Wir haben Zeit für Euch und freuen uns wenn Ihr kommt!". Wir werden auch wieder kommen.

Elisabeth Neubacher: Na, das hoffen wir! Auf meine persönliche Geschichtenachhilfe möchte ich nicht mehr verzichten!

Dieser Beitrag wurde als Printversion in:

Berger, Christian/Fürst, Daniela/Hilzensauer, Wolf/Sontag, Katharina/Scheidl, Gerhard/Swertz, Christian (Hg.) (2015): radiobox.at − Audioproduktion im Unterricht, Band 1 der Reihe "Mediale Impulse", Wien: new academic press, 80−83

publiziert.

Tags

radioarbeit, geschichte, radiobox