Praxis

3/2015 - Handeln mit Symbolen

Volksgruppenradio am BRG Oberpullendorf

AutorIn: Karin Gregorich

"Hättest du Lust, Schülerradio zu unterrichten?", wurde Karin Gregorich vor acht Jahren gefragt. Ohne je vorher etwas von Moderations-, Schnitt- oder Interviewtechnik gehört zu haben, stieß sie so im Schuljahr 2006/07 zum Radioteam des BRG Oberpullendorf im Burgenland ...

Mit dem vom Verein "MORA" ("Mehrsprachiges offenes Radio – MORA" & Partner GmbH) bereitgestellten Radioequipment, dem Radiotechniker Kristijan Karall und durch die Unterstützung der Volksgruppenredaktion des ORF und des Landesschulrates für Burgenland erhielten wir die Möglichkeit, die Unverbindliche Übung "Volksgruppenradio" anzubieten und mehrsprachige SchülerInnensendungen zu gestalten. (Erste SchülerInnenradioprojekte gab es am BRGOP unter der Leitung von Alfred Liebmann bereits seit dem Jahr 2000.) In den ersten, von ORF-RedakteurInnenen der Radio Burgenland-Volksgruppenredaktion geleiteten, Workshops saßen wir LehrerInnen mit unseren SchülerInnen und versuchten, ebenso wie sie, uns mit dem Medium Radio vertraut zu machen, das uns eine Tür in weite, unbekannte Welten öffnete. Die Radioarbeit war anfangs etwas chaotisch, Learning by Doing stand sowohl bei den "Radiokids" als auch bei uns RadiolehrerInnen auf der Tagesordnung. Die Idee, mehrsprachige SchülerInnensendungen auf einem eigenen Radiosender zu gestalten, spornte uns allerdings an und nahm auch immer konkretere Formen an.


Logo von Talking Hetz

1. Talking Hetz

Das "Trockentraining", die nur in der Pausenhalle emittierte Schülerradiosendung Talking Hetz, wurde von SchülerInnenseite anfänglich nicht immer ernst genommen: Radiosendungen entfielen wegen Zahnarzt- und Friseurbesuchen, so manche ModeratorInnenteams kamen unvorbereitet zur Sendung, obwohl sie wussten oder weil sie nicht wussten, dass sie eine Sendung zu produzieren hatten. Nach achtjähriger Arbeit sieht die Sache ganz anders aus: Die SchülerInnen der Unverbindlichen Übung Volksgruppenradio moderieren mittlerweile an vier Tagen pro Woche (MO-DO) von 14:00-15:00 die SchülerInnensendung Talking Hetz – und zwar live, mit vorbereiteten Moderationstexten und elf Einstiegen pro Sendung. Für die ModeratorInnenteams wegen des Handlings erschwerend, für die Sendung aber sehr bereichernd, sind die aktuellen Wetterprognosen für das Mittelburgenland, die uns täglich von der ZAMG zugesandt werden.

 


ModeratorInnen von Taking Hetz

Die RadiolehrerInnen sind jeweils nur zu Beginn der SchülerInnensendungen im Studio, da sie zeitgleich anderen ModeratorInnenteams bei der Vorbereitung der nächsten Sendungen helfen. Den Großteil der Live-Sendung meistern daher sogar die SchülerInnen der ersten Klassen bereits im Alleingang. Aufgrund der Verschiebung des SchülerInnenradios von der Ober- in die Unterstufe kristallisierte sich im Laufe der Zeit heraus, dass eine relativ starre Sendeuhr den ModeratorInnenteams eine gute Orientierungshilfe bietet und ihre Arbeit erleichtert, vor allem auch deshalb, weil beispielsweise die zehn- bzw. elfjährigen mit der Bedienung des Computers, dem Tippen, der Wiedergabe von Rechercheinhalten u. ä. Probleme haben.

Talking Hetz Moderations-Checkliste:

1) Wetter

2) Begrüßung

3) Inhaltsübersicht

4) Moderation allgemein

5) Moderation allgemein + Teasing der Schoolnews

6) Schoolnews - bitte mehrsprachig ankündigen!

Mi újság a gimnáziumban? Visti iz naše gimnazije! Die Schoolnews aus dem Gymnasium Oberpullendorf!

7) Moderation allgemein

8) Moderation allgemein

9) Moderation allgemein

10) Teasing der nächsten TH-Sendung + Verabschiedung

11) Wetter

Abb. 1: Beispiel einer Moderations-Checkliste.

Nicht alle unserer ModeratorInnen sind bzw. waren zweisprachig, was die Gestaltung zweisprachiger Sendungen nicht unbedingt vereinfacht(e). Als sehr hilfreich erwies sich daher die Einführung der Verbindlichen Übung "Volksgruppenradio" (eine Wochenstunde in der zweiten Klasse) im Pannonischen Zweig, in dem neben Englisch auch Kroatisch oder Ungarisch unterrichtet wird. Diese Maßnahme sicherte nicht nur die Zweisprachigkeit der SchülerInnenradiosendungen, sondern kommt den Kindern auch direkt zu Gute, da sie in ihrer Erst- /Zweitsprache (bzw., bei Anfängern, in der für sie neuen Sprache) direkt gefördert werden und die Mehrsprachigkeit als etwas Positives und Selbstverständliches erleben.

9. CD tipp

Y: wiedeeeeeeeeeeeeeer daaa.  Opet smo ovde!!! A ča sada, Larissa? Was kommt jetzt?! L: Unseeer CD-Tipp natürlich. Unsere CD heisst

Y: Doo-Wops & Hooligans von Bruno Mars. Es sind 12 Titel auf der CD. Unsere Favoriten sind Marry you, Talking to the moon und Somewhere in Brooklyn.

L: Diese CD ist echt GEIL. Also kauf sie dir oder borg sie dir aus! & jetzt kommt Talking to the Moon. Viel spaß! :D

1o. Y: A sada moramo reći: Zbogoom! Ali ništa zato, ar imamo na našem radioprogramu danas još i druge emisije: U četiri otpodne moderira Ivana danas a4aktiv - heute mit einem Rückblick auf die Oscarnacht in Hollywood. Und Talking Hetz gibts ja schon wieder morgen früh um halb acht, knapp vor Unterrichtsbeginn. Lipa hvala na slušanju!

Y& L:tschüss, wir hoffen dir hats gefallen, bis zum nächsten mal. :D

Abb. 2: Beispiel aus einer Talking Hetz-Moderation

Je nach Geschick, Zeitressourcen und Größe der Radiogruppe wird im zweiten Semester auch an Radiobeiträgen gearbeitet. Die SchülerInnen stellen ihre Lieblingsbücher oder CDs vor (auch in den Volksgruppensprachen), unterlegen die Beiträge auch mit Musik oder "basteln" an Filmtipps – eine Herausforderung, für die BetreuerInnen, da das – zeitgleich! – die Begleitung der SchülerInnen im Studio, Informatiksaal und Schnittraum voraussetzen würde. Die Einführung der Schoolnews als Fixpunkt der Talking Hetz-Sendung erwies sich einerseits als hilfreich, weil somit "nur" vom LehrerInnenteam zur Verfügung gestellte Infos verlesen werden mussten, andererseits tat sich somit eine weitere Schwierigkeit für die ModeratorInnenteams auf, da sie mit so manchen (englischen) Begriffen nicht vertraut waren. (Ein "Vienna's English Theatre" ist für eine/n Zehnjährige/n keine Selbstverständlichkeit, aber auch aus einer Désirée wurde einmal eine Des Irre.) Viel geschickter, flüssiger und professioneller klingen da schon die A4 Aktiv-Jugendsendungen, die am Montag, Mittwoch und Freitag von 16:00 bis 18:00 Uhr gesendet werden und seit 2009 von zweiköpfigen SchülerInnenteams der Oberstufe, aber zum Teil auch im Alleingang, moderiert werden. Fixe Elemente der Sendung sind Kino- und Veranstaltungstipps, der A4 Kopfhörer, der News-Block, ein frei von den Jugendlichen bearbeitetes Thema sowie das Wetter.

Vor vier Jahren starteten wir den Versuch, eine Morgensendung einzuführen, um auch SchülerInnen, die keine Zeit für den Besuch der Unverbindlichen Übung Volksgruppenradio hatten, die Möglichkeit zum Moderieren zu geben bzw. um den Talking Hetz-Teams weitere Sendetermine zur Verfügung zu stellen. Die Talking Hetz Morgenshow lief von 07:35 bis 7:50 und bestand aus drei Einstiegen mit folgenden Elementen: Begrüßung und Aktuelles zum Tag, Schoolnews und Verabschiedung. Im ersten Jahr der Talking Hetz Morgenshow erhielt jedes ModeratorInnenteam einen Tag zugeteilt, an dem es einen Monat lang moderieren musste. In der Praxis erwies sich das aber als nicht besonders praktikabel, da einige SchülerInnen den Monatswechsel verschliefen bzw. von einer Woche auf die andere vergaßen, dass sie zum Moderieren an der Reihe sind. Viel besser lief die Talking Hetz Morgenshow im zweiten Jahr, als wir dieses System umstellten: Jedes SchülerInneteam moderierte eine ganze Woche lang die Morgenshow, dafür kam es im Schnitt nur alle zwei Monate an die Reihe. Wegen der Teilnahme am multilateralen Comenius-EU-Projekt "Wir gehören zusammen. Bekämpfe Rassismus und Xenophobie mit Radio!" und dem damit verbundenen großen organisatorischen Zeitaufwand im zweiten Projektjahr, blieb die (sowieso unentgeltliche) Betreuung der Morgensendung auf der Strecke. Ob sich der Versuch der Wiederbelebung der Talking Hetz Morgenshow über dieses Schuljahr hinaus halten wird, wird die Zukunft weisen.


im Schnittraum

Ein äußerst wichtiger Schritt in Richtung Verankerung des Radios im Schulalltag wurde im Schuljahr 2013/14 mit der Einführung des Wahlpflichtfaches Deutsch/Medien gesetzt, das von 13 SchülerInnen der siebten Klasse besucht wurde und in dem in Verbindung mit dem Fach Deutsch auch maturiert werden kann. Nachrichten verfassen, Interviewtechnik und das Erstellen von Features standen im Mittelpunkt des ersten Wahlpflichtfachjahres, das den Jugendlichen im Gegensatz zur Unverbindlichen Übung den Zugang in die Beitragsgestaltung eröffnete.

Mit großer Unterstützung von Seiten unserer neuen Direktorin versuchen wir seit dem heurigen Schuljahr verstärkt auch andere Akzente (wie die Sondersendung am Europäischen Tag der Sprachen oder die Teilnahme am Schulradiotag 2014) zu setzen bzw. andere Fächer für die Radioarbeit zu gewinnen. Einen ersten Schritt bilden die Aufnahmen von kurzen Beiträgen (Referate, Buchvorstellungen, Exkursionsberichte, ca. ein bis fünf Minuten), die vom Radioteam (zunächst von den LehrerInnen und in weiterer Folge von den Radiokindern) geschnitten werden und im Zuge neuer – von der WPG-Gruppe betreuter – SchülerInnensendungen gesendet werden. Parallel dazu wollen wir Workshops für die LehrerInnen des BRGOP anbieten, um die vielfältigen Möglichkeiten, die das Medium Radio bietet, aufzuzeigen und um interessierte Lehrkräfte auch dahingehend auszubilden, gebaute Beiträge zu produzieren. Zukunftsvisionen wären die Ausbildung von einigen Radiokindern pro Klasse, die mit Beitragsgestaltung, Interview- und Schnitttechnik vertraut wären und als Multiplikatoren wirken könnten und natürlich die Einführung eines eigenen Medienzweiges in der Oberstufe. Das ist zwar (noch) Zukunftsmusik, allerdings in einer modularen Oberstufe sicherlich machbar!

2. Warum ist uns Radio am BRGOP so wichtig?

Das Medium Radio stärkt das Selbstbewusstsein unserer (oft auch mit Schreib-, Lese-, oder Sprechschwierigkeiten kämpfenden) jungen RadiomacherInnen und schult sie hinsichtlich Recherche- und Präsentationstechniken. Die Einhaltung von (Sende)Terminen bereitet sie ebenso bestens auf die Arbeitswelt vor, wie auch das Arbeiten im Team und das positive Erleben von Diversität. Mehrsprachige SchülerInnen erfahren außerdem die Vorteile und Wertschätzung ihrer Zweitsprache.


Talking Hetz 2014/2015

Radiomachen am BRGOP bedeutet:

  • mit dem Computer vertraut werden (tippen, e-mailen, Anhänge öffnen und versenden)
  • im Internet recherchieren (Informationen suchen, finden und verstehen lernen)
  • ein- bzw. zweisprachige Moderationstexte schreiben (sich mit neuen Themen beschäftigen, Informationen zusammenfassen bzw. in eigenen Worten wiedergeben, kreativ sein, mit anderen zusammenarbeiten)
  • Live-Sendungen moderieren (Termine einhalten, Verantwortung übernehmen, Eigenständigkeit üben, das Mischpult bedienen, Sprechhemmungen überwinden, das Selbstbewusstsein stärken, Sprachkenntnisse erweitern, Selbstbeherrschung und Teamwork erleben, Stressresistenz entwickeln)
  • Interviews machen (Themen und Fragestellung vorbereiten, auf andere zugehen, sozialen Umgang trainieren, Abweisungen einstecken lernen, Aufnahmegeräte bedienen)
  • Beiträge gestalten (Texte verfassen, einsprechen und mit dem Schnittprogramm bearbeiten, mit mehreren Tonspuren arbeiten, die eigene Kreativität ausleben)

Von LehrerInnenseite bedarf es zum (Live-)Radiomachen einer großen Portion Idealismus und manchmal – wenn die ModeratorInnen im Studio vor lauter Kichern kein Wort mehr herausbringen – der Erkenntnis, dass wir ein Ausbildungsradio sind und keine Profis! Nobelpreis werden wir vielleicht keinen erhalten, aber – um mit den Worten eines Radiokindes abzuschließen – vielleicht einen "Nóbel Preis".

Dieser Beitrag wurde als Printversion in:

Berger, Christian/Fürst, Daniela/Hilzensauer, Wolf/Sontag, Katharina/Scheidl, Gerhard/Swertz, Christian (Hg.) (2015): radiobox.at - Audioproduktion im Unterricht, Band 1 der Reihe "Mediale Impulse", Wien: new academic press, Wien, 84–89

publiziert.

Tags

volksgruppenradio, medienpädagogik, radiounterricht, burgenland