Kultur - Kunst

4/2015 - Medienbildung im Kontext der "PädagogInnenbildung NEU"/Teil 2

Tagungsbericht - Let me entertain you

AutorIn: Barbara Hornberger

Barbara Hornberger berichtet von einer Tagung zum Verhältnis von Populärer Kultur und Bildung, das bis dato in den Sozial-, Kultur- und Medienwissenschaften immer noch viel zu unterrepräsentiert ist. Let me entertain you … with popular culture!

Achtzig Prozent der Lern- und Bildungserlebnisse, die Menschen in ihrem Leben machen, sind informell. Zum Bereich informeller Lernerfahrungen gehört auch das vielfältige, meist massenmediale Angebot der Populären Kultur. Dennoch ist das Populäre in bildungswissenschaftlichen Forschungen, in der pädagogischen Praxis und in der institutionell organisierten Kultur nach wie vor unterrepräsentiert. Seine spezifischen Bildungspotenziale werden kaum wahrgenommen und kaum systematisch erforscht. Diesem Desiderat und dem Verhältnis von Populärer Kultur und Bildung widmete sich die Tagung "Let me entertain you − Über das Verhältnis von Populärer Kultur und Bildung" an der Universität Hildesheim am 9. und 10. Oktober 2015.

Die Tagung war interdisziplinär ausgerichtet und besetzt mit VertreterInnen der Musikwissenschaft, Medienwissenschaft, Soziologie, Kulturwissenschaft und Erziehungswissenschaft. Sie hatte zum Ziel, verschiedene disziplinäre Zugriffe auf das Thema vorzustellen und die Forschenden sowie Akteurinnen miteinander zu vernetzen. Dies war insbesondere deswegen ein Anliegen, weil "Let me entertain you" nicht nur eine Fachtagung, sondern zugleich die Jahrestagung des kulturwissenschaftlichen Alumni-Vereins "ab.hier.kultur" war. Auch aus diesem Grund wurde während der zwei Tage der "Elfenbeinturm" der Wissenschaft immer wieder verlassen für eine Öffnung in die kulturelle Praxis, in Kontexte von Bildung und Erziehung, aber auch hin zur Zivilgesellschaft. Dafür wurden Partner wie die VHS Hildesheim und das Bürgerradio Radio Tonkuhle gewonnen. Eine Podiumsdiskussion in der Hildesheimer Innenstadt war für alle interessierten BürgerInnen zugänglich und der Nachmittag des zweiten Tages bestand nicht aus Vorträgen, sondern brachte über moderierte Round Tables zu verschiedenen Aspekten des Themenkomplexes die TagungsteilnehmerInnen ins Gespräch.

In den Vorträgen wurde das Thema Bildung und Populäre Kultur, wie es die Ausrichtung erwarten ließ, sehr unterschiedlich behandelt, sowohl was das vorgestellte Material als auch was den theoretischen Background angeht. In einer kurzen Eröffnungspräsentation zum Tagungstitel beleuchteten die Veranstaltenden, Barbara Hornberger und Matthias Müller, den Begriff des Entertainment und die verschiedenen Wertungs-Implikationen, die damit insbesondere in der deutschen Tradition verbunden sind. Im Ansschluss zeigte Hans-Otto Hügel (Berlin/Hildesheim) anhand von Liebigs "Chromokärtchen" (um 1900), dass mit "populärer Kultur" keineswegs nur audiovisuelle Massenmedien gemeint sind und dass sich Bildungspotenziale im Populären auch schon vor über 100 Jahren nachweisen lassen. Die thematische Ausrichtung der Kärtchen − die zum Teil im Original zu bestaunen waren − ermöglichte den Besitzern Weltaneignung, die ausgefeilte, kunstvolle Drucktechnik eröffnete ihnen Eindrücke von sinnlicher Schönheit.

Im Gegensatz zu diesem historischen Material zeigte das Panel zum Computerspiel (Silke Günther, Hamburg, und Florian Kiefer, Magdeburg), dass sich in der Vermittlungspraxis von Games gerade das Problem der Aktualität sowie der Menge des Materials stellt, weil die Vermittelnden nur selten die Zeit aufbringen können, sich die Kompetenzen und Spielerfahrungen zu verschaffen, die interessierte Jugendliche bereits haben. Während gerade in der Schule üblicherweise von einem Wissensvorsprung der Lehrkräfte ausgegangen wird, kehrt sich dies beim Thema Computerspiel zumindest teilweise um. Dieser Gap wurde als ein bislang ungelöstes pädagogisches und praktisches Problem beschrieben. Zugleich wurde aber auch deutlich, dass Games für den Bildungskontext nicht nur unter dem Aspekt der lebensweltlichen Anbindung relevant sind und dass eine bildungstheoretische Auseinandersetzung sich lohnt.

Im Bereich der Musik ist das Thema "Populäre Musik und Vermittlung" seit vielen Jahren etabliert − Michael Rappe (Köln) allerdings nahm in diesem Panel (Florian Heesch konnte krankheitsbedingt nicht teilnehmen) nicht die Perspektive der institutionellen Vermittlung ein, sondern berichtete aus einem derzeitigen Forschungsprojekt, dass die Weitergabe von Wissen und Kenntnissen, hier beim Breaking, innerhalb der Hip Hop Community detailliert untersucht. Hier greifen Formen der Vermittlung, die wechselnde Rollen (lehrend und lernend) mit musikalisch-performativen Regeln verbinden, die in sogenannten informellen Kontexten stattfinden, dabei aber bestimmten Konventionen folgen und die vor allem stark gemeinschaftlich geprägt sind.

Im Panel "TV und Internet" trafen sich die Perspektive der Praxis sozialer Arbeit und Kulturvermittlung und eine theoretische, medienwissenschaftliche Perspektive. Christoph Scheurle (Dortmund) sprach über Reality TV und diskutierte an einem Beispiel die Möglichkeiten, dessen Prinzipien in medienvermittelte Projekte mit Behinderten und Nichtbehinderten zu übertragen und dort fruchtbar zu machen. Petra Missomelius (Innsbruck) diskutierte in ihrem Vortrag verschiedene theoretische Zugänge zur Medienpädagogik in historischer und ideologischer Perspektive, und zeigte ihr Changieren zwischen "Gefahrenabwehr" und Neugier, zwischen eher ablehnender und kooperativ-anerkennender Haltung.

Dass Haltung nicht nur einen, sondern den entscheidenden Unterschied in pädagogischen Kontexten ausmachen kann, diese Ansicht vertrat und bekräftigte auch Hartmut Rosa (Jena). Mit dem Konzept der Resonanz sind gelingende Weltbeziehungen beschrieben − und damit auch gelingende Bildungserfahrungen − und zwar jenseits des konkret vorliegenden "Lernstoffs". Das pädagogische Dreieck wird zu einem Resonanzdreieck, wenn die entsprechenden Resonanzachsen aktiv sind, so dass die Subjekte im Raum sich das Thema gemeinsam aneignen − sich anverwandeln − können.

Im abschließenden Vortrag zeigte Barbara Hornberger (Hildesheim) "blinde Flecken" in der aktuellen Förderlandschaft, in Bildungsprogrammen, im Selbstverständnis etablierter Kultureinrichtungen − implizite Wertungen und versteckte Agenden, die eine Anerkennung des populären als bildungsrelevant noch immer verhindern.

Die sowohl disziplinär als auch methodisch und theoretisch unterschiedlich ausgerichteten Vorträge zeigten, auf welch vielfältige Weise doch immer wieder ähnliche Problemstellungen diskutiert werden. Die Frage von Wertungen des Populären etwa lässt sich nicht ignorieren, im Gegenteil. Sie führte aber zu der − sehr viel produktiveren − Frage, ob und wie eine Eigenlogik des Populären zu beschreiben sei, die zu anderen, spezifischen Bildungserfahrungen führt oder Bildungserfahrungen anders konfiguriert. Dann nämlich, so die Überlegung, wäre Populäre Kultur nicht nur um einer lebensweltlichen Orientierung am Alltag willen bildungsrelevant, sondern die Begründung für die Integration des Populären in Bildungskontexte läge in ihr selbst. Wie sich diese Eigenlogik nun jenseits einzelner Beispiele bestimmen lässt − diese Frage konnte freilich nicht beantwortet, sondern nur andiskutiert werden. Der Ansatz erscheint aber vielversprechend, weil er die Möglichkeit bietet, aus dem traditionellen dichotomen Wertungsdiskurs auszusteigen, ohne einer wenig hilfreichen Vermischungsidee zu folgen − die die Frage danach, warum nun gerade Populäre Kultur im Kontext Bildung "sein muss", auch nicht beantworten kann.

Es zeigte sich außerdem, dass der Begriff der Bildung, der – obwohl zentral für dieses Thema – in den Debatten oft noch immer zu wenig präzisiert wird, so dass die Diskussion tendenziell an der ideologischen Auseinandersetzung um diesen Begriff hängenbleibt. Es bestand zwar grundsätzlich weitgehend Einigkeit darin, dass ein Ausschluss populärer Kultur aus der Theorie und Praxis von Bildung nicht zeitgemäß und nicht sinnvoll sei. Es wurde aber auch einmal mehr deutlich, dass der Teufel im Detail steckt und in der Praxis das Populäre noch lange nicht als Bildung gilt. Da diese grundsätzliche Lücke zwischen Theorie und Praxis, ebenso wie die Frage des Bildungsbegriffs und dem spezifischen Potenzial von Populärer Kultur für Bildung alles Disziplinen gleichermaßen betrifft, ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, wie sie diese Tagung erprobt hat, sicher sinnvoll und ist zu hoffen, dass weitere Veranstaltungen dieser Art folgen.

Weblink: http://letmeentertain.de/ (letzter Zugriff: 17.12.2015).

Tags

lernerfahrungen, populäre kultur, bildungspotenziale, neue medien, wissensvermittlung